PORTUGALS  BESCHWERLICHER  WEG  NACH  BRASILIEN

 

0. Das Vorwort

 

"Von Brasilien sprechen, das bedeutet Indios, Amazonas und mit tellergroßen Orden behängte Militärdiktatoren, die Erschießungskommandos auf spanisch in barbarischem Ton Befehle zubrüllen und zwischendurch aufgeregt mit Schweizer Banken telefonieren." Und "sich unter der ewigen Sonne zu vergnügen, Drinks, so üppig wie der Kopfschmuck von Carmen Miranda, zu sich zu nehmen, bis ins Morgengrauen hinein im Hotelzimmer Lambada zu tanzen und zwischen atemberaubenden Mulattinnen einzuschlafen, neben deren Verhalten sich Messalina wie eine Klosterfrau ausnehmen würde." So formulierte der bekannte brasilianische Schriftsteller João Ubaldo Ribeiro als "Ein Brasilianer in Berlin" die Bilder, die über seine Heimat in Deutschland kursieren.

 

Neben aller Komik finden wir darin Wahres wie Unwahres, und derlei ist über Brasilien immer erzählt worden, seitdem das Abendland von seiner Existenz Kenntnis hat.

 

Beginnen wir mit der gröbsten Unwahrheit: In Brasilien wird nicht Spanisch gesprochen, sondern Portugiesisch, weil das Königreich Portugal Mutterland dieser ehemaligen Kolonie gewesen ist. Dennoch ist der zitierte Irrtum keineswegs so abwegig, wie er verbreitet ist.

 

Portugal und Spanien hatten bis in das Mittelalter hinein im Grunde eine gemeinsame Geschichte. Daran beteiligt sind nicht nur ihre für europäische Verhältnisse besondere Lage am südwestlichsten Zipfel des Kontinents, der Iberischen Halbinsel, wie auch die Tatsache, daß sie gemeinsam Expansionen europäischer und nichteuropäischer Völker ausgeliefert waren: Durch Römer, Germanen und Araber. Ergebnis sind erhebliche kulturelle Ähnlichkeiten, die dennoch nicht genügten, aus zwei Königreichen auf Dauer eines zu machen.

 

Die Entwicklung Portugals zu einem eigenständigen Königreich ist die nachhaltig unkorrigiert gebliebene Laune eines siebenhundert Jahre währenden Religions- und Kolonialkrieges, der Reconquista. Einander gegenüber standen Christen und Moslems. Erstere schöpften die Kraft für ihren Expansionswillen, genannt Ritterlichkeit, aus dem katholischen Glauben. Die Kirche ermunterte sie, den Halbmond zu bekämpfen und belohnte sie damit, sich Eigentümer der eroberten Gebiete nennen zu dürfen. Wiewohl auf entschieden kultivierterem Niveau lebend, waren die arabischen Fürsten untereinander zu wenig homogen, um auf Dauer diesem religiös verbrämten Drang standhalten zu können, dessen technologische Überlegenheit sich auf die Erfindung der Ritterrüstung und der Armbrust beschränkten. 1492 fiel die letzte arabische Bastion, Granada, und, wie wir wissen, wurde im selben Jahr die Neue Welt entdeckt. Tatsächlich sind diese beiden Ereignisse im Zusammenhang zu sehen.

 

Längst waren auf der Iberischen Halbinsel Königreiche - León, Aragón, Katalonien, Kastilien, Portugal - entstanden, die mit der Vertreibung der Araber seit geraumer Zeit nicht mehr beschäftigt waren, ohne jedoch ihre Rastlosigkeit eingebüßt zu haben. Angeregt durch die Küstenlagen, die maritimen Traditionen ihrer Bewohner, aber auch durch wissenschaftliche und technologische Hinterlassenschaften der Araber, wurden in der Tradition der Kreuzzüge Fahrten übers Meer unternommen, die zugleich dazu dienten, Handelsbeziehungen anzuknüpfen und begehrte Luxusgüter mitzubringen, sowie Ansprüche auf Gebiete außerhalb der Iberischen Halbinsel zu realisieren. Das Königreich Portugal war überdies vom mittelmeerischen Handel ausgeschlossen, der lag seit geraumer Zeit in Händen namhafter Handelshäuser der italienischen Halbinsel.

 

Infolge der geographischen Nähe galt daher das erste Interesse Afrika. Bereits hier wird offenbar, welche der Iberischen Königreiche so viel Interesse und Kompetenz entwickeln, daß sie einander für immer als erbitterte Konkurrenten gegenüberstehen: Kastilien und Portugal.

 

Inzwischen war das Zeitalter der Renaissance angebrochen, und die Rückbesinnung auf die Antike fördert auch allerhand wissenschaftliche Erkenntnisse zu Tage, die die katholische Kirche das gesamte Mittelalter hindurch energischst negiert hatte. Bedeutsam für die Seefahrt waren vor allem Auffassungen, die das Bild von der Welt als Scheibe in Frage stellten. Befreit von der Sorge, hinter dem Horizont ins Nichts zu stürzen, blieb die Seefahrerei zwar ein Abenteuer, das jedoch mit jeder neuen Reise und ihrer Dokumentation ein wenig gelindert werden konnte.

 

Reiseberichte und angefertigte Karten waren sorgsamst gehütete Geheimnisse des jeweiligen Köngshofes, die nur gelüftet wurden, wenn der Papst entsprechende Gebietsansprüche bestätigen sollte. Chronisten sollten diesen Umstand fehlender Daten später beklagen.

 

Die Seefahrt war nicht nur ein gefährliches, sondern auch ein teures Unternehmen. Königshöfe allein konnten für die Finanzen nicht aufkommen, sie suchten Finanziers unter Handelsgesellschaften, Adligen und denen, die es werden wollten, unter Kaufleuten etc. Die Entscheidung über eine Unternehmung mußte vom König und seinen Beratern gründlich abgewogen werden, denn sie stand unter seiner Hoheit und finanziellen Verantwortung. Risikobereite Seeleute mit abenteuerlich anmutenden karthographischen Ideen mußten mitunter harte Überzeugungsarbeit leisten, die gelegentlich auch fruchtlos blieb. Berühmtestes Beispiel ist der Genueser Christoph Kolumbus, der sich jahrelang von kleineren Fahrten ernährt hatte. Er versuchte den portugiesischen König João II. für eine Seereise nach Westen mit Indien als Ziel zu gewinnen, weil die Erde doch Kugelgestalt hätte. Die Katholischen Könige in Kastilien hatten kaum mehr Instinkt, doch sie waren eben nicht damit beschäftigt, Afrika umschiffen zu lassen. Sie hatten eben die letzten Mauren vertrieben und eine erbarmungslose Inquisition angestrengt, die gewiß auch die Staatskassen füllte. Neiderfüllt dürften sie verfolgt haben, daß Portugal auf der Suche nach dem Seeweg nach Indien Afrika bereits umschifft hatte, so daß Kastilien nur der Weg nach Westen blieb. Sie willigten ein, und die Neue Welt wurde unter kastilischer Flagge entdeckt, freilich ohne dies richtig zur Kenntnis zu nehmen, meinte man sich doch in Westindien.

 

Ob dies die endgültige Wahrheit ist, kann aus beschriebenen Gründen nicht mehr rekonstruiert werden. Berichte, wonach Portugiesen noch vor Kastiliern Amerika erreicht hätten, können nicht stichhaltig erhärtet werden, ebenso wenig, wie wirklich seriös widerlegt werden kann, daß Pedro Álvares Cabral der Entdecker Brasiliens sei.

 

Seefahrer und Entdecker - ein portugiesisches Berufsbild

 

Die Voraussetzungen für eine entsprechende Karriere waren seinerzeit recht unterschiedlich, sie lassen sich wie folgt resümieren: Man mußte entweder Geld haben, ein wenig unverfroren und raffiniert beim Verhandeln sein, adlige Abstammung haben, dann konnte man Kapitän werden und zu ewigem Ruhm kommen, seemännischer Erfahrung allein taugte dagegen nur zum Matrosen.

 

1394, zu einer Zeit, als sich der künftige Konkurrent Kastilien noch mit den Mauren herumschlug, wurde in Portugal ein Königssohn geboren, dem es im Unterschied zu vielen seiner königlichen Verwandten an Instinkt und Weitsicht nicht mangelte.

 

Wiewohl er nie eine Entdeckungsreise unternommen haben soll, bedachte man ihn mit dem Titel "Heinrich der Seefahrer". Proben seiner königlichen Ritterlichkeit gab er bei der Eroberung des nordafrikanischen Ceutas, heute spanische Exklave, und wurde Gouverneur der südlichen portugiesischen Provinz "dos Algarbes". Da es ihm als Viertgeborenen voraussichtlich (und tatsächlich) versagt bleiben sollte, sein Land zu regieren, frönte er auf einer zugigen Landzunge im Atlantik, auf seinem Sitz in Sagres einer sehr portugiesischen Neigung: Dem Fernweh, in neueren Zeiten besser bekannt unter dem unübersetzbaren Begriff der Saudade.

 

Es heißt, Heinrich habe in Sagres, dem südwestlichsten Zipfel Portugals, einen Zirkel gegründet, zu dem er Kartographen, Astrologen, Mathematiker, Handelsleute, Kapitäne und Schiffsbaumeister einlud. Dort wurde das Vorhaben, der afrikanischen Küste Richtung Süden zu folgen, vorbereitet. Man wollte in Bereiche gelangen, die noch auf keiner Karte stünden. Von dieser Runde gingen für den Schiffsbau wesentliche Impulse aus: Es wurde die Urform der Karavelle weiterentwickelt, ein hochseetüchtiges Schiff mit dreieckigen, lateinischen Segeln.

 

Das Projekt war von Erfolg gekrönt: Madeira, Porto Santo, die Kapverden wurden entdeckt, so daß nach Heinrichs Tod portugiesische Könige die Fortführung des Projekts zu königlicher Angelegenheit machten. Ihre Titel künden davon: Sie nennen sich "Alphons der Afrikaner" und "Herr von Guinea" der es sich, wie erwähnt, dafür entgehen ließ, auch "Herr von Westindinen" (also Amerika) zu werden. Dem Sohn, König Manuel I., war diese Tatsache offenbar ein Dorn. Er schickte Vasco da Gama 1497 auf Fahrt nach dem indischen Calicut, um den Indienhandel für die portugiesische Krone zu sichern. Mit dem Gewinn, den der inzwischen berühmt gewordene Vasco da Gama zwei Jahre später heimbrachte, rüstete die Krone eine Flotte aus, die den Weg für portugiesische Ansprüche in Indien ebnen sollte.

 

Chef dieser Expedition war besagter Pedro Álvares Cabral, dessen Lebensdaten mit 1467 und 1520 angenommen werden. Nach überlieferten Urkunden entsteht der Eindruck, daß für diese Personalentscheidung offenbar die Tatsache wichtig war, am portugiesischen Hof tätig gewesen zu sein. Als Kind Page des "Herrn von Guinea" und unter Manuel I. Kronrat sowie Ritter des Christusordens. Über seine Erfahrungen als Seemann ist dagegen nichts überliefert.

 

 

1. Die Vorgeschichte: Portugals Weg zur Seemacht

 

Der portugiesische Infant Henrique, besser bekannt als Heinrich der Seefahrer, 1394 als viertes Kind von König Dom João I. geboren, hatte kaum eine Chance, je die Thronfolge antreten zu können und mußte sich somit ein anderes Betätigungsfeld suchen. Zunächst zeichnete er sich als tapferer Ritter bei der Einnahme Ceutas 1415 aus. Ceuta bildete nun eine Art portugiesischen Brückenkopf auf dem afrikanischen  Kontinent.

 

Fortan suchte Prinz Heinrich die Ursprünge der reichen Beute, die die Portugiesen in Ceuta gemacht hatten, zu ergründen. Als Gouverneur der südlichen portugiesischen Provinz "dos Algarbes" ließ er sich am westlichsten Punkt in Sagres nieder, wo er auf die Idee fixiert, an Afrikas Küste entlang südwärts vorzustoßen, berühmte Kartographen, Astrologen und Mathematiker sowie weitgereiste Händler und Kapitäne um sich scharte. Mit Schiffbaumeistern beriet er, wie die Segler schnell und hochseetüchtig gemacht werden konnten, denn mittelmeerische Erfahrungen taugten auf dem Atlantik nicht. Es entstand eine Form der Karavelle mit lateinischen, also dreieckigen Segeln. Auch die Karacke - portugiesisch nau, spanisch caraca - wurde weiterentwickelt. Dieser Schiffstyp machte wegen seiner Größe die profitträchtigen Indien- und Amerikafahrten erst möglich.

 

Erste Erfolge stellten sich ein: 1418 wurde die Madeira-Insel Porto Santo entdeckt; nach Heinrichs Order auch westwärts zu segeln, wurden 1432 die Azoren entdeckt. Gleichzeitig gingen die Entdeckungen südwärts an der afrikanischen Küste weiter, mit jeder Expedition, die sich jeweils ein Kap weiter zu segeln wagte als die vorangegangene. Doch gestaltete sich dies immer schwieriger. Die Seefahrer hatten ganz schwarze Menschen gesichtet, einige auch gefangengenommen. Sie glaubten, nicht weiter nach Süden vordringen zu können, da sie dort in der brennenden Hitze umkommen müßten. Nach dem ptolemäischen Weltbild nämlich hatten sie sich dem heißen, unbewohnbaren Erdteil genähert. Es bedurfte der geballten Kraft seiner adligen Abkunft, berühmte Kapitäne wie Gil Eanes oder Nuno Tristão zu weiterem Vordringen zu bewegen. 1446 wurde das "Grüne Vorgebirge" - die Kapverden - entdeckt.

 

Prinz Heinrich, genannt der Seefahrer, hat an den sensationellen Entdeckungsfahrten selbst nicht teilgenommen, er war ihr geistiger Vater, Geldbeschaffer und Zuchtmeister.

 

Nach Heinrichs Tod 1460, nahm sich dessen Neffe, König Afonso V., Heinrichs Erbe an und trieb die Entdeckungsfahrten weiter voran und ging deshalb als "Alfons der Afrikaner" in die Geschichte ein. Afonsos Nachfolger, sein Sohn João II., machte sich ab 1481 als "Herr von Guinea" einen Namen. Im Jahre 1482 errichtete der Seefahrer Diogo Cão einen steinernen Wappenpfeiler (padrão - ein solcher ist im Berliner Museum für Technik zu besichtigen) in Angola, als Zeichen der Entdeckung und Inbesitznahme durch die portugiesische Krone. An Bord befand sich seinerzeit auch der Deutsche Martin Behaim, der spätere Schöpfer des sogenannten "Erdapfels".

 

Inzwischen hatte ein Genueser sich auch im Seehandwerk erprobt. Im Auftrage des genuesischen Handelshauses Centurione unternahm Cristoforo Colombo, also Kolumbus, zahlreiche Handelsfahrten, deren eine ihn nach erlittener Kaperung 1476 an die portugiesische Küste verschlug. 1478 fuhr er von Lissabon nach Madeira, um Zucker zu laden. 1479 heiratete er die Tochter eines Landsmannes, des noch von Heinrich dem Seefahrer ernannten Kapitäns der Insel Porto Santo, Bartolomeo Perestrello, den Kolumbus selbst aber nicht mehr kennenlernte. Bis 1484 nahm Kolumbus auch an Fahrten der portugiesischen Guinea-Flotte teil und erwarb hier seine eigentlichen seemännischen Fertigkeiten.

 

1484 trat er vor den portugiesischen König João II. und entwickelte ihm seine Idee, auf westlichem Wege nach Asien zu segeln, wie sich dies aus der Kugelgestalt der Erde ergab. Der Vorschlag wurde abgelehnt, wohl weil die königlichen Berater mit der baldigen Umschiffung Afrikas rechneten.

 

1485 verließ Kolumbus Lissabon und ging nach Kastilien, und 1486 gelang es ihm, Königin Isabella seine Pläne vorzutragen, jedoch zunächst ohne Resultat. 1488 versuchte es Kolumbus abermals in Portugal, doch gerade war Bartolomeu Dias von der Umschiffung des Cabo Tormentoso, des Kaps der Stürme, zurückgekehrt. König João II. wollte allerdings einen optimistischen Namen, und fortan hieß es Kap der Guten Hoffnung.

 

Der Weg nach Osten war geebnet, und Kolumbus verließ Lissabon endgültig und entdeckte 1492 - wie bekannt und ohne es zu wissen - Amerika, das vermeintliche Westindien. Die portugiesische Krone wähnte diese Entdeckung jedoch in ihrer Interessensphäre, die ihr in päpstlicher Bulle zu Heinrichs Zeiten zugestanden worden war. Spanien bestand aber auf seiner Entdeckung und rief Papst Alexander an. Nach langem Gefeilsche zwischen den Beteiligten einigte man sich 1494 im Vertrag von Tordesillas (Spanien), daß Portugals Einflußsphäre östlich eines von Pol zu Pol verlaufenden Meridians liegen sollte. Diese Trennlinie wurde bei 370 Leguas (1 Légua ca. 5,5 km) westlich der Kapverden festgelegt und sollte die gesamte Erde umfassen, sie somit in zwei Hälften teilen.

 

Nach dem Tode von João II. wurde dessen Sohn Manuel 1495 König von Portugal. Er kürte den erfahrenen Seefahrer und Ritter Vasco da Gama zum Obersten Kapitän einer Flotte, die nach Indien reisen sollte, um so die Schmach von 1492 auszumerzen und den Indienhandel in die Hände der portugiesischen Krone zu legen. Im Juli 1497 legte die Flotte ab, landete Mitte 1498 in Calicut in Indien und kehrte im August 1499 mit reicher Beute nach Portugal zurück.

 

Noch im selben Jahr wurde eine zweite, sehr viel größere Expedition ausgerüstet, zu deren Oberstem Kapitän (Capitão-Mor) Pedro Álvares Cabral ernannt wurde. Cabral, in vielen Publikationen offizieller Entdecker Brasiliens genannt, lebte etwa zwischen 1467 und 1520. Bereits im Kindesalter war er am Hofe des portugiesischen Königs João II. als Hofpage. Unter  dessen Nachfolger, Manuel I., stieg Cabral in den Kronrat auf. Zugleich wurde er Ritter des portugiesischen Christusordens, der aus dem aufgelösten Templerorden hervorgegangen war.

 

Cabrals Armada nach Indien bestand aus dreizehn Seglern. Seine Mission bestand darin, in Indien ein Fort zu errichten und eine Handelsniederlassung gründen. Zudem übergab Vasco da Gama dem Kapitän Dokumente für die Reise. Sie enthielten Anweisungen über die Reiseroute. Er sollte, bevor er auf das Kap der Guten Hoffnung zuhielt, zunächst weit nach Südwesten ausholen, um die dort vorherrschenden Strömungen und Winde ausnutzen zu können.

 

Cabrals Flotte hielt sich an diese Hinweise. Doch dann wich sie offensichtlich in westlicher Richtung vom Kurs ab und stieß auf Festland. Über die wahren Gründe hierfür streitet die Fachwelt: Handelt es sich bei Cabrals Landung auf amerikanischem Boden um Zufall? Oder geschah dies absichtlich und im Auftrage König Manuels, um einen bereits entdeckten Teil der Neuen Welt in aller Form für die portugiesische Krone in Besitz zu nehmen?

 

An Bord der Cabral-Flotte soll sich ein Seemann befunden haben, dessen Name, Duarte Pacheco Pereira, zwar nicht auf der Bordliste stand, der jedoch später zu großem Ruhm kam, als er sich für sein Land vor Indien in einer Seeschlacht so tapfer schlug, daß er unter dem Namen "Lusitanischer Achill" (Aquiles Lusitano) durch einen Kampfgefährten jener Schlacht in der Weltliteratur verewigt wurde. Jener Kampfgefährte war Luiz Vaz de Camões, der Autor der Lusiaden, des großen portugiesischen Nationalepos' "Os Lusíadas", das von nichts anderem als den Großtaten der portugiesischen Seefahrer und Entdecker erzählt. Doch auch Duarte Pacheco Pereira selbst hinterließ der Nachwelt Literatur. Nach seiner Rückkehr nach Portugal, im Jahre 1505, begann er, sein Leben als ein nautisches Handbuch aufzuzeichnen. Das Werk enthält die Schilderung der Entdeckung des afrikanischen Kontinents, an der er selbst teilhatte. Pacheco gab präzise Erklärungen zu Örtlichkeiten, einschließlich der geographischen Angaben. Er war übrigens auch Unterhändler bei den Verhandlungen zum Vertrag von Tordesillas (Spanien), worüber noch zu berichten sein wird. Es ist jedoch anzunehmen, daß seine Aufzeichnungen unter den Bann der Schweigepflicht fielen, nachdem alle die Entdeckungen betreffenden Publikationen zum nationalen Geheimnis (sigilo nacional) erklärt worden waren. Dieses Buch wurde nie gedruckt und hat wahrscheinlich in nur zwei Kopien existiert, die aus dem 17. Jahrhundert stammen. In Buch I, Kapitel II meditierte Pacheco über die verschiedenen Ansichten zur Beschaffenheit unserer Welt und meinte

(in: Duarte Pacheco Pereira: Esmeraldo - de situ orbis. London 1937):

 

Erfahrung ist die Mutter aller Weisheit und nimmt alle Zweifel und Mißverständnisse fort. Deshalb, Glücklichster Prinz, haben wir im dritten Jahr Eurer Herrschaft, im Jahre des Herrn 1498, in dem Eure Hoheit uns befahlen, die westlichen Teile zu entdecken, eine große Landmasse mit vielen vorgelagerten Inseln (...) die jenseits des großen Ozean liegen, entdeckt und befahren; dies ferne Land ist dicht bevölkert und reicht bis 28 Grad auf der anderen Seite des Äquators in Richtung auf den antarktischen Pol. Das Land ist von solcher Größe und Länge, daß kein Ende je gesehen oder bekannt wurde; somit ist sicher, daß es um den gesamten Globus reicht. Wenn man also von Portugals Ufern und Küsten, vom Kap Finis-Terra oder von irgendeinem anderen Punkt (...) über den Ozean nach Westen segelt, wird man dieses Land finden, entlang dessen Küste nunmehr die Schiffe und Untertanen Eurer Hoheit auf Euer Geheiß und mit Eurer Genehmigung fahren. Folgt man dieser Küste 28 Grad vom Äquator in Richtung Südpol, findet man sehr viel exzellentes Brasilholz, womit (und mit vielen anderen Dingen) die Schiffe unseres Königreiches schwer beladen zurückkehren.  

 

Cabral betrat brasilianischen Boden dort, wo sich heute der Bundesstaat Bahia befindet. Pero Vaz de Caminha, als Schreiber für die Faktorei in Indien vorgesehen, setzte einen Brief an den portugiesischen König auf, worin er von der Entdeckung Bericht gab und Land wie Bewohner beschrieb. Damit der Empfänger den Bericht möglichst schnell bekäme, wurde das Proviantschiff der Flotte entladen, um mit dem Brief und Geschenken der Eingeborenen, Indios vom Stamm der Tupinambá, nach Portugal zurückzusegeln.

         

In Caminhas Brief klingt nicht an, daß man von der Existenz einer Landmasse im Westen gewußt hätte. Und Caminha war nicht irgendein Schreiber, er war eine Vertrauensperson des Königs, er war Adliger mit humanistischer Bildung und hatte schon unter den Vorgängern König Manuels als Edelmann gedient. Insofern müssen die obigen Worte des Duarte Pacheco mysteriös klingen; und für zahlreiche portugiesische Historiker müssen sie als Beweis dafür herhalten, daß die portugiesische Krone bereits vor Cabrals Reise von der Existenz eines Kontinentes im Westen gewußt hätte.

 

Doch bereits in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts hatten die Portugiesen begonnen, den Schleier des Schweigens über ihre Entdeckungen und Eroberungen zu werfen. Dies ist zurückzuführen auf die Konkurrenz zwischen den iberischen Mächten. Bereits 1435 beanspruchte die kastilische Krone die Kanarischen Inseln, Mauretanien und Tanger als Basis für ihre Atlantikseefahrt; 1454 stritt sie sich mit den Portugiesen um den Besitz Guineas. Angesichts der drohenden Expansion der Spanier im Atlantik hüllten die Portugiesen ihre eigenen Unternehmungen in Stillschweigen, weshalb sich auch sehr wenige Hinweise auf Neuentdeckungen bei den Chronisten finden. Heinrich der Seefahrer, in dessen Händen praktisch die Entwicklung der Strategie der Entdeckungsfahrten lag, versuchte über viele Jahre hinweg, mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln (durch Anrufen des Papstes um Ausstellung päpstlicher Bullen oder regelrechte Schlachten gegen die Spanier) den Spaniern den Atlantik als Seeweg zu versperren. Die Spanier beschwerten sich ihrerseits beim Papst und vor dem Konzil in Basel (1435). In seinen "Vorwürfen gegen die Portugiesen" bezieht sich der Bischof von Burgos D. Afonso auf die beim portugiesischen Hof geführten Chroniken und Reiseberichte als Zeugnisse für die von Portugal begangenen Verstöße gegen päpstliche Verfügungen. So gesehen waren die Chroniken sehr zwiespältige Dokumente, denn sie dienten zur Festschreibung von Entdeckungen bzw. beurkundeten die Besitznahme, konnten aber auch, wie geschehen, Auskunft über die Verletzung festgelegter Einflußsphären und auch über zukünftige Absichten geben. Die von dem Chronisten Azurara verfaßte "Crónica da Guiné" berichtete lediglich bis ins Jahr 1448; Azurara übte darin eine gewisse Selbstzensur. 1452 wurde die Chronik dem Papst vorgelegt, und bald darauf bekam Portugal den Zuschlag für Guinea und weitere Entdeckungen an der afrikanischen Küste.

 

Als sich die Chronisten João de Barros und Damião de Góis in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts daran machten, die Geschichte der portugiesischen Entdeckungen von ihren Anfängen an zu schreiben, mußten sie bereits Klage über die äußerst dürftige Materiallage führen. Barros, der hohe Staatsbeamte, Philosoph und Chronist, aus dessen Feder eine der ersten Grammatiken der portugiesischen Sprache stammt, schrieb im Prolog zu seiner Entdeckungsgeschichte von 1552 "Décadas da Ásia" über die Nachlässigkeit der Portugiesen im Umgang mit ihren historischen Taten. Er wußte durch "einzelne Schriften, daß die Entdeckungen viel umfangreicher waren als das, was  in den offiziellen Chroniken veröffentlicht wurde." Und an anderer Stelle heißt es bei Barros: "Auch entdeckte man auf Geheiß des Königs D. Afonso V. die Inseln S. Thomé, Anno Bom und Príncipe und andere Handelsplätze und Inseln, die wir nicht im einzelnen behandeln werden, weil wir nicht wissen, wann und von welchem Kapitän sie entdeckt wurden..." (Década I, Buch II, Kapitel II, Lissabon, 1973).

 

1481, kurz nach seiner Thronbesteigung wurde König João II. von den Cortes, der Ständevertretung der Portugiesen, aufgefordert, nicht zuzulassen, daß sich Ausländer, insbesondere Florentiner und Genuesen in Portugal niederließen. Sie brächten nicht nur keinen Gewinn für das Land, sondern führten Gold und Silber außer Landes und spionierten obendrein die zum nationalen Geheimnis deklarierten Entdeckungen aus.

 

Als die Entdeckung Brasiliens - seinerzeit zunächst "Ilha da Vera Cruz", Insel des Wahren Kreuzes, später "Terra da Santa Cruz", Land des Heiligen Kreuzes genannt - durch Cabral offiziell vollzogen war, brach seine Flotte auf, um nach Indien weiterzusegeln. Vier Segler sanken auf dem Wege zum Kap der Guten Hoffnung. Dabei kam unter anderem der Kapitän Bartolomeu Dias ums Leben, der als erster das Kap der Guten Hoffnung umschifft hatte. Die anderen erreichten Calicut in Indien und kehrten mit reicher Gewürzladung im Juli 1501 wieder nach Lissabon zurück. Pero Vaz de Caminha, der in der Faktorei von Calicut zurückgeblieben war, starb noch im Dezember 1500 bei der Abwehr eines Angriffs auf die portugiesische Festung.

 

 

2. Die Indienflotte des Pedro Álvares Cabral

 

Die Cabral-Flotte nun bestand aus dreizehn Schiffen, neun großen Karacken und vier Karavellen. Karacken waren Dreimastsegler und für damalige Verhältnisse sehr große Segelschiffe. Sie waren um die vierzig Meter lang und konnten über siebzig Meter lang werden. Die Höhe der Decksaufbauten überschritt die sechzehn Meter ab der Wasserlinie gerechnet, ihr Tiefgang konnte über sieben Meter betragen und die Länge des Großmastes fünfunddreißig Meter überschreiten. Die Karacken der Cabral-Flotte faßten bis zu einhundertneunzig Mann. Die kleineren und viel schnelleren zweimastigen Karavellen mit den für die Portugiesen charkteristischen dreieckigen Lateinsegeln faßten zwischen dreißig und sechzig Mann und waren etwa fünfzehn Meter lang. Insgesamt dürften laut zeitgenössischen Chronisten zwischen zwölf- und fünfzehnhundert Mann mit der Flotte gesegelt sein, das Gros Landsknechte. Jedes der Schiffe wurde von einem Kapitän geführt. Diese Männer entstammten sehr unterschiedlichen Verhältnissen, und hinter ihnen lagen teils aufregende Biographien. Der bereits zitierte Chronist João de Barros schrieb in seiner Chronik "Década primeira da Asia" (Buch V, Kap. X, Lissabon, 1973):

         

(...) Der König hatte den Handelsleuten, denen er  hohe Gnade erwies, vertraglich auferlegt, Ihm die Kapitäne ihrer Schiffe vorzustellen. Jedoch wurden ihm oftmals Personen vorgeführt, die zwar für die Seefahrt taugten, nicht aber adeligen Geblüts waren. Wir erwähnen dies, um zu erklären, weshalb hier Kapitäne genannt werden, die keine Edelleute sind. Es handelt sich mithin um Männer, die vom Reeder auf Grund ihrer Qualitäten ausgesucht wurden, selbst wenn sie nicht von hohem Adel waren. Deshalb wollen wir sie erwähnen.

 

Erzählen wir von einem Kapitän, der ein bekannter Edelmann ist und seine Erziehung bei Hofe genossen hat, so soll gleich und ein für alle mal genannt werden, wessen Sohn er ist. Bei den kleineren Adligen, von denen es so viele in unserem Königreich gibt, wird uns das nicht immer möglich sein. Nicht alle gelangen dorthin, wo Namen und Ehre gemacht werden -  an den königlichen Hof. Mögen sie uns verzeihen. Die Wahrheit ist, daß die Chronisten nicht von jedem Einzelnen berichten können. Wer nach ihnen allen forscht, verliert den Faden der Geschichte und läßt diese ohnmächtig wirken. Zudem möchten wir zwei Dinge hervorheben: Es ist unsere Absicht, Namen und Taten von jedem festzuhalten, sowie seine Vorväter zu rühmen, wenn wir sie denn kennen. Wir werden sämtliche Kapitäne von Kriegs- wie von Handelsschiffen nennen und wollen hiermit vorwegschicken, daß Personen, die es durch ihre Geburt oder  durch ihre Taten zu Bedeutung gebracht haben, stets die besten Schiffe fahren.

 

 

Die Kapitäne der Cabralflotte:

 

Pedro Álvares Cabral, Oberster Kapitän.

 

Sancho de Tovar, zweiter Kapitän, war kastilischer Adliger. Er war nach Portugal geflohen, weil er in Kastilien als Mörder gesucht wurde. Dort hatte er einen Richter getötet, nachdem der über Tovars Vater die Todesstrafe verhängt hatte.

 

Simão de Miranda entstammte dem Hochadel und war mit der Tochter seines Kollegen Aires Correia verheiratet. Er brachte es später bis zum Kapitän von Çofala (Moçambique), wo er 1515 starb.

 

Aires Gomes da Silva war Mitglied einer hochadligen Familie, die seit Jahrhunderten mit dem Königshof feste Verbindungen unterhielt.

 

Nicolau Coelho war ebenfalls Adliger. Er begleitete Vasco da Gama 1497 nach Indien. 1503 übernahm er erneut als Kapitän ein Schiff in der Flotte des späteren Gouverneurs von Indien, Albuquerque.

 

Bartolomeu Dias war vermutlich aus niederem Adel.  Ihm gelang es als erstem Europäer, das Kap der guten Hoffnung zu umsegeln. Dias war zudem Schiffbaumeister und leitete den Bau der Kriegsschiffe, mit denen  Vasco da Gama gegen Indien ziehen sollte. Er reiste mit dieser Armada bis zum afrikanischen Mina (an der Goldküste). Als er mit der Cabral-Flotte aus Brasilien kommend das Kap der guten Hoffnung umfahren wollte, kam er ums Leben, als sein Schiff unterging.

 

Diogo Dias, Bruder von Bartolomeu, war bei der ersten Kapumschiffung ebenfalls dabei. Anders als der Bruder begleitete er da Gama bis nach Indien und wurde Verwalter in Calicut. Auf der Überfahrt von Brasilien verlor er den Anschluß an die Flotte und landete auf Madagaskar. Er war der erste Portugiese, der das Rote Meer bereiste.

 

Simão de Pina und Rui de Pina waren adlige Vettern. Ihr Großvater Vasco Anes de Pina war Chronist und Unterhändler bei der Vorbereitung des Vertrags von Tordesillas (1494). Die beiden Enkel starben am Kap der guten Hoffnung.

 

Pero de Ataíde gehörte zum niederen Adel. Er führte ein kleines Schiff, das sich bei militärischen Unternehmen in Calicut sehr gut schlug. In Richtung Brasilien reiste Duarte Pacheco Pereira auf diesem Schiff mit. Ataíde starb 1503 in Moçambique in der Folge eines Schiffbruchs.

 

Vasco de Ataíde  überlebte die Überfahrt von Brasilien zum Kap der guten Hoffnung ebenfalls nicht.

 

Der Adlige Nuno Leitão da Cunha  war unter anderem königlicher Verwalter des Zeughauses.

 

Gaspar de Lemos führte als Kapitän das Proviantschiff und trat damit direkt den Rückweg von Brasilien nach Portugal an, um die Nachricht von der Entdeckung Brasiliens zu überbringen.

 

Das Schiff von Luís Pires kam ebenfalls von der Route ab und kehrte nach Portugal zurück.

 

Aires Correa gehörte zum Hochadel und genoß als Hauptverwalter der Flotte das besondere Vertrauen des Königs. Er hatte Auftrag, in Indien eine Faktorei zu gründen, deren Schreiber Vaz Caminha, der Verfasser des Entdeckungsbriefes an den König, wurde. Mit Aires Correa segelte dessen zwölfjähriger Sohn.

 

Gaspar das Índias oder Gaspar da Gama war Dolmetscher und Berater. Wegen seiner ausgedehnten Reisen durch Indien und Asien kannte er alle wichtigen Handelsplätze. Zudem beherrschte er mehrere Sprachen. Wiewohl er Gefangener der Flotte von Vasco da Gama gewesen war, was ihm auch seinen Namen eingetragen hatte, ließ ihn König Manuel I. hoch dekorieren.

 

In der Flotte des Pedro Álvares Cabral reisten zwei weitere portugiesische Edelleute: So wird ein Dom Álvaro erwähnt, dessen  Nachname nicht genannt wird, wie dies bei den Söhnen in der Königsfamilie üblich war (Álvaro war Sohn von D. Fernando, des Bruders von König Afonso V.).

 

Des weiteren war dabei D. Diogo da Silva de Menezes, Finanzsachverständiger des Königs. Erste Verdienste hatte er sich als Soldat in der Schlacht um Tanger erworben. Er gilt als Eroberer der Kanarischen Inseln im Jahre 1466. Seine Familie erwarb Besitztümer auf Lançarote und Fuerteventura, wo er mehrere Jahre verbrachte. Nachdem er für die Erziehung des Kronprinzen Manuel zuständig gewesen war, bestand D. Manuels erster offizieller Akt nach seiner Krönung darin, D. Diogo in den Stand eines Conde (Grafen) zu erheben.

 

Die Handelshäuser:

 

Bei dieser Unternehmung durften Kaufleute nicht fehlen. Bartolomeu Florentim, was der Florentiner bedeutet, war Vertreter des Handelshauses Marchione, das auf vielfältige Weise mit dem Königshaus verbunden war. Der reiche Kaufmann Bartolomeo war als Vertreter ausländischer Kaufleute für den Indienhandel in Lissabon ansässig. Unter König João II.  wirkte er als Mittler zwischen dem Königshaus und der Familie der Medici. Unter D. Manuel stieg er so hoch in der Gunst, daß er Schiffe ausrüsten durfte, die in der Indienflotte mitsegelten. Er bekam das Recht, im indischen Hafen Cananor eine Faktorei zu errichten. Im Zuckerhandel genoß er die gleichen Privilegien wie die portugiesischen Kaufleute. Schließlich durfte Marchione im afrikanischen Mina sogar Gold fördern. Auch Cabrals Flotte war von diesem Kaufmann ausgerüstet worden: von ihm stammten die kostbaren Gastgeschenke. Die Situation von Hieronimo Sernige war ähnlich der von Marchione. Auch diesem Florentiner erkannte D. Manuel die vollen Rechte als Bürger von Lissabon zu.

 

Als 1487 Pero da Covilhã und Afonso da Paiva auf Geheiß des portugiesischen Königs in geheimer Mission auf dem Landwege nach Indien und Äthiopien zogen, um die Ursprünge von Zimt und Spezereien zu erkunden und nach dem legendären Priesterkönig Johannes in Äthiopien zu forschen, konnten sie auf die finanzielle Hilfe durch die Niederlassungen der Marchioni rechnen.

 

 

3. Die Entdeckung Brasiliens und der Brief des Vaz de Caminha

 

Nachdem König Manuel durch den Brief aus der Feder des Schreibers Pero Vaz de Caminha die Nachricht von der Entdeckung des neuen Landes erhalten hatte, wartete er noch die Rückkehr der Cabral-Flotte ab und sandte seinerseits ein Schreiben an die Katholischen Könige von Spanien, seine Schwiegereltern, um sie von der Entdeckung und offiziellen Inbesitznahme des "Landes vom Heiligen Kreuz" zu unterrichten (in: Jaime Cortesão, A expedição de Pedro Álvares Cabral…, Lissabon, 1994):

 

Hoch verehrte und mächtige Könige, Vater und Mutter: Nachdem in den letzten Tagen die ersten Nachrichten aus Indien hier anlangten, habe ich Euren Hoheiten nicht sofort davon Bericht gegeben, da mein Oberster Kapitän der Flotte Pedro Alvarez Cabral noch nicht eingetroffen war. (…)

 

Besagter Kapitän war am neunten März des letzten Jahres mit dreizehn Schiffen von Lissabon aufgebrochen. In der Osterwoche entdeckte er ein Land, dem er den Namen Sancta Cruz gab und in welchem er viele in aller Unschuld nackte und friedfertige Menschen antraf. Unser Herr hat wohl gewollt, daß man dieses Land fände, denn es ist uns sehr nützlich und nötig für die Fahrt nach Indien. Dort reparierte er seine Schiffe und nahm viel Wasser auf. Wegen des langen Weges, den er noch vor sich hatte, hielt er sich nicht länger dort auf, um sich näher über dieses Land zu informieren. (…)

 

Ein anonym gebliebener Pilot aus Cabrals Flotte führte ebenfalls Tagebuch, doch ist der Brief von Vaz de Caminha sehr viel plastischer, minutiöser und zeigt unmittelbar, wie die Portugiesen die Neue Welt aufnahmen (in: Jaime Cortesão, A expedição de Pedro Álvares Cabral e o descobrimento do Brasil, Lisboa, 1994):

 

Herr. Ich nehme an, daß der Oberste Kapitän unserer Flotte und ebenso die anderen Kapitäne Eurer Hoheit die Neuigkeit von der Entdeckung Eures neuen Landes, das man während der Reise gefunden, ihrerseits mitteilen  werden. Ich will dennoch nicht zögern, Eurer Hoheit meinen Bericht zu erstatten, so gut ich das vermag. Um schön zu erzählen und zu berichten, bin ich freilich der Allerschlechteste. Dessenungeachtet wollen Eure Hoheit mein Unvermögen für den guten Willen nehmen. Wisset wohl: nicht um Beschönigung und Entstellung geht es, vielmehr um das, was ich sah, da es mir unter die Augen kam.

 

Ich werde Eurer Hoheit von Einzelheiten der Reise und Tagesereignissen keine Erwähnung machen. Ich bin dazu nicht befähigt, und es sollen sich damit besser die Piloten befassen.

             Derart Herr, beginne ich meinen Bericht und notiere:

 

Die Abfahrt von Belém war, wie Hoheit wissen, Montag den 9. März. Am Sonnabend, vierzehnten desselben Monats, zwischen dreizehn und vierzehn Uhr, befanden wir uns vor den Canaren, nächst Gran Canaria. Dort entlang segelten wir bei ruhiger See, immer bei einer Sichtweite von drei bis vier Léguas. Am Sonntag den zweiundzwanzigsten des Monats gegen zehn Uhr erblickten wir die Kapverden. Laut Pero Escolar, unserem Piloten, handelte es sich um die Insel Sam Njcolaao.

 

Am Montag bei Tagesanbruch erwachten wir und bemerkten, daß sich das Schiff des Vasco de Ataíde von der Flotte verloren hatte. Dabei waren weder Sturm noch widrige Winde gewesen. Der Kapitän verwendete alle Sorgfalt, um nach dem Schiffe zu suchen, in dieser oder jener Richtung, aber es tauchte nicht mehr auf.

 

So setzten wir unsere Fahrt fort über das weite Meer, bis Dienstag, den achten Tag der Osterwoche. Das war der einundzwanzigste April. Wir bemerkten erste Anzeichen von Land. Wir waren von besagter Insel nach Aussagen der Piloten um die sechshundertsechzig oder sechshundertsiebzig Léguas entfernt.

 

Wir sahen lange Seepflanzen in großer Menge, die Seeleute nennen sie Botelho, Blasentang, und wir sahen noch andere, die sie Rabo de Asno, Eselsschwanz nennen. Am darauffolgenden Mittwoch gegen Morgen bemerkten wir in der Luft Sturmvögel. Am selben Tag zur Vesperzeit sichteten wir Land.

 

Zuerst erkannten wir einen großen Berg. Er war rund und sehr hoch. Südlich davon war das Land flacher und hatte dichte Wälder. Der Kapitän gab dem Berge den Namen Pascoal, und dem Lande gab er den Namen Terra da Vera Cruz.

 

Er ließ das Senklot auswerfen. Es zeigte fünfundzwanzig Faden. Bei Sonnenuntergang, etwa sechs Léguas vor der Küste, setzten wir bei einer Wassertiefe von neunzehn Faden die Anker. Dies war ein guter Platz, und wir blieben dort die gesamte Nacht.

 

Donnerstagmorgen setzten wir wieder Segel und fuhren direkt auf das Land zu, die kleinen Schiffe voran.

 

Wir fuhren auf siebzehn, sechzehn, fünfzehn, vierzehn, dreizehn, zwölf, zehn und neun Faden heran. Wir waren zuletzt nur noch eine halbe Légua entfernt. Wir warfen Anker direkt gegenüber der Mündung eines Flusses. Es war inzwischen gegen zehn.

 

Wir sahen Menschen. Sie gingen den Strand entlang. Sie waren  vielleicht sieben oder acht. Jedenfalls erfuhren wir das so von den Besatzungen der kleinen Schiffe, die zuerst eingetroffen waren. Wir ließen die kleine Boote und Kähne zu Wasser. Alle Kapitäne der übrigen Flotte setzten über zum Schiff des Obersten Kapitäns. Hier besprachen sie sich, und der Oberste Kapitän schickte Nicolau Coelho mit einem Boot an Land, er sollte den Fluß erkunden.

 

Je näher er aber der Küste kam, desto mehr Menschen liefen dort zusammen. Erst waren es bloß zwei und drei. Wie Coelho an der Flußmündung anlangte, standen dort schon achtzehn oder zwanzig. Es waren bräunliche Menschen, allesamt nackt und bar irgendeines Kleidungsstücks, womit sie ihre Blöße hätten bedecken können. Sie trugen Bögen in der Hand und Pfeile. Unaufhaltsam eilten sie dem Boot entgegen. Nicolau Coelho machte ihnen Zeichen, sie sollten die Bögen fortlegen, und tatsächlich legten sie die Bögen fort.

 

Verständigung durch Reden war nicht möglich, denn der Lärm der Brandung waren zu stark. So schenkte Coelho diesen Menschen eine rote Mütze und die Leinenmütze, die er auf dem Kopfe trug, sowie einen schwarzen Sonnenhut. Einer jener Männer schenkte darauf Coelho einen Sonnenschutz, bestehend aus langen Vogelfedern, mit einer kleinen Spitze aus roten und grauen Federn, die wie von Papageien waren. Ein anderer schenkte Coelho eine lange, aus kleinen weißen Kügelchen geflochtene Schnur, die wie aus Perlmutter aussahen. Ich denke, der Kapitän wird diese Dinge Eurer Hoheit übersenden.

 

Und so kehrte Coelho zu den Schiffen zurück. Es war schon spät. Coelho sah ein, daß mit den Menschen dort eine weitere Verständigung wegen des Rauschens der Brandung nicht möglich war.

 

In der folgenden Nacht kam ein starker Südost auf mit Regengüssen. Er zerrte an den Schiffen, und besonders zerrte er am Kapitänsschiff. Der ließ auf Anraten der Piloten am Freitagmorgen gegen acht die Anker lichten und die Segel setzen. Wir fuhren die Küste entlang, die Beiboote achterschiffs vertäut.

 

Wir fuhren nach Norden. Wir wollten sehen, daß wir einen guten Unterschlupf und Ruheplatz fänden, wir wollten ausruhen, Wasser und Brennholz fassen: nicht, weil es uns schon daran mangelte, sondern weil es sich gerade so ergab. Als wir die Segel setzten, saßen am strandigen Flußufer um die sechzig bis siebzig Menschen.

 

Sie hatten sich ganz allmählich versammelt. Wir fuhren in der Ferne vorüber. Der Kapitän schickte abermals die kleineren Schiffe näher zur Küste, daß sie einen sicheren Ankerplatz erkundeten und dann die Segel einholten. Nachdem wir um die zehn Leguas an der Küste entlanggesegelt waren, entdeckten besagte kleinere Schiffe einen guten und geschützten Hafen in einer Bucht mit breiter Einfahrt. Sie fuhren hinein und holten die Segel ein. Wir folgten.

 

Es war kurz vor Sonnenuntergang, und wir befanden uns etwa eine Legua vor der Küste. Wir ankerten bei einer Wassertiefe von elf Faden.

 

Affonso Lopes, unser Pilot, hatte sich auf Anweisung des Kapitäns auf eines der kleinen Schiffe begeben. Er ist ein sehr aufgeweckter und geschickter Mann, für derlei Aufgaben bestens geeignet: Er machte sich mit einem der Beiboote auf, das Hafeninnere zu erkunden.

 

Als er zurückkehrte, brachte er in einem aus Baumrinde hergestellten Boot zwei Männer aus jenem Land mit.

 

Es waren Jünglinge mit gut gebauten Körpern. Einer von ihnen trug einen Bogen und sechs oder sieben Pfeile. Überhaupt liefen viele der Menschen am Strand mit Pfeil und Bogen umher, machten aber keinen Gebrauch davon. Am Abend brachte Lopes die beiden sogleich zum Kapitän, der sie mit Freuden empfangen ließ.

 

Ihr Äußeres ist rötlich braun. Sie haben angenehme Gesichtszüge und wohlgeformte Nasen. Sie laufen nackt umher, bar jeder Hülle. Anscheinend wollen sie nichts bedecken, und es macht ihnen nichts aus, ihre Scham zu zeigen. Sie bewegen sich bei alledem mit solcher Unschuld, als zeigten sie ihr Gesicht.

 

Die beiden Männer hatten Löcher in den Unterlippen, darin staken weiße Knochenstücke. Diese Stücken waren etwa eine Handbreit lang. Sie waren dick wie eine Baumwollspindel und spitz wie ein Bohrer. Sie werden von innen durch die Lippe hindurch gesteckt. Das Teil, welches zwischen Lippe und Zähnen bleibt, ist wie der Turm eines Schachspiels gearbeitet. Es wird so eingepaßt, daß es keine Leiden verursacht, nicht am Sprechen, noch am Essen oder Trinken hindert.

 

Das Haar dieser Menschen ist fließend glatt. Sie schneiden es kurz, und bis über die Ohren ist es geschoren. Das dichte Kopfhaar hängt darüber.

 

Einer der beiden trug eine Art Perücke, die von Schläfe zu Schläfe reichte und nach hinten überfiel. Sie bestand aus den Federn eines gelben Vogels, welche gut die Länge einer Lanzenspitze hatten und sehr dicht gesteckt waren. Feder für Feder war mit Hilfe einer wächsernen Masse, doch war es kein Wachs, an seinem Kopf befestigt, daß ihm Hinterkopf und Ohren bedeckt wurde. Der Kopfschmuck war gewölbt und sehr dicht und gleichmäßig gearbeitet. Um ihn abzunehmen, brauchte er nicht durch Waschen abgelöst zu werden.

 

Als sie kamen, saß der Kapitän auf einem Stuhl, und auf dem Boden, zu seinen Füßen, lag ein lander Teppich. Der Kapitän war festlich gekleidet und trug um seinen Hals eine schwere goldene Kette. Sancho de Toar, Simam de Miranda, Nicolao Coelho, Aires Correa und wir anderen, die mit auf dem Schiff waren, saßen rund um den Teppich auf dem Boden. Es wurden Fackeln angezündet.

 

Als sie eintraten, zeigten sie keinerlei Geste der Höflichkeit, noch richteten sie ein einziges Wort an den Kapitän oder an einen anderen. Doch dann besah sich einer von ihnen die Kette des Kapitäns und deutete mit der Hand auf das Land und danach auf die Kette, als wollte er uns sagen, es gäbe Gold in jenem Lande. Und dann sah er auch einen silbernen Leuchter, und wieder deutete er auf das Land und dann auf den Leuchter, als würde es auch Silber geben.

 

Darauf zeigte man ihnen einen grauen Papagei, den der Kapitän mitgebracht hatte. Sie nahmen ihn alsbald in die Hand und zeigten auf das Land, als würde es dort Papageien geben. Man zeigte ihnen einen Hammel, doch sie beachteten ihn nicht. Man zeigte ihnen ein Huhn; sie fürchteten sich beinahe davor und wollten es nicht berühren, und dann sahen sie es voll Verwunderung an.

 

Man bot ihnen Brot, gekochten Fisch, Konfekt, Mandelkuchen, Honig und getrocknete Feigen an; sie wollten fast nichts von dem essen. Wenn sie etwas probierten, spieen sie es bald wieder aus. Man brachte ihnen Wein in einem Pokal: Sie setzten ihn voll Mißtrauen an ihre Lippen. Der Wein schmeckte ihnen ganz und gar nicht, noch wollten sie mehr davon. Man brachte ihnen einen Becher Wasser; sie nahmen davon winzige Schlucke, doch sie tranken nicht, vielmehr spülten sie nur ihre Münder damit und spieen es wieder aus.

 

Einer von ihnen entdeckte die weiße Perlenkette eines Rosenkranzes. Er bedeutete, daß man sie ihm geben möge und freute sich unbändig darüber. Er legte sie sich um den Hals. Dann nahm er sie wieder ab und schlang sie um seinen Arm. Darauf wies er auf das Land, auf die Perlen und auf die Kette des Kapitäns, als meinte er, daß sie Gold dafür geben würden. So haben wir es gedeutet, denn wir wünschten es so. Hätten sie dagegen sagen wollen, sie würden die Perlen und dazu die Kette mit sich nehmen, hätten wir nicht verstanden, denn wir durften nichts von dem hergeben. Schließlich gaben sie die Perlenkette demjenigen zurück, von dem sie sie hatten und legten sich dann rücklings auf den Teppich, ohne in irgendeiner Weise ihr Blöße zu bedecken, welche nicht beschnitten, wohl aber sorgfältig rasiert war. Der Kapitän befahl, man möge ihnen zwei Ruhekissen unter die Köpfe legen. Jener mit der Perücke bettete sich mit großer Sorgfalt, um sie nicht zu zerstören. Man breitete Decken über sie, es gefiel ihnen wohl, und sie ruhten und schliefen ein.

 

Am Morgen des Samstag befahl der Kapitän, Segel zu setzen. Wir steuerten auf die Bucht zu, die sehr breit und auch tief war; etwa sechs, sieben Faden. Die Schiffe fuhren allesamt hinein und ankerten bei fünf bis sechs Faden. Der Ankerplatz dort war so geräumig, sicher und gut geeignet, daß an zweihundert Schiffe darin Platz finden könnten.

 

Als die Schiffe verankert waren, kamen alle Kapitäne an Bord des Schiffes des Obersten Kapitäns. Dieser trug den Kapitänen Nicolao Coelho und Bartolomeo Dias auf, die beiden Männer an Land zu bringen und sie mit ihren Bogen und Pfeilen laufen zu lassen. Er hieß die beiden noch mit zwei neuen Hemden, zwei roten Hüten, zwei aus weißen beinernen Perlen bestehenden Rosenkränzen, die sie sich auch sogleich um den Arm wanden, zwei Rasseln und zwei Glöckchen ausstatten.

 

Und er ordnete an, daß einer jener Verbannten  mit ihnen zurückbliebe: der Diener von Dom Joham Telo, Afonso Ribeiro mit Namen. Er sollte mit ihnen ziehen und ihre Art zu leben kennenlernen. Mir aber trug er auf, Nicolao Coelho zu begleiten.

 

Wir fuhren geradewegs zum Strand. Bald versammelte sich dort eine Gruppe von etwa zweihundert Eingeborenen. Sie waren durchweg nackt und hielten Pfeile und Bögen in ihren Händen. Jene beiden, die mit uns fuhren, machten ihnen Zeichen, daß sie sich entfernen und die Bögen niederlegen sollten. Sie legten sie ab und traten etwas zurück, wenngleich nicht viel. Doch es genügte uns, daß sie die Bögen abgelegt hatten.

 

Dann stiegen unsere beiden aus und mit ihnen jener verurteilte junge Mann. Sie machten sich auf den Weg, ohne daß einer auf den anderen wartete, es sei denn, der langsamere beschleunigte seinen Lauf. Sie durchquerten einen Fluß, der Süßwasser führte, so viel Süßwasser, daß es ihnen bis in Höhe der Kniebünde reichte. Sie liefen am Fluß entlang, vorbei an Palmenbüschen, bis sie auf Ihresgleichen trafen. Da machten sie Halt.

 

Der Sträfling ging mit einem Mann, der ihn, als er aus dem Boot stieg, umarmte und ihn mit sich nahm.

 

Bald aber sandten sie den Sträfling zu uns zurück, und mit ihm kamen jene beiden, die wir gebracht hatten. Sie waren wieder nackend und ohne ihre Hüte. Bald folgten ihnen weitere Männer. Sie kamen durch das Wasser so nahe an unsere Boote heran, bis sie nicht weiter konnten.

 

Sie brachten Kalebassen voll Wasser und nahmen ein paar unserer Fässer, die wir eigens mitgebracht hatten, füllten sie mit Wasser und brachten sie zurück an unsere Boote. Sie kamen nicht an Bord. Sie kamen dicht herbei, reichten uns mit ihren Händen die Fässer, die wir ihnen abnahmen, und  baten, daß wir ihnen etwas geben sollten.

 

 Nicolao Coelho hatte Rasseln und Armreifen mitgebracht, so daß einer eine Rassel, der nächste einen Armreifen bekam und so fort. Und beim Austausch dieser Gaben hätten sie uns beinahe die Hand gereicht. Sie tauschten ihre Bögen und Pfeile gegen Hüte und Mützen aus Leinen oder andere Dinge, was auch immer wir ihnen gaben. Unterdessen gingen unsere zwei Männer auf und davon, und wir sahen sie nicht wieder.

 

Viele, wenn nicht gar der größere Teil der Leute, trug jene Knochenstifte in den Lippen. Auch gab es andere, die trugen keine Stifte, hatten aber ihre Lippen durchbohrt. Wieder andere trugen eine Art Holzpflock in den Lippen, die den Stopfen unserer Weinschläuche ähneln. Einige hatten auch drei Stifte in den Lippen, davon einen in der Mitte und die beiden anderen in den Mundwinkeln. Und es gab welche, die waren bemalt, zur Hälfte bräunlich, wie ihre eigene Farbe war, zur Hälfte blauschwarz, oder in der Art, wie Schachbretter gemustert sind.

 

Unter ihnen befanden sich auch drei oder vier Mädchen. Es waren hübsche Mädchen mit schwarzem, schulterlangem Haar. Und ihre ganz geschlossene Scham war so sauber rasiert, daß es uns nicht schämte, sie ausgiebig zu betrachten.

 

Indes kam es zu keinerlei Verständigung mit ihnen, denn ihr Kauderwelsch war von einer Art, daß niemand etwas verstand, noch je einmal gehört hatte.

 

Wir machten den Leuten nun Zeichen, daß sie verschwinden sollten. Das taten sie und durchquerten den Fluß. Darauf stiegen drei oder vier unserer Männer aus dem Boot und füllten unzählige unserer Fässer mit Trinkwasser. Danach wollten wir zu unseren Schiffen zurückkehren.

 

Doch da wir auf dem Rückweg waren, winkten sie uns zu, daß wir zurückkommen sollten. Wir kehrten um, und da schickten sie uns den Sträfling zurück, denn sie wollten nicht, daß er bei ihnen bliebe. Der hatte eine kleine Schale und zwei oder drei rote Mützen bei sich, welche er ihrem Herrn überbringen sollte, für den Fall, daß es eines gab. Sie hatten nichts davon genommen und schickten ihn also mit all dem zurück.

 

Bartolomeo Dias ließ ihn wieder umkehren, damit er ihnen die Sachen überreiche. Also ging er zurück und übergab vor unseren Augen die Sachen demjenigen, der ihn beim ersten Mal umarmt hatte. Und dann kam er, und wir nahmen ihn mit zurück. Jener Mann war schon hoch betagt und trug ein Federkleid. An seinem ganzen Körper klebten Federn, daß er wie der von Pfeilen durchbohrte Heilige Sebastian aussah.

 

Unter den anderen Eingeborenen gab es einige, die Hüte aus gelben Federn trugen, andere aus roten oder aus grünen Federn.

 

 Eines der Mädchen war von oben bis unten mit der erwähnten Bemalung versehen. Diese war so meisterhaft ausgeführt, und das Mädchen selbst war so wohlgeformt; ihre Scham, die sie nicht hatte, war so lieblich, daß viele Frauen in unserem Land bei ihrem Anblick voller Scham wären, weil sie selbst nicht so anmutig aussehen. Die Männer dagegen waren alle so wie wir; kein einziger von ihnen war beschnitten. Kurze Zeit darauf kehrten wir um, und auch sie gingen davon.

 

Nachmittags fuhr der Oberste Kapitän mit uns in seinem Beiboot  Richtung Land. Die Kapitäne der anderen Schiffe taten es ihm mit ihren Beibooten gleich. In der Bucht suchten wir ein wenig Zerstreuung. Wiewohl wir dem Strand sehr nahe waren, ging niemand von uns an Land. Der Kapitän wollte es nicht, obwohl niemand dort zu sehen war.

 

Erst an einem großen Eiland, welches sich in der Bucht befindet, ließ er uns alle aussteigen. Es war vollkommen kahl und auch bei Ebbe immer von Wasser umgeben, so daß man schwimmen oder ein Boot nehmen mußte, um dahin zu gelangen. Zusammen mit dem Obersten Kapitän verweilten wir dort etwa eineinhalb Stunden. Einige Seeleute fischten mit einem Schleppnetz. Sie fingen einige kleine Fische. Als die Nacht schon hereinbrach, kehrten wir zu den Schiffen zurück.

 

Am Sonntagmorgen nach Ostern beschloß der Kapitän, auf jenem Eiland die Messe und eine Predigt hören zu wollen. Er befahl den Kapitänen, mit ihm die Beiboote zu besteigen; und so wurde es auch getan. Er ließ auf dem Eiland einen großen Altarhimmel aufhängen, daß darin ein schön gearbeiteter Altar aufgestellt werden konnte. Dort ließ er für uns alle die Messe lesen. Pater Frei Amrique stimmte mit feierlicher Stimme an, und die anderen anwesenden Patres und Geistlichen zelebrierten mit gleicher Stimme mit. Es war mein Eindruck, daß alle Männer die Messe mit Freude und in tiefer Andacht hörten. Auch die Christusfahne hatte der Kapitän dabei. Sie begleitete uns, seit wir in Belém in See gestochen waren. Sie wurde stets zusammen mit dem Evangelium aufbewahrt.

 

Als die Messe vorüber war, legte der Pater sein Habit ab. Er stellte sich auf einen hohen Stuhl, während wir uns alle im Sand niederließen. Er hielt eine erbauliche Predigt aus der Geschichte des Evangeliums. Am Schluß sprach er von unserer Ankunft und von der Entdeckung dieses Landes und machte dann das Zeichen des Kreuzes, dem zu dienen wir gekommen waren. Damit sprach er uns aus dem Herzen und erfüllte uns mit tiefer Andacht.

 

Derweil wir Messe und Predigt folgten, versammelten sich am Strand etwa so viele Menschen mit Pfeilen und Bogen wie schon am Vortag. Sie vergnügten sich sehr, als sie uns sahen und nahmen Platz. Nach der Messe erhoben sich viele von ihnen. Sie spielten auf einem Horn oder etwas Ähnlichem. Dann begannen sie zu hüpfen und ein wenig zu tanzen, während wir die Messe hörten.

 

Einige andere begaben sich zu ihren Flößen; sie hatten zwei oder drei davon bei sich. Die Bauweise dieser Boote war mir unbekannt. Es waren ganze drei aneinander gebundene Balken. Diese trugen, je nach dem, vier bis fünf dieser Leute. Freilich entfernten sie sich mit diesen Booten vom Land nur gerade so weit, daß sie mit den Füßen noch Grund hatten. 

 

Als die Predigt vorüber war, begab sich der Kapitän mit uns zurück zu den Booten, die Fahne voran. Wir legten ab und hielten auf das Land zu und fuhren dann an der Stelle vorüber, wo diese Leute sich aufhielten.

 

 Bartolomeo Dias fuhr auf Geheiß des Kapitäns mit seinem Boot voraus. Er fischte ein Holzpaddel auf, das zu einem jener Einbäume gehören mochte und vom Meer weggespült worden war. Er brachte es ihnen zurück. Wir anderen verharrten derweil etwa einen Steinschuß hinter ihm.

 

 Als sie den Kahn von Bartolomeo Dias näherkommen sahen, begaben sie sich sofort ins Wasser, um ihm so weit als möglich entgegenzugehen. Unsere Leute winkten ihnen zu, sie sollten die Bogen fortlegen, und etliche brachten sie auch gleich zurück, wenngleich nicht alle.

 

 Einer unter ihnen ging herum und redete auf die anderen ein, daß sie sich zurückziehen sollten. Aber mir schien, daß sie keine besondere  Ehrfurcht oder Angst vor ihm hatten. Er trug Pfeile und Bogen bei sich und war an Brust, Schultern, Hüften, Schenkeln und Waden, bis unten hin, mit roter Farbe bemalt. Die weichen Stellen wie Bauch und Magen hatten ihre natürliche Farbe. Die rote Farbe war so beschaffen, daß sie sich im Wasser nicht im Geringsten auflöste oder verlief. Im Gegenteil, als er das Wasser verließ, war das Rot noch leuchtender.

 

Ein Mann aus dem Kahn von Bartolomeo Dias stieg aus und ging auf die Leute zu. Die verstanden nicht, was er vorhatte, taten ihm jedoch nichts Böses. Sie reichten ihm Kalebassen voll Wasser und winkten den anderen Männern zu, ebenfalls an Land zu kommen.

 

Darauf kehrte Bartolomeo Dias zum Kapitän zurück, und wir fuhren zu unseren Schiffen. Wir aßen, spielten auf unseren Trompeten und Pfeifen und schenkten den Leuten dort keine Beachtung mehr. Die setzten sich wieder an den Strand und harrten dort aus.

 

Das rückflutende Wasser legte sehr viel Sand und Kies am Strand jenes Eilands, auf dem wir Messe und Predigt gehört hatten, frei. Ein paar unserer Männer gingen dort auf die Suche nach eßbarem Meeresgetier, doch fanden sie nichts. Nur einige kurze, fleischige Garnelen, worunter sich auch eine besonders große  befand. Sie war so gewaltig, wie ich noch keine zweite je gesehen habe. Daneben stießen sie auf die Schalen von Herz- und Venusmuscheln, ohne jedoch eine vollständige zu finden.

 

Während des Essens kamen die Kapitäne der anderen Schiffe herbei, wie es der Oberste Kapitän befohlen hatte. Alle setzten  sich etwas abseits, auch ich gesellte mich dazu. Der Kapitän fragte, ob wir Eurer Hoheit über das Versorgungsschiff die Nachricht von der Entdeckung dieses Landes zukommen lassen sollten, auf daß es besser erkundet würde. Auf die Art sei mehr zu erfahren, als von uns in diesem Augenblick, da wir unsere Reise fortsetzen mußten.

 

 Nach vielem Gerede über die Angelegenheit befanden alle, oder doch wohl die meisten, es sei ein guter Gedanke, und also ward es beschlossen. Darauf stellte der Kapitän die Frage, ob es günstig sei, zusätzlich einige der Eingeborenen einzufangen, um sie Eurer Hoheit mitzuschicken. Im Gegenzug könne man zwei weitere Verbannte aussetzen.

 

Jedoch waren alle der Ansicht, es sei unnütz, Leute einzufangen. Denn solche Leute werden, wenn sie gewaltsam mitgenommen, gewöhnlich alles bestätigen, wonach man sie fragt. Jene zwei Strafgefangenen, die zum Bleiben verurteilt waren, könnten einmal bessere Auskunft über das Land geben. Zudem verstünde niemand die Einheimischen, und sie würden auch nicht so schnell unsere Sprache erlernen. Die beiden Sträflinge dagegen würden auf Befehl Eurer Hoheit alles sagen, was sie dann wissen.

 

 Und, zu guter Letzt, es bringt uns auch nichts ein, Menschen mit Gewalt einzufangen oder auf andere Weise ihren Unmut zu erregen, wenn man dabei vorhat, sie zu zähmen und ihnen Frieden zu bringen. Es sollte also genügen, die beiden Strafgefangenen hierzulassen, während wir weiterfuhren. So beschlossen wir, weil es allen das Beste zu sein schien.

 

 Dann befahl der Kapitän, daß wir mit den Booten an Land führen. Wir sollten uns an Fluß und Umgebung umsehen und etwas ausruhen. So fuhren wir und nahmen Waffen und die Fahne mit uns.

 

Die Eingeborenen liefen an der Flußmündung umher, wohin auch wir wollten. Ehe wir dort anlangten, legten sie, wie wir es sie gelehrt hatten, die Bogen auf den Boden und winkten uns, daß wir aussteigen sollten.

 

Als nun unsere Boote Bug für Bug am Strand aufsetzten, begaben sie sich auf die andere Seite des Flusses, der an dieser Stelle etwa einen Steinschuß breit war. Ein Mann nach dem anderen kletterte aus den Booten. Ein paar unserer Leute durchquerten sofort den Fluß und gingen auf sie zu, einige von ihnen blieben neugierig stehen. Die anderen harrten in einiger Entfernung aus.

 

Und mit einem Mal standen da zwei Gruppen Menschen beieinander. Die einen boten ihre Bogen und Pfeile an, und die anderen gaben dafür Sonnenhüte und Leinenkappen oder sonst irgend etwas. Allmählich aber mischten sich so viele von unseren Männern unter sie, daß sie sich langsam zurückzogen zu der Stelle, wo die anderen geblieben waren.

 

Darauf ließ sich der Kapitän von zwei Männern über den Fluß tragen und befahl allen, zurückzukehren. Nun waren die Unseren nicht mehr als die anderen. Sobald der Kapitän all unsere Leute zurückbefohlen hatte, kamen einige auf ihn zu. Jedoch nicht, weil sie in ihm den Herrn erkannten. Mir scheint vielmehr, daß sie dies weder verstehen noch zur Kenntnis nehmen wollen. Der Grund war wohl, daß unsere Leute nun wieder weit genug entfernt am anderen Flußufer standen, und dort erzählten sie und zeigten die vielen Bogen und jene schon erwähnten Perlenschnüre. Sie hatten um irgendwelche Kleinigkeiten geschachert: viele Pfeile, Bogen und durchbohrte Kugeln, die sie auf die Schiffe mitnahmen. Schließlich kehrte auch der Kapitän zurück, worauf viele dieser Leute zurück zum Fluß kamen.

 

Dort standen sie dann, anmutig, mit teils schwarz, teils rot bemalten Körpern und Beinen. Es war sehr beeindruckend. Es gab da auch vier oder fünf junge Frauen. Sie waren ganz und gar nackt. Und sie sahen nicht schlecht aus. Eine von ihnen hatte sich oberhalb der Kniee bis hoch zu den Hüften völlig schwarz bemalt, das Gesäß inbegriffen. Am übrigen Körper trug sie ihre natürliche Farbe. Eine andere hatte beide Kniekehlen und die Knöchel bemalt. Sie stellte ihre bloße und nackte Scham mit solcher Unschuld zur Schau, daß keine Schande dabei war.

 

Und dann war da noch eine andere junge Frau mit einem Jungen oder Mädchen. Das Kind war mit einem Tuch, von dem ich nicht weiß, woraus es gemacht war, an die Brust gebunden, sodaß man seine Beinchen sehen konnte. Sonst bedeckte auch sie sich nicht im geringsten mit Tuch.

 

Der Kapitän bewegte sich weiter am Fluß entlang, der dort nahe dem Strand entlang floß. Da stand ein alter Mann, der das Paddel eines Baumrindenbootes in den Händen hielt. Der Alte fing an zu sprechen, als der Kapitän vor ihm stand. Wir waren alle dabei, doch es konnte ihn niemand verstehen. Er verstand uns ebenso wenig, als er gefragt wurde, ob in diesem Land Gold zu finden sei.

Der alte Mann hatte in seiner Unterlippe ein so großes Loch, daß leicht ein dicker Daumen hindurchgepaßt hätte. Darin trug er einen wertlosen grünen Stein, der das Loch von außen verschloß. Der Kapitän verlangte von ihm, den Stein herauszunehmen. Doch wer weiß, welcher Teufel in den Alten gefahren war: Er nahm den Stein, um ihn dem Kapitän in den Mund zu stecken. Wir mußten darüber ein wenig lachen. Der Kapitän aber war deswegen verstimmt und ließ von dem Mann ab.

 

Schließlich tauschte einer von uns den Stein gegen einen alten Hut. Nicht weil der Stein etwas wert gewesen wäre, sondern als Anschauungsstück. Später nahm ihn der Kapitän an sich, vermutlich, um ihn zusammen mit den anderen Sachen Eurer Hoheit zu übersenden.

 

Wir setzten unseren Gang fort und erblickten ein Flüßchen, das große Mengen sehr guten Wassers führte. An seinen Ufern wuchsen viele, nicht sehr hohe Palmen mit viel Palmmark. Wir holten uns viel davon und aßen reichlich.

 

Dann kehrte der Kapitän zur Flußmündung zurück, wo wir gelandet waren. Jenseits der Mündung hatten sich viele Eingeborene versammelt. Sie tanzten ausgelassen, ohne sich bei den Händen zu fassen, und es sah sehr schön aus.

 

Unser Lagerverwalter, Diogo Dias, ein witziger Mann aus Sacavem, der sich gern vergnügte, überquerte den Fluß und nahm einen unserer Pfeifenspieler samt Instrument mit sich. Er mischte sich unter die Eingeborenen und tanzte, wobei er sie bei den Händen faßte. Und sie tanzten unter Lachen mit ihm zu den Klängen der Pfeife. Nach diesem Tanz bewegte er sich mit leichten Drehungen am Strand entlang und machte einen Salto, worüber sie sich sehr verwunderten und lachten und ihren Spaß daran hatten. Und weil er sie mit all dem fesselte und in seinen Bann zog, wurden sie plötzlich scheu wie Bergziegen und zogen sich zurück.

 

Anschließend fuhr der Kapitän mit uns in unseren Booten über den Fluß und dann weiter, immer parallel zur Küste, so daß wir an eine kleine Süßwasserlagune gelangten, die sich unmittelbar hinter dem Strand befindet. Der Fluß ist weiter oben versumpft, und das Wasser bricht von allen Seiten herein.

 

Als wir den Fluß überquert hatten, liefen etwa sieben oder acht der Eingeborenen zwischen unseren Seeleuten umher, die sich gerade zu den Booten zurückzogen und einen von Bartolomeo Dias getöteten Hai am Strand abgelegt hatten. Dann war es genug, wer weiß, ob sie sich wieder beruhigen - plötzlich waren sie von einem Augenblick zum anderen verschwunden, wie Spatzen aus dem Getreidespeicher. Man wagt schon gar nicht, mit harter Stimme zu ihnen zu sprechen, um sie nicht noch mehr zu verschüchtern. Und alles verläuft so, wie sie es wollen, um sie zu besänftigen.

 

Der Alte, mit dem der Kapitän gesprochen hatte, bekam von ihm auch eine rote Kappe geschenkt. Der Alte verschwand samt seinem Redeschwall und der roten Kappe auf die andere Flußseite, wo er sich sofort verbarg. Er wollte nicht mehr zurück auf unsere Seite des Flusses.

 

Die zwei anderen, die der Kapitän an Bord hatte und denen er verschiedene Dinge gab, die ich schon früher aufgezählt habe, sind nie wieder hier aufgetaucht. Ich ziehe daraus den Schluß, das es sich um ziemlich primitive Leute gehandelt haben muß, ohne großen Verstand, die sich wohl deshalb versteckt hielten.

 

Überhaupt scheint es, daß die Eingeborenen sehr gepflegt und sauber umherlaufen. Darin scheinen sie mir den Vögeln oder den Gebirgstieren ähnlich zu sein, denen der Wind das Gefieder und das Fell eher putzt als dem Hausvieh. Denn ihre Körper sind so sauber und feist und so lieblich, daß es besser nicht sein könnte. All das läßt mich denken, daß sie keine Häuser noch andere Wohnstätten haben, in denen sie sich aufhalten. Und die Luft in der sie leben, läßt sie derart gedeihen. Wir haben bisher noch kein Haus oder etwas ähnliches hier entdecken können.

 

 Deshalb entsandte der Kapitän noch einmal jenen Strafgefangenen Affonso Ribeiro zu den Eingeborenen. Worauf dieser auch ging. Er lief ein beträchtliches Stück dorthin. Am Nachmittag kehrte er zurück, da sie ihn erneut wegschickten. Sie wollten nicht, daß er dort bliebe. Sie schenkten ihm einige Bogen und Pfeile und wollten nichts von ihm nehmen; vorher, erzählte er, hätte einer der Eingeborenen ihm einige gelbe Perlen, die er bei sich führte, weggenommen und wäre damit geflüchtet. Er wiederum beschwerte sich bei den anderen darüber; sie liefen dem Flüchtigen sofort hinterher, entwanden sie ihm und gaben sie dem Besitzer zurück. Danach schickten sie ihn jedoch fort. Er erzählte noch, daß er lediglich ein paar Hütten aus grünen Zweigen und hohen Farnen zu sehen bekommen hätte, so wie man sie zwischen Doiro und Minho findet. Dann kehrten wir um schlafen zu gehen zu den Schiffen zurück, es war schon fast Nacht.

 

Am Montag gingen wir nach dem Essen alle an Land, um Wasser zu holen. Es kamen auch gleich viele Eingeborene, aber nicht so viele wie bei den vorigen Malen. Sie hatten auch nicht so viele Bogen dabei und blieben etwas entfernt von uns stehen. Und dann mischten sie sich nach und nach unter uns, umarmten uns und machten ihre Späße. Einige von ihnen zogen sich bald wieder zurück. Andere tauschten ihre Bogen gegen Blätter von Papier oder irgendeine alte Kappe oder sonst irgend etwas. Und so geschah es, daß um die zwanzig oder dreißig Leute von uns mit ihnen gingen, dorthin, wo viele andere, Mädchen und Frauen, gestanden hatten. Von dort brachten sie viele Bogen und Federhauben von gelben und grünen Vögeln, die sie hier haben. Ich nehme an, daß der Kapitän davon einige Proben an Eure Hoheit schicken wird. Wie einige, die mit dort waren, berichteten, amüsierten sie sich sehr mit den Eingeborenen.

 

An diesem Tage hielten sie sich mehr in unserer Nähe auf und waren eher auf unsere Art ungezwungen. Bei einigen war die Körperbemalung geviertelt, bei anderen halbiert, wieder andere sahen aus, als gingen sie in ein Wappentuch gehüllt. Aber alle hatten ihre Unterlippen durchbohrt; einige trugen Knochen darin, andere nicht. Sie hatten grüne, stachelige Baumfrüchte dabei, die farblich unseren Kastanien ähneln, nur daß sie viel kleiner sind. Darin waren viele kleine, rote Körner, die, wenn man sie zwischen den Fingern zerquetscht, eine grellrote Farbe abgeben. Damit bemalen sie sich, und je mehr man diese Früchte befeuchtet, desto intensiver wird die Farbe. Alle sind bis über die Ohren rasiert, ebenso die Augenbrauen und Wimpern. Ihre Stirnen sind von Schläfe zu Schläfe schwarz eingefärbt, so daß es aussieht, als trügen sie da ein zwei Finger breites Band.

 

 Der Kapitän schickte Affonso Ribeiro und zwei weitere Strafgefangene, mit den Eingeborenen zu gehen, ebenso auch Diogo Dias, weil es diesem lebenslustigen Kerl gelungen war, sich mit den Eingeborenen zu amüsieren. Den Sträflingen sagte er, daß sie die ganze Nacht dort bleiben sollten. So gingen sie mit ihnen und wie sie später erzählten, liefen sie etwa anderthalb Leguas und gelangten dann an eine Siedlung, die aus etwa neun oder zehn Häusern bestand, von denen sie sagten, daß sie so lang waren wie unser Kapitänsschiff. Sie sollen aus Holz sein, an den Seiten sind Bretter, und die Dächer sind hoch und mit Stroh gedeckt. Alle leben in einem Haus, das keinerlei Unterteilung hat. Drinnen sind viele Pfähle und zwischen zwei Pfählen sind in ziemlicher Höhe Netze mittels Leinen gespannt, in denen sie schlafen. Darunter machen sie ihre Feuer, um sich zu erwärmen. Jedes Haus hatte zwei kleine Türen, an jedem Ende eine. Sie erzählten noch, daß in jedem Haus etwa dreißig bis vierzig Personen lebten, nach dem, wie sie sie dort vorfanden. Sie bekamen auch von jener Speise, die sie haben; und zwar Yams und andere Wurzeln, die die Erde birgt. Als es spät geworden war, schickten sie sie zurück und wollten nicht, daß jemand bei ihnen bliebe, vielmehr wollten sie die Unsrigen zurückbegleiten. Sie handelten Rasseln und andere wertlose Sachen, die sie dabei hatten, gegen hübsche, sehr große rote Papageien und zwei kleinere grüne und grüne Federhauben und noch ein Tuch aus sehr vielfarbigen Federn, das aussah wie Gewebe, sehr hübsch. Eure Hoheit werden diese Dinge alle sehen, denn wie der Kapitän sagte, wird er sie Euch alle mitschicken. So kehrten sie zurück, und wir begaben uns auf die Schiffe.

 

Am Dienstag begaben wir uns nach dem Essen wieder an Land, um Brennholz zu fassen und Wäsche zu waschen. Die Eingeborenen waren schon am Strand, als wir kamen, so um die sechzig oder siebzig, ohne Bogen oder irgend etwas. Als wir anlangten kamen sie gleich ohne Scheu auf uns zu. Nach und nach kamen bis zu zweihundert und alle ohne Bogen. Sie liefen völlig ungezwungen zwischen uns umher und halfen uns, das Holz zu tragen und es zu den Booten zu bringen. Sie rangen mit den Unsrigen und hatten viel Freude daran. Derweil wir das Brennholz machten, waren zwei Zimmerer damit beschäftigt, ein großes Holzkreuz zu fertigen, wozu bereits gestern ein Baum gefällt wurde. Es waren sehr viele, die sich für die Arbeit der Zimmerer interessierten. Ich glaube, sie taten dies mehr, um die die eisernen Werkzeuge zu betrachten, mit denen die Zimmerer arbeiteten, als des Kreuzes wegen. Sie haben doch nichts aus Eisen. Sie zerschneiden hier ihr Holz mit keilförmigen Steinen, die  an einem Stock, zwischen zwei Schienen festgebunden sind. Diese Geräte sind sehr scharf, wie die Männer, die gestern dort waren, bezeugen, denn sie haben sie bei der Arbeit beobachtet. Die Verständigung zwischen uns war bereits so fortgeschritten, daß wir fast schon nicht mehr wußten, was wir noch tun sollten.

 

Der Kapitän befahl zwei Sträflingen und Diogo Dias, daß sie sich ins Dorf begeben sollten und wenn es weitere geben sollte, auch in diese. Er befahl ihnen ausdrücklich, zum Schlafen nicht auf das Schiff zurückzukommen, selbst wenn sie zurückgeschickt würden. So zogen sie los.

 

 Derweil wir durch den Wald gingen, Holz zu schlagen, flogen einige Papageien von Baum zu Baum, einige waren grün, andere braun, große und kleine waren dabei. Es scheint mir in diesem Land sehr viele davon zu geben, obwohl ich nur neun bis zehn gesehen habe. Andere Vögel sahen wir nicht, außer ein paar steingrauer Tauben, die mir um einiges größer zu sein schienen als in Portugal. Einige erzählten, daß sie auch Turteltauben gesehen hätten, doch ich habe keine gesehen. Da die Wälder jedoch von gewaltigen Ausmaßen sind und man zahllose Baumarten vorfindet, bezweifle ich nicht, daß es in diesen Wäldern auch viele Vogelarten gibt. Gegen Abend kehrten wir mit dem Brennholz zu den Schiffen zurück.

 

Ich glaube, daß ich Eurer Hoheit noch nicht das Aussehen der Bogen und Pfeile beschrieben habe. Die Bogen sind schwarz und lang und die Pfeile sind lang. Die Pfeilspitzen sind aus angespitztem Rohr gefertigt. Eure Hoheit wird einige davon zu sehen bekommen, da ich denke, daß der Kapitän sie Euch senden wird.

 

Am Dienstag gingen wir nicht an Land, weil der Kapitän den ganzen Tag lang das Versorgungsschiff entleeren und alles auf die Schiffe umverteilen ließ, soviel sie fassen konnten. Viele Eingeborene liefen am Strand zusammen, wie wir von den Schiffen aus sehen konnten. Es sollen laut Sancho de Toar, der an Land gegangen war, um die dreihundert gewesen sein. Diogo Dias und der Sträfling Affonso Ribeiro, die der Kapitän gestern an Land geschickt hatte, damit sie in jedem Falle dort schliefen, waren bereits in der Nacht zurückgekehrt. Die Eingeborenen wollten nicht, daß sie bei ihnen schliefen. Sie brachten auch grüne  Papageien mit und andere schwarze Vögel, die wie Elstern aussahen, doch weiße Schnäbel und kurze Schwänze hatten. Als Sancho de Toar sich aufmachte, zum Schiff zurückzufahren, wollten einige der Eingeborenen mit ihm, doch er wollte nicht. Lediglich zwei auffallende junge Männer kamen mit ihm. Er ließ sie diese Nacht bestens versorgen. Sie aßen alles Essen, das man ihnen vorsetzte. Wie er schilderte, ließ er ihnen ein Bett mit Tüchern richten, und sie schliefen und genossen diese Nacht. Doch bei Tage blieben sie nicht, wie zu erwarten war.

 

Am Donnerstag, den letzten Tag im April aßen wir bereits früh am Morgen und gingen wieder an Land, um noch mehr Brennholz und Wasser zu holen. Als der Kapitän gerade das Schiff verlassen wollte, kam Sancho de Toar mit seinen zwei Gästen. Da er noch nicht gegessen hatte, wurde ihm der Tisch gedeckt, und er aß. Die Gäste wurden auf zwei Stühle gesetzt und aßen von allem, das man ihnen vorsetzte, insbesondere kalten Braten mit Reis. Wein reichte man ihnen nicht, weil Sancho de Toar meinte, den würden sie nicht gut trinken. Nach dem Essen stiegen wir in das Beiboot, die zwei mit uns. Einer der Schiffsjungen gab einem der beiden einen schön gebogenen Wildschweinhauer. Dieser nahm ihn und steckte ihn sofort in das Loch in seiner Unterlippe. Weil sie ihm nicht so recht passen wollte, gab man ihm eine kleine rote Wachskerze. Diese steckte er sich sofort etwas nach oben gebogen in die Lippenöffnung. Er war derartig zufrieden damit, als handelte es sich um einen großen Edelstein. Kaum an Land, verschwand er sofort damit und ward nie wieder gesehen.

 

Es befanden sich etwa acht bis zehn von ihnen am Strand, als wir landeten. Dann kamen immer mehr, und es schien mir, als kämen an jenem Tag an die vierhundert oder vierhundertfünfzig Eingeborene. Einige trugen Bogen und Pfeile bei sich, und sie gaben sie für Kappen oder irgend etwas, das man ihnen gab. Sie aßen bei uns alles, was wir ihnen reichten. Einige tranken gar Wein, andere konnten ihn nicht trinken. Mir schien, daß sie, wenn sie sich daran gewöhnt hatten, den Wein sehr gern tranken.

 

Sie liefen so vergnügt und herausgeputzt und anmutig in ihrer Bemalung umher, daß sie einen höchst angenehmen Anblick boten. Beim Brennholz packten sie zu, so gut sie nur konnten, brachten es zu unseren Booten und bewegten sich insgesamt natürlicher und sicherer unter uns als umgekehrt wir uns unter ihnen. Der Kapitän ging mit einigen von uns ein Stück durch den Wald, bis zu einem wasserreichen Fluß, der nach unserem Verständnis derselbe ist, der später bis zum Strand fließt und aus dem wir bereits Wasser holten. Wir verweilten ein wenig, tranken von dem Wasser und ergingen uns ein wenig am Waldesrand. Dieser Wald ist so gewaltig und so dicht und von solcher Tiefe, daß man es kaum beschreiben kann. Am Waldesrand gibt es sehr viele Palmen, von denen wir uns bestes Palmmark holten. Zurückgekehrt, meinte der Kapitän, daß es gut wäre, direkt zum Kreuz zu gehen, das an einen Baum in Flußnähe gelehnt war, um Freitag am Morgen aufgestellt zu werden. Vor ihm sollten wir niederknien und es küssen, damit die Eingeborenen sähen, welche Ehrfurcht wir vor dem Kreuz haben.

 

 Und so haben wir es auch getan. Zehn oder zwölf von ihnen, die dabeistanden, winkten wir heran, damit sie es gleich uns täten; und sie kamen und küßten es. Mir scheint, daß Leute von solcher Unschuld, wenn man sie verstünde und sie uns verstünden, sehr bald Christen würden, denn sie haben keinen Glauben und verstehen nichts davon, so wie es scheint. Wenn also die Sträflinge, die hierbleiben sollen, deren Sprache erlernen und sie verstehen lernen, dann zweifle ich nicht, daß sie nach der heiligen Absicht Eurer Hoheit Christen werden und unseren heiligen Glauben annehmen, auf daß es unserem Herrn gefalle und er sie zu sich aufnehme. Sicher ist, daß diese Leute gut sind und von großer Einfachheit. Mit Leichtigkeit wird man ihnen jeden beliebigen Stempel aufdrücken können. Der Herr hat ihnen schöne Körper und gute Gesichter gegeben, wie er es bei guten Menschen tut. Er hat uns hierher gelenkt, und ich denke, nicht ohne Absicht. Eure Hoheit, die Ihr so sehr wünscht, den heiligen katholischen Glauben zu verbreiten, Ihr müßt an ihre Errettung glauben, und Gott wird es gefallen, so daß dies leichte Arbeit sein wird.

 

Die Leute hier bearbeiten den Boden nicht und halten auch kein Vieh. Es gibt es weder Bulle noch Kuh, noch Ziege, noch Schaf, noch Huhn, noch irgendein anderes Haustier, das für gewöhnlich bei den Menschen lebt. Sie essen nichts als Yams, die es hier üppig gibt und Samen und Früchte, die die Bäume abwerfen. Sie sind davon so gesund und kräftig, mit samten glänzender Haut, wie wir es von Weizen und Gemüse nicht sind. Da sie den ganzen Tag hier umherliefen und immer nach dem Klang unserer Trommel mit unseren Leuten tanzten, könnte man annehmen, daß sie viel mehr mit uns Freund sind als mit ihresgleichen. Winkte ihnen jemand zu, ob sie mit auf ein Schiff wollten, waren sie sofort bereit dazu, sodaß, wollte man sie alle einladen, alle kommen würden.

 

Wir haben diese Nacht jedoch nicht mehr als vier oder fünf von ihnen mit an Bord genommen, und zwar der Oberste Kapitän zwei, Simão de Miranda einen, den er schon zu seinem Pagen gemacht hatte und Ayres Gomes einen weiteren, ebenfalls als Pagen. Von den beiden, die der Kapitän an Bord brachte, war einer von denen, die gleich nach unserer Ankunft hier an Bord gebracht worden waren. Er hatte heute sein Hemd an. Mit ihm war sein Bruder gekommen. Sie wurden diese Nacht bestens beherbergt, bekamen zu essen und ein Bett mit Matratze und Bettüchern, um sie freundlich zu stimmen.

 

Heute ist Freitag, der erste Mai. Frühmorgens zogen wir mit unserer Fahne an Land. Wir landeten im Süden, oberhalb des Flusses, wo es uns am besten erschien, um das Kreuz errichten. Von dort würde es am besten zu sehen sein. Der Kapitän bezeichnete die Stelle, an der die Grube zur Fixierung des Kreuzes ausgehoben werden sollte. Derweil die Grube ausgehoben wurde, begaben wir uns flußabwärts, dorthin, wo sich das Kreuz befand. Wir holten es; vornweg gingen Mönche und Priester und sangen, wie es dazugehört. Es waren bereits einige der Eingeborenen da, so um die siebzig oder achtzig. Als sie uns ankommen sahen, kamen einige gleich herbei, begaben sich unter das Kreuz, um uns zu helfen. Wir überquerten den Fluß, gingen den Strand entlang und legten es an der vorgesehenen Stelle ab, etwa zwei Armbrustschüsse vom Fluß entfernt. Indessen näherten sich an die einhundertfünfzig Eingeborene. Nachdem Wappen und Emblem Eurer Hoheit am Kreuz befestigt waren, wurde es aufgerichtet und ein Altar zu seinen Füßen errichtet. Pater Frei Amrique sprach dort die Messe, und die oben Genannten sangen und zelebrierten die Messe. Fünfzig oder sechzig Eingeborene waren auch dabei, alle auf Knien, so wie wir. Und als wir zum Evangelium kamen, uns dazu erhoben, die Hände nach oben gereckt, erhoben sie sich mit uns und reckten ebenfalls die Hände nach oben und blieben so bis zum Ende. Dann setzten sie sich wieder hin, so wie wir. Als Gott gelobt wurde, gingen wir auf die Knie, und sie taten es ebenso, die Hände gegen den Himmel gereckt. Und sie taten es auf solche Weise, daß wir sie, das kann ich Eurer Hoheit versichern, voller Andacht betrachteten. Sie blieben bei uns, bis zum Ende des Abendmahls. Anschließend feierten die Mönche und Priester, sowie der Kapitän und einige von uns das Abendmahl. Ein paar von den Eingeborenen erhoben sich noch während wir das Abendmahl empfingen, weil die Sonne sehr hoch stand, doch die anderen blieben noch. Einer von ihnen, ein Mann zwischen fünfzig und fünfundfünfzig, gesellte sich zu den verbleibenden und rief noch andere zu sich. Er lief zwischen ihnen auf und ab, zeigte auf den Altar und danach zum Himmel, so als wollte er ihnen etwas Gutes vorhersagen; wir haben es jedenfalls so verstanden.

 

Nach der Messe legte der Pater sein Meßgewand ab und stand dann im Meßhemd da. So stieg er dann neben dem Altar auf einen Stuhl. Dort predigte er uns aus dem Evangelium und von den Aposteln, deren Tag heute ist. Zum Schluß der Predigt sprach er von Euren heiligen und tugendhaften Taten, was uns mit großer Andacht erfüllte. Die Eingeborenen, die die ganze Zeit bei uns geblieben waren, schauten wie wir auf ihn. Er rief sie zu sich, einige gingen, andere nicht. Nach der Predigt brachte Njcolaao Coelho viele Kruzifixe aus Zinn, die ihm noch von einer anderen Fahrt geblieben waren. Sie sollten jedes seinen Platz an einem Hals finden. Aus diesem Grunde setzte sich Pater Frey Anrique zu Füßen des Kreuzes und legte einem jeden sein Kreuz an einem Band um den Hals, ließ ihn zuvor jedoch das Kreuz küssen und die Hände zum Himmel erheben. Es kamen viele Eingeborene und alle erhoben die Hände zum Himmel; es müssen vierzig oder fünfzig gewesen sein.

 

 Nachdem alles vorbei war, es war bereits eine Stunde nach Mittag, kehrten wir alle zum Essen auf die Schiffe zurück. Der Kapitän hatte jenen Alten, der den anderen den Fingerzeig auf Altar und Himmel gegeben hatte, mit sich genommen und auch dessen Bruder und machte ihm viele Ehrenbezeugungen und überreichte ihm ein Hemd. Dem anderen gab er ein anderes Hemd. Mir, aber auch den anderen, erschien es so, als ob diesen Leuten zum Christsein nichts anderes fehlte. Denn sie machten alles, was sie uns tun sahen, genauso nach. Außerdem schien es allen, daß sie keinen Götzendienst tun, noch einen anderen Glauben haben. Ich glaube sehr wohl, daß, wenn Eure Hoheit jemand hierher schickte, der sie behutsam führt, dann werden alle nach dem Wunsch Eurer Hoheit umgewandelt. Wenn jemand kommt, sollte gleich ein Geistlicher dabei sein, um sie zu taufen. Sie werden dann schon mehr von unserem Glauben durch die beiden hier verbleibenden Sträflinge wissen. Diese beiden haben heute auch das Abendmahl empfangen. Unter all den Eingeborenen, die heute dabei waren, sah ich nicht mehr als eine junge Frau, die die ganze Zeit der Messe beiwohnte. Ihr gab man ein Tuch um sich zu bedecken und legte es ihr noch um. Doch als sie sich setzte, dachte sie nicht mehr daran, daß sie sich das Tuch umlegen mußte, um sich zu bedecken. Da sehen Eure Hoheit, daß die Unschuld dieser Leute so groß ist, daß nicht einmal Adams Unschuld in bezug auf die Scham größer sein konnte. Seht, Eure Hoheit, wer in solcher Unschuld lebt, braucht, um zu konvertieren, nur das zu seiner Erlösung Notwendige zu erlernen. Anschließend gingen wir nach vorn, das Kreuz zu küssen, verabschiedeten uns und gingen essen.

 

Herr, ich glaube, daß mit den beiden Sträflingen auch zwei Schiffsjungen hierbleiben werden, die diese Nacht mit einem Beiboot von unserem Schiff an Land flohen und nicht mehr gesehen wurden. Wir denken, daß sie hierbleiben werden, denn morgen werden wir, so Gott will, von hier abreisen.

 

Herr, mir scheint, daß dieses Land, von dem einen Ende, das wir in Richtung Süden sahen und dem anderen Ende, das wir von diesem Hafen aus in Richtung Norden sahen, so groß ist, daß seine Küste gut zwanzig bis fünfundzwanzig Leguas mißt. An einigen Stellen befinden sich rötliche und weiße Barrieren vor der Küste im Meer. Das Land ist ziemlich eben und voller Wälder. Von einem Ende zum anderen ist der Strand sehr eben und wunderschön. Vom Meer aus wirkt das Land riesig groß, denn soweit das Auge reichte, war nur Land und Wald zu sehen. Bis jetzt konnten wir nicht in Erfahrung bringen, ob es hier Gold oder Silber oder ein anderes Metall gibt. Auch Eisen sahen wir nicht. Dieses Land hat eine wunderbare Luft und ist sehr gemäßigt, so wie zwischen Doiro und Minho, denn das Wetter, das wir hier hatten, erinnerte uns sehr an des Wetter dort. Die Gewässer hier sind unergründlich. Es ist hier alles so schön, das man das Land nutzen möchte. Bei dem Wasser, das es hier gibt, wird alles gedeihen. Doch die beste Frucht, die in diesem Land anbauen kann, das ist die Erlösung dieser Menschen. Das sollte der Samen sein, den Eure Hoheit hier aussäen sollten. Sonst bräuchte man diesen Unterschlupf nicht für die Fahrt nach Calicut. Doch gilt es hier die Berufung Eurer Hoheit zu erfüllen, nämlich die Ausbreitung unseres heiligen Glaubens zu betreiben.

 

Hiermit übergebe ich Eurer Hoheit all das, was ich in diesem Euren Land sah. Und wenn ich ein wenig ausschweifend schrieb, verzeiht mir, doch mich leitete der Wunsch, Euch alles zu erzählen und tat dies hier bis ins kleinste. Herr, es ist nun so, daß ich diese Aufgabe genauso erfülle, wie ich Eurer Hoheit jeden anderen Dienst bisher geleistet habe. Ich möchte Euch nunmehr bitten, mir die besondere Gnade zu erweisen, meinen Schwiegersohn Jorge Dosoiro von der Insel Sam Thome abzuberufen, was für mich eine große Gnade sein wird. Ich küsse Eurer Hoheit die Hände.

      

Von Porto Seguro, Eurer Insel Vera Cruz, ausgefertigt am ersten Mai 1500.

Pero Vaz de Caminha.                                                                                         

 

Valentim Fernandes Alemão, der Deutsche Valentin Ferdinand, der sich Ende des 15. Jahrhunderts durch die Fama der Entdeckungen nach Lissabon gezogen fühlte, brachte es dort zu einigem Ansehen als Verleger, Buchdrucker und Übersetzer. Im Jahre 1503 wurde er von König D. Manuel zum Gewürzmakler für den deutschen Markt am Handelsplatz Lissabon bestellt. Außerdem war er ein vom König bestellter Notar und als solcher auch für deutsche Händler tätig. In einer "Notariell beglaubigten Urkunde" vom 20. Mai 1503 (welche ursprünglich in Latein verfaßt war), hielt er für die Krone in kurzer Form die wichtigsten Fakten der Cabral-Fahrt fest (in: Revista do Instituto, Bd. 287, Rio, 1970, "Comemorações Cabralinas"):

 

Eine aus dreizehn großen Schiffen bestehende Armada des erlauchtesten D. Manuel I., König von Portugal, Algarve und über die Meere von Afrika, Herr über Guinea und die Entdeckungen, die Schiffahrt und den Handel mit Äthiopien, Arabien, Persien und Indien, hat nach Verlassen des großen Handelsplatzes Lissabon auf dem Weg nach Indien in einem bisher unbekannten Meer diesseits des Ganges, unterhalb der Äquatorlinie, eine durch göttliche Vorsehung allen anderen völlig unbekannte Welt entdeckt. Dies geschah im Jahr des Herren 1500 am letzten Tag des Monats April. Kommandant war der tapfere Ritter Pedro Álvares Cabral.

 

Die Bewohner dieser neuen Welt haben keinen Glauben, keine Religion, beten keine Götzen an, noch haben sie irgendeine Ahnung von ihrem Schöpfer, sind auch keinerlei Gesetz oder Vorherrschaft unterworfen, sie hören nur auf den Rat der Alten: Niemand hat etwas für sich allein, alles gehört ihnen gemeinsam, außer den Frauen. Sie laufen alle völlig nackt umher, weder die Männer noch die Frauen bedecken ihre Schamteile, außer bei einigen Festen, da sie ihre Körper mit Hilfe kleiner Vogelfedern mit leuchtenden Farben bemalen. Andere binden an ihren Körpern Federn fest. Diese Menschen sind brauner Hautfarbe, haben lange schwarze Haare, aber nicht so kraus wie die Äthiopier. Sofern sie denselben Breitengrad bewohnen, sind sie von kleiner Statur, robustem Körperbau, breitem Gesicht, kleinen Augen und Löchern im Kinn. Außerdem haben sie mehrere Löcher im Gesicht, wo sie zur Zierde Steine und Knochen hineintun. Die Männer sind alle bartlos, und die Frauen reißen ihnen alle Körperhaare aus. Einige tragen jedoch gefärbte Bärte.

 

Die Männer kopulieren mit den Frauen, aber nicht in der Öffentlichkeit und nicht zwischen folgenden Verwandtschaftsgraden: Sohn mit Mutter, Vater mit Tochter oder Bruder mit Schwester. Sie essen gebratenes und gekochtes Fleisch von Vögeln und allen anderen Tieren, wie auch das Fleisch ihrer Feinde, aber ebenso auch Fische und Krokodile.

 

Sie machen Wein aus Mais. Alle ihre Tiere sind anders als unsere, außer dem Schwein; und die Vögel, Bäume und Gräser sind nicht weniger unterschiedlich. Man trifft dort die größten Krokodile an, die allerdings nicht so wild wie die in Äthiopien sind, die sogar Menschen fressen: Die hier vorliegende Haut des Krokodils zeigt die wahrhafte Größe eines solchen. Das Land ist voller dichter Wälder, die Flüsse sind breit, und von dort brachten sie das Brasilholz, Zimtholz und anderes, das wie Zimt aussah. Auch gibt es Papageien der verschiedensten Arten. (…)

 

Sebastian Franck, Lutheraner und philosophischer Schriftsteller, beschrieb 1534 in seiner Sammlung von Reiseberichten "Weltbuch" auch die Entdeckung Brasiliens (in: Weltbuch. Spiegel uñ bildtniss, Tübingen, 1534, S. 225/26):

 

Von America. (…) Von der mörfart Petri Aliaris des obersten hauptmanns des Künigs von Portugal vnd was er auff seiner fart seltzams vnd wunderbarlichs gesehen vnd gefunden hat von Land vnd leuten.

Anno M.D. schickt der Künig von Portugal Emanuel genant außgemelten hauptmann seltzame ding zu erfar neuw Land vnnd leut zu finden/ auch neuwe Kauffmanschatz zu treiben. Am IX. Tage des Mertzen in gemelten jar fur hinweg die obgemelt Schiffart/schifften also im Mertz durch die Insel Canariam am XXII tag Marcii durch die Insel Capouerde. Darnach am XXII tag Aprilis sahen wir von fernem ein Landschafft zu der schifften wir/ fand allda ein volckreiche Insel mit grauwen leuten/aller ding nackend vnd ploß/gleich wie sy geboren seind on alle scham.

 

Dise ob sy wol vns weder durch wort noch zeychen mit vernemmen mocht/yedoch als sy unsern guten willen vernamen/erzeygt sy uns vil freündtschafft mit dantzen/diensten/singen/vnd fiengen mit vns anzukantten vnd tauschen gaben ihn ire bogen vmb schellen/Kartenbletter/vnd hetten vil kurtzweil mit vns v wir mit yn. III meil von dem vfer waren ire wonungen/dahin etliche der unsern mit in gingen/stachen allda mancherley farb Pappagaly vñ ein wurtz ist genant Igname (welches ir brot ist so dise Araber essen) an schellen/stuck tüch Kartenbletter.

 

Es seind wolgeschickte leüt von leib/mit langem har vnd bart. Ire augenlide vnd augenbrawen seind angestrichen von vil farben/gleich als ein bild. Ire vndersten lepfftz sind voll Löcher/darin tragen etlich ein blaw stein hangende/etliche ein beyn als ein nagel /etlich ein grünen steyn/also auch die weiber. Ire heüser sind von holtz gemacht/von ästen der beüm bedeckt. Sy hab seer grosse heüser die seind mit baumwollin netz außtheylt/das also biß in XXX oder XL wonungen in einem hauß seind/vnd ein yedes sein eygene flürstatt/wie ein grosse zelt.

 

An disem ort machten wir ein hültzin creütz/vnd verliessen allda II mann die zum todt verurteylt/ vnd auß gnad auß dem Land verschickt wurden. Dis volck erzeygt sich sam hettes ein mitleiden mit in/vnd tröstet sy mit zeichen als sy übel gehuben vnd vns musten bleiben.…

 

Sehr bald nach der Thronbesteigung hatte König D. Manuel seinen Kartographen untersagt, auf den Seekarten, die zur Dokumentation auslaufender Segler gehören sollten, die neuesten Entdeckungen vollständig wiederzugeben. Darüber wachte der "Provedor dos armazéns e armadas", der königliche Vorsteher über die Lagerhäuser und Flotten, Jorge de Vasconcelos. König Manuel erklärte die Entdeckungen der Portugiesen zum "sigilo nacional" - zum nationalen Geheimnnis -, und er drohte, denjenigen mit dem Tode zu bestrafen, der Seekarten heimlich außer Landes brachte.

 

Dem Italiener Cantino, einer Art Wirtschaftsspion im Auftrag des Herzogs d'Este von Ferrara, gelang dies jedoch im Jahre 1502: Er bestach einen Kartographen der obersten Verwaltungsbehörde für die entdeckten Länder mit 12 Golddukaten. Die Karte von 1502 zeigt erstmals das von Cabral für die portugiesische Krone in Besitz genommene Brasilien, das heißt, den annähernden Verlauf eines Teils der Küstenlinie. Diese Eintragung wurde offenbar 1501 nach der Rückkehr des Botenschiffs der Cabral-Flotte nach Portugal vorgenommen. Außerdem finden sich in anderer Schrift nachträglich vorgenommene Eintragungen, die die Erkenntnisse aus jener Fahrt widerspiegeln, an der Amerigo Vespucci und der portugiesische 'Neuchrist' Fernão de Noronha (um 1501) teilgenommen hatten. Außerdem zeigt diese Karte erstmals Eintragungen zu Grönland und Neufundland und, was besonders verwundern muß, einen Teil der Küste Floridas. Einige Historiker meinen, daß es sich in diesem Falle um eine der verschwiegenen, inoffiziellen Entdeckungsreisen der Portugiesen gehandelt haben muß, die nach Kolumbus des öfteren unternommen wurden. Allerdings wurden die Erkenntnisse aus dieser Reise wahrscheinlich zu den Akten gelegt, als die Portugiesen gewahr wurden, daß diese Entdeckung laut Tordesillas-Abkommen an Spanien fallen mußte. Die Entdeckungen in Grönland und Neufundland nehmen auf der Cantino-Karte eine herausragende Position ein und gehen auf Erkenntnisse einer Expedition der Gebrüder Corte-Real im Jahr 1500 zurück, deren eines Schiff, das weiter an der nordamerikanischen Küste entlangfuhr, verschollen blieb. Die Nord-Weste-Passage nach Indien fanden die Corte-Real nicht.  Nach ihr wurde dann auch nicht weiter gesucht, denn im Jahre 1501 kehrte die Flotte von Pedro Álvares Cabral aus Calicut zurück, sie hatte Indien erreicht.

 

Die sogenannte Cantino-Karte wurden offenbar aus mehreren Einzelkarten zusammengestückelt, was die unnatürliche Verschiebung einiger Territorien erklärt; aber die Portugiesen waren auch darauf bedacht, einige eigene Entdeckungen durch verzerrte Darstellung in bezug auf die Tordesillas-Linie offiziell für sich zu vereinnahmen.

 

Alberto Cantino an Hercole d'Este, Herzog von Ferrara, vom 17.10.1502

(in: Henry Harisse, Les Corte-Real et leurs Voyages au Nouveau-Monde, Paris, 1883):

 

(…) Soeben hat der König einen Beschluß gefaßt und in Umlauf gesetzt: Alle diejenigen, die in seinem Königreich Taten begangen haben, wofür sie harte Strafen oder gar die Todesstrafe bekämen, würden gefangengenommen, doch keineswegs getötet. Sie sollen ihm eine Zeit lang dienen; er schickt sie nach jenen entdeckten Orten und Inseln und erlegt ihnen folgendes auf: Wenn sie für eine bestimmte Zeit nicht von dort zurückkommen, wohin sie von Lissabon aus gebracht wurden, wird er ihnen ihr Delikt vergeben, und er erweist ihnen die Gnade und gibt ihnen 500 Dukaten. Doch glaube ich, daß selten einer von dort zurückkehren wird. An einem Ort, den man Sancta Cruz nennt und der sehr ergötzlich sein und sehr gute Luft haben und wo es überreichlich süßeste Früchte geben soll, flohen fünf Seeleute von einem Schiff des Königs und kehrten nicht zurück. Sie blieben dort.

 

 

4. Die Polemik des Dominikanerpaters Bartolomé de Las Casas

 

Cabral war freilich nicht der Erste, der amerikanisches Festland in Gegenden betrat, die durch das Tordesillas-Abkommen Portugal zustanden. Wenige Wochen vor ihm waren nacheinander die spanischen Seefahrer Vicente Yáñez Pinzón und Diego de Lepe im Norden des heutigen Brasilien gelandet. Sie hatten einen Teil der Küste bis zur Amazonasmündung erkundet und sich dann in die kastilische Hemisphäre zurückgezogen. Über beide Expeditionen berichtet in einer sehr polemischen Sprache der spanische Dominikanerpater Frei Bartolomé de las Casas (in: Bartolomé de Las Casas, Historia de las Indias, Band II, Kapitel 173, Madrid, 1875-76):

 

(…) Im Dezember des Jahres 1499 verließ Vicente Yáñez Pinzón mit vier Schiffen oder Karavellen den Hafen von Palos, um auf Entdeckungsreise zu gehen. Er hatte die Schiffe auf eigene Kosten ausgerüstet, denn er war ein reicher Mann. Gemeinsam mit seinem Bruder Martín Alonso Pinzón und dem Admiral (Kolumbus - d.Ü.) war er bereits auf der ersten Entdeckungsfahrt nach diesen Indien dabeigewesen.

         

Nachdem sie Santiago, eine der kapverdischen Inseln, am 13. Januar 1500, verlassen hatten, nahmen sie zunächst Kurs in Richtung Süden, später in Richtung Osten. Nach siebenhundert Leguas verloren sie die Orientierung. Sie überfuhren die Äquatorlinie, wo sie in einen fürchterlichen Sturm gerieten, daß sie sich ihrem Untergang nahe glaubten. (...) Sie fuhren weitere zweihundertvierzig Leguas, bis sie am 26. Januar Land in ihrer Nähe entdeckten. Es war jenes Kap, das jetzt Sant Agustín heißt. Die Portugiesen nennen es Brasilland. Vicente Yáñez gab ihm seinerzeit den Namen "Cabo de Consolación" (Kap der Tröstungen - d.Ü.). Das Wasser war dort hell und trübe, wie Flußwasser. Sie warfen die Sonde aus; das ist ein Stück Blei an einem Stück Leine. Das Wasser war sechzehn Faden tief. Dann fuhren sie an Land. Kein Mensch war zu sehen. Aber an den Spuren sahen sie, daß Menschen angesichts der Schiffe geflohen waren.

         

Im Namen der Könige von Kastilien nahm Vicente Yáñez das Land in Besitz. Er fällte Bäume, schlug Äste ab, erging sich auf dem Land und unternahm noch einiges andere, was den juristischen Akt der Besitznahme symbolisiert. In jener Nacht entzündeten sie zu ihrem Schutz viele Feuer in der Nähe. Bei Tagesanbruch begaben sich vierzig der Christen gut bewaffnet an Land, um die Indios aufzusuchen. Unerschrocken stellten sich ihnen über dreißig mit Pfeilen und Bogen bewaffnete Indios entgegen; hinter ihnen folgten noch sehr viel mehr Indios. Sie alle zeigten sich zum Kampf entschlossen. Die Christen begannen nun, den Indios gut zuzureden. Sie zeigten ihnen Schellen, Spiegel, Glasperlen und andere Gegenstände zum Schachern. Die Indios achteten jedoch gar nicht darauf. Sie gaben sich sehr wild und schienen jeden Moment bereit, furchtlos anzugreifen. Wie mir berichtet wurde, waren die Indios sehr hochgewachsene Leute. Niemand unter den Christen war so groß. Schließlich zogen sich alle unverrichteter Dinge zurück, die Indios zogen ins Landesinnere, die Christen gingen an Bord ihrer Schiffe. (...)

         

Später sahen sie an einer Küste viele nackte Menschen, wie sie überall dort umherzulaufen pflegen. Dorthin sandten sie einen der Ihren, wohl ausgestattet mit Waffen. Durch freundschaftliche Gesten sollte er die Indios dazu bringen, sich zu nähern. Unser Christ näherte sich ihnen noch ein wenig und warf ihnen eine Schelle zu. Damit wollte er sie ermutigen, sich zu nähern. Darauf warfen sie ihm einen goldenen Stab, zwei Spannen lang, zu. Als er sich danach bückte, um ihn aufzuheben, stürzten sich die Indios auf ihn, um ihn gefangen zu nehmen. Sie umzingelten ihn, doch mit Schwert und Schild schickte er sich an, sich zu verteidigen. Es gelang den Indios nicht, sich ihm zu nähern. Sofort wollten die Männer in den Booten ihm zu Hilfe eilen, sie hatten alles mit angesehen und waren auch nicht weit. Doch unvermittelt wandten sich die Indios gegen die Christen und überschütteten sie mit einem Pfeilhagel. Noch ehe es ihnen gelang, sich dagegen zu schützen, waren auch schon acht oder zehn, andere wiederum sagten gar elf, von ihnen tot. Viele andere waren geflohen. Sie flohen zu den Booten ins Wasser. Unter großen Anstrengungen gelang es, die Ruder zu ergreifen. Ein Boot verloren sie. Mit Pfeilschüssen töteten die Indios den Mann, der als Wache darauf zurückgeblieben war. Schließlich gelang es den Christen, viele der Indios mit Hilfe ihrer Schwerter und Lanzen zu verletzen oder zu töten. Denn die Indios verfügten über keine andere Verteidigung als ihre eigene Haut.

           

Die Christen hätten all diese Toten und den Aufruhr durchaus vermeiden können. Welche Veranlassung hatten sie, jenen Christen und sich allesamt dazu dieser Gefahr auszusetzen? Sie hatten doch bemerken müssen, daß die Indios keinerlei Kontakt oder Verhandlungen wünschten. Also hätten sie sich zurückziehen sollen. Doch sie zogen nicht weiter, Gott allein weiß, aus welchem Grunde. Sie suchten den raschen Gewinn und benutzten dazu die ihnen verfügbaren Mittel. So wurden sie zu Schuldigen an ihrem eigenen Untergang und auch dem der anderen.

         

Als unsere Leute also bemerkten, wie schlecht es ihnen bei jenen Indios erging, hißten sie voller Trauer die Segel und segelten vierzig Leguas die Küste gen Sonnenuntergang herab. Dort fanden sie riesige Mengen Süßwassers mitten im Meer vor, daß sie alle Gefäße damit auffüllten. Vicente Yáñez hält in seinem Bericht fest, daß dieses Süßwasser bis zu vierzig Leguas ins Meer hineinströmt. Andere, die mit ihm waren, halten dagegen, es seien dreißig Leguas gewesen. Über diese gewaltige Süßwassermenge waren alle äußerst verwundert und wollten das Geheimnis gelüftet sehen. Deshalb fuhr man in Richtung aufs Land. Dort fanden sich zunächst viele sehr reizvolle Inseln inmitten des Süßwassers, alle köstlich und frisch. Darauf fanden sich sehr viele bemalte Menschen. Die, die dabei waren, sagen, daß jene Indios aufs natürlichste zu ihnen kamen, als hätten sie schon immer sehr freundlich Umgang miteinander gehabt. Dieser Fluß ist der viel erwähnte Marañón (Amazonas - d.Ü.). Ich weiß nicht, durch wen und warum er diesen Namen bekam. Wie es heißt, beträgt seine Breite an der Mündung dreißig Leguas, andere sagen, es sei viel mehr. Als die Schiffe dann im Fluß festgemacht hatten, sahen sich die Christen größten Gefahren ausgesetzt. Denn die große Wucht des ins Meer strömenden Süßwassers und des sich dagegen aufbäumenden Meeres, hob die Schiffe jedesmal vier Mannsgrößen hoch. (...)

         

Da es bei den Menschen an jenem Marañón keine Perlen oder Gold zu holen gab, oder sonst irgend etwas, das ihnen Gewinn gebracht hätte, denn der Gewinn war es, der sie vorantrieb, fingen sie sechsunddreißig der Indios, die sie packen konnten. Sie fingen also jene bescheidenen und friedlichen Unschuldigen ein, denn so haben sie sie selbst beschrieben. Waren sie doch wie selbstverständlich zu ihnen auf die Schiffe gekommen. Kein Stück ihres Landes, keine Menschenseele sollte von diesem üblen Vorgehen berichten können.

         

Heute können wir frei von Verblendung sagen: Jene Christen hatten sich, ohne Skrupel zu verspüren, aufgemacht, um angeblich auf Entdeckung zu gehen. In Wahrheit gingen sie auf Raubzüge, in der Absicht, sich zu bereichern. Sie hinterließen Zerstörung und Empörung, sie fingen die Wilden und töteten viele von ihnen, anstatt sie zu bekehren. Bösartig ist die Blindheit jener, die daran zweifeln. (...)

 

Über einen weiteren Fall berichtet Las Casas (in: Bartolomé de Las Casas, "Historia de las Indias", Bd. II, Kapitel 174):

 

(…) Auf Vicente Yáñez folgte ein weiterer Entdecker oder vielleicht Zerstörer, der im selben Monat Dezember 1499 auslief. Es war dies ein gewisser Diego de Lepe aus dem Condado, ich weiß nicht, ob aus Lepe oder Palos y Moguer. Die mit ihm gingen, behaupteten, er sei aus Palos. Er segelte mit zwei Schiffen. Ab der Insel Fogo, die zu den Kapverden gehört, nahm er den gleichen Weg wie Vicente Yáñez. Sie kamen an das Kap Sant Agustín, umschifften es, wie sie sagen und segelten ein Stück weiter.

 

An allen Orten, die sie betraten, vollzog Diego de Lepe die nach dem Recht notwendigen Akte der Besitznahme im Namen der Könige von Kastilien. Einer davon war der, daß er seinen Namen in einen Baum von ungewöhnlicher Größe schnitt. Von diesem Baum berichtete man, daß sechzehn Männer es nicht schafften, ihn, bei den Händen gefaßt, zu umspannen. Eine unglaubliche Sache, (…)

         

Lepe fuhr in den Marañón hinein. Dort überfielen sie die Indios und raubten so viele sie konnten. Dort hatte bereits Vicente Yáñez jene sechsunddreißig Seelen unrechtmäßig entführt. Sie hatten sich seinen Schiffen friedlich und zutraulich genähert, und sie hatte er als Sklaven fortgeschafft. Vicente Yáñez hatte ihnen großes Unrecht angetan, sie hatten bereits Erfahrungen gesammelt. Als nun Diego de Lepe eintraf, griffen sie zu den Waffen und töteten ihm elf Männer. Doch weil den Indios immer das größere Leid widerfahren muß, starben viele von ihnen, und alle, die aufgegriffen werden konnten, wurden als Sklaven weggeschleppt. (…)

 

 

5. Die Erkundung der brasilianischen Küste: Amerigo Vespucci. Die ersten           Franzosen in Brasilien

 

An dem Namenspender für den neu entdeckten Kontinent im Westen - Amerigo Vespucci - erhitzten sich von Beginn an die Gemüter: Hat er nun die von ihm beschriebenen Fahrten nach Amerika selbst unternommen und wirklich auch zu den von ihm angegebenen Zeitpunkten?

 

Das florentinische Bankhaus der Medici hatte von den Katholischen Königen von Spanien die Erlaubnis erhalten, in ihren Königreichen ein Kontor zu betreiben. In Sevilla ansässig, war der Kontorist der Medici, Juanoto Beraldi, damit beschäftigt, im Auftrag des Königshauses Schiffe der Westindien-Armadas auszurüsten. So kaufte und rüstete er das Kapitänsschiff von Kolumbus für dessen zweite Fahrt 1493 aus. Vespucci war 1491 in dieses Kontor eingetreten. Beraldi starb 1495, und Amerigo Vespucci übernahm dessen noch offene Verpflichtungen gegenüber der spanischen Krone. Dann gab er das Geschäft auf.

 

Der Schriftsteller Stefan Zweig gibt ein Bild von dieser für Portugal und Spanien gleichermaßen bedeutsamen und umstrittenen Persönlichkeit (in: Stefan Zweig, Amerigo. Geschichte eines Irrtums, Stockholm, 1944):

 

(...) Damit steht, nahe seinem fünfzigsten Jahre, Amerigo Vespucci plötzlich wieder mit leeren Händen da. Anscheinend fehlt ihm entweder das Kapital oder die Neigung, das Geschäft Beraldis auf eigene Rechnung weiterzuführen. (...) und bald dreißig Jahre hat der kluge und fleißige Florentiner als kleiner Angestellter vertan in fremden Geschäften. Er hat nicht Haus und nicht Weib und nicht Kind. (...) So entschließt sich genau wie Hunderte und Tausende anderer gescheiterter Existenzen der bisherige kleine und wahrscheinlich bankrotte Kaufmann Amerigo Vespucci, sein Glück auf einer Fahrt nach dem Neuen Indien zu versuchen. Als im Mai 1499 Alonso de Hojeda im Auftrag des Kardinals Fonseca eine Flotte ausrüstet, schifft sich Amerigo Vespucci mit ihm ein. (...)

         

Er lernt das Astrolabium handhaben, er befaßt sich mit Sternkunde, übt sich in der Anlegung von Karten, (...) jedenfalls kommt er als erfahrener Fachmann von dieser vielmonatlichen Reise zurück. Ein verständiger Kopf, ein guter Beobachter, ein geübter Rechner, eine neugierige Seele, ein geschickter Kartenzeichner (...) Denn wie jetzt der König von Portugal eine neue Expedition vorbereitet in die von Cabral soeben entdeckten Gebiete Brasiliens, an dessen Nordküste auch Vespucci auf Hojedas Fahrt gesegelt, so wendet er sich gerade an Vespucci mit dem Antrag, diese neue in der Eigenschaft als Pilot, Astronom oder Kartenzeichner zu begleiten. (...) noch immer ist man in dem Wahn befangen, diese Terra de Santa Cruz, auf die Cabral gestoßen, sei nichts als eine Insel mittleren Umfangs, und wenn man sie glücklich umfahren habe, müsse man bei den Molukken, der Quelle alles Reichtums, dem Dorado der Gewürze sein. Es wird nun das historische Verdienst dieser Expedition, die Vespucci begleitet, daß sie als erste diesen Irrtum berichtigt. (...) Vespucci bringt Europa die Erkenntnis, daß dieses neuaufgefundene Land nicht Indien ist und keine Insel, sondern ein "mundus novus", ein neuer Kontinent, eine neue Welt.

         

Auch die nächste Reise, die Vespucci abermals im Auftrag des Königs von Portugal zum gleichen Zwecke unternimmt, um den Ostweg nach Indien zu finden und also die Tat zu versuchen, deren Gelingen erst einem Späteren, die Magalhães vorbehalten sein wird, gelangt nicht ans Ziel. (...)

         

Aber inzwischen hat sich etwas ereignet, was Vespucci unter jenen anderen Sternen und auf der anderen Hemisphäre des Erdballs nicht ahnen und erträumen konnte: er hat, er, der kleine, anonyme, arme Pilot, die ganze gelehrte Welt Europas in Aufregung versetzt. Brav und getreulich hatte er jedesmal, wenn er von einer Reise heimkehrte, seinem früheren Brotgeber und persönlichen Freund Lorenzo di Medici in Briefen Bericht erstattet über das, was er auf seinen Reisen gesehen. (...) Aber ohne, daß er es weiß und gewiß ohne daß er es beabsichtigt, ist er gleichsam hinterrücks in jenen Monaten auf fremden Meeren zu dem Nimbus des gelehrtesten Geographen der Zeit und eines großen Schriftstellers gelangt. (...)

         

Als älterer Mann hat er sich verheiratet und ist endgültig müde der Geschäfte, der Abenteuer, der Reisen. Endlich, im siebenundfünfzigsten Jahr seines Lebens, erfüllt sich sein Wunsch. Er erlangt, was er zeitlebens ersehnt: eine kleine, eine ruhige, eine friedlich-bürgerliche Existenz als Chefpilot der Casa de Contratación mit erst fünfzigtausend und später fünfundsiebzigtausend Maravedís Gehalt.

         

(...) vielleicht ist es sogar gewagt, ihn in die erste Reihe der großen Seefahrer oder Entdecker zu stellen. Denn nirgends war ihm durch ein unfreundliches Geschick wirkliche Initiative verstattet. Ihm wurde weder wie einem Columbus noch wie Magalhães eine Flotte anvertraut, immer, in allen Berufen und Stellungen, war er an das Subalterne gebunden, unfähig zu erfinden, zu entdecken, zu befehlen oder zu führen. Immer war er nur in der zweiten Reihe, immer im Schatten von anderen. (...)

         

Dennoch: Amerika braucht sich seines Taufnamens nicht zu schämen. Er ist der eines rechtschaffenen und mutigen Mannes, der noch in seinem fünfzigsten Jahr sich dreimal auf winzigem Schiff über den noch nicht ergründeten Ozean ins Unbekannte wagte als einer jener "unbekannten Matrosen", die damals zu Hunderten ihr Leben wagten an Abenteuer und Gefahr. Und vielleicht ist sogar der Name eines solchen mittleren Menschen, der Name eines Mannes aus der anonymen Schar der Tapferen gemäßer einem demokratischen Lande als der eines Königs und Conquistadors und sicher gerechter, als wenn man Amerika Westindien genannt hätte oder Neuengland oder Neuspanien oder Heiligkreuzland. (...)

 

Durch den Druck der Reiseberichte Mundus Novus, Lettera und Quatuor Navigationes wurde Vespuccis Name bekannt. Die Quatuor Navigationes erlebten allein 1507 sechs Auflagen. Diese Popularität führte dazu, daß Vespucci für den Entdecker der Neuen Welt gehalten wurde. Es war der deutsche Kosmograph Waldseemüller, der den neuen Kontinent 'America' - nach Europa, Asia und Africa - nannte und in seine Karten eintrug. Vespucci beschreibt seine, wie er sagt, dritte Reise im Auftrag des portugiesischen Königs (in: Américo Vespucio, El nuevo mundo, Buenos Aires, 1951; Auszug aus "Lettera de Americo Vespucci" an Pietro Soderini, den ärgsten Widersacher der Medici im Geschäft um die Spezereien des Orient, vom 4. September 1504 aus Lissabon):

 

          Hochverehrter Herr.

Euer Gnaden mögen sich wundern über meine Dreistigkeit, die mich törichterweise treibt, Euer Gnaden diesen weitschweifigen Brief zu senden, obwohl ich von Eurer Weisheit Kenntnis habe, und Ihr zum Wohle der erlauchten Republik fortwährend in hohen Räten und Geschäften beschäftigt seid (...)

         

Der vornehmliche Grund, welcher mich bewegte, Euch zu schreiben, war die Bitte unseres florentinischen Botschafters Benevenuto Benevenuti, eines großartigen Dieners Eurer Hoheit und Freundes meiner Person. Er hält sich hier in der Stadt Lissabon auf und bat mich, Euer Gnaden darüber in Kenntnis zu setzen, was ich in verschiedenen Teilen der Erde, auf meinen vier Reisen gesehen habe, die ich unternahm, um neue Länder zu entdecken: Zwei Reisen durch den großen Golf des Ozeans gen Westen auf Geheiß des Königs von Kastilien, Don Fernando VI. (eigentlich der V. - d.Ü.), und zwei andere Reisen nach Süden im Auftrage des mächtigen Dom Manuel, des Königs von Portugal. (...)

 

Beginn der dritten Reise

Ich hielt mich in Sevilla auf, um mich von den Strapazen der zwei Reisen zu erholen. Ich hatte nicht übel Lust, in das Land der Perlen zurückzukehren, denn Fortuna gab sich mit meinem bisherigen Tun nicht zufrieden. Nun kam es, wie, ist mir entgangen, dem ehrenwerten König Dom Manuel von Portugal in den Sinn, sich meiner zu bedienen. Ich befand mich in Sevilla und nichts lag mir ferner als eine Reise nach Portugal. Da traf ein Bote mit einem Brief der portugiesischen Krone ein. Seine Hoheit bat mich darin, zu Gesprächen nach Lissabon zu kommen, ohne daß er Gnadenerweise in Aussicht stellte. Man riet mir abzulehnen. Ich verabschiedete den Boten. Ich ließ ihn wissen, ich sei erkrankt und würde tun, was mir befohlen, sobald ich genesen, und sofern Seine Hoheit meiner dann noch bedürftig sei. Als der König sah, daß es nicht möglich war, mich zu überzeugen, schickte er Giuliano de Bartolomeo del Giocondo zu mir, welcher zu der Zeit in Lissabon weilte. Er trug ihm auf, mich auf beliebige Art zu ihm zu bringen. Besagter Giuliano reiste nach Sevilla. Sein Kommen und sein Bitten bewegten mich, anzunehmen. Alle, die mich kannten, verübelten mir diesen Schritt, denn ich verließ Kastilien, wo man mich großer Ehren teilhaftig werden ließ. Außerdem hatte der König rechtlichen Anspruch auf meine Person. Doch das Schlimmste daran war, daß ich abreiste, ohne von irgend jemandem Abschied zu nehmen.

         

Als ich mich beim König vorstellte, schien er von meinem Kommen sehr angetan. Er bat mich, mit einer Flotte zu reisen, die aus drei Schiffen bestand und für ihn neue Länder entdecken sollte. Da der Wunsch eines Königs den Rang eines Befehls hat, mußte ich seiner Bitte zustimmen.

         

Am 10. Mai 1501 verließen wir mit drei Schiffen den Hafen von Lissabon. Unsere Route führte an der Insel Gran Canaria vorbei, wo wir keinen Aufenthalt hatten. Dann segelten wir an der westlichen Küste Afrikas entlang. Wir hatten drei Tage Aufenthalt, an denen wir Fische fingen, die Seebrassen genannt werden. Wir fuhren danach an Äthiopiens Küste entlang, bis wir in der heißen Zone an einem Hafen namens Bezeguiche (heute Dakar - d.Ü.) anlangten. Er liegt bei vierzehneinhalb Grad auf der nördlichen Hälfte, im ersten Klima. Wir machten elf Tage Rast, um Wasser und Brennholz zu fassen, denn es war meine Absicht, danach gen Süden durch das Atlantische Meer zu segeln. Nach Verlassen des Hafens segelten wir nach Südwest, später nach West.

           

Nach siebenundsechzig Tagen erreichten wir Land, das siebenhundert Leguas von besagtem Hafen in Richtung Südwesten entfernt war. Während dieser siebenundsechzig Tage war das Wetter so schlecht, wie kein Seefahrer es schlimmer erlebt hat. Regengüsse, Wirbelstürme und Gewitter suchten uns heim. Wir hatten immer widrige Winde. Am besten erging es uns noch unmittelbar unter der Äquatorlinie, wo im Juli Winter herrscht, wo Tag und Nacht gleich sind, wo der Schatten stets nach Süden fällt.

 

Gott gefiel es, uns am 17. August ein neues Land zu zeigen. Eine halbe Legua vor der Küste warfen wir Anker, setzten die Boote aus, um an Land zu fahren. Wir wollten sehen, ob das Land bewohnt war und welcher Art seiner Bewohner waren. Tatsächlich war das Land bewohnt, von Menschen, die schlimmer noch als Tiere sind.

         

Euer Gnaden mögen sich vorstellen, daß wir anfangs niemanden antrafen, doch an Spuren erkannten wir wohl, daß das Land bewohnt war. Wir nahmen das Land im Namen des Ehrwürdigen Königs in Besitz. Das Land war lieblich und grün, es war wunderschön. Es lag fünf Grad südlich der Äquatorlinie. Bald kehrten wir zu unseren Schiffen zurück und wollten am anderen Tage wieder an Land gehen. Unser Wasser und unser Brennholz waren knapp.

         

Als wir bereits gelandet waren, erblickten wir auf dem Gipfel eines Berges Menschen, die uns beobachteten, sich jedoch nicht hinabwagten. Es waren nackte Wilde, und ihre Farbe und Statur waren wie die aller anderen. Wir versuchten, sie zum Näherkommen zu bewegen, um mit ihnen zu sprechen, doch konnten wir ihr Vertrauen nicht erwecken. Da sie sich weigerten und die Zeit fortgeschritten war, kehrten wir zu unseren Schiffen zurück. Schellen, Spiegel und andere Dinge ließen wir an Land zurück. Kaum daß wir auf dem Wasser waren, stiegen sie von ihrem Berg hinab, um jene Dinge zu bewundern, die wir ihnen gebracht hatten. An dem Tage hatten wir nur Wasser geholt.

         

Am nächsten Morgen sahen wir vom Deck unserer Schiffe, daß die Wilden an Land viel Feuer entzündet hatten. Im Glauben, daß sie uns rufen wollten, fuhren wir an Land. Dort waren viele Menschen versammelt, die jedoch Abstand hielten. Sie machten Zeichen, daß wir näherkommen sollten.

         

Zwei von uns Christen gingen zum Kapitän und boten an, in dem Falle, da er ihnen dazu Genehmigung erteile, die Gefahr auf sich zu nehmen und zu den Wilden zu gehen. Sie wollten herausfinden, welcher Art diese Wilden waren und ob sie Reichtümer wie Gewürze oder Heilpflanzen besaßen. Sie drangen so lange in ihn, bis der Kapitän zustimmte. Sie statteten sich mit vielen Tauschwaren aus und verließen uns mit dem Befehl, nicht länger als fünf Tage auszubleiben. Länger wollten wir nicht auf die Männer warten. Sie machten sich auf den Weg, während wir zu den Schiffen zurückkehrten, um ihrer zu harren. Fast jeden Tag erschienen Wilde am Strand, doch nie wollten sie mit uns sprechen.

         

Am siebten Tag fuhren wir an Land und bemerkten, daß sie ihre Frauen mitgebracht hatten. Kaum hatten wir die Boote verlassen, schickten sie uns mehrere ihrer Frauen zu uns. Doch wir sahen, daß wir ihnen kein Vertrauen einflößen konnten. Deshalb schickten wir einen jungen Mann von uns zu ihnen, und um sie zu beruhigen, stiegen wir wieder in die Boote. Jener junge Mann ging auf die Frauen zu. Diese umringten ihn sofort. Sie betasteten ihn und betrachteten ihn mit hohem Erstaunen. Derweil kam eine Frau den Berg hinab, die in ihrer Hand einen großen Knüppel trug. Sie näherte sich unserem Christen von hinten, erhob den Knüppel und versetzte ihm einen solchen Hieb, daß er tot umfiel. Sofort zerrten ihn die anderen Frauen bei den Füßen zum Berg.

 

Zur gleichen Zeit stürzten die Männer herbei. Sie rannten an den Strand. Sie waren mit Bogen bewaffnet und ließen einen Hagel Pfeile auf uns niedergehen. All das löste ein völliges Durcheinander unter unseren Männern aus, die noch immer in ihren Booten am Strand saßen. Niemand kam dazu, die Waffen zu ergreifen, denn es regnete Pfeile auf die Boote. Wir feuerten vier Bombardenschüsse ab, die jedoch daneben gingen. Der Knall schlug sie in die Flucht auf ihren Berg.

 

Die Frauen waren bereits dabei, den Christen zu zerlegen. Sie brieten ihn über einem Feuer. Dann zeigten sie uns noch einmal seine abgeschlagenen Glieder, ehe sie diese verschlangen. Mit Zeichen gaben uns die Männer zu verstehen, daß sie jene zwei anderen Christen ebenfalls getötet und verschlungen hatten. Diese Nachricht löste unter uns großen Kummer aus. Wir mußten mit unseren eigenen Augen mit ansehen, zu welcher Grausamkeit die Wilden einem Toten gegenüber fähig waren. Das war für uns eine unerträgliche Herausforderung. Mehr als vierzig Mann von uns trugen sich mit der festen Absicht, an Land zu gehen und den grausamen Tod, diesen bestialischen und unmenschlichen Akt zu rächen. Doch der Oberste Kapitän lehnte dies ab.

         

Den Wilden blieb zu der Gemeinheit auch noch der Triumph. Wir fuhren widerwillig und beschämt ob der Schuld unseres Kapitäns ab. Wir verließen den Ort, um unsere Fahrt in Richtung Ost, Südost fortzusetzen, denn so war der Verlauf der Küste.

 

Wir machten noch sehr viele Zwischenlandungen, doch nirgendwo trafen wir auf Menschen, die mit uns Handel treiben wollten. So segelten wir dahin, bis wir bemerkten, daß sich das Festland nach Südwest hinzog. Nachdem wir ein Kap umschifft hatten, dem wir den Namen Santo Agostinho gaben, änderten wir unseren Kurs auf Südwest. Dieses Kap liegt 150 Leguas östlich jenes Ortes, an dem uns unsere Christengefährten getötet wurden. Es befindet sich bei 8 Grad jenseits der Äquatorlinie.

 

Wir setzten unsere Fahrt fort. Eines Tages erblickten wir viele Menschen am Strand, die das Wunder, welches unsere Schiffe für sie darstellten, betrachteten und auch die Art wie sie sich fortbewegten. Wir fanden einen guten Ankerplatz und fuhren mit unseren Booten Land. Es stellte sich heraus, daß die Menschen hier von wesentlich besserer Art waren als die anderen. Doch kostete es uns einige Mühe, sie zu zähmen. Sie wurden unsere Freunde, und wir trieben Handel mit ihnen. Wir blieben fünf Tage an dem Ort. Hier fanden wir grüne, aber auch trockene Canafistula auf den Bäumen.

 

Wir beschlossen, von jenem Ort zwei Männer mitzunehmen, damit sie uns in ihrer Sprache unterwiesen. Schließlich boten sich gar drei an, mit uns nach Portugal zu gehen. (...)

 

Wir fuhren an der Küste etwa 750 Leguas entlang: 150 vom Cabo de Santo Agostinho nach Westen und dann 600 nach Südwest. Wollte ich alles erzählen, war ich auf dieser Reise erlebte, so würden noch einmal soviel beschriebene Blätter nicht ausreichen. Entlang der Küste fanden wir nichts, woraus man Nutzen ziehen konnte, allenfalls eine endlose Zahl an Färbeholzbäumen und Cassia und solche, die Mhyrrenöl abgeben und viele andere Wunder der Natur, die man nicht zu beschreiben vermag.

 

Nachdem wir schon zehn Monate unterwegs waren und festgestellt hatten, daß in diesem Lande keine Erze zu finden waren, beschlossen wir, es zu verlassen und uns anderen Ländern zuzuwenden. Der Rat tagte, und es wurde beschlossen, der Route zu folgen, die mir als die beste schiene. So wurde mir das Kommando der ganzen Armada übertragen. Ich befahl darauf, daß alle Mann für Proviant, Wasser und Brennholz für sechs Monate sorgen sollten. So lange meinten wir Offiziere, durchhalten zu können. (...)

 

Wir segelten so weit, daß wir schließlich bei 52 Grad anlangten und den Großen und den Kleinen Wagen nicht mehr beobachten konnten. (...) Am 7. April erblickten wir ein Land, an dem wir etwa 20 Leguas entlangsegelten. Doch war seine Küste sehr zerklüftet und kein Hafen in Sicht und keine Menschen zeigten sich. Die Kälte wurde so groß, daß niemand in der Flotte etwas dagegen tun noch sie weiter aushalten konnte. Wir sahen uns in größter Gefahr und beschlossen, nach Portugal zurückzukehren (...)

 

Gott sei es gedankt, am 7. September 1502 erreichten wir gesund und munter den Hafen von Lissabon, doch nur mit zwei Schiffen; das andere hatten wir in Sierra Leone verbrennen müssen, weil wir damit nicht mehr segeln konnten.

 

Die in gedruckter Form erschienenen Reiseberichte Vespuccis sind zurechtgestutzte Fassungen seiner Briefe, deren Authentizität unter Historikern umstritten ist. Sebastian Franck, der bereits über Pedro Álvares Cabral schrieb, läßt Vespucci im "Weltbuch" über seine Reisen berichten (in: Sebastian Franck, Weltbuch. Spiegel uñ bildtniss, Tübingen, 1534).

 

Die Schiffart Alberici Vespucij gegen mittag über die linien Equinoctialem ein warhafftige und wunderbarliche Histori von eyner andern welt

         

(...) Nun in disem gefundnen Land oder welt ist ein solche menge volcks/ welches niemandt erzölen mag/ vnd ist ein herbergfrey sanfftmütigs gütwilligs volck/ die allnackend geen wie sy auß mütterleib steigen/ vnd von keiner scham nicht wissen. Es seind fürschrötige wolgestalte grosse leüt/ gleich rotfarb/ eins milte vnd schönen angesichts/ geschickt zu aller kurzweil vnd freündschafft.

         

Die man durchlöchern yr angesicht vnd heylen die löcher auß/ setzen vn tragen allerley Edelgsteyn in den Löcheren ettwa biß XXX lot schwer/ on was sy in oren tragen. Der frawen angesicht seind gantz/ aber die oren voller steyn.

 

Dise leüt haben nicht eygene güter/ sunder alle ding gmeyn auch die weiber. Etliche frauwen geschwellen das mannlich glid yhrer mener so groß/ das es erschrocklich ist züsehen/ vn vil damit verderbt werde. (...)

 

Sy kriegen on alle ordnung vnd die gefangenen fressen sy/ vnd die siger essen die überwundenen/ vnd ist menschenfleysch ein gemeyne speiß bey yhn. Ich hab selbs gesehen das der vatter gessen hat seine eygene kinder vnd weib. Mit einem mann hab ich selbs geredt/ der hatt meer dan von CCC menschencörpern gessen.

 

Ich sahe auch selbs menschenfleysch eingesaltzen/ vnd an den balcken hangen (in den heüsern. Sy verwundern sich auch das wir vnsere feind nit essen/ vnd so kostlich fleysch lassen hinkummen den würmen zütheyl. Ire waffen seind böge/ vnd so sy gegen einander steen im streit/ bedecken sy kein teyl yrs leibs. Wir widrieten yhn sollich vihische vnvernünfftige weiß. (…)

 

Der spanische Pater Bartolomé de Las Casas griff auch in die Polemik um Vespucci ein (in: "Historia de las Indias", Bd. III, Kap. II, Madrid, 1875-76):

 

Im Jahre Fünfhundert, als die Nachrichten von Gold und Perlen in der Neuen Welt immer mehr zunahmen, brachten diejenigen, die an der Küste des Festlandes entlangsegelten, große Gewinne mit. Denn sie handelten mit Dingen von geringem Wert, grünen, blauen und andersfarbigen Glasperlen, kleinen Spiegeln, Schellen, Messern und Scheren. Mochten die Gewinne insgesamt auch gering gewesen sein, in Spanien, das damals sehr arm war, wurde dies für sehr viel gehalten. Viel konnte damit erreicht werden. Es wuchs die Sehnsucht, reich zu werden, und so verlor sich die Angst, weite, tiefe Meere zu überwinden, die nie zuvor befahren worden waren. (...)

         

Während eines Prozesses wies Alonso de Hojeda darauf hin, daß Amerigo Vespucci, der mit ihm gereist war, wiederholt versuchte, in aller Stille die Entdeckung des Festlandes für sich in Anspruch zu nehmen. Damit wollte er dem Admiral (Kolumbus - d.Ü.) den Ruhm, der ihm zustand, streitig machen. Er tat dies, indem er als Abreisedatum für seine zweite Reise den 11. Mai 1499 ab Cádiz festlegte. Tag und Monat mögen stimmen, doch das Jahr stimmt nicht; es war im Jahre 500. (...)

         

Die erste Reise, die Alonso de Hojeda unternahm und auf der Amerigo Vespucci mitfuhr, begann in Puerto de Sancta María in Kastilien, und zwar nachdem der Admiral den Königen die Nachricht von der Entdeckung Parias (Halbinsel in Venezuela, nahe Trinidad - d.Ü.), das auf dem Festland gelegen ist, und den dort gefundenen Perlen hatte zukommen lassen. Diese Nachricht erst bewog Hojeda auf Entdeckungsfahrt zu gehen. Er folgte der Route wie der Admiral sie den Königen mitgeteilt hatte. Diese Nachricht war mit fünf Schiffen gekommen, die am 18. Oktober 1498 losgesegelt und an Weihnacht in Kastilien eingetroffen waren. Deshalb konnten Hojeda und Vespucci unmöglich zu ihrer ersten Reise im Jahre 97 aufgebrochen sein, sondern erst im Jahre 99. (...)

 

Die oben beschriebene Fahrt Vespuccis wird, wie seine vierte Reise zwischen 1503-04, zu den Erkundungsfahrten vornehmlich entlang der brasilianischen Küste gerechnet. Oberster Kapitän dieser Fahrten soll der von König Manuel dazu auserkorene Gonçalo Coelho gewesen sein.

 

Ein Dokument von 1513 nimmt Bezug auf die Fahrt von 1503; es handelt sich um die Begnadigung eines Deportierten durch König Manuel (in: Revista do Instituto 287, Rio, 1970, Comemorações Cabralinas).

 

Wir, Dom Manuuell usw., tun kund, daß Joam Fernandez, aus Abrantes gebürtig, uns durch sein Gnadengesuch wissen ließ, daß er wegen Falschaussage gegen eine Frau in Haft genommen worden war. Während der Haft wurde gegen den Bittsteller auf Grund seiner Tat folgendermaßen vorgegangen: das gegen ihn verhängte Urteil sah vor, daß er ausgepeitscht und in Ketten gelegt, für 4 Jahre nach der Insel Samtome verbannt würde, und dies sollte in der Stadt öffentlich bekanntgegeben werden.

 

Er fuhr in einer Flotte, deren Kapitän Gonçalo Coelho war. Sie fuhren über das Meer und kamen bei der Insel Cabo Verde an, wo er wegen des schlechten Lebens von Bord floh. Acht oder neun Jahre verbarg er sich auf jener Insel, da er lebenslänglich auf die Insel verbannt war. Folgende Strafen waren ihm auferlegt: er ward ausgepeitscht und öffentlich in Ketten in der Stadt zur Schau gestellt. So konnten Wir es am Vollstreckungsurteil, welches Uns, mit Unserem Siegel versehen und von Unserer Kanzlei ausgestellt, vorlag. Dieses Urteil sagt aus, daß über besagten Bittsteller besagte öffentliche Strafe verhängt worden war. Weiter heißt es, daß er, der Bittsteller, welcher nunmehr auf immer nach besagter Insel verbannt worden war, Uns um Erlaß des Banns und Vergebung der Flucht bat, (…) und dafür 12.300 Reis zahlen wollte, und zwar 12.000 für wohltätige Zwecke und 300 wegen der Unserem Gericht durch seine Flucht entstandenen Kosten.

 

Besagte Gelder zahlte er, wie Wir aus der Kenntnisnahme durch Unseren Verwalter wohltätiger Spenden Frei Lujs da Costa und Symão Rodrigues, Empfänger besagter Summe bei Gericht erfuhren. (…)

 

Und da es nun Unser Wille ist, ihm jene Strafe, die über ihn verhängt wurde, zu erlassen, und, obwohl in besagtem Urteilsspruch versehentlich vier Jahre eingetragen waren, bat er Uns um die Gnade, einer Revision zuzustimmen und den Bann von ihm zu nehmen, obwohl er die Verbannung noch gar nicht angetreten hatte. (…)

 

Wir wollen besagtem Bittsteller die Freude und die Gnade erweisen, besagtes Gnadengesuch zu bewilligen, das er an Uns gerichtet und in welchem er erklärt, daß er auf immer nach der Insel Samtome verbannt worden war, sofern er sich des weiteren bereit erkläre, außer den bereits bezahlten 12.300 Reis weitere 6.000 Reis für wohltätige Zwecke zu zahlen. (…)

 

Wie das ereignisreiche Leben des Amerigo Vespucci zeigt, waren es Portugal und Spanien, die das Geschäft der Entdeckungen intensiv betrieben - doch nicht sie allein. Vor allem Frankreich, später aber auch England und Holland neideten den beiden, die die Welt mit päpstlichem Segen unter sich aufgeteilt hatten, die Reichtümer. Der "Authentische Bericht über die Reise des Kapitäns Binot Paulmier de Gonneville" von 1503 zeigt den Eifer der Franzosen, selbst in Brasilien Fuß zu fassen. Der bekannte französische Ethnologe Claude Lévy-Strauss schreibt (in: Claude Lévi-Strauss, Traurige Tropen, Leipzig, 1988):

 

Die bevorzugte Stellung, die Frankreich zur damaligen Zeit an der brasilianischen Küste einnimmt, wirft eine Reihe kurioser Fragen auf. Mit Sicherheit läßt sie sich bis zum Anfang des Jahrhunderts zurückverfolgen, als die Franzosen viele Reisen unternahmen - insbesondere Gonneville im Jahre 1503, der einen indianischen Schwiegersohn aus Brasilien mitbrachte.

 

Der Authentische Bericht über die Reise des Kapitäns Binot Paulmier de Gonneville nach Indien, die allerdings in Südbrasilien bei den Tupi endete (in: Gonneville, Relation authentique, Paris, 1869):

         

Erster Teil Die Ausrüstung des Schiffes

         

1. Anlaß und Ziel der Reise

Es heißt, daß Gonneville und die ehrenwerten Herren Jean l'Anglois und Pierre le Carpentier auf ihrer Reise nach Lissabon des gewaltigen Reichtums, Gewürzen und anderer Raritäten angesichtig wurden, die auf portugiesischen Schiffe aus dem vor wenigen Jahren entdeckten Ostindien in diese Stadt gebracht worden waren. Nachdem sie bei Leuten, die bereits eine solche Reise gemacht hatten, Erkundigungen eingezogen hatten, faßten sie den Entschluß, gegen hohe Bezahlung die zwei portugiesischen Piloten Bastião de Moura und Diogo do Couto einzustellen, welche eben von einer Reise zurückgekehrt waren, auf daß ihre Erfahrungen auf der Reise eine Unterstützung sein mochten.

 

2. Die Reeder und das Schiff

Und weil die drei Genannten nicht genügend Fakultäten besaßen, ein so hohes Unternehmen allein zu bestreiten, taten sie sich mit (...) neun weiteren Bürgern aus Honfleur zusammen und statteten auf gemeinsame Kosten ein Schiff von hundertzwanzig Tonnen aus. Es trug den Namen "L'espoir" und hatte bislang nur eine Reise bis Hamburg hinter sich. Es war gut gebaut und sehr schnell, es war eines der best ausgestatteten Gefährte des ganzen Hafens von Honfleur. Die Reeder hatten bei der Ausstattung an nichts gespart, worüber die Inventarliste Auskunft gibt:

 

3. Waffen und Munition

Zwei Feuerrohre aus Kupfer-Messing-Guß;

zwei Halbrohrgeschütze aus gleichem Guß;

sechs Haubitzen und Mörser aus Eisenguß in verschiedenen Größen und Kalibern;

vierzig Musketen, Arkebusen und andere Feuerwaffen;

sechzehnhundert Pfund Kugeln verschiedener Kaliber für Artillerie, zuzüglich drei Dutzend Kugeln mit Haken und Ketten;

Außerdem vierhundert Pfund Blei in Tafeln und Barren für Kugeln für die genannten Feuerwaffen;

fünfhundert Pfund an Eisenteilen und Kartätschenmunition für die genannte Artillerie;

zweitausend Pfund Schwarzpulver für Kanonen, deren fünfter Teil gekörnt ist;

dreihundertfünfzig Lunten für Feuerwaffen;

die genannte Artillerie ist auf Lafetten montiert (...)

 

5. Lebensmittel

Außerdem wurde das Schiff mit Schiffszwieback, Korn und Mehl für fast zwei Jahre ausgestattet, entsprechend der großen Anzahl an Leuten;

Erbsen, Bohnen, Speck, Ziegenfleisch, getrockneter, eingesalzener Fisch, Cidre und andere Getränke, nebst Wasser für mehr als ein Jahr. Obendrein wurden vor der Abfahrt noch viele Erfrischungen an Bord gebracht; der Arztkoffer des Schiffsarztes mit verschiedenen der gebräuchlichsten Medikamente und weiteren Instrumenten und Utensilien dieser Kunst.

 

6. Tauschwaren

An Waren wurde das Schiff mit folgendem beladen:

Stoffe verschiedenster Qualität, 300 Stück;

Äxte, Schaufeln, Sicheln, Rechen, zusammen viertausend Stück;

2000 Kämme verschiedener Art;

50 Dutzend kleiner Spiegel;

6 Zentner Glasperlen;

8 Zentner Krimskram aus Rouen;

20 Messer- und Klingenfeilen;

1 Paket Stecknadeln und Nähnadeln;

20 Stück grober Wollstoff;

30 Stück Barchent;

4 Stück scharlachroter Stoff und 8 Dutzend Stück in verschiedenen Farben;

1 Stück bemalter Samt;

mehrere Stück Goldsamt;

Und Silbergeld, von dem man wußte, daß es in Indien besser angenommen würde als Gold. Und alles Weitere, was die Portugiesen auf solchen Fahrten mit sich führen, um auf dem Wege gut Tauschhandel betreiben zu können.

 

7. Besatzung und Abreise

Es schifften sich 60 Personen ein; in gemeinsamer Übereinkunft aller, und insbesondere seitens der Miteigner, wurde der Bürger Gonneville zum Kapitän und Oberstem Chef ernannt. Er sollte die Reise so führen, wie er es verstünde, und mit der Beratung durch Andrieu de la Mare und Anthoine Thiery, zwei Mitreisenden auf dem Schiff. Für den Dienst auf See waren als Pilot Colin Vasseur, aus Saint-Arnous lez de Touques, ein sehr erfahrener Bootsmann, und Nollet Epeudry aus Grestaing als 2. Pilot auserkoren.

 

Und alle, die Oberen und die einfachen Gefährten, erhielten vor der Abreise die Sakramente, einmal wegen des Wagnisses einer so weiten Reise und zum anderen wegen der Ungewißheit, wann die nächste Gelegenheit sich böte. Denn es war kein Kapellan an Bord, und so verließen sie das Christenreich. Sie verließen den Hafen von Honfleur am Tage des Heiligen Johannes des Täufers im Jahre 1503. (...)

 

13. Entdeckung eines riesigen Landes

Sie gerieten in einen Sturm, auf den eine Windstille folgte. So kamen sie nur wenig voran. Doch Gott verließ sie nicht. Sie sahen viele Vögel von Süden her auftauchen und wieder verschwinden. Dies überzeugte sie, daß sie nicht weit vom Land entfernt sein konnten. Und weil sie, um dorthin zu gelangen, den Küsten der Ostindien den Rücken kehren mußten, taten sie dergleichen, wobei die Segelmanöver geändert werden mußten. Am 5. Januar entdeckten sie ein großes Land, wo sie erst am darauffolgenden Nachmittag vor Anker gehen konnten, weil der Landwind dies nicht eher zuließ. Sie ankerten in günstigem Grund. Noch am selben Tag fuhren einige Besatzungsmitglieder, das Land näher zu besichtigen. Am nächsten Morgen wurde die Schaluppe ausgesetzt, um die Küste auf der Suche nach einem Hafen abzufahren. Sie kehrte nach einem halben Tag zurück und führte das Schiff zu einem Fluß, der zuvor gefunden worden war. Er ähnelte sehr der Orne.

 

3. Teil Aufenthalt in den neuen Ländern der Indien

 

14. Zustand des Schiffes und die daraus resultierenden Entscheidungen

 

Sie hielten sich in dem Land bis Juli auf, weil sie das Schiff völlig zernagt und entzwei vorfanden, so daß es abgedichtet werden mußte. Dabei verging viel Zeit, denn es fand sich niemand an Bord, der Fachmann darin gewesen wäre.

 

Nun verlangte es die Mannschaft, nach Frankreich zurückzusegeln. Sie wollte nicht mehr nach Indien weitersegeln. Die Matrosen sagten, daß dieses Meer noch nicht von Christen befahren worden sei, daß es verlorene Zeit wäre. Außerdem fehle der Hauptpilot, auf dem die Verantwortung für die Reise liege. Das schlimmste jedoch sei, daß das Schiff die beabsichtigte Fahrt nicht überstehen könnte. Mit diesen und anderen Gründen wurde ein Schreiben aufgesetzt, das alle zur Entlastung des Kapitäns  unterzeichneten. So ward beschlossen, zur Christenheit zurückzukehren.

 

15. Charakter und Lebensart der Eingeborenen

Während ihres Aufenthaltes in dem Land unterhielten sie sich freundschaftlich mit dessen Bewohnern, nachdem diese sich an die Christen gewöhnt hatten und durch Speisen und kleine Geschenke angelockt worden waren. Diese Indios sind einfache Menschen, sie wollen ihr Leben fröhlich und ohne große Arbeit verbringen. Sie leben von Jagd und Fischfang und von dem, was die Erde hergibt. Sie pflanzen einige Gemüse und Wurzelknollen an. (…)

 

23. Vorkehrungen für die Rückfahrt

Nachdem das Schiff kalfatert und gereinigt worden war und auf das Beste für die Heimkehr gerüstet war, wurde beschlossen, nach Frankreich zurückzusegeln. Und weil es ein Brauch unter denjenigen ist, die nach den neuen Indien fahren, der Christenheit einige Indios mitzubringen, bat man den Monsieur Arosca inständig, bis er einwilligte. Er brachte seinen eigenen Sohn, der mit der Besatzung in bestem Einvernehmen gelebt hatte. Er sollte zu den Christen fahren. Sie hatten dem Vater versprochen, ihn spätestens nach 20 Monden zurückzubringen. Nach Monden rechnen nämlich die Indios die Zeit.

 

Um die Eingeborenen noch mehr zu ermuntern, machte man sie glauben, daß jene, die hierher kämen, in der Handhabung der Artillerie unterwiesen würden. Denn das wünschten sie sich am brennendsten, um ihre Feinde dominieren zu können. Außerdem sollten sie glauben, die Anfertigung von Spiegeln, Messern, Äxten und allen anderen Dingen, die sie an den Christen so sehr schätzten, erlernen zu können. Es war, als wenn man einem Christen Gold, Silber und Edelsteine versprach, oder ihm vorgaukelte, den Stein der Weisen finden zu können.

 

Arosca glaubte ganz fest an diese Dinge und war daher höchst zufrieden, daß sein Sohn Essomeric fahren sollte. Er gab ihm zum Begleiter einen Indio von 35 bis 40 Jahren mit; der hieß Namoa. Der König und sein Volk begleiteten sie zum Schiff und statteten sie überreichlich mit Proviant aus, sowie mit zahlreichen wunderschönen Federarbeiten und anderen Raritäten. Sie waren als Geschenk an den König, Unseren Herrn, gedacht. Monsieur Arosca und seine Leute warteten bis zum Ablegen des Schiffes und ließen den Kapitän schwören, daß er innerhalb von 20 Monden zurückkäme. Während der Abfahrt machten die Indios großes Getöse und gaben zu verstehen, daß sie das Kreuz bewahren würden, indem sie mit zwei Fingern das Zeichen des Kreuzes machten.

 

4. Teil Rückreise

 

24. schlechtes Wetter und Krankheit

Sie segelten am dritten Tag im Monat Juli 1504 von den südlichen Indien fort und sahen das Festland erst am Vorabend von Saint Denys wieder. Sie hatten inzwischen viele Mißgeschicke und Typhus durchlitten. Von dem Fieber wurden mehrere Personen angesteckt und 4 starben daran, nämlich: Jean Bicheerel, aus Pont l'Evesque, Schiffsarzt; Jean Renoult, Soldat aus Honfleur; Stenoz Vennier, aus Gonneville bei Honfleur, Bediensteter des Kapitäns; und der Indio Namoa.

 

Es kamen Zweifel wegen einer möglichen Taufe des Indio auf. Doch der bereits erwähnte Monsieur Nicole meinte, hier würde die Taufe völlig unnötig entweiht, weil jener Namoa nicht den Glauben an Unsere Heilige Mutter Kirche hatte, den alle haben müssen, die die Taufe im Alter der Vernunft empfangen. So wurde dem Monsieur Nicole geglaubt, da er in Glaubensfragen der Beschlagenste an Bord war. Doch dann kamen Skrupel in ihm auf. Und als darauf der junge Indio Essomeric erkrankte und in großer Gefahr schwebte, wurde er auf dessen Betreiben getauft. Monsieur Nicole selbst überbrachte dem Indio die Sakramente. Taufpaten waren Kapitän Gonneville und Antoine Thiéry. Und anstelle der Patin trat Andrieu de la Mare als dritter Pate auf. Er wurde auf den Namen Binot getauft, den Taufnamen des Kapitäns. Die Taufe fand am 14. September statt. Es scheint, als habe die Taufe als Linderung für Körper und Seele gewirkt. Von da an besserte sich sein Zustand, er wurde gesund und hält sich jetzt in Frankreich auf.

 

25. Zwischenlandung in einem anderen Land

Es heißt, solche Krankheiten treten auf, wenn das Wasser an Bord verdirbt, aber auch durch die Luft auf See. Denn man konnte bemerken, daß durch die Luft an Land und Fleisch und frisches Wasser alle Kranken kuriert wurden. Da das Übel erkannt war, wünschten sich alle nur an Land. Nachdem der Wendekreis des Steinbocks passiert war, erkannten sie, daß sie von Afrika weiter entfernt waren als von den West-Indien, wo die Leute aus Dieppe, die Malouinois und andere Normannen und Bretonen seit einigen Jahren rotes Färbeholz, Baumwolle, Affen, Papageien und andere Dinge herholen. Und da der Ostwind, der zwischen Steinbock und Krebs für gewöhnlich weht, sie in Richtung auf West-Indien trieb, wurde einstimmig beschlossen, jenes Land aufzusuchen, um vor allem von den erwähnten Gütern zu laden und so die Reiseausgaben hereinzubekommen. Und genau dort kamen sie, wie erwähnt, am Vorabend des Saint Denys an. (...)

 

27. Unglück bei den Kannibalen

Dort in dem Land, wo sie geankert hatten, waren bereits Christen gewesen, wie man an den Dingen in den Händen der Indios, die von Christen stammten, erkennen konnte. Daher wunderten sich die Indios auch nicht, das Schiff zu sehen. Sie fürchteten vor allem Artillerie und Arkebusen. Unerschrocken waren sie an Land gegangen. Während einige Wasser holten, gingen andere ungewaffnet an Land umher, da sie nichts befürchteten. Da wurden sie von diesen tückischen Indios überfallen, wobei ein Schiffsjunge namens Henry Jesanne getötet wurde und zwei Männer aus Honfleur ergriffen und in den Busch geschleppt wurden. Es handelt sich um Jaques L'Homme, genannt der Glückspilz, ein Soldat, und Colas Mancel, ein Matrose. Diese beiden armen Teufel verschwanden, ohne daß ihnen jemand zu Hilfe eilen konnte.

 

Es befanden sich noch vier Mann an Land, die sich in das Beiboot flüchteten. Sie konnten sich retten und waren alle stark verwundet worden. Einer von ihnen starb, kaum, daß er an Bord gekommen war: Und das war der bereits bekannte Monsieur Nicolle Le Febvre, der aus Neugier mit an Land gegangen war. Alle bedauerten ihn sehr, er hatte ein besseres Schicksal verdient, denn er war sehr leutselig und klug.

 

28. erneute Landung nach einhundert Meilen Fahrt

Diese beklagenswerten Ereignisse zwangen sie, den Ort des Unglücks zu verlassen. Sie segelten darauf etwa 100 Meilen an der Küste entlang, wo sie auf Indios trafen, die ähnlich den vorherigen aussahen, doch von denen ihnen kein Schaden zugefügt wurde. Sollten sie so etwas vorgehabt haben, so haben sie nichts dergleichen getan, denn durch die vorherige Erfahrung gewarnt, vertrauten sie ihnen nicht.

 

Während das Schiff vor Anker lag, wurde es mit Proviant und der größt möglichen Menge an den bereits genannten Waren des Landes beladen. Die Aufstellung der Waren wurde in der Sache gegen die Räuber des Schiffes dem Richter vorgelegt.

 

Diese Waren würden die Reisekosten decken und außerdem einen guten Gewinn bringen, wenn das Schiff sicher seinen Hafen erreicht hätte.

 

29. endgültige Abreise

Sie verließen dieses Land um Weihnachten 1504 und führten zwei aufgegriffene Indios mit, die sie nach Frankreich bringen wollten. Doch noch in der ersten Nacht stürzten sie sich ins Meer. Das Schiff befand sich über 3 Meilen von der Küste entfernt. Diese Wilden sind so vorzügliche Schwimmer, daß solche Entfernungen sie nicht schrecken. (...)

 

33. Einfahrt in Honfleur

Nachdem sich der Zustand der Verletzten gebessert hatte, begaben sie sich zum Hafen von la Hogue, wo sie drei Kranke zurückließen (...) Die Übrigen gelangten auf dem Landwege nach Honfleur, wo sie am 20. Mai ankamen. Sie waren 28 an der Zahl: (...)

 

Darunter befand sich auch der Indio Essomeric, auch Binot geheißen, der in Honfleur und in allen anderen Orten neugierig betrachtet wurde, da er ein Mensch war, der aus einem sehr entfernten Land kam und noch nie in Frankreich gewesen war. Die Bewohner der Stadt waren froh, ihre Landsleute, aus großem Unglück vor der Haustür gerade noch entkommen, von so einer gewaltigen Reise zurückgekehrt zu sehen.

         

Die Mannschaftsaufstellung der "L'Espoir", 120 Tonnen,  des Kapitäns Binot Paulmier de Gonneville:

1. Binot Paulmier de Gonneville, Kapitän, Reeder, oberster Chef

2. Antoine Thiery       

3. Andrieu de la Mare, beide aus Honfleur, Ko-Reeder

4. Bastiam Moura - beides Portugiesen, in Lissabon angeheuert       

5. Diegue Cohinto 

6. Colin Vasseur, aus Saint-Arnoult lez Touques, erster Pilot, plötzlicher Tod durch Herzschlag auf hoher See, um den 30. 11. 1503

7. Nollet Espeudry, aus Grstain, zweiter Pilot, umgekommen bei dem Angriff der Piraten vor Jersey, am 7. Mai 1505

8. Jean Bicherel, aus Pont-l'Eveque, Schiffsarzt, am Typhus jenseits des Tierkreises des Steinbocks gestorben, Juli - Oktober 1504

9. Monsieur Nicole Lefebvre, aus Honfleur, Passagier, ein wissensdurstiger Mann der Wissenschaften, von den Kannibalen tödlich verwundet, am 10. Oktober 1503

10. Sire Coste, aus Harfleur, aus Wissensdurst auf Reisen gegangen, südlich des Äquator am Skorbut gestorben, Sept. - Nov. 1503

11. Pierre Estieuvre, aus Honfleur, an Skorbut gestorben

12. Louis Le Carpentier, aus Honfleur, an Skorbut gestorben

13. Cardot Heschamps, aus Pont Audemer, Artillerist, an Skorbut gestorben

14. Marc Drugeon, aus Breuil, an Skorbut gestorben

15. Philippe Muris, aus Touques, an Skorbut gestorben

16. Jean Renoult, aus Honfleur, Soldat, an Typhus gestorben

17. Stenot Vennier, aus Gonneville bei Honfleur, an Typhus gestorben

18. Jacques L'homme, genannt der Glückspilz, Soldat, von den Kannibalen getötet

19. Colas Mancel, Matrose, von den Kannibalen getötet

20. Henri Jesane, Page, von den Kannibalen getötet

21. Jean Davy

22. Perrot Davy, Sohn des Jean

23. Robert Vallasse

24. Guillaume Du Bois

25. Guillaume Marc

26. Antoine Pain

27. Cardin Vestine

28. Jacques Sueur

29. Henri Sueur, Bruder des Jacques

30.Robert Mahieu

31. Claude Verrier

32. Andrieu de Rubigny

33. Le batard de Colvé

34. Jean Le Boucher

35. Marc Des Champs   (21 - 35 beim Überfall durch die Piraten vor Jersey und Guernesey am 7. Mai 1505 getötet)

36. Pierre Toustain

37. Pierre de La Mare

38. Sire de Saint-Clérimonier (36 -38 durch den Piratenüberfall verletzt, in la Hogue gelassen)

39. Sire Potier

40. Sire Du Mont

41. Sire de la Rivière

42. Sire Du Ham

43. Sire de Bois le Fort (39 - 43 junge Abenteurer aus Honfleur)

44. Jean Cousin d. Ältere

45. Jean Cousin d. Jüngere

46. Claude Mignon

47. Thomas Bourgeoz

48. Alexis Lamy

49. Collas Velleé

50. Guillaume Le Duc

51. Thomas Varin

52. Jean Poullain

53. Gilles Du Four

54. Robert Heuzé

55. Liénard Cadorge

56. Henri Richard

57. Jacques Richard

58. Jean Bosque (44 - 58 alles Seeleute)

59. Lienard Cavalier, Page

60. Thomas Bloche, Page

61. Essomeric, Indio, 15 Jahre alt, auf den Namen Binot getauft

62. Namoa, Indio, 35 - 40 Jahre alt, an Typhus gestorben.

 

 

6. Der Brasilholzhandel: Weitere Erkundungsfahrten und territoriale  Konflikte mit den Spaniern

 

Die Entdeckung des Seeweges nach Indien und Amerika brachte der Alten Welt nicht nur Sklaven, Gewürze, Seide und Papageien, sondern auch völlig neue Rohstoffe. Einer davon waren die Färbehölzer aus Asien, die zwar längst bekannt, aber auf dem Landwege transportiert viel zu teuer waren. Das rote Färbeholz war bereits im 12. Jahrhundert im heutigen Italien als "bresil" bekannt. Mit der Entdeckung Brasiliens begann nun das Brasilholz wirtschaftlich zu werden und die einheimische Krappwurzel zu verdrängen. Das stark farbstoffhaltige Holz wurde geschabt und ausgekocht. In Verbindung mit Alaun gab es eine intensive Färbung, die auch dem Waschen standhielt.

 

Der Bericht über eine Fahrt des Brasilholzseglers "Bretoa" aus dem Jahre 1511 mag illustrieren, wie detailliert die Instruktionen im Namen des Königs an den jeweiligen Kapitän waren und wie rigoros der Umgang mit den Eingeborenen geregelt wurde. Das Dokument bezieht sich auf eine Faktorei für den Brasilholzhandel am Cabo Frio; nur dort durfte die Besatzung an Land gehen. Das Bordbuch verzeichnet akribisch jedes Detail der Fracht, ob nun belebt oder unbelebt. Es mag verwundern, daß unter den "Importeuren" von Sklaven alle Dienstgrade der Besatzung vertreten sind.

 

Von Interesse sind auch die Namen der Reeder des Schiffes. Das florentinische Handelshaus der Marchione tauchte bereits als Ausrüster der Cabral-Flotte 1500 auf. Und Fernão de Lloronha, oder auch Noronha, war bereits mit Vespucci unterwegs. Dieser "Neuchrist", so die Bezeichnung für konvertierte Juden, stand schon am Ende des 15. Jahrhunderts in hohem Ansehen bei Hofe, so daß ihm für seine der Krone erwiesenen Dienste die Würde als freier Bürger der Stadt Lissabon verliehen und er später in den Hochadel erhoben wurde. Er war übrigens der Schwiegervater von Pedro Álvares Cabral. Im Jahre 1504 wurde Noronha zum Kapitän der kleinen Atlantikinsel vor Brasilien ernannt, die noch heute seinen Namen trägt. Ihm wird die Entdeckung derselben zugeschrieben (in: Revista do Instituto Histórico, 24/1861):

 

Bordbuch der Bretoa, die zum Brasilland fährt und deren Reeder Bertolomeu Marchione, Benadito Morelle und Fernam de Lloronha und Francisco Miz sind. Das Schiff  verließ den Hafen von Lissabon am 22. Februar 1511.

 

Anweisungen für den Kapitän

 

Aus den Anweisungen des Königs, unseres Herrn, an den Kapitän, die ich, Duarte Fernandes, Schreiber, in dieses Bordbuch übertrug.

 

Ihr, verehrter Crystovam Pyz, Kapitän der Bretoa, die zum Brasilholzhandel fährt, habt die Reise und besagten Handel auf folgende Weise durchzuführen.

 

Ihr fahrt auf direktem Wege von Restello (Ablegeplatz in Lissabon - d.Ü.). Ihr werdet zu Eurer Versorgung Fischfang treiben und Euch so lange dabei aufhalten wie nötig. Dann setzt Ihr die Fahrt direkt bis nach Brasilland fort, ohne noch irgendeine Insel oder irgendeinen Punkt an der Guineaküste anzulaufen. Im besagten Brasilland angekommen, macht Ihr Euch sofort an den Tauschhandel, beachtet dabei die Sicherheit, damit Euch nichts passiert und Ihr oder irgend jemand an Bord auf die eine oder andere Weise Schaden nehmt oder Verluste an der Schiffsausrüstung erleidet. (…)

 

Ist besagter Tauschhandel abgeschlossen, unternehmt alles, unter Ausnutzung der Schiffsausrüstung, um in der kürzest möglichen Zeit so viel wie möglich guten Brasils bei geringsten Ausgaben an Bord zu bringen.

 

Alle Stämme aus Brasilholz, die an Bord gebracht werden, sollen so verstaut werden, daß Ihr und der Schreiber sie gut zählen könnt. Der Schreiber soll sie in seinem Buch so deklarieren, daß kein Fehler auftreten kann. Die Stämme sollen so angeordnet werden, daß das Schiff die größt mögliche Ladung nimmt und keine Leerräume an Bord bleiben.

 

Ihr sollt den Bootsmann und die ganze Mannschaft des Schiffes vor irgendwelchen Schäden oder Verlusten beschützen, die durch die Eingeborenen angerichtet werden könnten. Sollte so etwas jedoch geschehen, laßt es durch den Schreiber festhalten (…)

 

Gebt außerdem der gesamten Mannschaft bekannt, daß niemandem erlaubt ist, mit den Einborenen des Landes Tauschhandel oder sonst irgendeinen Handel mit Waffen zu treiben und seien es auch nur Faustwaffen oder sonstige Dinge, die zur Verteidigung des Hl. Vaters und des Königs, unseres Herren, dienen. Messer und Scheren können wie immer mitgenommen werden.

 

Fordert vom Schreiber, daß er in sein Buch alle Dinge einträgt, die die Mannschaft mitbringt, Papageien, Katzen, Sklaven und anderes. Es soll auch sogleich deklariert werden, was ein jeder an Abgaben zu begleichen hat. (…)

 

Sollten Euch einige Leute auf der Fahrt versterben, legt sogleich fest, an welchem Tag und Monat die Heuer gezahlt wird, wovon dann die Erben auszuzahlen sind. Und gebt acht, daß ein jeder, der erkrankt, sein Testament macht. Der Schreiber soll sich darin etwas befleißigen. (…)

 

Nehmt aber keinesfalls Leute aus Brasilland auf besagtem Schiff mit, selbst wenn die es wünschen, in unserem Königreich zu leben. Denn wenn jemand von denen bei uns stirbt, werden die Angehörigen meinen, er sei getötet worden, um verspeist zu werden, wie es unter ihnen üblich ist. (…)

 

Seid daran erinnert, daß diejenigen, die Ihr aussendet, ohne Gefahr gehen, und daß immer eine Person dabei ist, die nach ihnen sieht. Denn es soll sich niemand an Land entfernen oder dort bleiben, wie dies schon geschah. Dies ist ein verabscheuenswürdiges Verhalten dem König gegenüber.

 

Sobald Ihr, so Gott will, Cabo Frio erreicht habt und auf den Verwalter der Handelsfaktorei getroffen seid, so übergebt Ihr ihm alle Waren an Bord. Für die Ladung erhaltet Ihr von ihm eine Bestätigung, um später darüber Rechnung legen zu können.

 

Gestattet keinem der Besatzungsmitglieder, an Land zu gehen, außer zu der Insel, auf der sich die Faktorei befindet.

 

Sobald die Ladung an Bord ist, macht Ihr Euch ohne weiteren Aufenthalt auf den Rückweg in unsere Stadt, ohne irgendein anderes Land anzusteuern, es sei denn aus Mangel an Proviant oder unvorhergesehenerweise. Sodann habt Ihr eine Bestätigung von den Beamten des Königs am Orte ausstellen zu lassen. Sollte es dem betreffenden Ort keine Beamten des Königs geben, laßt einen Vorgang durch den Schreiber ausfertigen. Dieser soll dann vom Schreiber, dem ersten Offizier und dem Piloten unterzeichnet werden. Seid daran erinert, daß Ihr in einem solchen Land kein Brasilholz oder irgend etwas anderes an Bord nehmen dürft. Anderenfalls verlöret Ihr Unser Kapitänspatent und Euren Lohn und würdet obendrein eine Strafe empfangen, die der König, Unser Herr, für Euch bereithielte. Sollten die Seeleute oder andere widersätzlich handeln, verlören sie ihre Heuer und hätten ebenso eine Strafe zu erwarten. (…)

 

Bordtagebuch

 

Am 13. Tag des Monats Juni, Freitag, nahm die Bretoa 328 Stämme Brasilholz an Bord.

 

Am 14. Tag des Monats Juni, Sonnabend, nahm die Bretoa 298 Stämme Brasilholz an Bord. (…)

 

Gesamtzahl an Brasilholz, wobei einige beim Stauen zersplitterte Stämme nicht gezählt werden - 5009.

 

Sklaven

- der Kapitän, 5 Sklaven, zwei Jungen und drei Mädchen und ein weiteres Mädchen, das er auf Bestellung von Francisco Gomes, des Schreibers von Francisco Miz, in dessen Namen mitführt. Es wurde dies am 27. Juni in Cabo Frio durch Francisco Gomes festgehalten, macht zusammen sechs,

- vier Sklaven wurden mir, dem Schreiber, zugestanden,

- ein Sklave für Pedro Llopez, ein weiterer für Lluis Allvarez, einer für Joham Francisco, Hufschmied und einer für Gonçallo Allvarez,

- der erste Offizier drei Sklaven, einen Mann und zwei Frauen,

- der Pilot 9 Sklaven, drei Männer und sechs Frauen,

- Jurami, Proviantverwalter, 5 Sklaven, einen Mann und vier Frauen,

- Nicollao Roiz, Seemann, eine Sklavin,

- der Gehilfe des Piloten, eine Sklavin,

- der Kalfaterer, einen Sklaven,

- Diogo Francisco, Schiffsjunge, einen Sklaven,

 

Katzen und Papageien

- der Kapitän drei Papageien, zwei Sperlingspapageien und eine Katze, das macht sechs Stück,

- der Schreiber einen Papagei,

- der erste Offizier zwei Katzen und einen Neuweltaffen, das macht drei Stück,

- der Pilot zwei Katzen, fünf Neuweltaffen, drei Papageien und 9 Sperlingspapageien, macht zusammen 18 Stück,

- Domingos Serra, Zimmerer, drei Affen und zwei Katzen, macht zusammen 5,

- Jurami, Proviantverwalter, 5 Katzen, 5 Neuweltaffen und 4 Papageien und 9 Sperlingspapageien, das sind 23 Stück,

- Amdra Antonio ein Neuweltaffe,

- Nicollao Roiz, Seemann, drei Katzen und ein Neuweltaffe (…)

 

All diese Katzen und Papageien und Affen wurden zusammengerechnet und ergeben 2620 Reis, wovon der König, Unser Herr, den Fünften erhält, 600 Reis, die auf ein Konto gezahlt werden.

 

Ein Unternehmen entlang der Küste Brasiliens bis hin zur Mündung des Río de la Plata, durch welches der gänzlich unbekannte portugiesische Bordschreiber Estêvão Fróis später als Geschichtsschreiber wider Willen in die Geschichte treten sollte, hatte auch eine eigene historische Seite. Im Archiv der Fugger in Augsburg wurde im Jahre 1895 ein deutschsprachiges Manuskript entdeckt, das als "Copia der newen Zeytung auss Presillg Landt" bereits bekannt war; unbekannt war bis dahin nur, welchen Datums jene Vorform einer Zeitung war. Das aufgefundene Manuskript enthielt jedoch ein Datum - den 12. Oktober 1514, und damit konnte schließlich eine Lücke in der Historiographie geschlossen werden:

 

Im Jahre 1513 segelten zwei Karavellen von Lissabon ab. Die Reeder waren der portugiesische Adlige D. Nuno Manuel und Cristóbal de Haro, Mitglied einer angesehenen Händlerfamilie aus Burgos. Sie besaßen die Lizenz des portugiesischen Königs, in Südamerika auf Entdeckung zu gehen. Schreiber der Flotte war Estêvão Fróis. Eines der Schiffe befehligte João de Lisboa, der seinerzeit wohl berühmteste Pilot Portugals, der bereits Vasco da Gama auf seiner ersten Indienfahrt begleitet und der 1514 in seinem Buch "Livro de Marinharia" (Buch über die Seefahrt) die von ihm befahrenen Küsten höchst exakt an Hand von Koordinaten bestimmt hatte. Der Berichterstatter erwähnt in bezug auf seinen Freund, den Piloten, daß jener den Weg um das Kap im Süden herum nach Indien kenne. João de Lisboa hatte also längst vor Magellan dem Weltumsegler eine Vorstellung von der Möglichkeit einer Südwestpassage nach Asien.

 

Bei einem Scharmützel mit brasilianischen Eingeborenen kam der Kapitän ums Leben. Die Schiffe folgten weiter der Küste nach Süden, umschifften das Cabo de Santa María (Punta del Este) und gelangten an die La-Plata-Mündung, deren bis dahin unbekanntes Nord- und Südufer zu erkunden begonnen wurde. Ein Unwetter trieb die kleine Flotte wieder nach Norden an die brasilianische Küste. Am Rio dos Patos wurde Halt gemacht. Von dort stammt die in der "Zeytung" erwähnte Silberaxt. Hier ging auch jener Indio an Bord, der den portugiesischen König sehen wollte. Das Schiff von Fróis verblieb dort, um das Landesinnere näher zu erkunden, während das Schiff von João de Lisboa Richtung Norden weitersegelte und am 12. Oktober 1514 in Lissabon anlangte:

 

          Copia der Newen Zeytung auss Presillg Landt.

(in: Clemens Brandenburger, A nova Gazeta da terra do Brasil, Rio de Janeiro, 1922)

Nachricht, welche ein Schiff gebracht hat, das von Portugal ausgefahren ist, das Brasil-Land weiter, als man vordem davon Kunde hatte, zu erforschen, und das bei seiner Rückkehr nach der Insel Madeira gekommen ist; von einem guten Freunde aus Madeira nach Antwerpen geschrieben worden.

 

Wisst, das am 12. Oktober 1514 ein Schiff aus Brasil-Land hier angekommen ist, wegen Mangels an Lebensmitteln, welches D. Nuno und Christovam de Haro und andere ausgerüstet haben. Die Schiffe sind mit des Königs von Portugal Erlaubnis ausgefahren, um das Brasil-Land zu erforschen und haben das Land gegen 700 Meilen weiter erkundet, als man vorher davon Kenntnis hatte. (…)

 

Der Pilot, der auf diesem Schiffe fuhr, ist mein guter Freund, ist der berühmteste, den der König von Portugal hat und ist auch auf etlichen Reisen nach Indien gewesen. Der sagt mir und meint, daß von diesem Kap von Brasilien nicht über 600 Meilen nach Malacca seien, denkt auch in kurzer Zeit auf diesem Wege von Lissabon nach Malacca zu fahren und zurückzukehren, was dem Könige von Portugal sehr zustatten käme. Sie finden auch, daß das Land von Brasilien hinum geht bis gen Malacca. (…)

 

Sie sind in etlichen Häfen gewesen, wo sie viele und mancherlei kostbare Felle von wilden Tieren gefunden haben, welche die Leute so rauh auf der bloßen Haut tragen (…) Sie haben auch Gürtel von Fellen, die mir unbekannt sind. Vorerwähnte Felle und Pelzwerk anderer Art habe ich für mich gekauft, doch wenig, da sie nicht viel von diesem Pelzwerk gebracht haben. Die Portugiesen sagen, sie hätten nicht danach getrachtet, da sie es für nichts geachtet hätten. Sie sagen aber, das andere Schiff, das noch hinter ihnen sei, bringe viele solcher Felle und mancherlei andere Dinge, da es länger geladen habe; es ist auch das Führerschiff. (…) Ihr sollt auch wissen, daß sie genug Kunde bringen, daß sie von dem vorgemeldeten Kap 200 Meilen gegen uns zu in einem Hafen und Flusse gewesen sind. Dort haben sie Nachrichten von vielem Silber und Kupfer, auch Gold, das es im Inlande gibt, erhalten. Sie sagen, daß ihr Führer, von dem anderen Schiffe, dem König von Portugal eine silberne Axt bringe, gerade wie ihre Äxte von Stein. Er bringt auch ein Metall, von dem sie sagen, es sehe aus wie Messing, nehme keinen Rost und keine Schrammen an. Sie wissen nicht, ob es geringes Gold ist oder sonst etwas sei. Sie haben auch an demselben Orte, an der See, von demselben Volke Kunde erhalten, daß im Lande drinnen ein Bergvolk lebe, das viel Gold besitze, es trage das Gold wie Harnische gearbeitet an der Stirne und auf der Brust.

 

Der Führer bringt auch einen Mann aus jenem Lande, der den König von Portugal einmal hat sehen wollen. Er sagt, er wolle dem König von Portugal soviel Gold und Silber nachweisen, das im Lande sei, daß es seine Schiffe nicht wegzubringen vermögen. Die Leute an jenem Ort sagen, zu Zeiten kämen andere Schiffe auch dorthin, sie tragen Kleider wie die Franzosen, wie die Portugiesen sagen, nach des Volkes Beschreibung, und tragen auch Bärte, alle ganz rot. (…)

 

Also habt Ihr die Neue Zeitung. Das Schiff ist unter Deck mit Brasilholz geladen, über Deck voller Sklaven, und zwar jungen Mädchen und Buben. Die haben die Portugiesen wenig gekostet, weil sie meistens freiwillig gegeben worden sind, denn das Volk dort vermeint, ihre Kinder führen in das gelobte Land.

 

Am 30. Juli 1514 sandte der Bordschreiber Estêvão Fróis von Santo Domingo einen Brief an den portugiesischen König, worin er beschrieb, wie das Schiff in die Karibik und somit in die spanische Hemisphäre und Gefangenschaft geraten war und wie die Mannschaft von den Spaniern behandelt wurde (in: Rolando Laguarda Trías, El predescubrimiento del Río de la Plata, Lisboa, 1973):

 

Herr: Ich schreibe Eurer Hoheit von diesen Indien, wo ich mich als Gefangener befinde, wie Eure Hoheit wissen. Ich habe Gelegenheit gefunden, Eurer Hoheit den Prozeß, der gegen uns geführt wurde, zur Kenntnis zu bringen, alles was gegen uns ausgesagt wurde und was anschließend geschah. Und derart geschah es, daß der oberste Richter Marcos de Aguilar eine Verfügung herausgab, nach der die Herren Francisco und Pedro Corco der Folter überantwortet wurden, ungeachtet der Tatsachen, die vom Anklagevertreter bereits festgeschrieben waren. Wir wandten uns gegen diese Verfügung an die Richter. Die jedoch bestätigten das Urteil des Alkalden, der die beiden daraufhin der Wasserfolter und der Strickfolter unterziehen ließ. Unter der Folter wurden sie gefragt, ob wir von Portugal gekommen seien, um in das Gebiet des Königs von Kastilien einzudringen, obwohl sie immer wieder sagten, daß wir nur neue Ländereien für Eure Hoheit zu entdecken gekommen waren. So war es auch in den Verhören gesagt worden und nichts anderes. Doch ungeachtet dessen wollen sie kein Urteil sprechen und wollen aber auch keinen Beweis für unsere Aussagen sehen. Wir hatten gesagt, daß wir uns in dem Bereich bewegt hatten, den Eure Hoheit bereits seit über zwanzig Jahren besitzen. (...) Für gewöhnlich wird bezüglich der Grenzen folgendes praktiziert: alles was sich südlich der Äquatorlinie befindet, gehört zum Besitz Eurer Hoheit und nördlich dieser Linie liegt der Besitz des Königs und Vaters Eurer Hoheit (Schwiegervater - d.Ü.). Und wir haben diese Äquatorlinie nicht überquert und uns ihr nicht mehr als bis einhundertfünfzig Leguas genähert.

         

Außerdem waren die Zeugen gegen uns alle verdächtig. Der Grund dafür ist, daß es alles Kastilier waren. Nach der Regel und nach dem Recht dürfen in einem Streitfall bezüglich der Zugehörigkeit zu dem einen oder anderen Königreich die Zeugen nicht von dem einen  Königreich sein. Obendrein waren die Zeugen gegen uns alle aus Palos de Moguer. Sie wollten uns allen übel, wegen eines Diego de Lepe, den Eure Hoheit hängen ließen, weil er in Guinea mit geraubten Sklaven aufgegriffen wurde. (…) Darüber, Herr, und über vieles andere mehr führten wir Beschwerde. Doch niemand wollte von niemandem Beweise haben.

         

Ich weiß nun nicht, was sie tun wollen. Der Beschluß über die Folter ist gefaßt; ich weiß nicht, was aus uns werden soll. Wir haben niemanden auf unserer Seite, außer dem Bakkalaureus Pedro Moreno. Er ist Anwalt in unserer Angelegenheit und tritt für uns auf. Außerdem unterstützt er uns in allen anderen Dingen, weil wir Landsleute aus dem Reich Eurer Hoheit sind. Er sagte, daß er für die Untertanen Eurer Hoheit alles täte, was er könne. Und das tut er wirklich. Ich flehe Eure Hoheit an, laßt uns nicht ohne Hilfe hier. Unternehmt etwas, damit wir nicht wie schuldig Gesprochene hier verenden.

 

Eure Hoheit wissen, daß wir uns in dieses Land flüchten mußten, weil es keinen anderen Ort gab, der näher lag und zu dem unsere Karavelle hätte gelangen können. Sie war inzwischen völlig vom Wurm zerfressen und ließ sehr viel Wasser ein. Außerdem war das Ruder zerfressen und zerbrochen. Eure Hoheit sind darüber ausführlich in Kenntnis gesetzt, da ich Euch darüber schrieb.

         

Darum flehen wir Eure Hoheit an, befreit uns aus diesem Kerker und laßt nicht zu, daß wir für das Urteil an Diego de Lepe büßen müssen. Denn wir sind frei von der Schuld, derer man uns hier anklagt. Überdies sind wir jetzt fast ein Jahr hier gefangen und ohne Grund. All unser Besitz wurde uns genommen, und nur, weil wir uns in ihr Hoheitsgebiet geflüchtet haben. Wir wurden irgendwelcher Dinge angeklagt, die wir weder begangen noch ins Auge gefaßt hatten. Es ist ganz augenscheinlich, daß die Aufnahme, die sie auf Eurer Hoheit Azoren finden, sich ganz und gar von der unterscheidet, die wir erleben mußten. Wie viele Schiffe fahren von hier aus herüber und legen bei einer der Inseln an, wo die Untertanen Eurer Hoheit sie sehr zuvorkommend behandeln und sie nicht einsperren oder foltern, wie sie es mit uns getan.

 

Eure Hoheit mache mir nicht zum Vorwurf, daß ich all das aufschreibe. Doch, Herr, wenn ich eine Schuld trüge, würde ich sie in aller Geduld tragen. Doch dieser Zwist zwischen uns ist nicht neu, sondern schon sehr alt. Er stammt von unseren Vorfahren, von Alfarrobeira (gemeint ist Aljubarrota, wo 1385 Portugiesen die Spanier in einer entscheidenden Schlacht schlugen und so die nationale Unabhängigkeit gegen die Spanier durchsetzten - d.Ü.), und damit werden sie noch in die Grube fahren.

         

Ich flehe Eure Hoheit an, mir Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, schreibt dem König, Eurem Vater, er möge unsere Unschuld erkennen und die Ungerechtigkeit, die man uns widerfahren läßt, da wir hier ohne Grund seit fast einem Jahr eingekerkert sind. Darin könnte Eure Hoheit uns nicht nur Gerechtigkeit widerfahren lassen, sondern uns auch eine große Gnade erweisen.

         

Wir bitten zu Gott, daß er Euren königlichen Stand erhöhe und Euch ein langes Leben schenke. Obwohl Eure Hoheit mich nicht als Euren Diener kennen, so bin ich es doch mit ganzem Willen und aus vollem Herzen. Und in den Fluß ( Río de la Plata - d.Ü.) bin ich nur mit der Absicht gefahren, das Land kennenzulernen, um anschließend Eurer Hoheit davon Bericht zu geben, wie ich es auch tun werde, denn ich glaube in Gott daran. In einer Konzession, die ich bei Diogo Ribeiro, dem Kapitän Eurer Hoheit fand, beauftragtet Ihr diesen, das Land sehr genau in Augenschein zu nehmen. Diese Aufgabe habe ich übernommen, nachdem die Indios ihn getötet hatten, wie Eure Hoheit wissen.

         

Ich küsse Eurer Hoheit die Hände in der Stadt Santo Domingo, am 30. Juli 1514.   Estevam Froez                                             

 

Im Jahre 1517 wurden die Gefangenen auf den Antillen gegen sieben an der brasilianischen Küste gefangene spanische Schiffbrüchige aus einer Expedition von 1515/16 ausgetauscht, der ein vielbeschäftigter und berüchtigter Portugiese vorgestanden hatte - João Dias de Solis. 

 

Der Umgang der beiden Supermächte Portugal und Spanien miteinander war trotz verwandtschaftlicher Bande zwischen den Herrscherhäusern alles andere als familiär. Trafen - wie im Falle des Estêvão Fróis - die einen auf Schiffe des anderen in der eigenen Einflußsphäre, so wurden die Eindringlinge wenigstens eingekerkert, mitunter auch hingerichtet und ihr Hab und Gut beschlagnahmt.

 

Der als "Schnapsfahne" (bofes de bagaço) namhaft gewordene portugiesische Pilot unter spanischer Flagge, João Dias de Solis, der in seinem Leben mehrmals die Seiten wechselte, der mit französischen Korsaren portugiesische Schiffe kaperte, der wegen eines Verbrechens von Portugal nach Spanien floh, machte trotz all dem Karriere. Wie vom großen Magellan vielleicht bekannt, waren Seitenwechsel zu jener Zeit gar nicht selten. Viele meist unbekannt gebliebene Portugiesen zog es fort, Seeleute, besonders aber Piloten und Kartographen. Meist bezahlte der portugiesische König die hochqualifizierten Spezialisten zu schlecht, so gingen sie nach Spanien, Frankreich, England.

 

Bofes de Bagaço, alias João Dias de Solis, wurde per Haftbefehl vom 29. Oktober 1495 von den Katholischen Königen Spaniens, Ferdinand und Isabella, gesucht (in: Revista do Instituto, Band LVI, José Toribio Medina, Juan Díaz de Solís. Estudio histórico, Santiago de Chile, 1897):

 

(…) und wisset, daß der Höchst Ehrwürdige König von Portugal, Unser Bruder  (König João II., der vier Tage zuvor verstorben war - d.Ü.), uns kundtat, daß der Pilot Juan Diaz, Schnapsfahne geheißen, der aus seinem Königreich gebürtig, in der Gesellschaft gewisser Franzosen umherstreifte. Sie kaperten eine Karavelle besagten Königs, die aus Minas (Afrika - d.Ü.) kam und mehr als 20.000 Dublonen mit sich führte. Besagter Pilot beansprucht seinen Anteil an diesem Gold. Es wurde bekannt, daß er sich in unserem Königreich aufhält.

 

Nachdem die Franzosen diese aus Minas kommende Karavelle gekapert hatten, ließ König D. João II. alle in den portugiesischen Häfen von Lissabon, Porto, Aveiro, Setúbal und Algarve liegenden französischen Schiffe festhalten. Die Besitzer bestürmten den französischen König, der sofort anordnete, die Karavelle mit allem Gold, ohne daß auch nur eine Dublone fehlte, auszuliefern. Anschließend entschuldigte er sich bei dem portugiesischen König. Dieser wußte aus Nachforschungen, daß der portugiesische Pilot João Dias de Solis an dem Raubzug teilgenommen hatte und danach nach Kastilien geflohen war.

 

Später kehrte Solis nach Portugal zurück und fuhr wieder als gefragter Pilot, Fachleute waren knapp. Zu viele Schiffe waren auf den Meeren unterwegs und zu viele kehrten nicht zurück.

 

Im Jahre 1506 lag eine Armada des Indienhändlers und Vertrauten des portugiesischen Königs Tristão da Cunha in Lissabon bereit zur Abfahrt. Oberster Kapitän und Gouverneur für Indien war der schlachtenerfahrene Adlige Afonso de Albuquerque. Doch ausgerechnet das Kapitänsschiff Albuquerques konnte nicht ablegen, und in den "comentários do grande Afonso de Albuquerque" würde es später über João Dias de Solis heißen (in: Lusitânia. Revista Portuguesa, Bd. III, 1927):

 

(…) Nachdem alle Vorbereitungen getroffen waren, lag die Flotte des Tristam da Cunha in Belém (Lissabon - d.Ü.) bereit. Es hatte großen Mühen gekostet, die Armada auszurüsten, auf Grund der in der Stadt herrschenden Pest. So fanden sich nur wenige Männer für die Fahrt. Am 5. April legte die Flotte ab, nur Afonso de Albuquerque wartete mit seinem Schiff Cirne, dessen Kapitän er war, auf einen Piloten. Er hatte darum bei den Beamten des Königs nachgesucht. Denn zwei Tage zuvor war sein Pilot, João de Solis, nach Kastilien geflüchtet, weil er seine Frau getötet hatte.

 

Einige Jahre später, am 30. August 1512, schrieb der Gesandte des portugiesischen Königs João Mendes de Vasconcelos aus dem spanischen Logroño folgenden Brief an seinen Herrn D. Manuel (in: Fernández de Navarrete, Colección de los viages y descubrimientos…, Bd. III, Madrid, 1829):

 

Herr, der Pilot João Diaz de Solis, vom dem Eure Hoheit sagten, daß er sich nach den Molukken einschiffen wolle, befindet sich hier. Ich habe lange nach ihm suchen lassen. Heute sprach ich mit ihm. Er kam mit seinem Bruder, welcher erzählte, daß er nach Indien gefahren sei und in der Casa da Índia (die portugiesische Verwaltungsbehörde für die überseeischen Provinzen - d.Ü.) noch dreihundert Dukaten Guthaben hätte. Von João Diaz erfuhr ich, daß er im Monat April mit drei Schiffen aufbrechen würde, einem Hundertsiebzigtonner, einem Achtzigtonner und einem Vierzigtonner. Er soll die Demarkation Kastiliens abstecken. Wir haben lang und breit darüber debattiert. Was dabei herauskam, war folgendes: Er denkt, daß die Molukken innerhalb der Demarkation Kastiliens liegen. Ich antwortete ihm, sie schienen mir in den Herrschaftsbereich Eurer Hoheit zu fallen. Er beschwerte sich darauf über Eure Hoheit. Sein Vorwurf ist, daß ihm nicht ausgezahlt worden sei, was ihm zustehe. Er behauptet, drei königliche Konzessionen zu besitzen, in denen angeordnet wurde, daß das ihm Zustehende durch die Casa da Índia auszuzahlen sei. Immer habe man sich geweigert, ihm auch nur einen Real von seinen achthundert Cruzados auszuzahlen. Ich habe ihm das nicht geglaubt. (…) Er sagte noch, er sei hierher gekommen, da er ohne Hoffnung war, noch irgend etwas zu erhalten. Ich weiß nun gar nichts über das Meer, mir will aber scheinen, daß wenn er über das Meer spricht, er ganz genau weiß, wovon er spricht. Er erzählt, daß er einen langen Brief von den Molukken erhalten habe. Auf drei Seiten werden darin Grade und Linien verzeichnet, die ihn darauf schließen lassen, daß die Molukken in die Demarkation von Kastilien fallen.(…)

 

Hier hält sich auch ein Goldschmied auf, er heißt Joam Anriques und war bereits in Indien. Er beschwerte sich auch, daß Eure Hoheit ihm Geld schulden. Dieser nun erzählte mir, daß in Lepe drei Schiffe ausgerüstet werden und João Dias deren Oberster Kapitän sein solle. Diese Flotte soll im März aufbrechen. (…) João Dias de Solis sagt, daß er hier zweihundert Cruzados im Jahr bekommt, die er jeweils zu einem Drittel von der "Casa de las Antillas" in Sevilla erhält. Außerdem ist er der Piloto Mayor (das Ehrenamt des Großpiloten, nachdem Vespucci 1512 gestorben war - d.Ü.). Ich weiß nicht, ob man ihn von hier fortholen kann, weil er sagt, daß ihm bereits zweimal nicht Eurer Hoheit Konzessionen erfüllt wurden.

 

Solis bricht zu jener Fahrt nicht auf, nachdem der portugiesische König Manuel am 22. September 1512 bei seinem Schwiegervater, dem spanischen König Ferdinand, gegen die Teilnahme des portugiesischen Piloten Solis an einer Entdeckungsreise protestiert hatte:

 

(…) Über jenen Joham Diaz, einem portugiesischen Piloten, wurde mir Bericht gegeben, wonach er in besagter Flotte als Pilot segeln soll. Er wurde bereits vor Jahren mit einem Bann belegt und ist in meinem Königreich flüchtig, wegen der von ihm begangenen Delikte, die für ihn die Todesstrafe nach sich ziehen. Er erklärte öffentlich, daß er zu den Molukken führe. Er ist eine böswilliger Mensch. Er hat mich beleidigt und dies auch öffentlich kundgetan. Mir wurde mitgeteilt, daß er in erklärter Absicht nach den Molukken segelt, weil er meint, davon etwas zu verstehen. (…) Ich bitte Euch nunmehr sehr herzlich, laßt nicht zu, daß jener João Diaz als Pilot mit der Flotte fährt, denn um das zu erkunden, wozu die Flotte den Auftrag hat, gibt es andere Piloten in Kastilien. Die können das auch tun oder gar besser als er. Mit seinem Verbleiben können sich viele Unannehmlichkeiten auftun, die von seinem verfehlten und bösen Wesen herrühren.

 

Bevor dieser Brief König Ferdinand erreichte, hatte er bereits einen königlichen Erlaß verkündet: Logroño, 30. September

 

Der König - An Unsere Beamten der "Casa de la Contratación de las Indias" (oberste, für Entdeckungsfahrten zuständige Instanz - d.Ü.) in Sevilla. Ihr wißt von der Vereinbarung, die mit Juan Diaz de Solís getroffen wurde. Er sollte eine Entdeckungsreise unternehmen. Doch nunmehr ordne ich an, diese Reise zu suspendieren, bis die betreffenden Fragen mit dem König von Portugal, meinem Sohn, geklärt sind. (…)

 

König Ferdinand hatte mittlerweile erfahren, daß der bereits genannte Afonso de Albuquerque, der Statthalter der portugiesischen Krone in Indien, im August 1511 eine Flotte nach den Gewürzinseln, den Molukken, ausgesandt hatte. Es bestand keine Notwendigkeit, bereits Entdecktes entdecken zu lassen.

 

Am 24. November 1514 schloß König Ferdinand einen Vertrag mit João Dias de Solis. Er solle mit drei Schiffen die Rückseite von "Castilla del Oro" - die im Oktober 1513 durch den Spanier Balboa nach der Durchquerung des amerikanischen Isthmus entdeckte Pazifikküste - erkunden. Unter größter Geheimhaltung wurde eine Flotte ausgerüstet, die am 8. Oktober 1515 von Sanlúcar in Südspanien aufbrach. Solis sollte Amerika im Süden umschiffen, ein Auftrag, den auszuführen 1521 erst Magellan gelingen würde! Die Flotte segelte an der brasilianischen Küste südwärts entlang und erreichte am 2. Februar 1516 den später Río de la Plata benannten Fluß. Die Expedition taufte ihn auf Río de Solís, wie er während einiger Jahre auch hieß. Rio da Prata war er von den Portugiesen getauft worden.

 

Solis fuhr ein Stück flußaufwärts und ging, von Eingeborenen angezogen, mit einem kleinen Boot an Land. Die Eingeborenen umringten die Ankömmlinge sofort und töteten und verspeisten sie. Die Karavellen kehrten nach dem grausamen Ende ihres Chefs nach Spanien zurück. Eine Karavelle erlitt bei der brasilianischen Insel Santa Catarina Schiffbruch. Die Schiffbrüchigen wurden später von einer portugiesischen Expedition aufgegriffen und nach Portugal gebracht, wo sie im Jahre 1517 gegen eine Gruppe Portugiesen, die von den Spaniern auf den Antillen festgehalten worden waren, ausgetauscht wurden. Hier schließt sich wieder der Kreis zu Estêvão Fróis. Um ihn und seine Leute ging es.

 

Die beiden anderen Karavellen fuhren an der brasilianischen Küste entlang, bis zum Cabo de Santo Agostinho, wo sie landeten, Brasilholz schlugen und mit ihrer Fracht im September 1516 Sevilla erreichten. Diese Ladung Brasilholz zog eine Beschwerde des portugiesischen Königs nach sich. Da König Ferdinand diese Reise in aller Stille hatte vorbereiten lassen, und weil sie obendrein zu einer persönlichen Unternehmung des Solis deklariert worden war, verwundert es nicht, daß der portugiesische König die wahren Ziele der Expedition nicht kannte. So lautet der Bericht des durch Albrecht Dürer unsterblich gewordenen portugiesischen Chronisten des 16. Jahrhunderts, Damião de Góis, in der "Crónica do felicíssimo Rei D. Manuel" (Coimbra, 1926) folgendermaßen:

 

Auf Grund der Vergehen, die sich ein portugiesischer Pilot mit Namen Iam Diaz Solis zuschulde kommen ließ, flüchtete dieser aus unserem Königreich und ging nach Kastilien, wo er es verstand, einige Geschäftsleute zu überzeugen, zwei Schiffe auszurüsten. Er wollte diese Schiffe in das Land des Heiligen Kreuzes von Brasilien führen und von dort mit Waren zurückkehren, die großen Gewinn bringen würden: Er unternahm diese Fahrt und kehrte im Jahre 1517 zurück. Darüber wurde Don Carlos, der König von Kastilien und Erzherzog von Österreich, durch König Dom Manuel unterrichtet. Der wies daraufhin seine Beamten in Sevilla an, alle an dem Geschäft Beteiligten zu bestrafen, weil sie den Frieden und die Abmachungen zwischen unseren Königreichen gebrochen hatten. Das wurde mit allem Nachdruck und größter Sorgfalt erledigt.

 

Doch nicht alle Schiffbrüchigen der Solis-Expedition gerieten an der Insel Santa Catarina im Süden Brasiliens in Gefangenschaft und wurden später gegen die Gefangenen in Santo Domingo ausgetauscht. Unter ihnen befand sich ein Portugiese im Dienst der spanischen Krone - Aleixo Garcia - und sein Sohn gleichen Namens. Er gilt als der erste Europäer, der das Innere Brasiliens bis nach Peru durchquerte.

 

Von den Indios des Stammes der Guarani erfuhren er und seine Gefährten, daß ganz weit im Westen ein sehr reiches Land liege, in welchem ein weißer König herrsche und wo es Berge ganz aus Silber und Flüsse voll von Gold gebe.

 

Um das Jahr 1522 brachen sie in das Innere des südlichen Brasiliens auf. Sie durchquerten die Provinz Santa Catarina und stießen auf den Fluß Paraná. Dann folgten sie dem Paraná und schwenkten später auf den Fluß Paraguay ein. Garcia gilt als der Entdecker des Paraguay. Sie passierten den Ort, an dem dreizehn Jahre später die Stadt Asunción gegründet würde. Denselben Weg nahm im Jahre 1541 Alvar Núñez Cabeça de Vaca, als dieser von Kaiser Karl V. zum Gouverneur der Provinz La Plata ernannt, aus Spanien kommend in Asunción sein Amt antrat.

 

Die Expedition zog durch den Chaco und drang in das Reich der Inka vor, dessen Grenzregionen sie plündernd durchstreifte. Zu jener Zeit war das Inka-Reich noch intakt. Erst 1532 machte sich der spanische Konquistador Pizarro auf, es zu erobern. Und erst im Jahre 1538 gelangten die Brüder Pizarro in die von Garcia heimgesuchte Region.

 

Der Verfasser der "Historia Argentina en 1612", Ruy Díaz de Guzmán (in: Pedro de Angelis, Colección de obras, T. 1, Buenos Aires, 1836), beschrieb die Vorfälle folgendermaßen:

 

Von einem Zug, den vier Portugiesen aus Brasilien durch dieses Land, bis an die Grenzen Perus unternahmen

         

Es scheint mir nicht abseits unserer Absicht zu liegen, wenn ich von einer Expedition in diesem Kapitel berichte, die einige Portugiesen aus Brasilien in unsere Provinz des Río de la Plata unternahmen und von hier weiter, bis nach Peru, und was mit ihnen geschah. Denn es handelt sich hier um ein Glied in der Kette der Geschehnisse, die in diesem Buch zu den Entdeckungen und Eroberungen unserer Spanier behandelt werden. (...)

         

Einer dieser vier Portugiesen hieß Alejos García. Er war an jener Küste bekannt für seine Kenntnisse der Sprachen der Carios (Carijó -d.Ü.), welche zu den Guarani gehören, und der Tupi und Tamayos (Tamoio - d.Ü.). Er durchquerte mit seinen Gefährten den Sertão und kam dann an den Paraná. Weiter zogen sie durch das Land mit den Guarani-Dörfern, bis sie auf den Paraguay stießen. Hier wurden sie von den Bewohnern der Provinz aufgenommen und beköstigt. Sie riefen alle Indios des Distrikts zusammen und forderten sie auf, mit ihnen nach Sonnenuntergang zu ziehen, um jene Ländereien zu entdecken und zu erkunden. Von dort brachten sie viele Dinge mit, prächtige Kleidungsstücke und Gegenstände aus Metall, sowohl für den Gebrauch im Frieden als auch für den Krieg. Da es sich um kriegslüsterne Menschen handelte, kamen mit Leichtigkeit 2000 Krieger zusammen, die an dem Zug in Richtung auf den Hafen San Fernando teilnahmen. Es ist dies ein Kap in dem Fluß Paraguay. (...)

 

Nach vielen Tagesmärschen kamen sie an die Gebirgskette von Peru. Sie näherten sich dem Gebirge und drangen über die Grenze in jenes Königreich ein. (...) Sie kamen durch viele Dörfer, deren Bewohner Vasallen des mächtigen Inka-Königs waren. Sie überfielen die Dörfer und raubten und töteten alles, was sie vorfanden. So zogen sie über vierzig Leguas durchs Land, bis etwa nach Presto und Tarabuco (bei Sucre - d.Ü.). Dort trat ihnen eine große Anzahl von Charcas-Indios entgegen, weshalb sie kehrtmachten und sich so wohlgeordnet zurückzogen, daß ihnen keinerlei Verluste zugefügt wurden. Doch ließen sie das Land in großer Aufruhr hinter sich. In der gesamten Provinz griffen die Charcas-Indios zu den Waffen. Aus diesem Grunde ließen die Inkas mit größter Sorgfalt diesen gesamten Grenzabschnitt durch Festungen sichern, wie man es noch heute in dieser Gebirgsregion, die man Cuzco-toro nennt, bemerken kann. Diese Grenze verläuft mehr als zweitausend Leguas durch das gesamte Königreich.

         

Als sich die Portugiesen mit ihrer Begleitung in die Ebenen zurückgezogen hatten, schlugen sie für den Rückzug einen bequemeren Weg ein. Ihre Indios waren beladen mit der Beute, die aus Kleidungsstücken bestand, aus silbernen und kupfernen Gefäßen, Reifen und Kronen. Auf ihrem Weg erlitten sie große Not, Hunger und Überfälle, bis sie an den Paraguay gelangten, in die Ländereien und in die Dörfer der Indios.

 

Hier beschloß Alejos García, seine zwei Gefährten zurück nach Brasilien zu schicken, damit sie dort (...) Bericht erstatteten von dem Neuentdeckten und Proben der mitgebrachten Metalle und Stücken von Gold und Silber vorwiesen. García wollte in der Provinz Paraguay bleiben und auf Antwort warten. Einige Tage darauf verabredeten einige der Indios, ihn zu töten, und so taten sie auch. (Es waren jene, die mit ihm gewesen waren). Eines Nachts, als er nicht acht gegeben hatte, stürzten sie sich auf ihn und andere Gefährten und töteten sie alle, bis auf ein Kind, den Sohn von García. Sie ließen ihn, weil er jung an Jahren war, am Leben. Er hieß wie sein Vater Alejos García, ich habe ihn selbst noch kennengelernt. (...)

 

Als die beiden Sendboten in Brasilien ankamen, berichteten sie von ihren Entdeckungen und den Reichtümern in Richtung Sonnenuntergang, bei den Charcas-Indios, die bis dahin noch nicht von den Spaniern entdeckt worden waren.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

7. Der Weltumsegler Magellan - Ränke und Bürokratie

 

Wie berichtet, herrschten zwischen den beiden großen Rivalen der überseeischen Entdeckungen große gegenseitige Eifersüchte. So wie der Seefahrer João Dias de Solis zwischen den beiden iberischen Welten wandelte, tat es auch sein viel berühmterer Landsmann Fernão de Magalhães, eingedeutscht Magellan.

 

Magalhães, der die erste Weltumsegelung begonnen hat, wurde um 1480 in Nord-Portugal geboren. Als Frühwaise einer adeligen Familie, kam er an den Hof des portugiesischen Königs Dom Manuel. Er segelte verschiedene Male nach Indien und auch weiter nach Malakka. Er war an der Eroberung Malakkas beteiligt. Zurück in Portugal, zog er mit dem Heer nach Marokko, wo er verwundet wurde. Er kehrte unerlaubt nach Portugal zurück, um vor König Manuel die ihm gebührende Beförderung und die Erhöhung seines Soldes zu erbitten. Dom Manuel lehnte brüsk ab. Später wiederholte Magalhães diese Bitte. Sie wurde wieder abgelehnt, worauf er um Erlaubnis bat, Portugal verlassen zu dürfen. Er durfte.

         

Erst ein Jahr später, 1517, verließ er Portugal, zusammen mit seinem neuen Verbündeten und Freund Ruy Faleiro, einem Mathematiker und Astrologen. Beide beschäftigten sich intensiv mit der Idee, die Gewürzinseln auf westlichem Wege zu erreichen. In Spanien suchten sie Unterstützung, um diese Idee zu verwirklichen. Im März 1518 erhielten sie eine Audienz bei Hofe, der sich gerade in Valladolid aufhielt. Dort lernte Magalhães auch Pater Bartolomé de Las Casas kennen (in: Bartolomé de Las Casas, Historia de las Indias, Bd. III, Kap. CI, Madrid, 1875-76):

 

(...) Um jene Zeit hielt sich in Valladolid ein Portugiese auf, der aus Portugal geflohen war oder sich versteckt hielt, wegen eines Grolls, den er dem König gegenüber hegte. Es handelte sich um einen Seemann, zumindest wußte er sehr viel über das Meer. Er heißt Hernando de Magallanes, was auf Portugiesisch Magalhães heißt. Bei ihm befand sich ein Bakkalaureus, oder wenigstens  behauptete er das von sich. Sein Name war Rui Faleiro. Er wollte ein großer Astrologe sein. Doch Portugiesen behaupteten von ihm, daß ein Fluch über seiner Familie lastete und daß er von Astrologie gar nichts verstünde.

 

Diese beiden erboten sich zu beweisen, daß die Molukken und benachbarte Inseln, von denen die Portugiesen die Gewürze nach Portugal holten, innerhalb der Demarkation lagen, die zwischen den Katholischen Königen und König Don Juan dem Zweiten von Portugal festzulegen begonnen worden war, aber nicht abgeschlossen wurde. Es handelte sich um die südlichen und westlichen Teile. Sie wollten einen Weg finden, der anders als jener verlief, den die Portugiesen nahmen. Und der sollte durch eine bestimmte Meeresenge führen, von der sie Kenntnis hatten.

 

Sie wandten sich zunächst an den Bischof von Burgos, weil sie wußten, daß er bisher Gouverneur in Westindien war. Seinerzeit war er jedoch noch ohne Amt und Würden. Der Bischof führte sie zum Großkanzler, und der Großkanzler sprach mit dem König und Monsieur de Xevres. Magallanes hatte einen hübsch bemalten Globus dabei. Darauf war eingezeichnet, was es auf Erden gab. Daran zeigte er auch, welchen Weg er zu nehmen gedachte. Nur jene Enge ließ er absichtlich weiß, damit sie ihm niemand wegnähme.

 

Ich befand mich an jenem Tag zu jener Stunde im Kabinett des Großkanzlers, als der Bischof ihn hereinführte und dem Großkanzler zeigte, welche Route er einschlagen wollte. Ich sprach mit Magallanes und fragte ihn, welchen Weg er einschlagen wolle. Er antwortete, daß er das Cabo de Santa María umschiffen wollte, das wir Río de la Plata nennen. Von dort aus wollte er weiter an der Küste entlangsegeln, bis er auf die Enge stieße. Ich fragte weiter, wenn er nun diese Enge nicht auffände, wie wollte er dann in das andere Meer gelangen. Er sagte, wenn er die Enge nicht fände, würde er den Weg einschlagen, den die Portugiesen benutzen.

         

Doch in einem Brief des italienischen Edelmannes Pigafetta, der mit Magallanes auf die Entdeckungsfahrt ging, hieß es, daß Magallanes sicher war, jene Meeresenge zu finden. Denn er behauptete, auf einer Seekarte, die ein gewisser Martín de Bohemia (Martin Behaim - d.Ü.), ein großer Pilot oder Kosmograph, der in der Schatzkammer des Königs von Portugal beschäftigt war, die Meeresenge eingezeichnet gesehen zu haben, so daß er sie auch fände. Doch weil besagte Enge innerhalb der Grenzen des Hoheitsgebietes der kastilischen Könige lag, sah er sich verpflichtet, bei dem König von Kastilien vorstellig zu werden, um den neuen Weg zu den Molukken zu entdecken.

 

Dieser Hernando de Magallanes muß ein tapferer Mann sein, mit mutigen Ideen, um große Dinge zu unternehmen. Doch von seiner Person her war er keine große Autorität, denn er war klein von Wuchs, und man konnte daher nicht annehmen, daß er zu vielem taugte. Es machte aber auch nicht den Eindruck, daß es ihm an Klugheit mangelte oder daß es irgend jemandem leichtfallen könnte, ihn zu unterwerfen, denn er schien sehr vorsichtig und mutig zu sein.

         

Man erzählt sich von ihm eine Geschichte aus seiner Zeit in Portugal. Es war, als zwei Schiffe aus Indien nach Portugal zurückkehrten. Auf einem der beiden war Magallanes. Beide Schiffe liefen auf Sandbänke auf und zerbarsten. Es gelang allen, sich zu retten, auch der größte Teil des Proviants konnte geborgen und auf die Beiboote gebracht werden. Dann fuhr man zu einer kleinen Insel, die sich in der Nähe fand. Dann beschlossen sie, mit den Booten in Richtung auf einen Hafen, der zu Indien gehörte und nur wenige Leguas entfernt war, zu fahren. Es gingen allerdings nicht alle auf einmal in die Boote. Darauf entbrannte ein Streit darüber, wer die erste Fahrt machen sollte. Die Kapitäne, Edelleute und sonstige Personen von Rang wollten als Erste fahren. Die Matrosen und niederen Ränge sagten nein, erst sie. Als Magallanes durch den Wortwechsel eine Gefahr heraufziehen sah, rief er: Sollen die Kapitäne und Edelleute fahren. Ich bleibe bei den Matrosen und den anderen, wenn Ihr schwört und Euer Wort gebt, sofort, wenn Ihr angekommen seid, nach uns zu schicken. Da meinten die Matrosen und die anderen niederen Ränge, wenn Magallanes bei ihnen bliebe, wollten sie sehr gern bleiben. (...)   

 

Am 22. März schlossen Magalhães und Faleiro einen Kontrakt mit der spanischen Krone. Danach wurden fünf Schiffe ausgerüstet - San Antonio, Trinidad, das Kapitänsschiff, Concepción, Victoria und Santiago. Doch bis zur Abfahrt der Armada, am 20. September 1519, mußten viele Hindernisse bei der Ausrüstung und Verproviantierung aus dem Wege geräumt werden. Auch schien König Manuel von Portugal inzwischen anderen Sinnes zu sein:

 

Auszug aus einem Brief des portugiesischen Botschafters Álvaro da Costa vom 28. September 1518 an seinen König. Darin berichtet er über sein Auftreten vor König Carlos I. (Kaiser Karl V.) und dessen Ministern. Er wollte damit erreichen, daß der spanische König Magalhães nicht in seinen Dienst nehme (in: Martín Fernández de Navarrete, Coleccíon de los viages y descubrimientos que hicieron por mar los españoles, tomo IV, Madrid, 1825-37):

 

(...) In der Angelegenheit Fernam de Magalhães habe ich hart gearbeitet, wie ich bereits schrieb. Jetzt, da (Kardinal - d.Ü.) Xebres erkrankt ist, hatte ich Gelegenheit, mit dem König ein ernsthaftes Gespräch zu führen. Ich gab ihm die vielen Unannehmlichkeiten zu bedenken: "Es gehört sich nicht, daß ein König die Untertanen eines anderen Königs aufnimmt, schon gar nicht, wenn beide gut befreundet sind. So etwas gehört sich nicht unter Ehrenmännern." Es sei nicht die Zeit, Eure Hoheit in so einer unwichtigen und obendrein ungewissen Angelegenheit zu ergrimmen. Schließlich verfüge er über genügend Untertanen für die Entdeckungen, daß er nicht auf die zurückgreifen müsse, die Eurer Hoheit in Unzufriedenheit den Rücken gekehrt hätten, denen Eure Hoheit selbst mit Mißtrauen begegneten. Warum Zwistigkeiten säen, wenn es darum ginge, die verwandtschaftlichen Beziehungen durch die Heirat etc. zu vertiefen.

         

Er war sehr überrascht über das, was ich ihm  erzählte. Er antwortete mir mit sehr freundlichen Worten. Er wolle Eure Hoheit nicht erzürnen. Er wolle sich mit dem Kardinal besprechen, "der das Beste ist, was ich habe", er solle über die Rechtschaffenheit befinden. Ihm mißfiel diese Angelegenheit, und er bot mir an, mich an einer Lösung zu beteiligen. Unterdessen wurden der Bischof von Burgos, der diese Angelegenheit in Händen hält, und die Männer vom Indienrat zusammengerufen. Die beharrten gegenüber dem König jedoch darauf, daß das Angefangene fortgesetzt werden müsse, weil die beabsichtigte Entdeckung innerhalb der (spanischen - d.Ü.) Hemisphäre stattfinden sollte. Eure Hoheit sollten dies nicht übelnehmen, wenn sie sich zweier unwichtiger Untertanen Eurer Hoheit bedienten, denn schließlich bedientet Ihr Euch auch vieler Kastilier. Sie führten noch weitere Vorwände an. Anschließend erklärte der Kardinal mir, daß sie (die Männer des Indienrates - d.Ü.) derart in den König gedrungen seien, daß er die Entscheidung nicht habe ändern können.

         

Nachdem Xebre genesen war, sprach ich ihn. Er sagte mir, die Schuld daran träfe jene Kastilier, die den Beistand des Königs in dieser Sache darstellten. Meine Ansicht ist, daß Eure Hoheit den Magalhães einfangen lassen sollten. Das wäre eine Ohrfeige für all jene.

         

Bartolomé de las Casas beschreibt die Situation in jenen Tagen folgendermaßen (in: Las Casas: Historia de las Indias, Bd. III, Kap. CIV):

 

Hier in Zaragoza (der König hielt dort gerade Hof - d.Ü.) setzte Hernando de Magallanes seinen Streit fort. Denn der Botschafter Portugals kam hierher, um die Hochzeit zwischen Don Manuel von Portugal und Madame Leonor, der Schwester des Königs, auszuhandeln. Es heißt, daß man von Seiten des Botschafters versuchte, ihn und den Bakkalaureus Rui Faleiro umzubringen. Darum bewegten sie sich nur noch im Schatten der Häuser. Der Bischof von Burgos sandte ihnen, als die Verhandlungen mit ihm sich verzögerten, Leute aus seinem Hause, die ihn nach Sonnenuntergang zur bischöflichen Residenz geleiteten.

 

Brief aus Sevilla an den König von Portugal durch seinen Faktor Sebastián Alvárez zu den Widrigkeiten, denen Magalhães unterworfen war und über seine eigenen Bemühungen, zu erreichen, daß Magalhães und Faleiro nach Portugal zurückgingen, vom 18. Juli 1519.

         

(...) Die Beamten der Casa de Contratación (...) warfen Magalhães vor, daß er zu viele Portugiesen mit auf die Reise nehmen wolle. Er antwortete, daß er in der Armada täte, was ihm beliebe, ohne ihnen Rechenschaft zu geben. Umgekehrt hätten sie in der Armada nichts zu bestimmen. Es wurden noch viele böse Worte gewechselt. Schließlich zahlten die Offiziere der Contratación die Heuer an die Seeleute und die Kriegsknechte, doch keiner der Portugiesen erhielt seinen Sold. Darüber haben sie wiederum an den Hof geschrieben.

         

Als sich die Gelegenheit ergab, auszuführen, was Eure Hoheit mir auftrugen, ging ich zu Magalhães nach Hause. Ich traf ihn an, wie er gerade Lebensmittel und Konserven zusammenstellte. Ich sagte ihm, daß es mir schiene, als wolle er nun seine schlechten Absichten ausführen. Es wäre das letzte Mal, daß ich als sein Freund und guter Portugiese zu ihm spräche. Er möge sich gut überlegen, was er zu tun beabsichtige. Aus Zwiegesprächen mit ihm hatte ich immer die Hoffnung bewahrt, daß er nichts gegen die Interessen Eurer Hoheit täte, schon gar nicht ein so gefährliches Unternehmen. Er sagte mir, es sei an ihm, das Angefangene zu beenden. Ich warf ein, daß es keine Ehre sei, etwas ungerechtfertigt zu erstreben. Denn selbst die Kastilier betrachteten ihn als Bösewicht und Verräter an seinem Vaterland. Er antwortete, daß er bei seiner Reise Eurer Hoheit gedenken und nichts, was in Euren Herrschaftsbereich gehöre, berühren wolle. Ich sagte ihm, daß es bereits einen Schaden für Portugal bedeute, wenn er die Reichtümer, die innerhalb der Demarkation Kastiliens lägen, entdeckte. Es folgten viele Dinge, die ich hier weglasse. Er fragte mich, ob ich mit Wissen Eurer Hoheit spreche. Ich sagte, daß ich so hohe Ehre nicht verdiene. Doch wenn er täte, was ihm gebühre, würden Eure Hoheit sich sehr gnädig erweisen. Schließlich sagte er, daß er keinen Grund sehe, den König von Spanien im Stich zu lassen, von ihm habe er schließlich viele Gnadenbeweise erhalten. Ich sagte ihm nochmals, daß er doch tun möge, was seine Pflicht sei und nicht seine Ehre aufs Spiel setze. Er solle seinen Weggang von Portugal bereuen; schließlich war es nur um einhundert Reis mehr pro Jahr gegangen, die Eure Hoheit ihm nicht zahlten, um nicht gegen die Vorschriften zu verstoßen. (...)

         

Er wunderte sich sehr, daß ich dies alles wußte: Da sagte er mir die Wahrheit; daß nämlich der Kurier bereits fort sei. Er selbst lasse nicht von seinem Vorhaben ab, solange bereits vereinbarte Dinge nicht zu Ende gebracht seien. Dann wollte er wissen, welche Gnadenerweise Eure Hoheit ihm zugedacht hätten. Da wandte ich ein: (...) Er dächte wohl, daß er als Oberster Kapitän die Flotte anführe, doch ich wüßte genau das Gegenteil. Man würde es ihm erst eröffnen, wenn es an seiner Ehre nichts mehr zu retten gäbe. Er solle doch den Honig, den ihm der Bischof von Burgos ums Maul schmierte, nicht für ernst nehmen. Jetzt wäre es an der Zeit; wenn er mir nun einen Brief an Eure Hoheit überreichte, würde ich aus Liebe zu ihm in seiner Angelegenheit handeln. Schließlich antwortete er, daß er erst etwas entschiede, wenn der Kurier zurück wäre. (...)

         

Die Armada besteht aus fünf Schiffen. Die Artillerie besteht aus achtzig sehr kleinen Rohren. Zur Besatzung gehören zweihundertdreißig Mann. (...) Kapitän des ersten Schiffes ist Magalhães, des zweiten Faleiro, des dritten Cartagena, des vierten Quesada, ein Diener des Erzbischofs von Sevilla. Das fünfte ist bisher ohne Kapitän, sein Pilot ist Carvalho, ein Portugiese. Es heißt, daß jenseits der Hafenausfahrt Alvaro de Mesquita aus Estremoz der Kapitän würde.

         

Folgende portugiesischen Piloten fahren mit: Carvalho, Estéban Gomez, Serrão, Vasco Gallego, der erst seit ein paar Tagen hier lebt. Außerdem noch Alvaro und Martin de Mesquita, Francisco de Fonseca, Cristóbal Ferreira, Min Gil, Pedro de Abreu, Duarte Barbosa, Neffe von Diego Barbosa (...)

         

Den vierten Part an der Armada hält Cristóbal de Haro. Er gab viertausend Dukaten. Die Route verläuft von Sanlúcar direkt zum Cabo Frio. Brasilien bleibt rechter Hand liegen, bis die Teilungslinie (zwischen Portugal und Spanien - d.Ü.) überschritten ist. Dann geht es weiter Richtung West und Westnordwest, direkt nach den Molukken. Ich habe diese Molukken auf dem Erdapfel und der Karte gesehen, die der Sohn von Reinel (aus einer sehr berühmten portugiesischen Kartographenfamilie, der sich zeitweise in Sevilla aufhielt, wo er die Kapitänskarte für Magalhães zeichnete - d.Ü.) gemacht hat. Sie war noch nicht fertiggestellt, als sein Vater hierher kam. Sein Vater hat sie dann beendet und auch die Molukken eingetragen. Von dieser Karte werden alle anderen Karten gezeichnet. Diogo Riveiro macht sie, aber auch die Quadranten und die Erdkugeln. Von diesem Kap bis zu den Molukken sind keine Länder in der Karte eingetragen.

         

Eine weitere Armada von drei Schiffen wird vorbereitet. Ihr Kapitän wird Andres Niño sein. Er nimmt zwei weitere Schiffe in Teilen mit. Er segelt zum Festland, in den Hafen von Darien (Isthmus von Amerika - d.Ü.). Von dort geht es zwanzig Leguas über Land zum Südmeer, und die Schiffsteile mit. Dann sollen die höchstens tausend Leguas nach Westen entfernt liegenden Küsten des Landes Catayo (Kathai, China - d.Ü.) erkundet werden. Dafür wird der Oberste Kapitän G.G. Dávila sein.

         

Sobald diese Armada abgesegelt ist, wird sogleich eine weitere von vier Schiffen vorbereitet. Sie soll Magalhães folgen und ihm Unterstützung geben. Wo das sein wird, weiß man noch nicht. Cristóbal de Haro wird sie führen.

 

Antrag, den Magalhães an die Beamten der Casa de Contratación, einer Art Seefahrtsbehörde, stellte:

         

(...) Eure Hoheiten haben angewiesen, daß in der Armada keine portugiesischen Seeleute fahren. Die ersten Offiziere haben aber festgestellt, daß ein jeder seinem Amt genügt. Außerdem haben Eure Hoheiten sie empfangen, wie auch viele andere Fremde in diesem Königreich, zum Beispiel: Venezianer und Griechen, Bretonen und Franzosen, Deutsche und Genuesen. Zu der Zeit, als sie hier Aufnahme fanden, waren nämlich keine Einheimischen für die Armada zur Verfügung. In Málaga und Cádiz, sowie in der gesamten Grafschaft und in dieser Stadt (Sevilla - d.Ü.) war nach Seeleuten ausgerufen worden, auch wurde die Höhe der Heuer, die Eure Hoheiten zahlen wollten, mitgeteilt. (...)         

         

Eure Hoheiten verfügten, daß besagte erste Offiziere die Seeleute nach eigenem Gutdünken auswählen sollten. Sodann sollten sie vor Eure Hoheiten geführt werden. Und die Ausgewählten wurden dann in die Heuerbücher eingetragen. (...) Doch die Beamten der besagten Casa benannten an Stelle der für die Armada vorgesehenen Portugiesen Einheimische, anderenfalls würden keine weiteren Zahlungen erfolgen. (...)

 

Brief von König Karl vom 17. Juni 1519 aus Barcelona an den Indienrat:

         

Ich mußte erfahren, daß Fernando de Magallanes und Rui Falero viele Portugiesen angeheuert haben, um sie in der Flotte mitzunehmen. Doch da dies nicht konveniert, ordne ich an, daß sofort mit den Kapitänen gesprochen wird, daß ein jeder nicht mehr als vier bis fünf jener Leute mitführt. Die übrigen sollen entlassen werden. Ihr habt dafür zu sorgen, daß alles so geschieht. Es hat aber unter der größtmöglichen Geheimhaltung zu geschehen.

 

Bartolomé de Las Casas über Ausrüstung und Abfahrt der Flotte (in: Las Casas: Historia de las Indias, Bd. III, Kap. CLIV):

         

Um diese Zeit im Jahre 19 wurde Hernando de Magallanes in Barcelona verabschiedet, um auf Entdeckung der Gewürzinseln zu gehen. Denn ihre Entdeckung hatte er angeboten, und er wollte einen anderen Weg nehmen als dies die Portugiesen tun. (...) Der König überreichte Magallanes und dem Bakkalaureus Ruy Falero das Gewand des Ordens der Sankt-Jakobs-Ritter und versprach ihnen weitere Gunstbezeugungen, wenn sie einhielten, was sie versprochen. Und ich glaube, daß er Ruy Falero eine Prämie von 100.000 Maravedís auf sein Leben bei der Casa de la Contratación in Sevilla aussetzte. Denn der wollte wegen einiger Vorbehalte nicht mit Magallanes auf Reisen gehen. Es heißt, er hätte Angst vor Magallanes, oder sie hätten Streit miteinander gehabt. Vielleicht hatte er aber auch erkannt, daß er in der Begleitung von Magallanes nichts Gutes zu erwarten hatte.

         

Jedenfalls nachdem Magallanes abgesegelt war, oder vielleicht auch noch davor, verlor Ruy Falero den Verstand.

 

Magallanes bekam in Sevilla alles, was er forderte, und zwar: Fünf Schiffe, die alle sehr großzügig ausgestattet waren mit Proviant, Waffen und Tauschwaren. Hinzu kamen 230 Mann Besatzung und noch einige dazu, nicht ganz 40, darunter Matrosen und Passagiere und vier Beamte des Königs.

         

Für diese Reise wurden aus der Schatulle des Königs zwischen 21.000 und 25.000 Dukaten ausgegeben.

 

Im September des Jahres 1519 legte die Flotte von San Lúcar de Barrameda ab. Hier verlassen wir die Flotte, um uns ihr zu gegebener Zeit wieder zuzuwenden und, so Gott will, von ihrem Erfolg zu berichten. (...)

         

Der Reisende und spätere Johanniter-Ritter Antonio Pigafetta stand in Diensten des Papstes Leo X., als er 1519 in Barcelona von Magalhães' Unternehmung erfuhr und auf dem Generalsschiff in Dienst trat. Er gehörte zu den wenigen, die 1521 mit Juán Sebastián Elcano die Erdumrundung vollendeten. Seinen Bericht von dieser Reise überreichte er Kaiser Karl V., João III. von Portugal und der Mutter von König Franz I. von Frankreich (in: Antonio Pigafetta, Primo viaggio intorno al globo, Rom, 1944; Antonio Pigafetta, Primer viaje en torno al globo, Madrid, 1963):

 

(…) Nachdem wir den Äquator in südlicher Richtung überquert hatten, verloren wir den Polarstern aus den Augen. Wir segelten mit Südwind und dem Garbin, einem Seitenwind, der aus südwestlicher Richtung weht. Wir durchquerten das Meer, bis wir ein Land erreichten, das Verzin (Brasilien - d.Ü.) genannt wird und sich bereits unter antarktischem Himmel befindet. Das Land gehört zum Kap S. Augustin, welches selbst bei acht Grad gelegen ist.

 

Dort versorgten wir uns mit frischen Lebensmitteln: Mit Hühnern und Kalbfleisch, verschiedenerlei Früchten, Bataten und vortrefflichen süßen Pinienkernen und mit unterschiedlichsten Dingen, die aufzuzählen ich hier unterlasse, um nicht zu langweilen.

 

Die Eingeborenen gaben dort für ein Messer oder einen Haken zum Angeln fünf oder auch sechs Hühner; zwei junge Gänse für einen Kamm und für einen kleinen Spiegel oder eine Schere so viel Fisch, daß man davon zehn Männer hätte ernähren können. Ein Schelle oder eine Nähnadel tauschten sie gegen einen Korb voll jener Früchte, die Batate heißen. Sie schmecken wie Kastanien und sind so groß wie Rüben. Für den König aus dem Kartenspiel, das in Italien gern benutzt wird, überließen sie mir fünf Hühner und glaubten noch, mich übers Ohr gehauen zu haben.

 

13. Dezember 1519, am Fluß Rio de Janeiro

Wir erreichten den Hafen zu Santa Luzia kurze Zeit vor Weihnacht. Die Sonne stand im Zenit, um einen Ausdruck aus der Astrologie zu benutzen. Den Astrologen zufolge ist der Zenit ein Punkt am Himmel, der sich in gerader Linie über unseren Köpfen befindet, jedoch ist er nur ein Ergebnis unserer Einbildung. So jedenfalls kann man es im Traktat über die Sphäre und im ersten Buch über die Welt und den Himmel von Aristoteles lesen. An jenem Tage nun, da wir die Sonne im Zenit hatten, empfanden wir die Hitze noch heftiger als am Äquator. (…)

 

Die Expedition tastete sich an der Ostküste Südamerikas herab, auf der Suche nach einer Durchfahrt. Viele vergebliche Versuche endeten in den zahllosen Buchten. Im März 1520 gab Magalhães die Suche vorerst auf und errichtete ein Winterquartier. Einige seiner Offiziere meuterten und wollten die Rückkehr erzwingen. Sie unterlagen. Die Expedition traf auf Patagonier, angeblich Riesen, die wegen ihrer riesigen Füße so - "Patagonier" - genannt wurden.

         

Im Oktober nahmen sie wieder ihre Suchfahrt auf und fanden bekanntlich die Meerenge, die ihnen die Durchfahrt in das "Südmeer" gestattete; am 28. November erreichten sie jenes Meer, das in der Folge vom Chronisten das stille genannt wurde.

 

Im April 1521 starb Magalhães im Kampf gegen Eingeborene auf der Philippinen-Insel Mactan.

         

Die Erdumsegelung vollendete ein einziges Schiff, die Victoria, die über die Molukken, Timor, um Afrika herum, am 6. September 1522 wieder nach Spanien zurückkehrte. Ein anderes Schiff war bereits vorher zurückgekehrt; es war während der Durchquerung der Magalhães-Straße desertiert.

         

Erst die Magalhães-Expedition brachte zuwege, was Kolumbus eigentlich vorgehabt hatte, nämlich den Orient über den Okzident zu erreichen. Ihm war jedoch Amerika im Wege gewesen.

 

 

8. Der Küstenschutz vor Brasilien und Konflikte mit den Franzosen

 

Französische Korsaren waren inzwischen zu gefürchteten Konkurrenten für die Portugiesen geworden, teils mit offizieller Billigung durch König François I. Trotz ausgehandelter Verträge und scheinbarer Anerkennung des Monopols, stellte François Korsarenbriefe aus. Vom portugiesischen König ausgesandte Schutzflotten hielten sich, wenn sie vor der Küste Brasiliens oder Afrikas fremde Schiffe aufbrachten, genauso wenig zurück und versenkten Schiffe, nahmen gleichermaßen Besatzungen fest, brachten Gefangene häufig um.

 

Portugal hatte nämlich in den Jahren nach der Entdeckung des Seeweges nach Indien die Erkundung und Besiedelung Brasiliens vernachlässigt, weil Indien sofort sehr viel größere Gewinne brachte. So bemächtigten sich die Franzosen des Brasilholzhandels. Als Beispiel dafür mag die oben beschriebene Fahrt des Franzosen Gonneville mit seinem Schiff "l'Espoir" gelten.

 

Seit 1516 hielten sich regelmäßig Schutzgeschwader an der brasilianischen Küste auf. Von König Manuel I. beauftragt, begab sich ein kleines Geschwader unter Cristóvão Jaques zur Brasilholz-Faktorei an den Rio de Janeiro. Fast drei Jahre blieb er dort, verfolgte französische Brasilholzschiffe und ging mit den Gefangenen Franzosen nicht zimperlich um. Nebenher erkundete er die Küste und schickte jedes Jahr ein Schiff mit Brasilholz beladen nach Portugal. Insgesamt drei Mal führte Jaques den Küstenschutz vor Brasilien, das letzte Mal zwischen 1527-28, bereits auf Geheiß von König João III., des Sohnes von Manuel I.

 

Als sich die Beschwerden seitens der französischen Krone über Grausamkeiten, die das Geschwader des Cristóvão Jaques an gefangenen französischen Korsaren verübte, und dazu Schadenersatzforderungen häuften, wurde Jaques abberufen. Nachdem er drei Schiffe samt Ladung zerstört hatte, wandten sich die Reeder um Entschädigung an den französischen König. Dieser wiederum sandte deswegen einen Emissär nach Portugal, doch kehrte der unverrichteter Dinge zurück, weshalb François I. im Jahre 1529 einen Korsarenbrief ausstellte. Später bot er Portugals König gegen die Zahlung einer großen Summe die Kassierung des Korsarenbriefes an.

 

Im Gegenzug sandte König João III. seinen Botschafter João da Silveira nach Frankreich, um König François I. davon zu überzeugen, daß das Verhalten der Franzosen sehr schädlich für die Beziehungen beider Länder sei. Hier tat der französische König jenen berühmten Ausspruch, wonach er überhaupt nicht wisse, wo in Adams Testament geschrieben stünde, daß die neuentdeckten Länder seinen Vettern in Portugal und Spanien allein gehören sollten. Der Botschafter informierte seinen König auch darüber, daß in Frankreich eine Flotte bereitliege, die alle portugiesischen Schiffe aufzubringen gedenke, derer sie habhaft werden könne.

 

Doch João III. befand sich selbst in erheblichen Geldnöten. Die Unterhaltung der Flotten nach Übersee und die vielen Verluste an Schiffen und Waren stellten einen ständigen Aderlaß dar. Obendrein machte ihm das Piratenunwesen sehr zu schaffen. Es heißt, daß Portugal bis 1530 etwa 300 Schiffe an Piraten verloren hätte. Die enorme Ausdehnung des Königreiches verlangte ein riesiges Aufgebot an Menschen, wobei der Verlust besonders stark bei den Seefahrern spürbar war. Portugal drohte zu entvölkern. Darum war die Krone daran interessiert, in Brasilien große Parzellen Landes an finanziell potente Untertanen als Erblehen zu vergeben. Diese hätten dann die Erkundung, Eroberung und Besiedelung auf eigene Kosten zu betreiben.

 

Im Jahre 1530 sandte João III. die nächste Flotte zum Schutz der brasilianischen Küste. Im Regimento, also den vom König erlassenen Vorschriften für die Reise an den Obersten Kapitän Martim Afonso de Sousa, wies der König ausdrücklich darauf hin, daß die Flotte spanische Hoheitsgebiete zu meiden und Frieden mit den Spaniern zu halten habe. Ebenfalls an Bord war der kaum zwanzigjährige Bruder des Kapitäns, Pero Lopes de Sousa, der vor Brasilien einen Teil der Flotte befehligte. Er führte Buch über die gesamte Reise (in: Diário da navegação de Pero Lopes de Sousa, Rio de Janeiro, 1927):

 

(...) Sonnabend, den 30. Januar maß ich die Position anhand der Sonne und stellte fest, daß wir uns auf der Höhe des Cabo de Santo Agostinho befanden. (...) Wir näherten uns dem Festland und erblickten plötzlich ein Schiff. Wir setzten alle Segel und steuerten auf es zu. Der Erste Kapitän sandte zwei Schiffe nach Norden, der Richtung, in die das fremde Schiff segelte, und zwei nach Süden. Als das andere Schiff bemerkte, daß es eingekreist wurde, hielt es direkt aufs Land zu. Eine halbe Legua vor der Küste warf es Anker und setzte das Beiboot aus. Als wir uns bis auf einen Bombardenschuß genähert hatten, sprangen die Leute gerade ins Boot und flüchteten an Land. Der Erste Kapitän sandte Diogo Leite, den Kapitän der Karavelle Princesa, mit dessen Beiboot dem anderen hinterher. Als er an Land kam, hatten sich die Leute bereits ins Innere geschlagen. Ihr Boot war ein Wrack.

 

Wir begaben uns zu dem Schiff. Es war kein einziger Mann mehr dort. Viel Artillerie und Pulver fand sich an Bord, auch viel Brasilholz hatte es geladen. Am Mittag setzten wir die Segel, um in Richtung auf das Cabo de Santo Agostinho zu segeln. Wir waren etwa sechs Leguas davon entfernt. Dieses französische Schiff haben wir auf der Höhe des Cabo de Percaauri aufgebracht. Vor der Südküste des Cabo de Santo Agostinho eroberten wir ein weiteres französisches Schiff, das mit Brasilholz beladen war.

 

Noch in derselben Nacht schickte mich der Erste Kapitän mit zwei Karavellen zur Insel Santo Aleixo, wo sich nach einer Information zwei französische Schiffe aufhalten sollten. Wir segelten die ganze Nacht, ich mit dem Senkblei in der Hand. Wir hatten zwölf Faden Tiefe. (...)  Am Morgen des 1. Februar waren wir eine halbe Legua vor der Insel. Dort erspähten wir ein Schiff, das die Focksegel Richtung Norden gesetzt hatte. Als ich das sah, ließ ich Segel an der Südseite setzen. Da das Schiff unserer Karavellen ansichtig wurde, setzte es alle Segel. Nach vier Uhren (Sanduhr, welche die halben Stunden maß; also nach zwei Stunden) setzte ich Segel von Süd hinüber nach Nord. Um Mittag befand ich mich im Kielwasser des Schiffes, zwei Leguas von ihm entfernt. Die andere Karavelle war eine Legua hinter mir geblieben. Als wir das Cabo de Santo Agostinho ausmachen konnten, setzte sich der Erste Kapitän mit dem Schiff Sam Miguel und der Galeone Sam Vicente und einem den Franzosen genommenen Schiff in Bewegung. Doch fuhr er so unter Wind, daß er sich dem Land kaum nähern konnte. Eine Stunde vor Sonnenuntergang erreichte ich das Schiff. Doch ehe ich einen Schuß abgeben konnte, gab es zwei auf mich ab. Noch vor Einbruch der Dunkelheit gab ich drei Schuß mit kleinkalibriger Kanone ab und drei Schuß mit der gesamten anderen Artillerie. In der Nacht kam ein starker Ostsüdost auf, daß ich nur mir ganz kleiner Artillerie schießen konnte. Auf diese Art scharmützelten wir die ganze Nacht.

 

Am Donnerstagmorgen, den 2. Februar, schickte ich einen der Matrosen auf den großen Mast, um zu sehen, ob er den Ersten Kapitän oder die anderen Schiffe fände. Er rief, daß er ein Schiff sähe, von dem er nicht sagen könne, ob es lateinische oder runde Segel habe. Von früh sieben Uhr bis zum Sonnenuntergang jagten wir das Schiff und kämpften dabei miteinander. Das Schiff gab zweiunddreißig Schüsse auf mich ab und zerstörte dabei viele Einrichtungen an Bord. Keines der Segel war heil geblieben. Nachdem wir das Schiff aufgebracht hatten, näherte sich uns der Erste Kapitän mit den anderen Schiffen. Ich enterte das Schiff und kurz darauf kam der Erste Kapitän und enterte es seinerseits. Die meisten der Franzosen gingen auf das Kapitänsschiff hinüber.

 

Das geenterte Schiff hatte Brasilholz geladen. Es verfügte über viel Artillerie und anderes Kriegsgerät. Weil ihnen das Pulver ausgegangen war, hatten die Franzosen aufgegeben. Wir haben auf das Schiff nur einen Bombardenschuß abgegeben. Die Steinkugel traf das Schiff an der Wasserlinie. Mit der mittleren Artillerie verletzten wir ihnen sechs Mann. Bei mir auf der Karavelle wurde nicht ein Mann getötet oder verletzt, wofür ich dem Herrgott vielmals danke. (...)      

 

 Am Sonnabend, den 30. April befanden wir uns vor der Mündung des Rio de Janeiro. Und weil der Wind uns abflaute, ankerten wir bei einer Insel, die in der Mündung dieses Flusses liegt. Wir hatten 15 Faden Wassertiefe bei sandigem Grund. Um Mittag kam wieder Wind auf, und wir fuhren mit den Schiffen hinein. Dieser Fluß ist sehr breit. Es finden sich acht Inseln darin (...), und zwischen ihnen können Karacken hindurch.(...)

 

Als wir darinnen waren, befahl der Erste Kapitän, an Land eine Festung mit einer Einfassung darum zu errichten. Außerdem sollte eine Feldschmiede aufgebaut werden, damit die Dinge, die wir benötigten, hergestellt werden konnten. Dann sandte der Erste Kapitän 4 Mann in das Innere des Landes: Sie waren dann 2 Monate unterwegs und liefen 115 Leguas über Land. Über 65 Leguas ging es durch hohes Gebirge und 50 durch eine große Ebene. Sie trafen auf einen großen König, der Herr über die großen Ebenen ist. Er ließ ihnen hohe Ehren zuteil werden. Er begleitete sie bis zum Ersten Kapitän und brachte auch viel Bergkristall mit. Vom Rio Peraguay berichtete er, daß es dort viel Gold und Silber gebe. Der Erste Kapitän lud ihn ein und überreichte ihm viele Geschenke. Dann schickte er ihn wieder zurück in seine Ländereien.

 

Die Eingeborenen an jenem Fluß (Rio de Janeiro - d.Ü.) sind genauso wie die von Bahia de todolos Santos nur viel liebenswürdiger. Die Landschaft ist sehr bergig und voller hoher Gipfel. Ein besseres Wasser als aus diesem Fluß kann man sich nicht vorstellen. Wir rasteten hier drei Monate, um Proviant für ein Jahr für die 400 Mann Besatzung zu fassen. Aus 15 Holzbänken fertigten wir zwei Brigantinen. Am Dienstag, den 1. August 1531 lichteten wir die Anker und verließen den Rio de Janeiro bei Nordostwind. (...)

 

Am Nachmittag kam ein starkes Gewitter mit viel Regen bei Windstille über uns. Wir ankerten bei 15 Faden Tiefe und schlammigem Grund. Plötzlich kam von Süden ein starker Sturm auf. Das Kapitänsschiff hißte die Segel und gab uns Signal, ihm zu folgen. Doch der Wind war mächtig und die See rauh, darum wagte ich nicht, die Segel zu setzen. (...) Ich ließ verschiedene Taue aneinanderspleißen und erhielt so ein Tau von 120 Faden. Daran wurde ein Anker befestigt, der durch den weichen Schlamm schleifte. Das Gewitter wurde immer heftiger, Sturm und Meer schütteten die Kastelle voller Wasser. Ich ließ ein weiteres langes Tau fertigen und einen Anker daran anbringen, um ihn dann ins Meer zu werfen. Inmitten dieses großen Unglücks ließ ich alle Kastelle entfernen, um das Deck  ganz eben zu haben. Dann ließ ich die Leine zum Beiboot kappen, das wir hinter uns her schleppten. Die Wellen brachen sich weiter über unserem Deck. (...)

 

Unser Schiff tauchte mit dem halben Deck ins Meer. Dabei brach der Fockmast in zwei Stücke. Wir näherten uns einer Landspitze. Die einen meinten, wir würden es schaffen, sie zu umschiffen, andere schrien, daß wir auf Land laufen würden. Es war ein solches Durcheinander auf dem Schiff, daß keiner den anderen verstand. Daraufhin schickte ich die Mannschaft unter Deck. Ich ließ den Piloten das Ruder nehmen. Ich selbst begab mich aufs Vorderschiff, um mein Glück zu versuchen und zu sehen, ob es gelänge die Spitze zu umschiffen. Sollten wir es nicht schaffen, gab es keine Möglichkeit zu ankern. Überall ragten Felsen aus dem Wasser. (...)

 

Wir umrundeten die Spitze, waren jedoch so dicht an Land, daß die zurückflutenden Wassermassen unser Schiff mit aufs Meer zogen. (...) Bei der Umrundung war uns sehr viel Wasser eingedrungen. Es stand 7 Spannen hoch unter Deck. (...) Später stieß die Galeone Sam Vicente zu uns. Ich fragte an, ob sie ein Beiboot an Bord hätten. Man antwortete, daß das Boot und drei Anker verloren gegangen seien. Nur ein Anker sei ihnen verblieben. (...) Der Pilot berichtete noch, daß er das Schiff des Ersten Kapitäns in Landnähe ohne Masten gesehen hätte, doch vom Mastkorb aus war nicht auszumachen, ob es vor Anker lag.

 

Am Dienstag, den 23. Oktober tauchte die Karavelle ohne Taue, ohne Anker und ohne Beiboot auf. Der Pilot erzählte, daß sie das Unglück hinter einem Landvorsprung auf wunderbare Weise überstanden hätten. Das Kapitänsschiff hatten sie, seit es die Segel gesetzt hatte, nicht wieder gesehen. Ich wußte nun nicht, was ich weiter tun sollte. Um die Segel setzen zu können, fehlten mir Taue, Anker und das Beiboot. Ich beschloß, dreißig Mann an Land zu schicken. Dazu mußten zuerst zwei Mann mit einem Tau versehen zur Karavelle schwimmen. Sie sollte sich mir achterschiffs nähern.

 

Am 24. Oktober war die See so rauh, daß die Karavelle sich unserem Schiff nicht nähern konnte. An diesem Tag ließ ich an Bord ein Boot aus Faßdauben bauen.

 

Donnerstag den 25. des Monats schickte ich 30 Mann zur Karavelle. Es waren die, die am besten schwimmen konnten. Ihre Waffen führten sie in einem hohen Faß mit sich, damit sie nicht naß wurden. Außerdem bekamen sie zwei Fässer mit Proviant für 8 Tage mit. Die Karavelle sollte an Land fahren und so vor Anker gehen, daß sie nicht Gefahr lief, auf Grund zu laufen. Von dort sollten sie mit den Flößen von dem französischen  Schiff an Land gehen. Zur Mittagszeit waren nach mühseliger Arbeit alle an Land. Sofort liefen viele Eingeborene zusammen, ohne jedoch näher zu kommen. Als allerdings zwei Mann von uns zu ihnen gingen, traten die Eingeborenen auf sie zu und umarmten sie. Dabei weinten sie und gaben traurige Gesänge von sich. Als die Eingeborenen sich verabschiedet hatten, gingen unsere Leute am Strand weiter. Nach einer halben Legua entfachten sie ein Feuer, und ich erblickte eine Menge Leute. Es schien mir die Mannschaft des verlorengegangenen Bootes zu sein.

 

Sonnabend den 26. Oktober ließ ich ein Floß bauen, mit dessen Hilfe Eisen und die Schmiede auf die Insel gebracht wurden, um Nägel für das Boot zu fertigen. (...)

 

Freitag den 2. November kehrten die Leute zurück, die ich auf die Suche nach Martim Afonso geschickt hatte. Sie berichteten, wie das Kapitänsschiff wegen fehlender Taue an der Küste auflief. Martim Afonso und die ganze Mannschaft retteten sich, indem sie an Land schwammen. Lediglich 7 Personen starben, 6 ertranken, und einer starb vor Schreck, weil die Brigantine auch auf Grund lief. Die Beiboote der Galeone und des Kapitänsschiffs konnten gerettet werden. Am Strand fanden sie eine sehr gut gearbeitete Brigantine aus Brettern von Zedernholz (von der vorangegangenen Expedition des Caboto an den Río de la Plata - d.Ü.). All diese Gefährte hatte nun Martim Afonso, um den Fluß hinaufzufahren. Er ließ mir noch ausrichten, daß ich mit der Mannschaft, die die Schiffe entbehren konnte, zu ihm kommen solle.

 

Montag den 5. des Monats fuhr ich mit der Karavelle bei Ostnordostwind los. Nach einer Stunde erreichte ich den Ort, wo das Kapitänsschiff vor der Küste lag. Als ich Anker geworfen hatte, drehte der Wind auf Südost. Ich sandte das Boot an Land, um Martim Afonso wissen zu lassen, daß wir angelangt waren. (...)

 

Der Erste Kapitän schickte uns mit der Karavelle zu einer Insel, 4 Leguas westlich von uns. Dort sollten wir auf Order von ihm warten. Dort hatten wir dann viel zu tun, wir entluden Artillerie und Eisen. Inzwischen beriet sich Martim Afonso mit den Piloten und Bootsführern. Alle waren sich einig darin, daß er nicht den Rio de Santa Maria hinauffahren sollte, und zwar aus verschiedenen Gründen: Es war nicht genügend Proviant vorhanden, der war mit dem Schiff verloren gegangen. Außerdem waren die beiden verbliebenen Schiffe derart beschädigt, daß sie keine 3 Monate würden durchhalten können. Obendrein schien der Fluß nicht schiffbar, wegen der im Sommer täglich auftretenden Stürme. Drum nahm der Erste Kapitän Abstand von diesem Unternehmen.

 

Nun schickte er mich samt 30 Mann in der Brigantine los. Wir sollten einige Wappenpfeiler aufstellen und den Fluß (Río de la Plata - d.Ü.) für den König, Unseren Herrn, in Besitz nehmen. Wir sollten innerhalb von 20 Tagen wiederkehren, denn der Hafen, in dem die Schiffe jetzt lagen, war recht ungeschützt.

 

(...) Ich fuhr an der Küste entlang und entdeckte, an einer Insel vorüberfahrend, einen hohen Berg, dem ich den Namen Monte de Sam Pedro (Montevideo - d.Ü.) gab. Wir übernachteten am Fuße dieses Berges Sam Pedro. (...) Wir segelten immer einen Pfeilschuß von der Küste entfernt. Plötzlich blieb der Wind aus, und es mehrten sich Zeichen eines heranrückenden Sturmes. Ich beschloß, die Brigantine ganz an Land zu ziehen und dort die Nacht zu verbringen. Ich ließ die Brigantine an einem Strand ganz aufs Trockene ziehen, damit auch Reparaturen vorgenommen werden konnten. Dann brachten wir die Artillerie in Ordnung.

 

Ich zog mit 10 Mann ins Innere des Landes, um zu erkunden, ob wir Spuren von Menschen fanden. Wir fanden nichts, nur Spuren von Rindern, fanden Rebhühner und Wachteln und reichlich anderes Wild. Das Land ist das lieblichste und entzückendste, das ich je zu sehen bekam. Keiner der Männer wurde es über, sich an der Schönheit des Landes satt zu sehen. Hier fand ich einen breiten Fluß, an dessen Ufern die schönsten Wälder standen, so wie ich sie noch nie sah. Und einen Pfeilschuß vor dem Meer endeten sie plötzlich. Wir erlegten viel Wild und kehrten zur Brigantine zurück. Bei Sonnenuntergang kam ein mächtiges Gewitter von Nordwest. Der Wind blies mit solcher Stärke, daß es keinem der Männer gelang, sich auf den Beinen zu halten. Plötzlich sprang der Sturm auf Südwest und brachte viel Regen und zahlreiche Blitze. Ich befürchtete, die Brigantine zu verlieren, denn das Meer ging auch sehr hoch. Wir durchlebten in dieser Nacht so viele Gefahren, wie dies noch kein Mensch erleben mußte. Der Regen durchweichte den gesamten Proviant, so daß er zu nichts mehr nütze war.

 

Freitag den 25. November wurde der Himmel klar, und es kam Sonne auf, in der wir uns trocknen konnten. Eigentlich wollte ich kehrt machen, da wir keinen Proviant mehr hatten. Dann jedoch fiel mir ein, daß wir uns mit dem, was das Land bot, ernähren konnten. Es gab wunderbaren, äußerst schmackhaften Fisch, wie ich ihn nie sah. Das Wasser war hier schon süß, doch das Meer ging so hoch, daß ich nicht glauben mochte, es sei Flußwasser. Wir erlegten viele Hirsche und anderes Wild. Wir fanden auch Eier von Straußen und junge Strauße, die sehr schmackhaft sind. Wir fanden sehr viel sehr guten Honig. Es war so viel, daß wir ihn nicht mehr mochten. Es gibt auch Disteln, die ein sehr gutes Nahrungsmittel darstellen. Die Männer mochten sie. Da wir der Auffassung waren, uns erhalten zu können, beschloß ich die Weiterfahrt. Der Wind kam von Südost, das Wetter war gut, und nachts schien der Mond.

 

Wir segelten spät ab - zwei Uhr nachmittags. Ich beabsichtigte, die ganze Nacht hindurch zu segeln. Wir segelten bei 6 Faden Tiefe und sandigem Grund immer in Küstennähe. Nach kaum 2 Leguas kamen plötzlich 4 Baumrindenboote mit vielen Menschen darin vom Land her auf uns zu. Sie ruderten derart, daß man denken mochte, sie flogen. Sie waren rasch bei uns. Sie hatten Pfeile und Bogen, sowie Spieße aus feuergehärtetem Holz bei sich. Sie trugen Federbüsche und waren in tausend Farben angemalt. Ohne einen Zug von Ängstlichkeit kamen sie zu uns und umarmten uns voller Freude. Ihre Sprache konnten wir nicht verstehen. Sie war nicht so wie sonst in Brasilien. Sie sprachen aus dem Kropf wie die Mauren. Ihre Rindenboote waren 10, 12 Klafter lang und ein halbes Klafter breit. Ihr Holz war aus Zeder und sorgfältig gearbeitet. Sie ruderten mit sehr langen Rudern, an den Enden befanden sich Federbüsche. In jedem Rindenboot ruderten 40 Mann und alle im Stehen.

 

Als es Nacht wurde, fuhr ich nicht mit zu ihren Zelten, die man am Strand, uns direkt gegenüber, sehen konnte. Es lagen noch sehr viele Rindenboote am Strand. Sie winkten mir, zu ihnen zu kommen und wollten mir Fleisch vom Wild geben. Als sie sahen, daß ich nicht zu ihnen kommen wollte, schickten sie ein Boot voller Fisch. Es kam und kehrte so schnell zurück, daß wir alle sehr erstaunt waren. Sie brachten uns sehr viel Fisch. Ich schenkte ihnen Rasseln und Glasperlen. Sie waren sehr erfreut darüber und zeigten große Zufriedenheit. (...)

 

(20. Januar - d.Ü.) In der Bucht von Sam Vicente schafften wir ein Schiff an Land. Uns allen schien dieses Land so prächtig zu sein, daß der Erste Kapitän beschloß, es zu besiedeln. Er gab den Männern Land, um Fazendas darauf einzurichten. Ein Flecken wurde auf der Insel Sam Vicente und ein weiterer 9 Leguas davon entfernt an dem Fluß Piratininga gegründet. Er teilte die Männer auf die beiden Siedlungen auf und ernannte Hauptleute. Damit war alles in Recht und Ordnung. Dies war ein großer Trost für die Männer. Sie sahen, daß ihre Gründungen besiedelt werden konnten, daß sie Gesetze hatten und nun Opfer bringen mußte. Sie würden Familien gründen und ihr Handwerk betreiben. (...)

 

Am 5. des Monats Februar fuhr die Karavelle Santa Maria do Cabo in den Hafen von Sam Vicente ein. Der Erste Kapitän hatte sie zum Porto dos Patos gesandt, eine Brigantine zu suchen, die verloren gegangen war. Die Männer dort hatten inzwischen eine neue Brigantine gebaut, zusammen mit 15 Kastiliern, die in jenem Hafen schon vor langer Zeit gestrandet waren. Diese Kastilier überbrachten dem Ersten Kapitän Neuigkeiten. Es sollte im Sertão viel Gold und Silber geben. Sie zeigten Proben von dem, was sie sagten. Es sollte sehr weit entfernt sein.

 

Darauf beriet sich der Erste Kapitän mit den Bootsführern und Piloten und weiteren Männern, um zu entscheiden, was zu tun sei. Die Schiffe lagen inzwischen zwei Monate im Hafen und konnten nicht nach Portugal fahren, weil sie arg von Würmern zernagt waren. Die Seeleute verdienten ihre Heuer, ohne dem König dafür einen Dienst zu leisten. Sie verzehrten die einheimischen Lebensmittel. Es wurde beschlossen, daß der Erste Kapitän die Schiffe mitsamt den Seeleuten nach Portugal schicken sollte und selbst mit den übrigen Leuten in den beiden Siedlungen, die sie gegründet hatten, verbleiben sollte, bis eine Nachricht von den Männern käme, die der Erste Kapitän landeinwärts geschickt hatte, um das Land zu erkunden. Darauf wurde ich angewiesen, die zwei Schiffe  für die Fahrt nach Portugal vorzubereiten, um dem König Bericht zu erstatten von dem, was wir bewirkt hatten. (...)

 

Jene Männer waren auf Geheiß von Martim Afonso landeinwärts gezogen, nachdem einer der beiden Überlebenden der Expedition des Aleixo Garcia ins Inkareich, der Portugiese Francisco de Chaves, Informationen über die Reichtümer und das Schicksal Aleixo Garcias überbracht hatte. Pero Lopes de Sousa schreibt in seinem Bordtagebuch (in: Diário da navegação de Pero Lopes de Sousa, Rio de Janeiro, 1927):

 

Wir segelten an der Küste entlang, bis der Erste Kapitän befahl, Richtung Land zu segeln. Wir wollten zum Rio de Santa Maria (Río de la Plata - d.Ü.). Wir steuerten gen Südwest und kamen an eine Insel. Als die Nebel sich gelichtet hatten, erkannten wir, daß es sich um die Insel Cananea (Ilha do Bom Abrigo - d.Ü.) handelte. Wir warfen Anker zwischen der Insel und dem Festland bei 7 Faden Tiefe. Diese Insel mißt eine Legua im Umfang. (...) Zwei Leguas nördlich dieser Insel ergießt sich ein großer Fluß aus dem Inland kommend ins Meer. Der Erste Kapitän schickte eine Brigantine den Fluß hinauf. Darin befand sich auch Pedro Annes, ein Dolmetscher für die Sprachen der Eingeborenen. Er sollte mit denen sprechen.

         

Am 17. August kehrte Pedro Annes Piloto mit der Brigantine zurück. Mit ihm kamen Francisco de Chaves, der Bakkalaureus und 5 oder 6 Kastilier. Dieser Bakkalaureus lebte seit 30 Jahren in Verbannung in diesem Land. Und Francisco de Chaves ist ein großer Dolmetscher hier. Durch die Informationen, die der Erste Kapitän von ihm erhielt, beschloß er, Pero Lobo mit 80 Mann das Innere des Landes erkunden zu lassen. Denn besagter Francisco Chaves hatte sich verpflichtet, innerhalb von 10 Monaten zu diesem Hafen zurückzukommen und 400 mit Gold und Silber beladene Sklaven mitzubringen.

         

Sie brachen am 1. September 1531 auf, 40 Armbrustschützen und 40 Arkebusenschützen. Wir blieben insgesamt 44 Tage auf der Insel. Während dieser Zeit sahen wir nicht einmal die Sonne. Tag und Nacht gab es nur Regen, Donner und Blitz. Wir hatten ständig Wind aus Südost bis Süd. Die Stürme waren so heftig, daß ich mich keines anderen Ortes erinnern kann, an dem es ähnlich wäre. Hier verloren wir viele unserer Anker. (...)

 

An den Ufern des Iguaçu wurden alle achtzig Mann von den Indios umgebracht, nur Francisco de Chaves entkam wieder. Der Verfasser der "Historia Argentina", Guzmán, setzt fort:

 

Sie brachen von San Vicente auf, um jenes Land aufzusuchen. Sie nahmen eine stattliche Zahl befreundeter Indios mit. (...) In Einbäumen nahmen sie Kurs auf den Paraguay, wo Alejos García zurückgeblieben war. Als die Indios, die an der Tötung Garcías teilhatten, diesen Trupp bemerkten, riefen sie ihre Nachbarn zusammen, griffen zu den Waffen und attackierten sie, um zu verhindern, daß sie weiterzogen. Sie führten viele Überraschungsangriffe gegen die Eindringlinge. Sie kämpften mit den Portugiesen auf freiem Feld, wobei der Hauptmann Jorge Sedeno getötet wurde. Mit seinem Tode waren die Soldaten gezwungen, sich zurückzuziehen, wobei noch viele ihrer Gefährten getötet wurden. Bei ihrem Rückzug kamen sie an den Paraná. Die dortigen Indios, die genauso boshaft und verräterisch wie die anderen waren, boten ihnen an, sie in ihren Einbäumen über den Fluß zu bringen. Die Einbäume waren durchlöchert. Die Löcher waren mit Lehm verschmiert. Die Indios führten die Einbäume auf ausgesuchtem Kurs, um schneller das Ende herbeizuführen. Sie bestiegen die Boote mit den Portugiesen. Mitten auf dem Fluß öffneten sie die Löcher, und die Einbäume versanken. Die meisten ertranken wegen des Gewichtes der Waffen in den Fluten. Einige konnten dem entgehen, wurden jedoch von Pfeilschüssen getötet, so daß niemand mit dem Leben davonkam. All das bereitete den Indios keinerlei Mühe, denn sie waren große Schwimmer und mit den Booten sehr vertraut. Nichts war ihnen hinderlich, da sie allesamt nackt waren. So war allen, die an diesem Zug ins Landesinnere teilhatten, ein Ende bereitet worden.                     

 

Am 28. September 1532 sandte König João III. einen Brief an Martim Afonso de Sousa, den Chef des Küstenschutzes vor Brasilien, worin er ihm weiter freie Hand ließ und ihm ankündigte, daß er zum Schutz und zur besseren Verwaltung Brasiliens das Land in Erblehen aufteilen würde. Der Brief zeugt vom großen Vertrauen des Königs in Martim Afonso, der João seit langem diente (in: Varnhagen, F. A. de, História Geral do Brasil, T. I, S. Paulo, 1936):

 

Martim Afonso, Freund: Der König sendet Euch Grüße.

Ich las die Briefe, die Ihr mir über João de Sousa sandtet, und durch ihn erfuhr ich von Eurer Ankunft in Brasilland und davon, wie Ihr die Küste bis zum Rio da Prata (Río de la Plata - d.Ü.) entlang segeltet. Auch las ich, wie Ihr mit den französischen Schiffen verfuhret, daß Ihr die Korsaren festnahmt. Für alles was Ihr tatet, danke ich Euch sehr. Es geschah so, wie ich es von Euch erwartete. Ich bin sicher, daß es Euch wohl gefällt, mir zu dienen.

 

Das Schiff, welches Ihr hersandtet, hättet Ihr besser dort behalten sollen, mit allem, was darauf war. Wenn Ihr wieder auf solche Korsarenschiffe stoßt, verfahrt mit ihnen und den Leuten darauf so, wie ich dies in meinen Anweisungen festlegte.

 

Da ich gern Neuigkeiten von Euch und Euren Taten dort erfahren wollte, ließ ich im letzten Jahr ein Schiff ausrüsten, um João de Sousa nach Euch zu schicken. Doch als alles bereit war, war es zu spät, die Küste entlangzusegeln. Deshalb wurde wieder abgetakelt. Er segelt jetzt zu Euch mit zwei bewaffneten Karavellen, um bei Euch zu verbleiben, solange Ihr es für richtig haltet. (…)

 

Solltet Ihr noch läger dort verweilen müssen, so laßt es mich durch eine Karavelle erfahren, und schreibt mir alles, was Euch widerfuhr und was Ihr an Land erlebtet. Berichtet auch vom Río da Prata in allen Einzelheiten, damit ich weiß, wie dort zukünftig zu verfahren ist. Und wenn Ihr meint, daß es nicht nötig sei, länger dort zu bleiben, so könnt Ihr nach Belieben zurückkehren. Ich habe Vertrauen in Euch.

 

Nach Eurer Abfahrt sind wir zu der Erkenntnis gelangt, daß es mir sehr dienlich wäre, wenn die gesamte Küste Brasiliens besiedelt würde, und einige Personen haben bei mir bereits um Kapitanien nachgefragt. Doch bevor ich irgend etwas in dieser Angelegenheit tue, möchte ich auf Eure Rückkunft warten, um mit Euren Informationen das mir am besten Erscheinende bei der Aufteilung tun zu können. Und ihr solltet Euch das beste Stück aussuchen.

 

Wie ich im Nachhinein erfuhr, gibt es bereits verschiedentlich Versuche, besagtes Brasilien zu besiedeln. In der Erkenntnis, welcher Mühen es bedarf, um Leute dorthin zu bringen, sie anzusiedeln und etwas zu schaffen (so wie es in Pernambuco bereits begonnen wurde),  beschloß ich, die Küste von Pernambuco bis zum Río de la Plata in Abschnitte von je 50 Leguas für jede Kapitanie einzuteilen. Noch bevor irgend jemand eine Kapitanie erhält, hieß ich 100 Leguas für Euch und 50 Leguas für Pero Lopes, Euren Bruder, am besten Küstenabschnitt nach Gutachten einiger Piloten, reservieren. (…)

 

Nach den Anträgen scheint es, daß so der größte Teil der Küste vergeben werden kann. Und alle werden verpflichtet, Leute und Schiffe auf ihre Kosten innerhalb einer bestimmten Zeit dorthin zu bringen. (…)

 

An der Küste Andalusiens wurde durch Karavellen meiner Armada an der Meerenge ein französisches Schiff mit Brasilholz aufgebracht und in unsere Stadt gebracht. Jenes Schiff war von Marseille nach Pernambuco gefahren. Dort landeten Franzosen, die eine meiner Faktoreien zerstörten und 30 Mann  zurückließen, in der Absicht, zu siedeln und sich zu verteidigen. Ich lasse Euch dies schreiben, damit Ihr informiert seid und wißt, was zu tun sei. Es scheint nötig, daß Ihr Acht habt in dieser Gegend, damit Euch nichts passiert: Und solltet Ihr Befestigungen haben, in denen Ihr Euch nicht aufhaltet, so laßt Personen Eures Vertrauens dort zurück, obwohl ich nicht glaube, daß sie noch einmal wagen werden, so etwas zu tun (…)

 

 Der König rechnete also auf Martim Afonsos Sachverstand bei der Aufteilung Brasiliens. Schließlich hatte die Armada nicht nur mehr Sicherheit an der brasilianischen Küste gebracht, sondern war auch die gesamte Küste von Pernambuco im Norden bis zum Río de la Plata im Süden abgesegelt. Ein Teil der Flotte unter Pero Lopes hatte gar den Lauf des Río de la Plata bis in den Paraná hinein erkundet.

 

Im März brach schließlich Martim Afonso von Brasilien auf, traf bei einer Zwischenlandung auf der Azoreninsel Terceira seinen Landsmann Duarte Coelho, einen anderen berühmten Seefahrer und Sohn des Gonçalo Coelho, welcher die ersten Erkundungsfahrten (1503 fuhren Vater und Sohn mit Vespucci) nach Brasilien unternommen hatte. Duarte Coelho führte zu jener Zeit ein Schutzgeschwader für portugiesische Handelsschiffe vor der afrikanischen Küste an. Gemeinsam brachen Martim Afonso und Duarte Coelho nach Lissabon auf, wo sie im Juli 1533 anlangten.

 

Im November 1532 hatte Pero Lopes de Sousa die Aufzeichnungen in seinem Bordtagebuch plötzlich abgebrochen. Im Januar 1533, sechs Monate vor seinem Bruder Martim Afonso, traf Pero Lopes wieder in Portugal ein; in seinem Gefolge: Zwei französische Schiffe und dreißig Gefangene. Doch viel später erst war wieder von ihm zu hören, als nämlich der französische Reeder des letzten von der Flotte aufgebrachten französischen Schiffes "Pellerine" und General der französischen Kriegsflotte Baron von Saint-Blancard gegen mehrere Portugiesen Klage einreichte, darunter auch gegen Pero Lopes de Sousa.

 

Im Juni 1538 fand im französischen Bayonne auf Klage des französischen Reeders der von den Portugiesen in Brasilien aufgebrachten "Pellerine", Baron de Saint-Blancard, ein Prozeß gegen Pero Lopes de Sousa und andere statt. Das Gericht setzte sich aus zwei Franzosen und zwei Portugiesen zusammen. Den Vorsitz in dieser Sache hatte der spätere dritte Generalgouverneur von Brasilien, Mem de Sá. Aus der Anklageschrift des Saint-Blancard (in: Diário de Navegação de Pero Lopes de Sousa…):

 

(...) Im Jahr des Herren 1530, im Monat Dezember, rüstete der obengenannte Kläger mit Erlaubnis des Höchst Christlichen Königs (von Frankreich - d.Ü.) eines seiner Schiffe aus, und zwar La Pellegrine. Sie wurde mit achtzehn Bronzekanonen ausgestattet, die vierhundertfünfzig Zentner wogen. Außerdem brachte man viele eiserne Kanonen an Bord, so viele, daß sich damit das besagte Schiff und noch eine ganze Festung verteidigt werden konnten.

 

(...) Der Kläger stattete das Schiff noch mit der größt möglichen Menge an Waren aus, die sich hoher Wertschätzung auf den brasilischen Inseln erfreuen. Sie sollten dorthin gebracht werden, um gegen andere Waren von jenen Inseln eingetauscht zu werden, die wiederum in Frankreich sehr gesucht sind. Außerdem nahm er Werkzeuge mit an Bord, die unerläßlich sind für den Bau einer Festung und um Kulturen auf den unberührten Boden zu bringen; dazu noch Gegenstände, um die Festung auszurüsten.

 

Zum Kapitän des Schiffes ernannte er Jean Dupéret, der von Marseille aufbrach, um für drei Monate die Meere zu durchqueren und nach Ablauf derer er bei besagten Inseln an einem Ort anlangte, der Pernambuco heißt.

 

Hier trafen sie auf sechs Lusitanier, die die Franzosen sofort mit großer Wut und unterstützt von den Indios angriffen. Doch mit Gottes Hilfe blieben die Franzosen unversehrt und Sieger. Nachdem Frieden geschlossen war, errichteten die Franzosen mit den Indios und gar der Hilfe der sechs Lusitanier eine Festung. Die Kosten trugen die Franzosen. Ebenso die Kosten für die Errichtung des Gebäudes, damit darin nicht nur die Waren, sondern sie selbst alle Schutz gegen die Indios finden konnten.

 

Für diese Konstruktion wendete der genannte Dupéret viertausend Dukaten auf. Noch während der Bauarbeiten trieb derselbe Dupéret Handel mit den Bewohnern der Inseln, tauschte seine Waren aus Marseille gegen Dinge auf den Inseln. Er ertauschte so viele Dinge, daß sie kaum in die Festung passen wollten.

 

(...) Dann ließ er das Schiff mit verschiedenen Waren beladen, um sie nach Frankreich zu schaffen, wo er einen guten Preis für sie zu bekommen hoffte.

 

Unter anderem befanden sich fünftausend Zentner Brasilholz an Bord, das seinerzeit in Frankreich für acht Dukaten je Zentner verkauft wurde. Der Gesamtwert des Holzes wäre also vierzigtausend Dukaten.

 

Des weiteren dreihundert Zentner Baumwolle, die dreitausend Dukaten pro Zentner erbringen (es kann nach dem brasilianischen Historiker Varnhagen aber nur zehn Dukaten heißen - d.Ü.). Außerdem noch Sämereien, die neunhundert Dukaten wert waren, nämlich drei Dukaten pro Zentner. Zudem brachte man noch sechshundert Papageien an Bord, die ja an unsere Sprache bereits gewöhnt sind. Sie waren dreitausendsechshundert Dukaten wert, also sechs Dukaten je Stück. Dreitausend Felle von Leoparden und anderen Tieren, in verschiedensten Farben, insgesamt neuntausend Dukaten wert, das sind drei Dukaten pro Haut. Dreihundert Affen, oder besser Äffinnen, die eintausendachthundert Dukaten wert waren, also sechs Dukaten pro Stück. Und Golderz, das purifiziert dreitausend Dukaten erbringen würde. Und andere Dinge, bei denen man wußte, daß sie in Frankreich, wohin die Dinge ja gelangen sollten, verkäuflich sein würden.

 

Alles zusammengenommen kommt man auf die Gesamtsumme von zweiundsechzigtausenddreihundert Dukaten.

 

Die in der Festung verbliebenen Waren, die für einen späteren Transport nach Frankreich vorgesehen waren, machten das Dreifache des Wertes der Schiffsladung aus. Also war alles zusammen, die Waren vom Schiff und die in der Festung, zweihundertvierzigtausend Dukaten wert.

 

Monsieur de Barran wurde zum Kapitän des Schiffes ernannt. Ihm wurden vierzig Kriegsknechte beigegeben, die von ihm für ausreichend erachtet wurden, das Schiff vor Piraten zu schützen.

 

Sie segelten von Pernambuco los, und das Glück war ihnen hold. Im Monat August des Jahres 1531 fuhren sie in den Hafen von Málaga, in Spanien, ein. Dort gingen sie vor Anker, weil der Hunger sie verfolgte.

 

Sie wurden da von den Herren Martim und Correa aufgespürt, die über eine Flotte von zehn Schiffen und Karavellen verfügten. Sie befahlen Barran herbei und befragten ihn nach seinem Woher und Wohin.

 

Als sie von allem wußten, auch von der Not, die jene an Bord litten, gaben sie ihnen, von Mitleid bewegt, dreißig Zentner Brot und Schiffszwieback. Und weil sie auf dem Wege nach Rom waren, wie Dom Martim damals selbst behauptete, um dem Papst eine Botschaft des Höchst Ehrenwerten Königs von Portugal zu überbringen, boten jene Lusitanier Kapitän Barran hinterhältig an, als sein Geleitschutz bis nach Marseille zu segeln.

 

Als alles in gutem Glauben besiegelt war, verließen sie alle den Hafen von Málaga. Sie waren noch keine fünf Meilen gesegelt, als sie vom starken Wind gezwungen wurden, Halt zu machen.

 

Und am nächsten Tag, es war Mariä Himmelfahrt, gab besagter Dom Martim vor, sich mit allen Seefahrern und Schiffskommandanten über die Fortsetzung der Reise beraten zu wollen. Also rief er auch Barran und die Bootsführer zu sich an Bord. Dort angekommen wurden sie sofort und mit Zustimmung von Dom Martim von Correa, Ferraz, Leite und Palha festgenommen. Anschließend wurden die anderen Besatzungsmitglieder der  Pellegrine festgenommen. Sie brachten die mit Gewalt Festgesetzten, das Schiff mit all seinen Waren, dem Boot und Leuten in die Gewalt des Höchst Ehrenwerten Königs, der die Männer einkerkerte und sich Schiff und Güter aneignete.

 

Als der Höchst Ehrenwerte in Kenntnis gesetzt war über den Bau der Festung auf besagten Inseln, über das Vorhandensein von Waren, Vorrichtungen, Waffen und Ausrüstungsgegenständen, rüstete er insgeheim drei Schiffe aus, zu deren Kommandant er Pedro Lopes machte. Die Armada erhielt die Auflage, so schnell wie möglich loszusegeln, um die Festung zu zerstören, sich der Waren zu bemächtigen und die Männer in der Garnison niederzumachen.

 

Vor dem Jahr 1526 gab der Höchst Ehrenwerte ein Edikt in ganz Portugal heraus. Es bestimmte ganz ausdrücklich, daß alle Untertanen, unter Androhung der Höchststrafe, alle französischen Schiffe zu versenken hatten, die zu jenen Inseln führen oder von ihnen zurückkehrten. Zu diesem Zwecke hatte besagter Correa ausdrücklichen und unterzeichneten Auftrag erhalten.

 

Jene Lusitanier taten wie ihnen geheißen, obwohl es keinen Krieg zwischen den beiden Königen gibt. Sie waren im Gegenteil Verbündete, und die erwähnten Waren gehörten nicht zu den verbotenen. Und der Höchst Ehrenwerte König hat keinen Besitzanspruch auf jene Inseln. Die dort lebenden Wilden haben zahlreiche Häuptlinge, die mit ihren wilden Sitten und Bräuchen dort herrschen. Es ist auch äußerst unwahrscheinlich, daß der Höchst Ehrenwerte König von Portugal mehr Anspruch auf jene Inseln haben soll als der Höchst Christliche König (von Spanien - d.Ü.), denn das Meer gehört allen, und auf den verlorenen Inseln ist es allen erlaubt, anzulegen, nicht nur den Franzosen, sondern allen Nationen, um die Eingeborenen aufzusuchen und mit ihnen Handel zu treiben.

 

Und weil die Lusitanier damals Frankreich frei aufsuchen konnten und mit den Franzosen Handel trieben, mußte den Franzosen gleiches in Lusitanien erlaubt sein, auch angesichts des Bündnisses der beiden Könige.

 

Um den Monat Dezember des Jahres 1531 erreichte besagter Lopes mit seinen Schiffen den Hafen von Pernambuco, belagerte die Festung des Klägers, und nach Ablauf von achtzehn Tagen zwang er die Besatzung mit Waffengewalt zur Aufgabe und zerstörte schließlich die Festung.

 

Als Monsieur de la Motte, der Hauptmann in der Festung, sah, daß er auf lange Zeit nicht mit Unterstützung rechnen konnte, suchte er mit Lopes über die Kapitulation zu verhandeln. Nach langem Hin und Her vereinbarten beide, daß die Festung übergeben würde, wobei Waren und Besatzung verschont blieben und von Lopes freies Geleit zugesichert wurde. (...)

 

Obwohl die Festung übergeben wurde, ließ Lopes Monsieur de la Motte und weitere zwanzig seines Kommandos hängen. Zwei übergab er lebendig den Indios, damit sie gefoltert und gegessen würden. Die Übrigen wurden mit den in der Festung befindlichen Gütern zu dem Höchst Ehrenwerten König gebracht. Der ließ die Gefangenen, zusammen mit den von Correa Gefaßten, in der Stadt Faro einkerkern. Die Waren eignete sich der König an.

 

Im Kerker wurden sie von den Portugiesen vierundzwanzig Monate lang durch Entbehrungen, Hunger und Unterdrückung mißhandelt. Vier Mann hauchten dort ihr Leben aus. Nach Ablauf von vierundzwanzig Monaten wurden die übrigen elf freigelassen, bar jeglicher Mittel. Doch die Lusitanier zwangen diese Franzosen, in einer von den Lusitaniern eröffneten Untersuchung, falsches Zeugnis abzulegen hinsichtlich des Raubes und der gehabten Händel.

 

Nun sind diese elf Mann noch heute im Kerker. Zwanzig wurden gehenkt, zwei bei lebendigem Leibe gemartert und später verspeist und vier starben im Kerker, das macht zusammen siebenunddreißig.

 

Seit dem Jahr der Gefangennahme bis zum heutigen Tage ist der Kläger verpflichtet, gegenüber den Frauen oder den Erben für den in Aussicht gestellten Sold aufzukommen, das heißt, drei Dukaten pro Monat und Mann, das sind zusammengenommen eintausenddreihunderteinunddreißig Dukaten. Und in sieben Jahren erhöhte sich die Summe auf neuntausenddreihundertzehn Dukaten.

 

(...) Das erwähnte Schiff mit seinen Ausrüstungen war zweitausend Dukaten wert, Vorrichtungen, Waffen und übrige Ausrüstungen, die Waren an Bord und in der Festung nicht mitgerechnet, sechstausend Dukaten. (...)

 

Und weil die Waren, oder ihr Wert, wären sie nicht geraubt worden, vom genannten Kläger vertrieben worden wären und er daran das Zehnfache verdient hätte, verlangt der Kläger einen Ausgleich für den ausgefallenen Gewinn.

 

Man muß obendrein bedenken, daß in Frankreich der Gewinn zwanzig Prozent Zinsen abwirft, eine Summe, die in fünf Jahren das Grundkapital der Waren ergibt. (...)

         

Erwiderung auf die Klage von Saint-Blancard durch Pero Lopes des Sousa:

 

Der Angeklagte erklärt, daß er, als er 1531 mit seinem Schiff und seinen Leuten an die Küste Brasiliens kam und im Hafen von Fernam Buquo (Pernambuco - d.Ü.) anlegte, dort eine Festung mit Faktorei vorfand, worin sich Schreiber und weitere Beamte unseres Herrn und Königs aufhielten. Diese Festung war von Vasallen des Königs vor mehr als 30 Jahren in dem Hafen errichtet worden. In ihr wurden große Mengen an Artillerie, Pulver und Munition, Brasilholz, Baumwolle und Rinderhäuten verschiedener Farben, Brüllaffen, Katzen und Papageien, verschiedenste Öle und viele andere Waren und Lebensmittel des Königs und seiner Vasallen aufbewahrt.

 

In der Festung und um sie herum befanden sich viele Häuser einer Siedlung der Portugiesen. Bei der Festung stand eine Kirche, in der die Gottesdienste zelebriert wurden. Der Bau der Festung hatte mehr als zehntausend Cruzados gekostet und die darin befindlichen Waren, Artillerie, Munition und Lebensmittel waren auch sehr viel wert.

 

Er kann beweisen, daß die Mannschaft des genannten französischen Schiffes, kaum daß sie im Hafen gelandet war, die Festung umzingelte. Die Belagerer wußten, daß die Festung den Portugiesen gehörte und daß sich darin viel Gold, Silber und viele Waren befanden, die für den Handel mit den Eingeborenen dienten. Sie attackierten die Festung und die darin befindlichen Portugiesen mit Schüssen aus Bombarden, Gewehren und Arkebusen. Sie legten Feuer und brannten alle Häuser nieder. Sie raubten die Kirche aus, nahmen ihr Kelche, Kruzifixe und alles andere Silber und brannten sie nieder. Alle Reichtümer, die es in Festung, Kirche und Siedlung gab, waren sehr viel Geld wert.

 

Er kann beweisen, daß bei den Kämpfen, Plünderungen und Zerstörungen, die Männer des Klägers Männer, Frauen und Sklaven der Portugiesen töteten. Sie plünderten alles und entführten einige der Portugiesen, legten sie in Ketten und ließen sie Tag und Nacht arbeiten. Sie behandelten sie, als wären sie Ungläubige.

 

(...) Er erklärt, nachdem die Leute des Anklägers die genannten Missetaten (...) begangen hatten, traf er, der Angeklagte, im besagten Hafen von Fernam Buquo ein. (...) Ihm wurden die Klagen und Beschwerden jener dort befindlichen Portugiesen zugetragen. Und angesichts der Zerstörungen und des Raubes der Güter, forderte er die Männer des Anklägers auf, die Portugiesen freizulassen und ihnen alles, was ihnen genommen wurde zurückzugeben. Dies wollten jene jedoch nicht tun, sie griffen im Gegenteil zu den Waffen und gaben gegen den Angeklagten und seine Begleitung viele Schüsse aus Feuerwaffen ab. Sie hinderten sie, an Land zu gehen und richteten mit ihrem Feuer großen Schaden unter der Mannschaft des Angeklagten und an ihren Schiffen an.

 

(...) Dennoch landete der Angeklagte. Als die Männer des Anklägers die Entschlossenheit des Angeklagten bemerkten und sie ihrer Missetaten, die sie den Portugiesen angetan hatten, gewahr wurden, wandten sie sich an den Angeklagten, daß er ihr Leben verschonen solle. Er beschloß, sie zu verschonen und sie der Justiz des Königs von Portugal zu überstellen. (...)

 

Er erklärt, nachdem alles wie verabredet abgelaufen war, sammelte er die Männer des Anklägers um sich und ließ sie sich frei bewegen, behandelte sie gut, freundschaftlich, wie er es mit den Portugiesen tat. Die Männer des Anklägers hatten ihm versprochen und geschworen, daß sie ihm gehorchen wollten, wie ihrem eigenen Hauptmann. Sie wollten ihm die Treue halten, bis sie in Portugal übergeben würden.

 

Er erklärt, daß er seinerseits erfüllte, was er versprach. Doch die Leute des Anklägers beschlossen, ihn, den Angeklagten zu töten. Zu diesem Zwecke verleiteten sie einige Eingeborene. (...) Eines Nachts hielt sich der Angeklagte im Lande in einer Hütte auf. Er saß beim Schein einer Öllampe, als sie durch ein Loch einen Pfeil mit Haken auf ihn abschossen. Der Pfeil traf ihn in die Flanke. Er durchschlug die Kleider, ein Kissen und blieb in einem Brett, das sich hinter ihm befand, stecken. Als er erkannte, daß die Männer des Anklägers sich gegen ihn erhoben, um ihn verräterisch zu töten, ließ er darauf diejenigen, die ihm am meisten schuldig schienen, richten. Zwei dieser Schuldigen wurden vor die Wilden geworfen. Die Übrigen wurden nach Portugal geschafft und der Justiz überantwortet. (...)

 

Erwiderung auf die Klageschrift durch Antonio Correa, Goncallo Leite, Bertolomeu Ferraz und Gaspar Palha, alles Angeklagte im Verfahren, welches der französische Reeder Saint-Blancard angestrengt hatte:

 

Sie erklären, daß im Jahre 1531 (...) viele Korsaren auf den Meeren fuhren, sowohl Mauren aus Afrika und der Berberei als auch Christen verschiedener Nationen. Sie raubten alle Schiffe und Karavellen aus, die aus Portugal kamen oder nach Portugal segelten. Es handelte sich um Schiffe des Königs, Unseres Herren, und seiner Vasallen und Handelsleute des Königreiches. Das ging so weit, daß sich kaum noch ein Händler oder andere Portugiesen wagten, ein Schiff oder eine Karavelle aufs Meer zu schicken, denn selbst die Fischerboote wurden durch besagte Korsaren gekapert, kaum daß sie die Häfen des Königreiches verlassen hatten.

 

Sie erklären, daß in jenem Jahr 1531 Antonio Correa eine Flotte anführte, der auch Gonçallo Leite, Gaspar Palha und Ferraz angehörten. Sie sollten den Schutz der Meeresenge an der Algarve und jenseits davon wahrnehmen. (...)

 

Der Kapitän verließ mit seiner Flotte den Hafen von Málaga. Mit ihnen fuhr auch das Schiff, von dem der Kläger sagt, es sei seines. (...) Es wurde dem Kapitän berichtet, daß jenes Schiff ein portugiesisches sei und einem gewissen André Afonso aus Porto gehöre, einem Vasallen des Königs. Das Schiff war ihm gekapert und mit vielen Waren an Bord gestohlen worden. (...)

 

Sie erklären, daß man in der Zeit, (...) als die Untersuchungen und Befragungen gegen die Franzosen liefen, Briefe bei ihnen gefunden wurden, welche die anderen Franzosen, die im Hafen von Fernam Buquo geblieben waren, nach Frankreich an ihre Eltern, Verwandten und Freunde geschrieben hatten. Darin erzählten sie, wie sie in dem Land eine Festung des Königs von Portugal eingenommen hatten, wie sie alles, was darin war, geraubt hatten. Die Briefe wurden sofort verlesen und von den Franzosen, von dem Botschafter des Königs von Frankreich und französischen Händlern bestätigt. (...)

 

Sie erklären, daß das Schiff, von dem der Ankläger behauptet, es heiße Pellegrine, dem genannten André Afonso gehöre. Es war bekannt als Sam Tomé und wurde jenem André Afonso mit allen darauf befindlichen Waren, die zusammen dreitausend Cruzados der Franzosen wert waren, geraubt. (...)               

 

 

 

9. Die Erkundungen der Portugiesen und Spanier im Inneren des Kontinents; der Deutsche Ulrich Schmidel ist dabei

 

Bis zu dieser Zeit (30er Jahre) war lediglich der Küstenverlauf seit der Anwesenheit der Sousa-Armada einigermaßen bekannt und verläßlich kartiert. Das Innere des Landes dagegen war, abgesehen von den wenigen Exkursionen, unbekannt geblieben. An der Küste selbst gab es nur kleine Faktoreien, die als Sammelpunkt und Zwischenlager für die nach Europa zu verschiffenden Waren dienten. Und oft genug wurden diese Faktoreien von feindlichen Indios oder, wie beschrieben, von Franzosen zerstört.

 

Mit der Aufteilung Brasiliens in Kapitanien - das waren erbliche Lehen, die der König an verdiente Adelige vergab - setzte ein langsamer Prozeß der Besiedelung durch die Portugiesen ein.

 

Die Suche nach raschem Reichtum war Antrieb, sich weiter in das Innere vorzuwagen und nach sagenhaften Schätzen zu suchen.

 

Von 1538 stammt der Brief von Diogo Nunes, eines offenbar glücklosen Abenteuerers an König Dom João III. Er dürfte als Portugiese aus Peru kommend in spanischen Diensten gestanden haben. Er suchte dem König die Ausrüstung einer größeren Expedition ins südliche Brasilien schmackhaft zu machen und wollte es nebenbei selbst zum Gouverneur bringen. In seinem Bewerbungsschreiben bezieht er sich mehrmals auf den Kaiser, gemeint ist Kaiser Karl V. und König von Spanien. Sein Bericht handelt vom Hinterland, dem Sertão, der Kapitanie von São Vicente. Allerdings sind seine geographischen Angaben etwas unpräzise (in: Revista do Instituto Histórico):

 

Im Jahre 38 zog ich mit einem Hauptmann, der sich Mercadilho nannte, von Peru aus auf Entdeckungen. Wir durchquerten ausgedehnte Ländereien, die völlig unbewohnt waren, sehr zum Mißfallen jenes Kapitäns.

 

Daraufhin schickte er fünfundzwanzig Mann zu Pferde, darunter auch mich, weiter voran. Nach fünfundzwanzig Tagen kamen wir in ein Gebiet mit gutem Land, das von Indios bevölkert war und reich an Gold sein mußte. Denn ich sah, daß die Indios goldene Waffen und goldene Armreifen hatten. Diese Indios befanden sich im Kriegslager, denn sie befehdeten sich mit anderen Indios, die wir bereits hinter uns gelassen hatten. Die Indios wollten nicht, daß wir ihr Gebiet betraten. Es werden an die fünfzigtausend von ihnen gewesen sein. Unter den Indios befanden sich auch Indios anderer Stämme. Wir erfuhren dies durch die Dolmetscher, die wir mit uns führten. Jene Provinz wird Machifalo genannt. (...)

 

Da das Land so wunderbar war, wollten wir zurückkehren zu dem Ort, an dem wir unseren Hauptmann gelassen hatten. Dort fanden wir ihn nicht, weil seine Leute ihn gefangengesetzt hatten, wegen einiger Differenzen, die sie untereinander hatten. So brachten sie ihn gefesselt zurück nach Peru. Aus diesem Grunde wurde jene Provinz nicht besiedelt, denn wir kehrten alle nach Peru zurück. (...)

 

In besagter Provinz Machifalo, die ich kennenlernte, könnten fünf, sechs sehr reiche Städte entstehen. Denn ohne Zweifel findet sich dort sehr viel Gold. Außerdem schien mir das Land sehr für den Anbau von Lebensmitteln geeignet und gesund wie das in Peru. Dieses Land befindet sich zwischen dem Río de la Plata und Brasilien. Im Landesinneren fließt der große Amazonenstrom. In seinem Bett finden sich viele Inseln, die alle von Indios bevölkert sind. Am anderen Ufer des Flusses gibt es sehr viele Siedlungen desselben Stammes. Der Fluß ist also an beiden Ufern besiedelt.

 

An Lebensmitteln gibt es meistens das, was man hier Mais nennt. Es wird auch Brot daraus gemacht. Und davon gibt es große Mengen. Der Fluß ist reich an Fischen aller Arten, wie in Spanien. Und in jedem Dorf, in das man kommt, sieht man die Häuser voll von getrocknetem Fisch. Den nehmen die Indios mit in den Sertão, wo sie Abkommen mit anderen Indios haben. Die Wege dorthin sind sehr ausgetreten, weil sie sehr häufig benutzt werden.

 

 Es gibt viel Wild, Hirsche, Tapire, Wildschweine, Enten und vieles andere. Ich habe Notiz erhalten, daß sich in diesem Land, bis hin zum Río de la Plata, jene Schafe finden, wie es sie in Peru gibt. Und das ist das beste Anzeichen, das es geben kann, denn wo diese Schafe sind, gibt es auch alles andere im Überfluß.

 

Über den Fluß könnte man das Land versorgen, denn die Schiffe könnten bis zu einem Punkt fahren, an dem dann eine Stadt und ein Umschlagplatz entstehen. Die Meeresflut reicht nämlich zweihundert Leguas flußaufwärts. Und von diesem Hafen, wo die erste Stadt entstehen könnte, würden dann Brigantinen noch mehr als dreihundert Leguas den Fluß hinauffahren, denn der Fluß verläuft sehr regelmäßig. Von dieser Provinz bis zum Meer werden es dreihundert Leguas sein, wo der Fluß an brasilianischer Küste endet.

 

Man kann auch über das Festland, durch São Vicente über die Hügel dorthin gelangen. Doch dazu ist eine sehr lange Strecke zu überwinden, und man kann nicht alle notwendigen Dinge bei sich führen, um das Land zu erobern und zu besiedeln, wie man dies über den Fluß kann, obwohl das Land gut besiedelt ist. Um das Land zu erobern, wären zunächst vierhundert Mann notwendig, einhundertzwanzig zu Pferde und die anderen zu Fuß. Diese Leute sollte man im Alentejo, in der Algarve und in Afrika ausheben, denn die könnten so etwas gut aushalten.

 

Dazu braucht es fünf Segelschiffe, die mit allem Nötigen ausgestattet sind, drei Brigantinen und drei Transportkähne, um Proviant, Pferde und die Männer aufzunehmen. Diese Gefährte sind für den Transport auf dem Fluß überaus wichtig.

 

An Waffen sind einhundert Arkebusen und fünfzig Armbrüste notwendig, außerdem zwei Dutzend Bronzekanonen, davon sechs zu zwölf Zentnern, weitere sechs zu vier Zentnern, und die restlichen zwölf sollen zwischen sechs und acht Zentnern haben. Dazu noch vierzig Zentner Pulver. Die Gouverneure in Peru und den anderen kastilischen Indien verfügen über eine Anordnung bezüglich der Eroberung und Aufteilung von Land, und die lautet folgendermaßen: Nachdem das Land erobert und befriedet ist, werden an den besten Orten Städte gegründet, so wie es dem Gouverneur oder den Konquistadoren günstig erscheint. Daraufhin wird zur Erinnerung in ein Buch eingetragen, wieviele Kaziken im Umkreis von dreißig oder vierzig Leguas im Lande mit ihren Indios leben. Die Kaziken müssen den Christen eine solche Anzahl an Indios zur Verfügung stellen, wie es der Gouverneur befiehlt. (...)

 

Diese Indios dienen dann den Christen.(...) Wenn die Indios Gold oder Silber haben, geben sie es ihrem Kaziken, und der gibt es seinem Herren. Und so übergeben sie auch Kleidungsstücke, die sie selbst herstellen und Weizen oder anderes, was sie haben. Sie bearbeiten die Felder des Herren und erleiden keinen Nachteil daraus, weil sie es freiwillig tun. Von all dem Silber und Gold und Steinen, die die Indios bringen, bekommt der Kaiser seinen Fünften. Und bei all dem, was sie für ihre christlichen Herren tun, sind sie ganz ohne Sorgen. Sie geben jedoch nicht so viel, wie sie früher ihrem Kaziken gaben. (...)

 

Wenn es ein Dienst an Eurer Hoheit sein könnte, würde ich dieses Land im Namen Eurer Hoheit besiedeln und erobern, unter den obengenannten Bedingungen, so wie es der Kaiser hält. Eine weitere Gnade sollten Eure Hoheit mir gewähren, das ist der Gouverneursposten für drei Generationen, so macht es auch der Kaiser. Der Herrschaftsbereich des Gouverneurs muß sich über alles entdeckte und besiedelte Land erstrecken.

 

Wenn Eure Hoheit mir die Schiffe und die Bewaffnung zur Verfügung stellen, wie oben erwähnt, werde ich für Proviant, Pferde und die Leute sorgen. Die bekommt man leicht zusammen, denn diesen Weg nimmt man auf sich, um Gott und Eurer Hoheit zu dienen. Ihr solltet auch Anordnungen treffen, wie diese Wilden zu retten sind, um alle Christen zu werden. Und mein Wunsch ist es, für mich, für meine Kinder und für meine Frau genügend zu essen zu haben. Ich wäre es zufrieden, wenn Eure Hoheit noch zwei Dutzend Waffenausrüstungen aus der Waffenkammer bereitstellen könnten, zusammen mit Helmen und noch zwei oder drei Dutzend Rüstungen, das würde dann ausreichen. (…)  

 

Zu dieser Zeit, also in den dreißiger Jahren, begannen die Spanier die südlichen Teile des Subkontinents ernsthaft zu erkunden und zu besiedeln. Zwischen 1534 und 1554 war der Deutsche Ulrich Schmidel aus Straubing als Landsknecht mit dabei (in: Ulrich Schmidel von Straubing, München,1914; Abbildungen in: Levin Hulsius, Sammlung von 26 Schiffahrten in verschiedene fremde Länder, Nürnberg, 1599):

 

(…) Bei ernannter Stadt Cadiz seind gewest 14 große Schiff mit allerlei Proviant und Notdurft wohl gerüst und staffiert, die haben sollen fahren nach Rio della Plata in Amerika. Auch sind allda gewesen 2500 Spanier und 150 Hochteutsche, Niederländer und sachsen, samt dem Obersten Hauptmann, Don Pedro de Mendoza genannt.

 

Unter diesen 14 Schiffen hat eines zugehört Herrn Sebastian Neudhart und Herrn Jakoben Welser zu Nürmberg, welche ihren Faktor Heinrich Peime mit Kaufmannschaft nach Rio della Plata gesendet. Mit denselben bin ich und andere Hochteutsche und Niederländer, ungefährlich bis 80 Mann, wohl gerüst mit Büchsen und Wehren nach Rio della Plata gefahren. Alsdann sind wir mit obbemeldtem Herrn und Obersten Hauptmann von Sevilla mit 14 Schiffen ausgefahren (…)

 

An diesem Ort haben wir eine Stadt gebaut, welche man genennet Buenos Aires, das ist zu teutsch Gute Luft. (…)

 

Vier Jahre später starb der Hauptmann der Spanier Mendoza auf Grund erlittener Entbehrungen auf dem Wege nach Spanien. Im Jahre 1541 wurde Álvar Núñez Cabeza de Vaca zum neuen Gouverneur ernannt.  

 

Indem kam ein Oberster Hauptmann aus Hispanien der hieß Alvaro Nunez Cabeza de Vaca; solchen Hauptmann ordinierte die Kaiserliche Majestät mit vierhundert Mann und dreißig Pferden auf vier Schiffen (…)

 

Als nun diese vier Schiff zu einer Porten oder Hafen in Brasilia, die da heißen Biaza oder Santa Catarina ankommen, wollte er allda Proviant laden. Und als der Hauptmann zwo Caravellen bei acht Meilen von gemeldter Port nach Proviant ausschickete, ist ein solcher Sturm an sie kommen, daß sie beide im See oder Meer haben bleiben müssen, und ist anderes nichts darvon kommen dann die Leut, so darauf gewesen.

 

Als solches der Oberste Hauptmann Alvaro inne wurde, durfte er sich mit den andern zweien großen Schiffen nicht mehr auf's Wasser wagen, sonderlich weil sie nicht sehr gut waren; ließ sie derhalben zerbrechen und kam über Land nach Rio della Plata (…)

 

Dieweil aber bei diesem Obersten kein Respect der Person war, sondern er in allem Dingen seinen stolzen und eigensinnigen Kopf nachsetzen wollt, beschloß die ganze Communität, Edel und Unedel, in ihrem Rat und Versammlung, sie wollten diesen ihren Obersten Alvaro Nunez Cabeza de Vaca gefangen nehmen, und Ihrer Kais. Majestät zuschicken, und dabei Ihrer Majestät seine schönen Tugenden referieren und anzeigen lassen, wie er sich gegen uns verhalten (…)

 

Alonzo de Cabrero, Don Francisco de Mendoza und Garcia Vanegas, nahmen zu sich zweihundert Soldaten und fingen alsdann gedachten Alvaro, unsern obersten Hauptmann, da er sich dessen am wenigsten besorget. Und geschah solches am St. Marcustag Anno 1543 im April. Wir hielten ihn ein ganzes Jahr gefangen, bis man ein Schiff, so man Caravella nennet, mit Proviant, Schiffleuten und anderem, so die Notdurft auf dem Meer erfordert, zurüstete, auf welchem man alsdann den oftgenannten Obersten samt anderen zwei Herren der Kais. Majestät nach Hispanien schickte. (…)

 

In solchem kam mir ein Brief aus Hispanien von Sevilla, welchen mir der Fugger Faktor Christoph Reiser zuschickte; denselben hatte Sebastian Neudhart an Statt meines Bruders Thoman Schmidel seligen geschrieben: Wann es möglich wäre, solle man mir wieder zu Land helfen. (…)

 

Sobald ich solche Brief verlesen hatte, begehrt ich von Stund an mit Fürweisung derselben von unserm Hauptmann Martin Domingo de Yrala einen freundlichen Urlaub, welches er gleichwohl erstlich nit tun wollt. Als ich aber meine langwierige schwierigen Dienst ihm erzählte, er sich auch selbsten gut erinnern kunnte, daß ich der Kais. Majestät in diesem Lande eine lange Zeit treulich gedient und in währender Zeit nicht geringe Gefahr und Not ausgestanden und gelitten, auch für ihn oftmals Leib und Leben gewagt und fürgestreckt und ihn niemals verlassen hatte, mußte er sich dennoch bedenken und gab mir ehrlich Urlaub. Stellte mir auch Brief zu an die Kais. Majestät (…)

 

Ich nahm auch mit mir zwanzig indianischer Carios (Volk der Carijó - d.Ü.), die mir meine Notdurft auf solch weite Reis trügen.

 

Ehe ich aber wollt auf sein, kamen acht Tag zuvor etliche aus Brasilien und brachten Zeitung, daß ein Schiff daselbst ankommen sein sollte von Lissabon aus Portugal, welches Herrn Johann Hülsen zugehörig wäre, einem Kaufmann in Lissabon, so des Erasmi Schetz zu Antorff Faktor war. (…)

 

Nachdem hebt sich des Königs von Portugal, nämlich der Tupis Land an; da mußten wir den Parana und die Canoen verlassen und zu den Tupis über Land ziehen, welches sechs Wochen lang währete, daß wir durch Wildnis Berg und Tal ziehen mußten und für den wilden Tieren nicht kecklich schlafen durften. (…)

 

Von dannen zogen wir weiter und kamen zu einem Städtlein, S. Vicente genannt, welches den 13. Juli anno 1553 geschehen. Allda fand ich ein Portugalesisch Schiff, welches mit Zucker, Bresilholz und Baumwolle geladen war (…)

 

In solchem brach uns der Segelbaum im Schiff. Also mußten wir zu Land kehren, und wir kamen zu einer Porten oder Hafen; dieselbe Stadt wird genennet Spiritu Sancto, liegt in Brasilien und gehöret dem König von Portugal zu. In dieser Stadt wohnen Christen, die machen Zucker mit ihren Weib und Kindern, und findet man bei ihnen viel Baumwollen Bresilholz und andere Gattungen mehr.

 

An diesen Orten des Meeres zwischen San Vicente und Spiritu Sancto findet man die allermeisten Balenen oder Walfisch; die tun großen Schaden; nämlich so man mit kleinen Schifflein von einem Port oder Schiffhafen zu den andern fahren will, da kommen diese Walfisch mit Haufen und streiten wider einander, und wenn sie alsdann zu den Schiffen kommen, ertränken sie dieselben samt den Leuten so darauf sind. Diese Walfisch speien für und für Wasser; und auf einmal so viel, als in ein gut fränkisch Faß gehet. Solches Wasserausgießen treiben sie alle Augenblick, denn sie stecken den Kopf unter das Wasser und recken ihn alsdann wieder auf, und tun solches Tag und Nacht. (…)

 

Von dannen (den Azoren - d.Ü.) zogen wir auf Lissabon zu; dahin kamen wir in vierzehn Tagen, welches war der 3. September 1553. Allda blieben wir vierzehn Tag lang, und starben mir daselbsten zween Indianer, von denen so ich mit mir aus dem Land geführet hatte.

 

Zu einer Zeit, da die Portugiesen sich daran machten, eine Kolonialverwaltung aufzubauen und damit beschäftigt waren, den Alltag in der Kolonie zu bewältigen und sich gleich zweifach mit einer lähmenden Bürokratie, der in Brasilien und Portugal, herumschlagen mußten, trieb anderenorts die Sucht nach dem Gold die Leute um. So ist es eher einem Zufall - dem Ruf, des sagenumwobenen Eldorado - zuzuschreiben, daß bereits in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts die kontinentalen Ausmaße des Amazonas entdeckt wurden.

 

Der Bruder des berüchtigten spanischen Eroberers von Peru, Pizarro, zog im Jahre 1541 mit zahlreichen bewaffneten Männern und einem Heer indianischer Träger die Anden herab, Richtung Osten, auf der Suche nach jenem Eldorado. Auf dem beschwerlichen Weg trennte sich eine Gruppe unter Hauptmann Orellana vom Troß, um Nahrungsmittel zu beschaffen. Sie kehrten jedoch nicht zurück, sondern durchfuhren letztlich den gesamten Amazonasstrom, und an der Mündung angelangt, segelten sie schließlich zurück nach Spanien. Der Dominikanerpater Gaspar de Carvajal, der die gesamte Reise mitmachte, führte Buch (in: Gaspar de Carvajal, Descubrimiento del Río de las Amazonas, Santiago, 1894):

 

Bericht von Bruder Gaspar de Carvajal, Pater des Dominikanerordens, darüber, wie es Kapitän Francisco de Orellana mit großem Glück gelang, einen großartigen Fluß von seiner Quelle bis zu seiner Mündung ins Meer zu erkunden. Zusammen mit siebenundfünfzig Männern stürzte er sich in das Abenteuer, diesem Fluß zu folgen, der den Namen seines Entdeckers trägt: Río de Orellana.

 

Zum besseren Verständnis der Geschichte, muß hier bemerkt werden, daß es sich bei Kapitän Francisco de Orellana um einen Hauptmann und Vertreter des Gouverneurs Ihrer Majestät handelte. (...) Gonzalo Pizarro, (Bruder des Generalkapitäns von Peru, Francisco Pizarro, der 1541 ein tragisches Ende fand - d.Ü.) trug sich mit der Absicht, nach dem Goldland Canela zu suchen. Kapitän Orellana wurde in Quito bei ihm vorstellig, um seine Teilnahme an der Suche und Eroberung des sagenumwobenen Goldlandes zu erklären.

 

(...) Als wir schließlich an einem Fluß angelangt waren, wo sich einige kleinere Siedlungen befanden, befahl der Gouverneur Gonzalo Pizarro, ein Boot zu bauen. Damit sollte der etwa eine Legua breite Fluß seiner Länge nach befahren werden, um Proviant zu suchen. (...) Es bereitete  viele Mühen, dieses Boot zu bauen. Dann ließ Gouverneur Pizarro das Gepäck und einige kranke Indios an Bord schaffen. Wir folgten dem Fluß etwa fünfzig Leguas weit. Es gab keine weiteren Siedlungen mehr und damit auch keine Möglichkeit, neuen Proviant zu fassen. Diese Tatsache sorgte für große Unzufriedenheit unter den Männern. Sie wollten  umkehren, weil sie gehört hatten, daß sich noch ein weiteres menschenleeres Gebiet anschließen würde.

         

Kapitän Orellana sah die Not, unter der alle litten. Er sah auch, daß alles, was er besaß, verloren war. Die Umkehr nach einem solchen Verlust war mit seiner Ehre unvereinbar. So trug er dem Gouverneur die Bitte vor, ihm das Wenige zu lassen, was ihm verblieben war, um dann allein mit seinen Leuten weiter flußabwärts zu fahren. Sollte er Glück haben und in der Nähe auf Siedlungen stoßen und Proviant bekommen, der für alle reichte, wollte er Nachricht geben. Sollte der Gouverneur aber feststellen, daß sie zu lange ausblieben, sollte er sich nicht darum bekümmern, sondern an einen Ort zurückziehen, wo er genug Nahrung für alle fände. Dort sollte er nochmals drei, vier oder mehr Tage warten. Wenn er, Orellana,  dann noch immer nicht zurückgekommen sei, sollte er aufgeben. Darauf antwortete der Gouverneur, daß der Kapitän tun könne, was ihm beliebe.

 

Also sammelte Kapitän Orellana siebenundfünfzig Mann, nahm das Boot und einige Einbäume, die sie den Indios weggenommen hatten. Sie fuhren den Fluß hinab in der Absicht, zurückzukehren, sobald sie Lebensmittel gefunden hätten.

 

Doch es kam alles ganz anders als gedacht. Nach zweihundert Leguas hatten wir noch immer nichts gefunden und litten alle entsetzlich unter dem Hunger. Wir flehten zu Gott um unseren Beistand, damit wir wenigstens den Weg zu unseren Gefährten zurückfänden. Am zweiten Tag wären wir beinahe mitten auf dem Fluß zugrunde gegangen, als unser Boot mit einem Baumstamm zusammenstieß, so daß eine Planke herausbrach. Wäre das Ufer sehr weit entfernt gewesen, hätte unsere Fahrt dort auf dem Fluß für immer geendet. Doch wir konnten das Boot an das Ufer ziehen und eine neue Planke einsetzen. Eilig setzten wir unseren Weg fort. Wegen der starken Strömung des Flusses, legten wir zwanzig bis fünfundzwanzig Leguas zurück. Der Fluß wurde immer schneller und mächtiger, weil viele andere Flüsse rechter Hand von Süden in ihn einmündeten.

 

Wir fuhren drei Tage, ohne eine Siedlung zu sehen. Wir erkannten, daß wir von unseren Gefährten weit entfernt waren. Der wenige Proviant war zur Neige gegangen. Unser Kapitän beratschlagte mit seinen Männern, was angesichts der Ungewißheit zu tun sei. Wir hatten nichts mehr zu essen und müßten deshalb umkehren, doch ohne Proviant beschafft zu haben, wollten wir das auch nicht tun. Im Vertrauen darauf, daß wir uns noch nicht allzu weit entfernt haben konnten, beschlossen wir, weiter zu fahren. (...) Schließlich litten wir aber so große Not, daß wir uns gezwungen sahen, das Leder unserer Gürtel und Schuhsohlen zu essen, nachdem wir es zusammen mit ein paar Kräutern gekocht hatten. Unsere Schwäche nahm solche Ausmaße an, daß wir uns nicht mehr auf den Beinen halten konnten. So krochen die einen auf allen Vieren weiter, während sich andere mit Stützen behalfen und in die Berge schleppten, um nach eßbaren Wurzeln zu suchen. Einige aßen Kräuter, die sie gar nicht kannten. Sie wurden davon wie toll und waren dem Tode nah. Doch unserem Herrgott gefiel es wohl besser, daß sie die Fahrt fortsetzten und am Leben blieben (...)

 

Am Neujahrstag 1542 schien es einigen von uns, als hörten sie das Getrommel von Indios. Andere widersprachen ihnen. Doch wurden alle davon ein wenig angesteckt und ruderten mit sehr viel größerem Eifer als sonst. Doch weder an diesem Tage noch am nächsten tauchte eine Siedlung auf. Wir erkannten, daß es nur unsere Einbildung gewesen war. Daraufhin verzagten alle, Kranke wie Gesunde, um so mehr. An Rettung glaubte niemand (...)

 

Eines Nachts, es war der 8. des Monats Januar, während wir gerade ein paar Bergkräuter aßen, konnte man plötzlich, ganz in der Ferne, Trommeln hören. Der Kapitän hatte sie als erster wahrgenommen. (...) Bei Anbruch des Tages ordnete der Kapitän an, daß alle Männer Pulver, Arkebusen und Pfeile bereithielten. (...) Nach zwei weiteren Leguas Fahrt flußabwärts sahen wir vier Kanus vollbesetzt mit Indios, die  uns entgegenkamen. Sie wollten offensichtlich gerade an Land gehen. Doch als sie uns erblickten, kehrten sie auf schnellstem Wege um. Nach weniger als einer Viertelstunde hörten wir, wie die Trommeln die Nachricht im Land verbreiteten. (...) Der Kapitän befahl den Männern, schneller zu rudern, damit wir das erste Dorf erreichten, noch ehe sich die Indios zurückgezogen hatten. Nach schneller Fahrt kamen wir an ein Dorf, in dem uns die Indios bereits erwarteten, bereit, ihre Häuser zu verteidigen. Der Kapitän befahl, daß die Ordnung der Männer bei der Landung vorbildlich zu sein hätte. Sie müßten aufeinander achten. Niemand dürfe sich ungebührlich aufführen. Sie sollten behutsam vorgehen und ein jeder nur das tun, wozu er aufgefordert war. Die Begeisterung der Männer war gewaltig, als die das Dorf erblickten. Sofort waren alle  Mühen vergessen.

 

Die Indios verließen ihr Dorf und ließen alle darin befindlichen Lebensmittel zurück. Das kam uns sehr zupaß. Bevor sich jedoch alle zum Essen niedersetzten, ließ der Kapitän das gesamte Dorf durchsuchen. Die Indios sollten nicht über uns herfallen können, wenn wir dabei waren, alle Lebensmittel zusammenzutragen und uns danach zu erholen.

 

So ist es dann auch geschehen. Endlich konnten die Männer daran gehen, sich für die Vergangenheit zu entschädigen. Sie aßen und tranken all die Dinge, die jene Indios für sich gekocht und gebraut hatten. Es geschah wie in einer Art Agonie, als glaubten sie nicht, jemals satt zu werden. Und doch gab es keine Nachlässigkeit. Sie aßen wie Männer, die es zwar nötig hatten, dennoch aber nicht vergaßen, die nötige Wachsamkeit walten zu lassen. Um sich schützen zu können, trugen alle die Schilde auf dem Rücken und ihr Schwert unter dem Arm und schauten, wie befohlen, beständig um sich, ob die Indios zurückkämen.

 

Nach dem Mittag konnten wir zwei Stunden ausruhen, wenn das Wort denn zutrifft nach all den Mühen, die wir hinter uns hatten. Dann kamen die Indios über das Wasser, um zu sehen, was geschah. Sie kreuzten wie wild durch das Wasser. Als der Kapitän sie bemerkte, begab er sich zum Ufer. Er begann in ihrer Sprache, die er ein wenig verstand, auf sie einzureden. Er sagte ihnen, daß sie keine Angst zu haben bräuchten und näherkommen sollten, daß er mit ihnen reden wolle. Daraufhin kamen zwei Indios zum Kapitän. Er war freundlich zu ihnen und beruhigte sie in ihrer Angst. Er schenkte ihnen etwas von sich und bat sie, daß sie ihren Herrn bitten sollten, zu ihm zu kommen, er wolle mit ihm  sprechen. Niemand brauche Angst vor uns zu haben, denn wir wollten niemandem etwas tun. So gingen sie zu ihrem Herrn und überbrachten die Botschaft.

 

Bald darauf begab sich jener Herr in all seiner Pracht dahin, wo sich der Kapitän und seine Gefährten aufhielten. Er wurde sehr freundlich begrüßt, man umarmte sich. Der Kazike zeigte sich zufrieden darüber, daß man ihn so herzlich empfing. Also ließ der Kapitän Kleidung und andere Dinge bringen, worüber der Kazike höchst erfreut war. So sehr, daß er dem Kapitän sagte, er möge sagen, was er bräuchte und würde es sofort bekommen. Der Kapitän antwortete, daß er nichts so dringend benötigte wie Lebensmittel. Sofort wies der Kazike seine Indios an, Lebensmittel zu bringen. In kürzester Zeit schleppten sie große Mengen davon herbei. Alles was nötig war, auch Fleisch, Rebhühner, Puten und Fische verschiedenster Art. Daraufhin dankte der Kapitän dem Kaziken sehr und bat ihn noch, alle dreizehn Kaziken des Landes herbeizurufen, denn er beabsichtige, auch mit ihnen zu sprechen, um ihnen zu erklären, weshalb er in dieses Land gekommen sei. (...)

 

Am anderen Abend kam der Kazike wieder und brachte drei oder vier Herren mit. Die übrigen konnten nicht so schnell herbeikommen, da sie in weiterer Entfernung lebten. Sie wollten dafür am nächsten Tag erscheinen. Der Kapitän bereitete den anderen Kaziken den gleichen Empfang wie dem ersten auch und erzählte ihnen ausführlichst von Ihrer Majestät. Schließlich nahm er im Namen Ihrer Majestät jedes ihrer Länder in Besitz. (...)

 

Nachdem sich unsere Gefährten einigermaßen vom Hunger und all den Strapazen erholt hatten, ließ der Kapitän alle zusammenrufen, um weitere Vorkehrungen zu treffen. Wie wohl jeder sehen könnte, so erklärte er, sei es kaum möglich, mit unserem Boot und den Einbäumen sicher bis zum Meer zu gelangen, wenn es Gott denn gefiele, uns dorthin zu geleiten. Daher sei der Bau einer Brigantine unabdingbar. Sie müßte so stabil sein, daß man damit auf die hohe See könne. Unter uns befand sich kein einziger Meister, der etwas vom Schiffbau verstand. Doch noch schwieriger war die Frage, wie wir Eisenspieker fertigen sollten.

Inzwischen hatte das Kommen und Gehen der Indios nicht aufgehört. Als hätten sie ihr ganzes bisheriges Leben als Bedienstete verbracht, fuhren sie fort, dem Kapitän die vielfältigsten Speisen zu bringen. Sie brachten auch Edelsteine und goldene Patenen. Doch uns gestattete der Kapitän nicht, davon zu nehmen, noch sie anzuschauen. Die Indios sollten keinesfalls bemerken, daß derlei Gegenstände für uns von Wert sind. Je weniger wir darauf Acht gaben, desto mehr Gold schleppten sie auf ihren Rücken herbei.

 

Hier hörten wir auch von den Amazonen und von Reichtümern, die es weiter flußabwärts gab. Ein Indio namens Aparia hatte uns davon berichtet. Er war schon alt und gab vor, einmal dort gewesen zu sein. Er berichtete auch von einem anderen großen Herrn, der weitab vom Fluß im Landesinneren lebte und große Mengen Goldes besaß. Sein Name war Ica, doch haben wir ihn nie gesehen, denn er lebte, weitab von dem Fluß.

 

Um nun keine weitere Zeit zu verlieren und dabei unnötig Lebensmittel zu verbrauchen, beschloß der Kapitän, sofort Hand ans Werk zu legen und die nötigen Vorkehrungen zu treffen. Die Männer wollten sofort mit der Arbeit beginnen. Es gab unter darunter zwei, denen wir viel verdanken. Sie waren imstande, Dinge zu meistern, die sie nie zuvor erlernt hatten. Sie traten vor den Kapitän und erklärten, daß sie mit Gottes Hilfe die Eisenspieker fertigen wollten. Er solle dafür Sorge tragen, daß sie genügend Kohle bekämen. Es waren Juan de Alcántara, ein Edelmann aus Alcántara, und Sebastián Rodríguez aus Galizien. Der Kapitän dankte ihnen für ihr Vorhaben und versprach ihnen eine hohe Belohnung für ihr großes Werk.

 

 Als erstes ließ er aus Lederstiefeln Blasebälge herstellen und dann alle weiteren Werkzeuge. Die übrigen Gefährten wurden beauftragt, jeweils zu dritt für ausreichend Holzkohle zu sorgen. Sogleich machten sich die Männer mit ihren Werkzeugen auf in die Berge, um Holz zu schlagen und es auf dem Rücken hinab ins Dorf zu bringen, das etwa eine halbe Legua entfernt war. Dort hoben sie in mühevoller Arbeit Gruben aus. Aber sie waren doch sehr geschwächt und recht ungeschickt in diesen Tätigkeiten und konnten die Lasten kaum tragen. Andere Gefährten, die dafür keine Kraft mehr hatten, betätigten die Blasebälge oder holten Wasser. Der Kapitän arbeitete überall mit, so daß alle etwas taten, wovon sie etwas verstanden. Die Arbeit in diesem Dorf ging mit Gottes Hilfe so gut voran, daß wir innerhalb von zwanzig Tagen zweitausend gute Eisenspieker und andere Teile hergestellten.

 

Den Bau der Brigantine verschob der Kapitän für eine bessere Gelegenheit. Wir hielten uns in diesem Dorf schon viel länger auf, als für uns gut war. Wir hatten all unsere Lebensmittel verbraucht. Deshalb würden wir bald großen Hunger zu leiden haben. Dies wäre gewiß, sofern wir auf Nachrichten aus dem Hauptlager warten wollten. Also versprach der Kapitän darauf sechs Freiwilligen eintausend Castellanos als Belohnung, wenn sie dem Gouverneur Gonzalo Pizarro eine Nachricht überbrächten. Obendrein wollte er ihnen zwei Neger zum Rudern mitgeben und einige Indios als Träger, die alles Vorgefallene bestätigen sollten. Doch es fanden sich nicht mehr als drei Mann, denn alle fürchteten den sicheren Tod, dem sie sich auf diese Weise aussetzten. Es würde gewiß sehr lange dauern, bis sie zum Gouverneur fänden, denn der habe vermutlich bereits den Rückzug angetreten. Es waren inzwischen neun Tage vergangen, und wir hatten einhundertfünfzig Leguas hinter uns, seitdem wir den Gouverneur zurückgelassen hatten.

 

Als die Arbeit beendet war und der Proviant aufgezehrt, brachen wir auf. Inzwischen waren sieben unserer Gefährten an den Folgen des Hungers gestorben. Was an Proviant übrig war, wurde verladen. (...) Wir waren noch keine zwanzig Leguas gefahren, als rechter Hand ein anderer Fluß in unseren mündete. (...) Seine Wassermassen  schienen mit denen unseres Flusses einen Kampf zu führen und führten viele Baumstämme mit sich. Es war sehr schwierig, diese Stelle zu passieren, weil uns zudem zahllose Strudel von einer Seite zur anderen schleuderten. Unter großen Anstrengungen gelang es, diesen Gefahren zu entrinnen. Doch das Dorf, das wir nahe dieser Stelle ansteuern wollten, verfehlten wir leider. Wir wußten, daß wir bis zum nächsten Dorf zweihundert Leguas unbewohntes Land passieren mußten. Mit unzähligen Mühen, Entbehrungen und Gefahren setzten wir unsere Fahrt fort.

 

Da widerfuhr uns ein neues großes Mißgeschick: Zwei unserer Einbäume, in denen elf Spanier fuhren, verloren sich zwischen einigen Inseln. Zwei Tage irrten sie umher, ohne uns wiederzufinden. Wir litten große Trauer um sie. Doch Unser Herr ließ uns wieder zusammenkommen. (...)

 

Am nächsten Tag erreichten wir mehrere Siedlungen. Die Indios hielten sich in ihren Hütten auf. Um sie nicht zu beunruhigen, schickte der Kapitän einen Mann vor, der weitere zwanzig Gefährten als Begleitung mitnahm. Sie sollten ihren Fuß nicht an Land setzen, sondern lediglich in aller Liebenswürdigkeit erklären, welcher Not wir litten, damit sie uns zu essen gaben. Sie sollten dann dem Kapitän berichten, der in der Mitte des Flusses abwartete. (...) In den Gesichtern der Indios konnte man ablesen, daß sie sich über unsere Ankunft freuten. (...) Der Kapitän gab ihnen zu verstehen, daß wir Christen seien und nur einen einzigen Gott anbeteten, der Schöpfer aller Dinge sei. Wir seien nicht wie sie, die umherirrten und Steine oder Statuen verehrten. Er erklärte ihnen noch, daß wir Diener und Untertanen des Kaisers der Christen seien, des großen Königs der Spanier, Don Carlos. Sein Reich erstrecke sich auf alle Indien und auf viele andere Königreiche in der ganzen Welt. Wir seien auf sein Geheiß in dieses Land gekommen und sollten ihm berichten von dem, was wir erlebten. (...) Die Indios waren äußerst erstaunt, dies zu hören und zeigten ihre Freude darüber. (...)

 

Nachdem sich der Kapitän von den günstigen Bedingungen, die das Land bot, und dem guten Willen der Indios überzeugt hatte, rief er alle Gefährten zusammen und erklärte ihnen, dies sei der rechte Ort, um die Brigantine zu bauen. Und so geschah es.

 

 Unter uns fand sich auch ein Holzschnitzer, Diego Mexía mit Namen, der sagen sollte, wie das Schiff zu bauen sei, obwohl dies nicht sein Handwerk war. Der Kapitän teilte die Arbeit auf, die einen sollten Spanten, andere sollten den Kiel fertigen. Einige sollten die Steven bauen, andere sollten Planken zurechtsägen. So hatten alle reichlich zu tun.

 

Es herrschte gerade Winter, und das Holz war von weither zu holen. Ein jeder nahm seine Axt und zog zu dem Berg, schlug das Holz, das er brauchte und schleppte es auf seinem Rücken hinab. Einige von uns besorgten die Rückendeckung, damit keine Indios über uns herfielen. In sieben Tagen war das Holz für die Brigantine bereit.

 

Anschließend mußte Holzkohle gemacht werden, weil noch mehr Spieker und andere Dinge gebraucht wurden. Es war wunderbar, mit anzusehen, welche Freude die Gefährten bei der Arbeit empfanden, wenn sie die Holzkohle herbeischafften oder andere Arbeiten verrichteten. Es gab keinen unter uns, der jemals solche Arbeit verrichtet hätte. Trotz aller Schwierigkeiten gab unser Herrgott doch allen die rechte Eingebung, wie die Dinge zu machen waren. Schließlich ging es darum, unsere Leben zu retten. Wenn wir nämlich dieses Land nur mit Boot und Einbäumen verließen und später auf kriegerische Wilde stießen, wie es auch wirklich geschehen ist, hätten wir weder die Möglichkeit, uns richtig zu verteidigen, noch konnten wir den Fluß heil bezwingen. Und wirklich kann nur Gott allein dem Kapitän erleuchtet haben, die Brigantine genau hier zu bauen, weil es später, an anderen Orten, unmöglich gewesen wäre. Nur hier trafen sich so günstige Bedingungen. Und es gab so viele Indios, die uns auf Bitten des Kapitäns immerzu mit Lebensmitteln versorgten.

 

Die Brigantine wurde in großer Eile gebaut. Nach fünfunddreißig Tagen war sie fertiggestellt und konnte ins Wasser gelassen werden. Sie war mit Baumwolle abgedichtet und ausgepicht. Das alles hatten auch Indios mit zuwege gebracht. Die Freude unserer Gefährten über ihr Werk war groß. In dem Dorf gab es viele Moskitos, wir konnten uns ihrer weder bei Tag noch bei Nacht erwehren. (...)

 

Während wir noch mit dem Bau der Brigantine beschäftigt waren, traten eines Tages vier Indios vor den Kapitän. Sie waren außergewöhnlich groß, jeder von ihnen maß mindestens eine Elle mehr als der größte von uns Christen. Sie waren sehr hell und trugen ihr Haar bis zu den Hüften, Kleider und Goldschmuck. Sie hatten viele Lebensmittel mitgebracht, die sie in großer Bescheidenheit darboten. Ihre Haltung ließ auf Wohlerzogenheit schließen und verblüffte uns sehr. Die Lebensmittel wurden vor dem Kapitän ausgebreitet, wobei sie berichteten, daß sie Untertanen eines großen Herren seien und auf sein Geheiß gekommen wären, um festzustellen, wer wir seien, was wir wollten und wohin wir gingen. Der Kapitän empfing sie überaus freundlich, und bevor er mit ihnen sprach, ließ er ihnen Edelsteine überreichen, worüber sie höchst erfreut waren, denn diese waren bei ihnen sehr begehrt. Der Kapitän erzählte auch, was er bereits an anderer Stelle gesagt hatte. (...) Die Indios versprachen, ihrem Herren alles weitersagen zu wollen und brachen auf. Wir hörten nie wieder etwas von ihnen und wissen nun nicht einmal, woher sie eigentlich gekommen waren. (...)

 

Das kleine Boot wurde ebenfalls wieder hergerichtet, weil es bereits zu faulen begonnen hatte. Als alles fertig war, rief der Kapitän alle auf, sich bereitzuhalten und Proviant zu laden. Denn mit Gottes Hilfe wollten wir am kommenden Montag aufbrechen. Unterdessen passierte uns in diesem Dorf eine merkwürdige Sache. In der Karwoche ließen uns die Indios mit Gewalt fasten, denn sie brachten uns bis Ostersonnabend nichts zu essen. Sie erklärten uns, das käme daher, daß sie nichts hatten fangen können. Jedoch an Ostersonnabend und Sonntag brachten sie so viele Lebensmittel, daß wir das meiste wegwerfen mußten. (...)

 

Am 24. April verließen wir das Herrschaftsgebiet von Aparia. Über achtzig Leguas weit erstreckten sich Dörfer, die wir passierten, ohne daß wir je auf kriegerische Indios gestoßen wären. (...) Dann sahen wir tagelang überhaupt keine Indios mehr, und das war ein Zeichen dafür, daß wir das Gebiet und die Siedlungen des großen Herren Aparia verlassen hatten. Der Kapitän befürchtete nun, daß uns der Proviant ausgehen könnte und befahl deshalb, daß die Brigantinen die Fahrt beschleunigten. (...)

 

Von nun an erwarteten uns mehr Arbeit, mehr Hunger und mehr unbewohnte Gebiete als je zuvor. Der Fluß floß zwischen Bergen, so daß wir nirgendwo am Ufer nächtigen konnten. Es war uns auch unmöglich zu fischen, und so kehrten wir gezwungenermaßen zu unserem altbekannten Mahl zurück, Kräuter und ab und an etwas gerösteter Mais. Wir setzten also unseren Weg unter Mühen und Hunger fort, (...) als sich eines Tages ein sonderbarer Fall zutrug. Ich würde mich scheuen, ihn aufzuschreiben, wenn es nicht so viele Zeugen dafür gäbe. Einer unserer Gefährten, und zwar der, der die Arbeiten zum Bau der Brigantine anleitete, schoß mit der Armbrust nach einem Vogel, der auf einem Baum am Ufer saß. Dabei sprang ihm der Bolzen aus dem Spannkasten und fiel in den Fluß. Der Bolzen schien verloren, als ein anderer unserer Gefährten, Contreras, einen an einer Stange befestigten Haken ins Wasser schleuderte und damit einen fünf Ellen langen Fisch herauszog. Der Fisch war riesig, obwohl der Haken klein war. Deshalb mußte er mit Geschick entfernt werden. Als er aufgeschnitten war, fand sich in seinen Eingeweiden der Bolzen der Armbrust. So konnte sie repariert werden, was später nicht ohne Bedeutung bleiben sollte. Denn es waren bei Gott die Armbrüste, die uns am Leben hielten.

 

Am 12. Mai erreichten wir die Provinz von Machiparo, einem anderen großen Herrn, der über viele Menschen herrscht. In seiner Nachbarschaft lebt ein weiterer großer Herr, Omaga geheißen, beide sind Freunde, und im Kriegsfalle tun sie sich zusammen, um gegen andere Herrscher im Landesinneren zu ziehen, die täglich über ihre Siedlungen herfallen. Dieser Machiparo lebt auf einem Berg am Fluß und herrscht über viele große Dörfer. Aus diesen sammeln sich für Kriegszüge bis zu fünfzigtausend Mann im Alter zwischen dreißig und siebzig Jahren. Die Jünglinge ziehen nämlich nicht in den Krieg. Wir sahen auch nie welche, so oft wir auch aneinander gerieten. Immer waren es Alte, die sehr eifrig kämpften. Diese Alten hatten keine Bärte, sondern lediglich Flaum.

 

Die Dörfer schimmerten uns bereits aus zwei Leguas Entfernung entgegen, und wir waren noch nicht viel weiter gefahren, als wir auf dem Fluß viele Einbäume uns entgegenkommen sahen. Sie waren alle für den Krieg gerüstet und sahen prächtig aus mit ihren Langschilden, die aus den Panzern großer Echsen oder aus den Häuten von Sirenen oder Tapiren gemacht waren. Diese Schilde waren mannshoch und bedeckten so die Krieger. Sie kamen mit großem Getöse, schlugen Trommeln und bliesen auf Trompeten aus Holz. Sie drohten, uns verspeisen zu wollen. Sofort ließ der Kapitän die beiden Brigantinen näher beieinander fahren, damit sie sich gegenseitig beschützen konnten. Alle griffen zu den Waffen und achteten auf das, was sich vor ihnen abspielte. Sie erkannten, daß sie sich würden verteidigen müssen und für den Durchbruch zu einem Hafen hart kämpfen müßten. Wir alle empfahlen uns Gott, denn Er würde uns zu Hilfe eilen in dieser großen Not. In der Zwischenzeit hatten die Indios ihre Schwadronen so formiert, daß sie uns in die Mitte nehmen konnten.

 

Unerschrocken und in großer Ordnung näherten sie sich uns, es schien, als hätten sie uns bereits in Händen. Unsere Gefährten zeigten solchen Kampfesmut, daß es ein jeder leicht mit vier Indios aufnehmen konnte. Die Indios kamen näher und begannen, uns anzugreifen. Der Kapitän ließ Arkebusen und Armbrüste laden. Da widerfuhr uns ein großes Mißgeschick: Die Arkebusenschützen fanden das Pulver feucht geworden vor, so daß sie zu nichts nütze waren. Der Ausfall der Arkebusen mußte nun von den Armbrüsten ausgeglichen werden. Unsere Armbrustschützen brachten den Feinden etliche Verluste bei, denn die waren schon sehr nahe, was unsere Leute etwas furchtsam werden ließ. Als die Indios ihre eigenen Verluste besahen, hielten sie sich zurück, zeigten jedoch keine Feigheit, eher stieg ihr Kampfeswillen. Obendrein strömten ihnen immer mehr Menschen als Unterstützung zu. Dann begannen sie wieder, uns anzugreifen, und zwar so gewagt, als wollten sie unsere Brigantinen mit den Händen ergreifen. So fuhren wir kämpfend dahin, bis wir das Dorf fast erreicht hatten. Dort waren sehr viele Leute an den Ufern versammelt, bereit, ihre Häuser zu verteidigen. Hier wurde der Kämpf gefährlich für uns, denn zu Wasser und zu Land waren Indios in großer Zahl um uns und bekämpften uns aufs heftigste. So schien es uns nötig, einen Posten an Land einzunehmen, obwohl wir wußten, daß dies mit nicht geringer Gefahr für uns alle verbunden war. (...)

 

Die Brigantinen fuhren ans Ufer, und sofort sprang die Hälfte der Männer ins Wasser und schlug auf die Indios ein, daß sie einhielten und zurückwichen. Die andere Hälfte blieb an Bord und schützte die Männer vor den Indios, die vom Wasser her kamen. Sie gaben den Kampf nicht auf, obwohl wir an Land Fuß gefaßt hatten. Zwar hatten die Indios große Verluste durch die Armbrüste hinnehmen müssen, nichts hielt sie aber davon ab, weiterzukämpfen und ihre bösen Absichten zu verfolgen.

 

Nachdem der eine Teil des Dorfes eingenommen war, schickte der Kapitän den Fähnrich mit fünfundzwanzig Mann durch das Dorf, damit sie die Indios daraus vertrieben und herausfanden, ob sich Lebensmittel im Dorf befanden. Er beabsichtigte nämlich, in dem Dorf fünf oder sechs Tage von allen gehabten Mühen zu verschnaufen. So zog der Fähnrich etwa eine halbe Legua durch das Dorf und vertrieb nicht ohne Mühe die Indios daraus, die sich weiter wie Männer verteidigten. Sie wollten ihre Häuser nicht verlassen. Da die Indios nie von ihrer ursprünglichen Absicht ablassen, fliehen sie erst und besinnen sich dann wieder. Der Fähnrich bemerkte, wie zahlreich die Bevölkerung war und beschloß deshalb, nicht weiter vorzudringen, sondern zurückzukehren, um den Kapitän in Kenntnis zu setzen. Also machte er kehrt, ohne daß die Indios ihm etwas antun konnten. Als er am Dorfanfang ankam, sah er, daß der Kapitän sich in den Häusern niedergelassen hatte, daß die Indios ihn jedoch noch vom Wasser her angriffen. Er erzählte dem Kapitän alles, auch daß sich viele Lebensmittel in dem Dorf fanden. So gab es Schildkröten in Gattern und in Wasserbecken, sehr viel anderes Fleisch, Fisch und eine Art Zwieback. Es war so viel davon vorhanden, daß man ein Heerlager von tausend Mann ein Jahr lang davon ernähren konnte. Als der Kapitän den günstigen Hafen bemerkte, beschloß er, Vorräte sammeln zu lassen, um dort zu verschnaufen.

 

Der Kapitän ließ Cristóbal Maldonado rufen und hieß ihn, ein Dutzend Männer nehmen und mit ihnen so viel Lebensmittel wie möglich einzusammeln. Also zogen sie los. Bald sahen sie, daß die Indios durchs Dorf liefen und ihre Vorräte zusammenrafften. Besagter Cristóbal Maldonado mühte sich, Proviant zu beschaffen, und als er schon mehr als tausend Schildkröten beisammen hatte, kehrten die Indios zurück, diesmal in größerer Zahl und in der festen Absicht, alle zu töten, um dann weiter zum Kapitän vorzudringen und über uns herzufallen.

 

Als Maldonado die Rückkehr der Indios bemerkte, rief er seine Gefährten zusammen und machte sich über die Indios her. Sie hielten sich sehr lange dabei auf, denn die Indios waren über zweitausend und sie selbst waren kaum zehn und hatten reichlich zu tun, um sich zu verteidigen. Schließlich gelang es mit großem Geschick, die Indios zu zerstreuen. Darauf machten sich die Männer wieder an auf die Nahrungssuche. Zwei der Gefährten waren inzwischen verwundet worden. Nun war das Land dicht bevölkert, und schnell hatten die Indios sich wieder gesammelt und fielen von neuem über Cristóbal Maldonado her. Sie taten das so entschlossen, als wollten sie einen jeden der Männer mit ihren Händen ergreifen. Bei diesem Angriff wurden sechs Männer übel verletzt. Die einen hatten Arm- oder Beindurchschüsse, und Cristóbal Maldonado durchschossen sie einen Arm und brachten ihm einen Streifschuß im Gesicht bei. Hier sahen sich die Männer in größter Bedrängnis, sie waren verletzt und erschöpft und konnten weder vor noch zurück. Sie glaubten sich schon dem Tode ausgeliefert. Die Männer wollten sich zum Kapitän zurückziehen, doch Maldonado erklärte ihnen, daß daran nicht zu denken sei. Sich zurückzuziehen wäre gleichbedeutend mit einem Sieg der Indios. Dann sammelte er die Gefährten um sich, die noch zu kämpfen vermochten und kämpfte so verwegen, daß es den Indios nicht gelang, vorzudringen und uns alle zu töten.

 

In der Zwischenzeit waren die Indios von oben herab gekommen, um nun von zwei Seiten auf die Stelle vorzustoßen, wo sich unser Kapitän befand. Wir alle waren äußerst erschöpft vom vielen Kämpfen. Darum waren wir auch unaufmerksam, weil wir in unserem Rücken Cristóbal Maldonado wußten. Es kam unserem Kapitän die Eingebung, nach Maldonado schicken zu lassen. Denn dieser hatte sich nicht gemeldet. Hätte er sich jedoch nicht dort befunden, wo er sich aufhielt, hätte große Gefahr für unsere Leben bestanden. Wir alle waren unachtsam und unbewaffnet. So gelang es vielen Indios, in das Dorf einzudringen und gegen uns zu ziehen, ohne daß sie vorher bemerkt wurden. Und als sie dann bemerkt wurden, waren sie bereits unter uns und haben vier Gefährten von uns übel zugerichtet. Das bemerkte einer unserer Leute, Cristóbal de Aguilar, der vorwärtsdrängte und mutig losschlug. Unser Kapitän, der nachsehen wollte, was vor sich ging, kam nur mit einem Schwert bewaffnet aus der Hütte und mußte erkennen, daß die Indios die Hütten eingekreist hatten, in denen unsere Gefährten sich befanden. Außerdem hatte sich auf dem Platz eine Schwadron von fünfhundert Indios eingefunden. Der Kapitän rief die anderen herbei, und dann gingen sie mit dem Kapitän und stürzten sich auf die Schwadron, die sie bald zerschlugen, was große Verluste bei den Indios zur Folge hatte. Doch ließen sie nicht ab zu kämpfen und sich zu verteidigen, wobei neun unserer Gefährten große Wunden davontrugen. Nach zwei Stunden waren die Indios besiegt und zerstreut, und unsere Leute waren sehr erschöpft. Bei diesen Kämpfen taten sich viele unserer Gefährten hervor, von denen man vorher gar nicht gewußt hatte, wozu sie mitgekommen waren und nahm sie nicht sonderlich wichtig. Doch sie alle zeigten, daß sie wußten, in welcher Notlage wir steckten. Einer von ihnen begab sich mitten unter die Feinde, nur mit einem Dolch bewaffnet, und kämpfte so furchtlos, daß wir alle sehr verwundert waren. Ihm ward ein Oberschenkel durchstochen. Er hieß Blas de Medina.

 

Nachdem das passiert war, schickte der Kapitän nach Cristóbal Maldonado, um zu erfahren, wie es ihm ergangen sei. Auf halbem Wege trafen sie ihn, da er sich bereits zum Kapitän begab. Er und seine Leute waren alle verletzt. Einer ihrer Gefährten, Pedro de Ampudia, starb acht Tage später an den Wunden, die ihm beigebracht worden waren. Er kam aus Ciudad Rodrigo.

 

Als Cristóbal Maldonado beim Kapitän angekommen war, ordnete der Kapitän an, daß er und seine Männer sich auskurieren sollten, sie waren insgesamt achtzehn Mann. Und es gab kein anderes Heilmittel als das Besprechen der Wunden. Mit der Hilfe Gottes waren alle innerhalb von vierzehn Tagen wieder kuriert, außer jenem, der starb. Inzwischen waren die Indios dabei, ihre Kräfte zu ordnen und zurückzukommen. Um dies zu verhindern und sie zu vertreiben, schickte der Kapitän einen Edelmann namens Cristóbal Enríquez mit fünfzehn Mann gegen die Indios.

 

Kaum daß sie dort angekommen waren, wurde einem Arkebusenschützen ein Bein von einem Pfeil durchschossen. Wir konnten ihn darauf nicht mehr benützen. Cristóbal Enríquez schickte nach dem Kapitän, damit der ihnen mehr Leute zuteilte. Denn die Indios wurden von Stunde zu Stunde mehr. Der Kapitän ließ ihm ausrichten, daß sie sich langsam und unauffällig zurückziehen sollten. Es war nicht die Zeit, daß man das Leben auch nur eines Spaniers aufs Spiel setzen sollte. Schließlich sollten sie nicht das Land erobern, und ihre Absicht war dies auch nicht. Schließlich hatte Gott sie den Fluß hinabgeführt, um dieses Land zu entdecken. Wenn es der Wille Gottes, Unseres Herrn, und der Wille Ihrer Majestät sei, würde man dieses Land auch erobern.

 

Als nun alle Leute versammelt waren, sprach der Kapitän zu ihnen und hielt sie an, künftig Zusammenstöße mit den Indios zu vermeiden, wegen der Gefahren, die daraus für alle entstehen konnten. Man beschloß, weiter dem Fluß zu folgen. Zuvor wurde Proviant geladen. Anschließend befahl der Kapitän, daß die Verwundeten an Bord gingen. Diejenigen, die nicht auf eigenen Beinen gehen konnten, sollten in Decken gehüllt von anderen auf dem Rücken an Bord gebracht werden, so als ob sie säckeweise Mais an Bord brachten. Denn die Indios sollten keinesfalls sehen, daß jemand sich hinkend an Bord schleppte. Sobald sie dies nämlich bemerkten, würden sie Mut schöpfen und uns nicht an Bord gehen lassen.

 

Schließlich waren die Brigantinen bereit, abzulegen. Die Ruder lagen in den Händen. Der Kapitän und die übrigen Gefährten duckten sich einer nach dem anderen und schlichen sich am Fluß entlang an Bord. Keinen Steinwurf entfernt näherten sich bereits über vierhundert Indios zu Wasser und zu Land. Als die auf dem Lande näherkommenden Indios sahen, daß sie nichts ausrichten konnten, taten sie nichts anderes als in Geheul und Geschrei auszubrechen. Während die vom Wasser her kommenden Indios uns aufs heftigste angriffen, wie beleidigte, wütende Männer. Doch unsere Gefährten mit den Armbrüsten und den Arkebusen verteidigten die Brigantinen, so daß diese üblen Leute ferngehalten werden konnten.

 

Das ging so von Sonnenuntergang an. Von Zeit zu Zeit wurden wir von den Indios angegriffen, die ganze Nacht hindurch, keinen Moment ließen sie uns Ruhe, sie trieben uns immer vor sich her. Das ging so weiter, bis es heller Tag war. Da sahen wir uns von mehreren großen Siedlungen umgeben, aus denen immer neue Verstärkung herauskam, um die ermüdeten Krieger abzulösen. Gegen Mittag vermochten unsere Ruderer die Ruder schon nicht mehr in den Händen zu halten. Wir waren völlig entkräftet von den ständigen Attacken durch die Indios.

 

Der Kapitän wollte uns ein wenig Ruhe gönnen und steuerte deshalb eine unbewohnte Insel an, die mitten im Fluß lag. Kaum hatten wir mit der Zubereitung des Essens begonnen, als eine große Menge an Einbäumen auf uns zu kam und uns dreimal angriff. Dabei gerieten wir in größte Bedrängnis. Die Indios erkannten, daß sie uns vom Wasser aus nicht besiegen konnten. Deshalb versuchten sie es vom Wasser aus und an Land. Es waren ihrer so viele, daß sie genug waren, um auf beiden Wegen anzugreifen. Der Kapitän sah dies und ordnete an, daß wir gar nicht erst auf die Indios warten sollten. Darum gingen alle an Bord, weil wir meinten, uns in der Flußmitte besser verteidigen zu können. So fuhren wir los. Die Indios blieben hinter uns und bekämpften uns. Aus den genannten Siedlungen hatten sich viele Indios hinzugesellt. Die Indios an Land schienen ohne Zahl.

 

Unter diesen Kriegern in den Einbäumen waren vier oder fünf Zauberer, die alle mit weißer Farbe bemalt waren, und die ihre Münder voller Asche hatten und diese in die Luft spieen. (…) Nachdem sie eine Runde um die Brigantinen gedreht hatten, feuerten sie die Krieger an. Sofort setzten die Hörner und Holztrompeten ein und begannen die Trommeln zu ertönen. Mit großem Getön griffen sie uns an. Doch wie bereits erwähnt, waren Armbrüste und Arkebusen unsere große Erleichterung.

 

So trieben sie uns weiter, bis wir in einem engen Flußarm in die Klemme gerieten. Ich weiß nicht, ob einer von uns überlebt hätte, denn aus einem Hinterhalt an Land umzingelten sie uns. Die Indios versuchten von den Booten aus, uns hinwegzufegen. Sie waren bereits sehr nahe. Vornweg fuhr ihr General, der sich sehr mannhaft zeigte. Einer unserer Gefährten, Celis mit Namen, hatte ein Auge auf ihn und schoß ihn mit der Arkebuse mitten in die Brust und tötete ihn. Die Indios waren völlig entsetzt und liefen, ihren Herrn zu sehen. Nun hatten wir Gelegenheit, die Flußmitte zu gewinnen. Doch sie folgten uns noch Tag und Nacht, ohne uns eine Ruhepause zu gönnen.

 

Wir fuhren weiter und suchten einen ruhigen Platz, um das Fest des Seligen Johannes des Täufers zu begehen. Gott gefiel es, daß wir, nachdem wir um eine Flußbiegung gefahren waren, eine Küste erblickten, an der uns viele große Dörfer entgegenschimmerten. Hier stießen wir auf ein schönes Stück Land aus dem Herrschaftsbereich der Amazonen. Die Bewohner der Dörfer waren bereits vorgewarnt und wußten von unserem Kommen. Daher kamen sie uns auf dem Fluß entgegen, allerdings nicht in freundschaftlicher Absicht. Als sie sich dem Kapitän genähert hatten, sprach der sie an und erklärte, daß wir in Frieden kämen. Doch die Indios lachten nur und trieben ihren Spott mit uns. Sie kamen noch näher und gaben uns zu verstehen, daß wir getrost weiter flußabwärts fahren sollten. Dort wollten sie uns erwarten und uns gefangennehmen. Dann sollten wir zu den Amazonen gebracht werden. Der Kapitän, zornig über die Dreistigkeit der Indios, forderte die Armbrust- und die Arkebusenschützen auf, auf sie zu schießen, damit sie wüßten, daß wir durchaus in der Lage wären, gegen sie zu kämpfen. Sie erlitten einige Verluste dabei und zogen sich zurück zu dem Dorf, um zu berichten, was ihnen wiederfahren war.

 

Doch wir setzten unseren Weg fort und näherten uns den Dörfern. Inmitten eines dieser Dörfer hatte sich eine Schwadron von Kriegern gesammelt. Der Kapitän ließ die Brigantinen genau dorthin fahren, um nach Proviant zu suchen. Als wir uns dem Dorf weiter genähert hatten, begannen die Indios es zu verteidigen und uns mit Pfeilen zu beschießen. Nun waren es sehr viele Indios, so daß es Pfeile zu regnen schien. Doch unsere Schützen an den Armbrüsten und Arkebusen waren auch nicht müßig, sondern schossen ohn' Unterlaß. Obwohl dabei viele der Indios getötet wurden, beeinträchtigte sie das nicht. Bei allen Verlusten, die sie erlitten, setzten die einen dem Kampf fort und die anderen tanzten derweil. (…)

 

Ich möchte nun erklären, weshalb die Indios sich derart verteidigten. Sie sind nämlich Untertanen und Vasallen der Amazonen. Als die Indios von unserem Kommen Kenntnis bekommen hatten, wandten sie sich an die Amazonen und ersuchten sie um Unterstützung. Es kamen zehn oder zwölf, wir haben sie gesehen. Sie kämpften in vorderster Reihe als Hauptfrauen. Und sie kämpften so tapfer, daß die Indios es nicht wagten, den Rücken zu kehren. Wer uns allerdings vor unseren Augen den Rücken kehrte, wurde von ihnen mit Stockschlägen getötet. Das ist der Grund, weshalb die Indios sich so sehr verteidigten. Diese Frauen sind sehr hellhäutig und hochgewachsen. Sie tragen ihr Haar sehr lang und legen es geflochten um den Kopf. Sie sind sehr stämmig und laufen splitternackt umher, wobei sie ihre Scham bedecken. Mit Pfeil und Bogen in den Händen kämpfen sie wie zehn Indios. Eine dieser Frauen verschoß ein ganzes Bündel Pfeile in die Schiffshaut einer unserer Brigantinen, bei anderen war es weniger. Schließlich sahen unsere Brigantinen wie Stachelschweine aus.

 

Zurück zu unserer Schlacht, Unser Herr stattete die Gefährten mit Kraft

und Mut aus, so daß sie sieben oder acht der Amazonen töteten. Wir haben sie gesehen. Ihr Anblick ließ die Indios völlig verzagen, sie waren besiegt und zerschlagen und hatten hohe Opfer unter sich zu beklagen. (...)

 

Seit wir Gonzalo Pizarro verließen, haben wir eintausendvierhundert Leguas zurückgelegt, eher mehr als weniger. Und wir wissen nicht, wie weit es noch bis zum Meer ist. (...)

 

Wir waren an einem unbewohnt scheinenden Dorf vorübergefahren, ich und die anderen Gefährten baten den Kapitän, zurückzukehren. Er gab uns nach und ließ die Brigantinen umkehren. Wir fuhren am Ufer entlang, um anzulegen. Die Indios lagen versteckt hinter Bäumen in einem Hinterhalt, aufgeteilt in verschiedene Gruppen. Sie wollten uns aus dem Hinterhalt heraus überfallen. Und als wir gerade ans Ufer kamen, griffen sie uns an und schossen wie wild ihre Pfeile auf uns, so daß wir einander gar nicht mehr sehen konnten. Doch seit Machiparo waren unsere Spanier gerüstet. Wie erwähnt trugen sie Langschilde bei sich. So konnten sie uns nicht so sehr viel Verluste beibringen wie ohne eine solche Verteidigung. Außer mir wurde kein einziger verletzt. Ich bekam einen Pfeilschuß ins Auge, der am anderen Ende wieder heraustrat. Bei dieser Verwundung habe ich ein Auge verloren. Seitdem bin ich nie frei von Ermüdung und Schmerz. Es scheint, daß Unser Herr mir das Leben schenkte, ohne daß ich es verdient hätte, damit ich fortan meine Fehler bereue und ihm besser diene als bisher. (…)

 

Am anderen Morgen verließen wir den Eichenwald in fröhlicher Verfassung und glaubten, daß wir alle Siedlungen nunmehr hinter uns gelassen hätten. Somit würden wir von den gehabten Mühen ruhen können. Also setzten wir unseren gewohnten Weg fort. Wir waren jedoch noch nicht weit gekommen, als wir linker Hand ausgedehntes besiedeltes Land entdeckten. Dieses Land befand sich für unsere Augen in der angenehmsten Verfassung, verglichen mit all dem, was uns auf dem Wege begegnet war und was wir entdeckt hatten. Denn es handelte sich um bergiges Land, dessen Täler dicht besiedelt waren. Aus der Richtung dieses Landes kamen uns auf dem Fluß zahlreiche Pirogen entgegen, die sofort begannen, uns zu bekriegen.

 

Diese Indios waren sehr groß, größer als hochgewachsene Männer und waren alle geschoren. Sie waren alle schwarz bemalt, weshalb wir das Negerprovinz nannten. Sie kamen Ehrfurcht einflößend daher und griffen uns unzählige Male an, konnten uns aber keinen größeren Schaden zufügen. Sie dagegen trugen einigen davon.

 

Der Kapitän wollte, daß wir diesen Ort verließen, denn es schien viele Indios dort zu geben. Und allem Anschein nach würden sie in der Nacht über uns herfallen wollen. Als es dunkelte, ordnete der Kapitän an, daß wir die Nacht an Ästen festgebunden, auf den Bäumen verbrachten. Denn am Boden fand sich kein Ort, an dem wir hätten übernachten können. Das konnte man eine göttliche Vorsehung nennen, denn hätten wir uns auf den Boden begeben, würde kaum einer von uns überlebt haben. Und wer hätte dann die Botschaft über unsere Reise überbringen sollen. Wir befanden uns also wie beschrieben auf den Bäumen, als die Indios, auf der Suche nach uns, näherkamen, zu Wasser und zu Land. Bei ihrer Suche verursachten sie großes Getöse, und als sie bis zu uns gekommen waren, daß wir sie sehen und hören konnten, ließ Gott es nicht zu, daß sie uns angriffen. Hätten sie uns angegriffen, würde niemand von uns überlebt haben. Deshalb sind wir sicher, daß Unser Herr sie blind machte, damit sie uns nicht sahen. In dieser Lage blieben wir bis zum Tagesanbruch, dann ordnete der Kapitän den Aufbruch an. Bald bemerkten wir, daß wir nicht mehr weit vom Meer entfernt sein konnten, denn wir spürten bis zu dem Ort, an dem wir uns befanden, die Auswirkungen von Ebbe und Flut. Das löste natürlich große Freude unter uns aus, denn nun konnten wir das Meer nicht mehr verfehlen. (...)

 

Dann verließen wir diese Landschaft mit ihren Savannen und dem Hochland und fuhren in ein Land, das sehr flach und voller Inseln war. Die Inseln waren bewohnt, jedoch längst nicht so dicht wie das Land zuvor. Wir ließen das Festland und begaben uns zu den Inseln. Wir fuhren zwischen ihnen hindurch und versorgten uns mit Proviant, wo wir sahen, daß dies ohne Gefahr möglich war. Es waren so viele Inseln und sehr große dazu, daß wir bis zum Meer nie wieder Festland betraten, weder auf der einen noch auf der anderen Seite. Über zweihundert Leguas hinweg fuhren wir durch die Inseln. Während dieser ganzen Strecke und bereits hundert Leguas zuvor spürten wir die gewaltige Wirkung der Flut. Das waren insgesamt dreihundert Leguas bei Ebbe und Flut und eintausendfünfhundert Leguas außerhalb von Ebbe und Flut. So steigt die Zahl der Leguas, die wir auf diesem Fluß gefahren sind, auf eintausendachthundert, eher mehr als weniger. (...)

 

Am nächsten Tag ankerten wir bei einem Berg. Hier machten wir uns daran, die kleine Brigantine zu reparieren, damit sie seetüchtig würde. Mit diesen Arbeiten waren wir achtzehn Tage beschäftigt. Es mußten erneut Spieker hergestellt werden, was wiederum große Kraftanstrengungen von allen Gefährten verlangte, und das bei großem Mangel an Essen. Wir aßen nur die einem jeden abgezählten Maiskörner. Doch auch in dieser Misere zeigte der Herr seine besondere Aufmerksamkeit uns Sündern gegenüber. Er wollte uns aus dieser Misere helfen. Und so geschah es, daß eines Nachmittags ein toter Tapir auf dem Fluß herantrieb. Er hatte die Größe einer Mula. Als der Kapitän darauf aufmerksam wurde, schickte er sofort einige Gefährten mit einem Einbaum aus, den Tapir zu holen. Sie holten ihn, er wurde unter allen aufgeteilt, so daß jeder so viel erhielt, daß es für fünf, sechs Tage reichen mochte. Es war dies nicht wenig, sondern ein großer Trost für alle. Dieser Tapir mußte gerade erst verendet sein, denn er war noch warm und zeigte keinerlei Wunde.

 

Nachdem die Brigantine repariert war und Spieker für die andere hergestellt worden waren, verließen wir diesen Ort, auf der Suche nach einem geeigneten Platz oder Strand, um die große Brigantine an Land zu ziehen und zu reparieren. Wir fanden einen solchen Strand. Es wurden auch Seile und Taue aus Pflanzenfasern hergestellt, die für die Überfahrt nötig waren. Aus den Decken, in denen wir schliefen, wurden Segel gemacht. Es wurden Masten aufgestellt. Bei diesen Arbeiten hielten wir uns vierzehn Tage auf, es waren Tage der ständigen Buße, wegen des großen Hungers und des wenigen Essens. Wir hatten nur zu essen, was in dem Flußarm gefischt wurde, und das waren einige Schnecken und einige rötliche Krebse, von der Größe eines Frosches. Die Hälfte der Gefährten ging auf Fang, während die andere Hälfte weiter arbeitete. (...)

 

Wir verließen diesen Platz am 8. August, mehr oder weniger gut gerüstet, unseren dürftigen Möglichkeiten entsprechend. Viele Dinge, die wir nötig hatten, fehlten uns. Doch da keinerlei Aussicht bestand, sie zu erlangen, machten wir das Beste aus unserer Lage. Wir setzten die Segel und fuhren los, immer Ebbe und Flut beobachtend, wobei wir immer von einer Seite zur anderen fuhren, wo der Fluß breit war. Denn die Wasserströmung war sehr stark, obwohl wir zwischen den Inseln dahinfuhren. Wir durchlebten große Gefahrenmomente, derweil wir auf die Fluten warteten. Wir hatten nämlich keine Eisenhaken, deshalb waren wir an einigen Steinen festgebunden. Wir konnten uns nur schlecht halten, weshalb es uns des öfteren passierte, daß es uns wegriß und wir innerhalb einer Stunde wieder den Fluß so weit hinaufgetrieben wurden wie wir ihn an einem ganzen Tag herabgefahren waren. Ungeachtet der von uns begangenen Sünden, wollte Unser Herr uns aus dieser Gefahr befreien, er ließ es nicht zu, daß wir verhungerten noch bei einem Schiffbruch zugrunde gingen. (...)

 

Wir fuhren fortgesetzt an Siedlungen vorüber, wo wir uns mit einigem Proviant versahen. Es konnte jedoch nur wenig sein, da die Indios selbst nur wenig hatten. Wir fanden allerdings einige Wurzeln, die sie Inanes (Yams - d.Ü.) nennen. Hätten wir die nicht gehabt, wären wir Hungers gestorben. In all diesen Dörfern traten uns die Indios unbewaffnet entgegen. Es handelte sich um sehr friedliche Indios. Sie gaben uns zu verstehen, daß sie bereits Christen vor uns gesehen hatten.

 

 Diese Indios leben an der Mündung des Flusses, aus der wir hinausfuhren. Dort nahmen wir Trinkwasser, jeder eine Kanne voll. Außerdem füllten wir mehrere Krüge mit geröstetem Mais, einige faßten ein halbes Almud (1 Almud konnte in Spanien bzw. Portugal bis zu 25 bzw. 32 Liter bedeuten - d.Ü.), andere weniger. Einige andere füllten wir mit Wurzelknollen. So machten wir uns bereit, über das Meer zu segeln, wohin das Schicksal uns triebe. Wir hatten nämlich keinen Piloten, keine Magnetnadel und keine Seekarten. (...)

 

Zwischen zwei Inseln hindurch fuhren wir durch die Mündung des Flusses. Die zwei Inseln mochten vier Leguas auseinanderliegen. Die gesamte Mündung wird von einer Spitze zur anderen über fünfzig Leguas ausmachen. Das süße Flußwasser strömt über fünfundzwanzig Leguas tief in das Meer hinein. Der Fluß steigt und sinkt mit Ebbe und Flut sechs oder sieben Faden.

 

Am 26. Tag des Monats August fuhren wir aus der Mündung heraus. Wir hatten so gutes Wetter, daß wir weder während unserer Reise auf dem Fluß noch auf dem Meer Unwetter hatten. Das war kein geringes Wunder, welches Unser Herr da für uns vollbrachte. Wir segelten an der Küste entlang und wußten oftmals nicht, wo wir uns befanden. Eines Nachts verloren die beiden Brigantinen einander aus dem Blick. Wir sahen uns nicht wieder und glaubten, daß die anderen verloren gegangen wären. Nach neun Tagen ließen uns unsere Sünden in den Golf von Paria (zwischen Venezuela und Trinidad - d.Ü.) geraten, und wir glaubten, dies sei der richtige Weg. Doch wir befanden uns innerhalb des Golfes und wollten wieder aufs offene Meer hinaus. Die Ausfahrt erwies sich als überaus schwierig, so daß wir sieben Tage dafür brauchten, während derer unsere Ruderer keine Minute die Ruder aus der Hand legten. All die Tage aßen wir nichts anderes als eine pflaumenähnliche Frucht.

 

Unter vielen Mühen gelang es uns, aus den Bocas del Dragón (dt. Drachenschlund, westlich von Trinidad - d.Ü.) zu entkommen, so konnten wir die Ausfahrt getrost nennen, denn um ein Haar wären wir darin geblieben. Wir verließen also dieses Gefängnis und segelten zwei Tage an der Küste entlang. Ohne zu wissen, wo wir uns befanden und wohin wir segelten, noch was aus uns werden sollte, landeten wir auf der Insel Cubagua, mit der Stadt Nueva Cádiz (bei den Kleinen Antillen - d.Ü.). Dort trafen wir auf unsere Gefährten von der kleinen Brigantine, die zwei Tage vor uns angekommen waren. Sie legten am 9. September an und wir mit dem Kapitän am 11. jenes Monats. Die Freude war übergroß, als wir einander begrüßten, ich kann es nicht beschreiben, denn wir alle hatten einander für verloren gehalten. (...)

 

Von dieser Insel aus beschloß der Kapitän, Eurer Majestät Bericht zu geben von der Entdeckung dieses Flusses, den wir für den Marañón halten, denn von seiner Mündung bis zur Insel Cubagua sind es vierhundertfünfzig Leguas in der Höhe. So haben wir es nach unserer Ankunft gesehen. Zwar sind entlang der Küste viele Flüsse, doch sind die alle miteinander sehr klein.

 

Ich, Bruder Gaspar de Carvajal, der geringste unter den Geistlichen des Heiligen Dominikanerordens, wollte die unbedeutende Arbeit auf mich nehmen und den Erfolg unserer Schiffahrt schildern, um die ganze Wahrheit darüber zur Kenntnis zu geben. (...) Ich habe berichtet, was dem Kapitän Francisco de Orellana und den Edelleuten und den anderen Gefährten widerfuhr, die wir das Lager des Gonzalo Pizarro, Bruder von Don Francisco Pizarro, Marquis und Gouverneur von Perú, verließen. Gelobt sei Gott. Amen.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                   

 

Nachdem das Unternehmen in Spanien heil beendet wurde, drängte es Orellana, zu diesem Fluß zurückzukehren. Er 1546 ließ eine kleine Flotte ausrüsten, und ein Überlebender beschrieb, wie die Reise endete:

 

Bericht des Francisco de Guzmán, der in der Karavelle "Concebción" segelte, … und welche zur Flotte des genannten Orellana gehörte

 

Orellana legte am 11. Mai von Sanlúcar de Barrameda ab. Er segelte mit vier runden Schiffen; darin waren vierhundert Kriegsknechte. (...)

 

Wir fuhren die Küste an die einhundert Leguas herab. Bei einem halben Grad Höhe segelten wir plötzlich in Süßwasser und waren doch zwölf Leguas von der Küste entfernt. Da meinte Orellana, dies sei der Fluß, an dem er herausgekommen wäre. Am nächsten Tag fuhren wir in den Fluß hinein, stießen darin auf zwei bewohnte Inseln, wo man uns gegen unsere Tauschwaren Mais, Kassave, Fisch und Obst gab.

 

Dort redeten wir zu mehreren auf Orellana ein, daß die Mannschaft durch die erlittenen Mühen sehr erschöpft sei und daß die mitgeführten Pferde auch sehr schwach seien, da sie pro Tag nicht mehr als zwei Azumbres (1 Azumbre ca. 2 l - d.Ü.) Wasser bekommen hatten. Dieser Ort schien uns geeignet, damit alle dort Kräfte schöpfen konnten, die Männer und die Pferde. Außerdem könnte eine Brigantine, die wir mitgebracht hatten, vorbereitet werden, um den Hauptarm des Flusses, den wir mit den Schiffen hinauffahren wollten, zu erkunden. Darauf antwortete er, er allein kenne dieses dicht bevölkerte Land sehr gut und wisse am besten, wo die Gegebenheiten am günstigsten seien, um die genannten Dinge zu erledigen.

 

So fuhren wir mit den Schiffen den Fluß an die hundert Leguas herauf, wo wir auf vier oder fünf Indiosiedlungen stießen. Dort machten wir Halt, um die Brigantine bereit zu machen. Wir waren in einer Gegend an Land gegangen, wo sich sehr wenig zu essen fand. Deshalb starben uns dort siebenundfünfzig Mann. Drei Monate arbeiteten wir an der Brigantine, dann fuhren wir mit Brigantine und einem Schiff weiter. Das andere Schiff war zerlegt worden, wegen der Spieker und Planken für die Brigantine.

 

Erst ging unsere Fahrt nach Süden, und um den Hauptarm des Flusses zu finden, mußten wir uns in Richtung Südost halten. Nach zwanzig Leguas gingen wir vor Anker. Die mächtige, vom Meer kommende Flut ließ eines unserer Taue reißen, so daß das Schiff nicht mehr tüchtig war. Wir nutzten es, indem wir uns der Spieker bedienten und eine Barke bauten, mit der wir dann allerdings strandeten. Wir begaben uns zu einer Siedlung von Indios, wo wir aus den Planken von Kisten eine Barke bauten, um die Fahrt fortsetzen zu können. Mit dem Bau der Barke waren wir fast zweieinhalb Monate beschäftigt. Und es waren bis zu dreißig Mann dabei.

 

Inzwischen machte sich Orellana auf, um, wie er sagte, den Hauptarm des Flusses zu suchen. Nach siebenundzwanzig Tagen vergeblichen Suchens kehrte er dorthin zurück, wo wir waren. Nach weiteren dreißig Tagen, er sah, daß die die Barke immer noch nicht so weit war, zu Wasser gelassen zu werden, erklärte er erneut, nicht länger auf uns warten zu können. Da auch nicht ausreichend Leute vorhanden waren, um eine Siedlung einrichten zu können, wollte er zur Abkürzung der Zeit weiter nach dem Hauptarm des Flusses suchen. Er wollte bis zur Punta de San Juan hinauffahren und etwas Gold oder Silber eintauschen, um es Eurer Majestät zu übersenden. Wenn wir ihm nach Fertigstellung der Barke folgen wollten, würden wir in dort irgendwo finden.

 

Wir fuhren also in unserer Arbeit an der Barke fort und suchten nach freundschaftlichen Kontakten zu den Kaziken der Region. Sie kamen, und wir erhandelten von ihnen Lebensmittel. Als die Barke fertig war, wurde sie zu Wasser gelassen. Mit uns fuhr ein Kazike mit sechs Einbäumen, der uns gegen unsere Tauschwaren mit Lebensmitteln versorgte. (...)

 

Wir fuhren den Fluß über dreißig Leguas hinauf. Dort stießen wir auf drei Hauptarme. Wir fuhren weiter und fanden heraus, daß all diese Wassermassen von einem großen Strom stammten, der gut zwölf Leguas Breite hatte. Wir mußten feststellen, daß unsere Barke sehr viel Wasser zog. Außerdem waren wir zu wenige Leute, um die Ruder zu betätigen. Obendrein mangelte es uns nun an Tauschwaren. Wir erkannten, daß wir in der Situation Eurer Majestät zu nichts nütze sein konnten. Deshalb beschlossen wir, um unsere Leben zu retten, zurückzufahren.

 

Wir fuhren den Fluß an die vierzig Leguas abwärts, und bevor wir aus der Mündung fuhren, sahen wir einen Landzipfel, den wir als Festland erkannten. Das Land war von Savannen durchzogen. Wir sahen sehr viele Pflanzungen der dort lebenden Indios. Inmitten dieses Landes befand sich ein Schwemmlandgebiet. Das Wasser dafür schien aus dem Hochland zu kommen. Und von dort konnte der größte Teil jenes Gebietes bewässert werden. Die Indios nennen dieses Gebiet Comao. Die Indios waren sehr friedfertig zu uns. Gegen Tauschwaren gaben sie uns große Mengen an Mais und Kassave, Bataten und Yams, Fisch, Enten und spanische Hühner. Wir fanden auch einen spanischen Puter. In diesem Land gab es Dörfer von sechzig, siebzig Hütten.

 

Zehn oder zwölf Mann von uns zogen einige Leguas ins Landesinnere. Sie kamen mit einhundertfünfzig Indios zurück, die alle mit Proviant beladen waren. Als es an die Abfahrt ging, beschlossen sechs Mann, zu bleiben, weil ihnen das Land gefiel. Vier Leguas weiter flußabwärts kamen uns ein Matrose und drei Soldaten in einem Beiboot entgegen. Wir nahmen daher an, daß die anderen auch kommen würden. Wir fuhren also weiter, bis wir zur Insel Margarita kamen, wo wir die Frau von Orellana antrafen. Sie erzählte uns, daß es ihrem Mann nicht gelungen war, den Hauptarm des Flusses aufzufinden. Und weil er krank war, beschloß er ins Christenland zurückzukehren. Bei der Suche nach Lebensmitteln wurden ihm siebzehn Mann von den Indios mit Pfeilschüssen getötet. Auf Grund all dieses Kummers und seiner Krankheit starb er dann mitten auf dem Fluß, der von Nord nach Süd verlief.

 

 Die Küste verläuft von Ost nach West. Nachdem wir die Höhe gemessen hatten, stellten wir fest, daß die Mündung des Flusses siebenundfünfzig Leguas breit ist. Man muß wissen, daß dieser Fluß voll von Inseln ist. Die Frau von Orellana hatte ihren Mann auf der gesamten Fahrt begleitet, bis er starb. Dann begab sie sich zur Insel Margarita.       

 

 

 

 

 

10. Die Besiedelung Brasiliens und der Aufbau einer Kolonialverwaltung

 

Durch die Parzellierung Brasiliens in Kapitanien, das heißt Aufteilung in Küstenabschnitte, die nach Westen völlig offen waren, und die Ernennung von Donataren für diese Kapitanien trieb König João III. sein Vorhaben voran, das Land vor Angreifern zu sichern, es erkunden und besiedeln zu lassen. Dazu wurden Männer, zumeist Adlige, die sich um das Königreich verdient gemacht hatten, mit einem solchen Erblehen beschenkt und waren gleichzeitig für die entstehenden Kosten verantwortlich.

 

So geschehen im Falle des vielbeschäftigte Gelehrten und Schatzmeisters der Casa da Índia, João de Barros. In den vierziger Jahren des 16. Jahrhunderts verfaßte Barros mit seinen "Décadas da Ásia" ein historiographisches Opus, in welchem er eine Rechtfertigung der portugiesischen Expansion in der Welt unternahm. Mit wenigen Worten gab er aber sein Scheitern als Kapitän der nördlichsten Kapitanie Brasiliens zu (Ásia. Primeira Década, Coimbra, 1932):

 

(…) Die westlich gelegene Provinz  von Sancta Cruz hat unser Herr, der heutige König Joam der Dritte, in zwölf Kapitanien aufgeteilt und zur Belohnung jenen Personen überlassen, die in dem Kapitel Sancta Cruz besonders genannt werden. Wegen des Umstandes, daß ich eine solche Kapitanie besitze, habe ich sehr viel Vermögen eingebüßt. Gemeinsam mit Aires da Cunha und Fernã Dalvarez Dandrade, dem königlichen Schatzmeister, habe ich im Jahre 1535 eine Flotte dorthin ausgerüstet. Jene Flotte bestand aus neunhundert Mann und einhundertdreizehn Pferden. So viele waren noch nie auf eine so lange Reise aus diesem Lande geschickt worden. Oberster Kapitän war Aires da Cunha. Die Anfänge der Unterwerfung dieses Landes standen am Ende unserer Bemühungen, doch habe ich sie noch heute sehr deutlich vor Augen, da die gewaltigen Kosten dieser letztlich völlig nutzlosen Unternehmung mich völlig ruinierten. (…)

 

Gleichermaßen wurden Martim Afonso und Pero Lopes de Sousa für ihre Verdienste mehrere Kapitanien zugewiesen, vier südlich des heutigen Rio de Janeiro und die Kapitanie von Itamaracá im nördlichen Pernambuco für Pero Lopes. Gemeinsam mit dem holländischen Kapitalgeber Erasmus Schetz und zwei weiteren Portugiesen gründeten die Brüder eine Firma, die den Bau und Betrieb einer Zuckersiederei verantwortete (die wiederentdeckten Reste dieses "Engenho" stehen heute unter Denkmalschutz).

 

Unmittelbar nach der Übertragung der Rechte als Donatar ging Martim Afonso in königlicher Mission für mehrere Jahre nach Indien, so daß er für sein Amt in Brasilien Verwalter bestimmen mußte. Da diese sich als unfähig erwiesen, entschloß sich Martim Afonsos Frau Ana Pimentel um 1536 selbst die Geschäfte in der Kapitanie São Vicente in die Hand zu nehmen. So dürfte sie die erste Frau gewesen sein, die an der Spitze einer Kapitanie stand und diese erfolgreich entwickelte. Ihr werden die Einführung des Reisanbaus und der Orangenkultur zugeschrieben. Ana Pimentel war gebürtige Spanierin, aus dem hochadeligen Haus der Maldonando in Salamanca. Martim Afonso lernte sie kennen, als er im Auftrage König Joãos III. dessen Ehefrau Doña Catarina, Tochter von Philipp dem Schönen und Johanna der Wahnsinnigen, heimholte.

 

In direkter Nachbarschaft zu einer Kapitanie von Pero Lopes de Sousa befand sich die Kapitanie von Itamaracá, welche durch König João III. 1534 dem bereits im Zusammenhang mit Martim Afonso erwähnten Duarte Coelho, wegen seiner Verdienste für die Krone in China und vor Afrika übereignet wurde (er war der erste Europäer, der von Indien aus nach China vorstieß). Er trat in die Fußstapfen seines nicht minder erfolgreichen Vaters Gonçalo, der bereits mit Vespucci in Brasilien gewesen war. Duarte Coelho erhielt einen Küstenstreifen von 60 Leguas, dessen Begrenzung nach Westen völlig offen war, da noch niemand ins Landesinnere vorgedrungen war. Und die Bestimmung der Tordesillas-Linie, die die spanische und portugiesische Hemisphäre trennte, war im gänzlich unberührten Landesinneren schlicht unmöglich und überflüssig. Duarte Coelho nannte sein Reich "Nova Lusitânia" - Neu-Lusitanien. 1537 gründete er die (heute) nördlich von Recife gelegene Stadt Olinda. Nach der Überlieferung habe Coelho bei seinem ersten Besuch in jener Gegend "Ó linda" (Oh, wie schön) ausgerufen.

 

Während seiner Kapitänschaft holte er erst seine Familie, später weitere Angehörige und viele Siedler nach Brasilien. Mit ihrer Hilfe und dem Einsatz seines Vermögens brachte er "Engenhos" zum Laufen. Diese sollten bald die Basis des Wohlstandes seiner Kapitanie werden. Fünf überlieferte Briefe des Duarte Coelho von 1542 bis 1550 an seinen König João III. illustrieren, mit welchen bürokratischen Problemen, weit entfernt von der Heimat und immer von der Ankunft von Schiffen abhängig, er zu kämpfen hatte (in: J. Antônio Gonçalves de Mello, Cartas de Duarte Coelho, Recife, 1967):

 

Herr:

Über den Kapitän der Schiffe, die ich im September losschickte, ließ ich Eurer Hoheit von meiner Reise hierher in das Neue Lusitanien und von dem, was sich hier ereignet hatte, Bericht geben. Dann bemühte ich mich darum, Ruhe und Frieden in dieses Land zu bringen. Mit Geschenken bei den einen und als Friedensstifter bei den anderen, denn beides war hier nötig. Alsbald ordnete ich an, Engenhos zu errichten, denn das Nötige dafür hatte ich mitgebracht. Ich tat alles und gab alles, worum ich gebeten wurde, ohne auf meinen eigenen Vorteil oder Nutzen zu schauen, nur, damit das Werk vorankäme.

 

Wir haben große Zuckerrohrpflanzungen angelegt, alle Leute haben mitgetan, und ich habe beigetragen, was mir möglich war. Bald hatten wir eine sehr große und gute Zuckersiederei errichtet. Nunmehr bin ich dabei, den Bau weiterer Zuckersiedereien voranzutreiben. Flehen wir zu Gott unserem Herrn, daß Er mir in seiner großen Barmherzigkeit helfen möge.

 

Herr, in Sachen Gold unterlasse ich nichts, um herauszubekommen, wo es zu finden ist, und jeder Tag wird mit anderen Neuigkeiten aufgeheizt. Doch da es sehr weit drinnen in meinem Land zu finden ist und man dabei die Gebiete dreier sehr gemeiner und bestialischer Völker durchqueren muß, die sich darüber hinaus alle gegenseitig bekämpfen, kann ein solcher Zug ins Landesinnere nur unter großen Gefahren und Anstrengungen unternommen werden. Und alle miteinander sind der Meinung, daß ich dieses Unternehmen lenken müßte.

 

Damit so ein Unternehmen nicht in ein Abenteuer ausartet, wie dies bei den Kastiliern am Río de la Plata der Fall war, wo über tausend Mann umkamen, oder am Maranhão, wo siebenhundert Mann verloren gingen. Und das schlimmste dabei ist, daß so die ganze Sache Schaden nimmt.

 

In dieser Angelegenheit, Herr, habe ich für den Zug ins Land diverse Dinge und einige geeignete Männer ausgewählt. Denn auch hier muß alles bestens vorbereitet sein. Insbesondere wegen der Franzosen, die, wenn sie merken, daß ich nicht im Lande bin, ihre Gaunereien anzetteln. Wie vor vierzehn Tagen, als sie versuchten das zu tun, was sie immer tun (illegal Brasilholz abbauen - d.Ü.). Doch gelang es ihnen nicht. Ich sende Eurer Hoheit einen Bericht davon, damit Ihr, wenn nötig, Kenntnis davon habt.

 

(…) Pero de Góis (Donatar der Nachbarkapitanie, Engenho-Besitzer und Mitstreiter in der Flotte von Martim Afonso vor der Küste Brasiliens - d.Ü.) und Luís de Góis (sein Bruder und derjenige, dem man die Einführung des Tabaks in Portugal nachsagt - d.Ü.), die gerade hier weilen, werden Euch weiteren Bericht von hier mitbringen, deswegen will ich  mich hier nicht weiter ausbreiten. Allein für die Dinge von allergrößter Bedeutung müssen gewaltige Mittel aufgewandt werden, so daß ich völlig aufgebraucht und verschuldet bin. Daher kann ich nicht mehr so viele Leute unter Sold halten, wie ich es bisher getan. Bereits vor drei Jahren bat ich Eure Hoheit, mir die Gnade zu erweisen, einige Guinea-Sklaven erwerben zu dürfen. Im vergangenen Jahr antwortete man mir, solange der jetzige Kontrakt laufe, könne man für mich nichts tun, doch wenn er neu abgeschlossen würde, so gab man mir zu verstehen, würde ich bedacht werden. Ich habe Eurer Hoheit darüber berichtet. Ich weiß nun nicht, ob mir besagte Gnade erwiesen wurde, denn die Schiffe sind hier noch nicht eingetroffen.

 

Ich flehe Eure Hoheit an, für den Fall, daß mir noch keine Erlaubnis gegeben worden sein sollte, doch einmal zu sehen, wie sehr dies zu Eurem Guten wäre und wie wenig es doch bedeutet, mir die Erlaubnis auszustellen, einige Sklaven zu erwerben. So wäre Euch besser gedient. Die Provision für dieses Geschäft möge Eure Hoheit Dom Pedro de Moura und Manuel de Albuquerque zukommen lassen.

 

Aus der Stadt Olinda, am 27. April 1542

 

Brief vom 20. Dezember 1546:

 

(…) Durch verschiedene Briefe habe ich Eure Hoheit bereits wissen lassen, daß eine Sache das Aufblühen dieses Landes besonders schädigt: Das ist der Einschlag von Brasilholz nur zwanzig Leguas von den sich hier entwickelnden Siedlungen entfernt. Besonders hier, in Neu Lusitanien, wo das Brasil-Holz besonders tief im Landesinneren steht, ist es sehr aufwendig und gefährlich und damit teuer herbeizuschaffen. Die Indios machen diese Arbeit nur sehr widerwillig.

 

Das Brasil-Holz, das ich Eurer Hoheit in den letzten Jahren geschickt habe und jenes, welches ich dank Eurer Erlaubnis selbst versandt habe, läßt sich nur sehr langsam und mit großer Umsicht herbeischaffen, entsprechend der Kondition der Indios. Und so kann es zehn, zwölf Monate oder gar eineinhalb Jahre dauern, eine Schiffsladung zusammenzubringen. Auch wenn es mich teuer zu stehen kommt, ist es doch notwendig für das Wohl dieses Landes so zu verfahren.

 

Doch diejenigen, denen Eure Hoheit den Brasilholzhandel gestattet haben, kümmert all das nicht. Es kostet sie kaum etwas, auch haben sie nichts mit der Arbeit und all den Mühen zu schaffen, mit den Gefahren, dem Blutvergießen, so wie ich, der ich überall dabei bin. Denen macht das alles gar nichts, so wie mir. Sie merken auch gar nicht, daß Eure Hoheit dadurch Schaden erleidet. Da sie nur darauf aus sind, an ihr Brasilholz zu kommen, bedrängen sie die Indios und versprechen ihnen lauter außergewöhnliche Dinge und bringen so die Ruhe, die ich diesem Land gebracht habe, durcheinander. Indem sie ihnen irgend etwas von dem Versprochenen bringen, gerät alles, was ich im Zusammenhang mit dem Einschlag des Brasilholzes für Eure Hoheit erreicht hatte, wieder durcheinander. Doch nicht genug damit, daß sie ihnen die Werkzeuge geben, wie es hier Brauch ist, bereden sie die Indios auch, für Perlen aus Bahia, Federhauben und gefärbte Kleidungsstücke, die die Leute hier sich nicht leisten können, Brasilholz zu schlagen. Doch das schlimmste ist, daß sie ihnen auch Schwerter und Gewehre geben. Dies tun insbesondere ein paar Leute, die seit drei Jahren mit meiner Hilfe im Land von Pero Lopes leben, das direkt an meines grenzt. Unter dem Vorwand, gemeinsam mit Siedlern Fazendas zu gründen, beuten sie lediglich Brasilholz aus. Sie tun nichts anderes. In den letzten drei Jahren haben sie sechs oder sieben Schiffe mit Brasilholz verschickt. Ich habe bereits dagegen Einspruch erhoben und bin hier in meinem Land nach dem Recht, das Eure Hoheit mir zugestanden haben, so gut ich konnte dagegen eingeschritten. Ich kann Eurer Hoheit versichern, daß der Einschlag von Brasilholz in den letzten drei Jahren völlig verkommen ist und das Land in Unruhe bringt. Für mich bedeutet das viel Mühe, um Streitigkeiten zu schlichten.

 

Der Brasilholzeinschlag behindert gar die Arbeit auf unseren Fazendas und besonders in den Zuckersiedereien. Als nämlich die Indios ganz begierig auf Werkzeuge waren, erhielten sie diese auch und schafften das Zuckerrohr herbei und verrichteten alle groben Arbeiten und verkauften uns Nahrungsmittel, derer wir dringend bedurften. Nun, da sie die Werkzeuge leid sind, wird es immer schlimmer mit ihnen, sie werden aufsässig und revoltieren gar.

 

Die Fazendas und ganz besonders die Zuckersiedereien liegen weit auseinander. Die Leute, die hierher kommen, um in den Zuckersiedereien zu arbeiten, kommen nicht als vermögende und ausdauernde Männer her, sondern sind darauf bedacht, ihren Gewinn zu machen und brauchen mich zu ihrem Schutz, so wie ich dies jeden Tag gewährleiste. Doch wer, Herr, hat Geld genug für Pulver, Kugeln, Artillerie und Waffen und all die anderen Dinge? Ich meine, daß Eure Hoheit hier dringend Abhilfe schaffen und eine Verfügung treffen müssen, daß im Umkreis von zwanzig Leguas um meine Siedlungen, über zehn oder zwölf Jahre kein Brasilholz geschlagen werden darf, das heißt, von Olinda zwanzig Leguas nach Süden und von Santa Cruz zwanzig Leguas nach Norden, wo im Land des Pero Lopes de Sousa bereits ein anderes Indiovolk lebt. Eure Hoheit sollte mir eine Verfügung darüber übermitteln. So kann behoben werden, was auf anderem Wege nicht zu beheben ist. Und wer nun Brasilholz holen will, so gibt es viele andere Häfen, wo man dies machen kann, ohne uns Schaden zuzufügen und ohne Eurer Hoheit Ungemach zu bereiten. Das Brasilholz hier in der Gegend, das das beste überhaupt ist, bleibt bewahrt, bis sich Eure Hoheit seiner bedienen wollen, und dann kann man dies mit allen nötigen Vorkehrungen beschaffen. (…)

 

Auf drei verschiedenen Wegen habe ich Eurer Hoheit Nachricht über die Verbannten gegeben. Und ich sage Euch meinetwegen und wegen dieses Landes, daß es weder Euch zu Nutzen noch zum Wohle dieses Neu-Lusitaniens ist, jene Verbannten hierher zu schicken, wie dies seit drei Jahren immer wieder geschieht. Ich versichere Euch und schwöre bei meinem Leben, daß die nichts Gutes für dieses Land bringen, sondern nur Schaden anrichten, und ihretwegen verlieren wir alle Glaubwürdigkeit, die wir bei den Indios hatten. Und wie sollte ich beheben, was Gott und Natur nicht zu richten vermochten, außer ich verfüge, jeden Tag einige dieser Verbannten zu hängen, was gegenüber den Indios auch zu Mißkredit führt. Andererseits taugen sie zu keiner Arbeit, sie kommen arm und nackt hier an, können von ihren schlechten Manieren nicht lassen; statt dessen planen sie ständig, von hier zu fliehen. Hoheit, ich denke, daß jene Verbannten schlimmer sind als die Pest. Deswegen flehe ich Euch an, schickt mir keine solchen Bösewichter mehr. Denn wenn Ihr solchen Leuten gegenüber Barmherzigkeit zeigt, bedeutet dies, Gott, Euch selbst und mir und meinen Gefährten Schaden zuzufügen. Denn bereits auf den Schiffen verüben sie Tausende Missetaten. Häufig sind an Bord mehr Verbannte als Besatzung, und so kommt es, daß sie revoltieren, fliehen und viel Schlimmes anrichten. Zwei Schiffe sind hier nicht gelandet, weil zu viele Verbannte darauf waren, sie sind verschwunden. Deswegen bitte ich Eure Hoheit nochmals, schickt nicht mehr solche Leute hierher, sondern weist Eure Rechtsorgane an, sie nicht mit Gewalt in die Schiffe zu stecken, um hierher zu kommen. Denn ich habe nur Nachteile davon.

 

Andererseits möchte ich Eure Hoheit an das erinnern, was ich bereits schrieb, schickt alle Leute, denen Ihr Land gegeben habt, hierher ins Brasilland, damit sie es besiedeln und bewohnen. Denn so lautete die Bedingung. Und wenn sie schon nicht kommen, so sollten sie doch geeignete Personen in ausreichender Zahl hierherschicken, die auch wissen, was zu tun ist. (…)

 

Ich will Eurer Hoheit noch von anderen Unregelmäßigkeiten berichten, die hier und in anderen Kapitanien weiter im Süden vorkamen. Und ich weiß nicht, ob ich die betreffenden Männer Siedler oder Straßenräuber nennen soll. (…) In diesem Jahr kamen von dort unten sechs große Karavellen hierher, mit der Absicht, Handel zu treiben mit meinen Leuten. Bald erfuhren sie, daß ich die Absicht hatte, bei günstiger Gelegenheit jenes Unternehmen in den Sertão zu beginnen, was ich schon so lange möchte. Sie boten sich an, mit mir zu ziehen, und ich versprach ihnen große Vorteile daraus. Ich begann, einige Brigantinen zu bauen, und als ich einmal nicht aufmerksam genug war, setzten sie Segel und vergalten mir die guten Dienste, die ich ihnen erwiesen hatte, indem sie raubend an meiner Küste entlangzogen. Mir gelang es nicht, schnell genug dagegen einzuschreiten, lediglich einen konnte ich ergreifen, als er raubend durch das Gebiet der Pitiguares zog, wo vor drei Jahren fünfundzwanzig oder dreißig Portugiesen um Sklaven schacherten und dann verlorengingen. Alle gefangenen Indios, die diese Portugiesen bei sich führten, nahm ich ihnen weg und schickte sie in ihre Gebiete zurück. Ich hoffte, daß wenn eines Tages wegen der gefährlichen Küste Portugiesen dort stranden sollten, ich sie auf diese Art habe retten können.

 

Die Räuber bekamen die Strafe, die sie verdienten. Ich teile dies Eurer Hoheit mit, damit Ihr alle Kapitäne im Süden anweisen möget, solches bei sich nicht zuzulassen, so wie ich es auch niemals zulassen werde.

 

Ich teile Eurer Hoheit all diese Dinge mit, um mein Gewissen zu erleichtern und um das zu erfüllen, was Eure Hoheit mir auftrugen. (…)

 

Im März dieses Jahres 1546 wurde hier einem Piloten eines Schiffes von Constantino de Caires eine Kiste mit verschiedenen Zuckerproben

für Euch übergeben. Auf mein Geheiß hat der Verwalter Eurer Hoheit die gut verschlossene Kiste so übergeben, wie er sie von mir erhielt. Jetzt erfahre ich, daß diese Kiste Eure Hoheit nicht erreicht hat. Man sagte mir, sie sei dem Zoll übergeben worden, von dort verschwand sie. (…)

 

Brief vom 22. März 1548:

 

(…) Eure Hoheit mögen diesem  Brasilland nicht so gleichgültig gegenüber stehen, und ganz besonders meinem Neu-Lusitanien, wie es den Anschein hat. Denn Ihr tragt keine Sorge für uns und antwortet seit drei Jahren nicht auf meine Briefe und Hinweise, die ich auf drei, vier verschiedenen Wegen zu Euch sende. Ihr zeigt, daß es so ist, denn Ihr steht uns nicht bei. Mißachtet mich nicht; glaubt Ihr wohl, daß Ihr dem, was ich schreibe und sage keinen Glauben schenken müßt? Schreibt mir, welche Eure Absichten sind, damit ich die Dinge in richtige Bahnen lenken kann.

 

Auch wenn ich nunmehr auch arm und verbraucht bin, so fühle ich doch keinen Neid gegenüber den Reichen und ihrem Reichtum.(…)

 

Mit einem Schiff, daß kürzlich in See gestochen ist, habe ich Francisco Frazão, meinen Diener, geschickt. Er lebt hier mit seiner Familie und soll Euch Briefe von mir übergeben. Ich bitte Eure Hoheit, daß Ihr sie lest und mir Antwort gebt. Er soll dort auf die Antwort warten, und langes Warten wird natürlich sehr teuer.

 

Olinda, 24. November 1550

 

(…) Die Vernunft, Herr, zwingt mich, mein Gewissen zu erleichtern und Eurer Hoheit kurz von allem Bericht zu geben. Ich sage Euch, daß das ganze Volk ja das gesamte Land von Neu-Lusitanien völlig verändert und durcheinander von den zu berichtenden Ereignissen ist. Ich kann Eurer Hoheit versichern, daß viele nur um meinetwegen dieses Land noch nicht verlassen haben. Und das vor allem, weil die Beamten Eurer Hoheit hier, wie im Reich den Leuten ihre verbrieften Rechte und Privilegien nicht gewähren wollen, so wie sie in meinen Urkunden ausgerufen und bekanntgegeben wurden. Jene Beamten wollten mit aller Härte durchgreifen, was in dem hiesigen Klima und in der jetzigen Situation dieses jungen Landes ungeeignet sind. So kann man eher bewohntes Land entvölkern als unbewohntes Land bevölkern. Ich habe bis jetzt alles so gut vorgerichtet wie ich es vermochte, unter vielen Mühen und mit aller Weisheit, die mir Gott gegeben. All das geht auch aus Berichten und Akten hervor, die dazu angelegt wurden.

 

Und mir werfen nun die Leute vor, ich würde Eure Beamten bevorzugen. Ich schwöre bei meinem Leben, daß ich all das zu Euren Diensten tat, weil es mir nötig schien und ich sie nicht kannte. Ich hätte mit den Leuten hier nicht so umgehen dürfen; ich versprach, mich mit allem an Euch zu wenden. So tat ich es und erhielt bisher keine Antwort darauf.

 

Jetzt überschütten sie mich mit Beschwerden und Protesten, damit ich ihnen ihre Rechte und Privilegien bewahre, die ihnen jetzt gestrichen werden sollen. Anderenfalls wollen sie das Land verlassen. (…)

 

Ich will Eurer Hoheit nur soviel sagen, bis jetzt herrscht hier Frieden, und wir sind uns eins, Gott sei Dank. Die fünf Zuckersiedereien, die jetzt ständig laufen, werden täglich verbessert, so wie die von mir errichtete. Und alles kann so weitergehen, wenn die Veränderungen hier im Lande es nicht ins Stocken bringen. Der Bau weiterer Zuckersiedereien, so wie mit mir besprochen, ist zweifelhaft geworden. Man schreibt mir, wenn die versprochenen Freiheiten und Privilegien nicht eingehalten würden, kämen auch keine neuen Siedler.

 

Als Duarte Coelho 1554 starb, übernahm seine Frau Brites de Albuquerque, unterstützt von ihrem Bruder, die Herrschaft über die Kapitanie "Nova Lusitânia". Später wurde ihr Sohn Duarte Coelho de Albuquerque durch die Witwe von König João III., Dona Catarina von Spanien, in den Stand des Donatars der Kapitanie erhoben. D. Catarina übte als Regentin die Amtsgeschäfte für ihren unmündigen Enkel und späteren König Sebastião aus.

 

Die vielen beunruhigenden Berichte der Siedler und Reisenden über die Geschehnisse in Brasilien ließen befürchten, daß ganz Brasilien der portugiesischen Krone verloren gehen könnte. Zu heftig waren ständige Gefechte mit Eingeborenen und Franzosen. Die Siedler allein waren nicht imstande, das Land zu halten und zu entwickeln. Außerdem fehlte die alle Kapitanien zusammenhaltende Klammer.

 

Mit dem ersten Generalgouverneur für Brasilien, Tomé de Sousa, wurde dem ab 1549 Rechnung getragen. Er sollte in Bahia de Todos os Santos eine Kolonialverwaltung aufbauen und sich mit den Donataren der einzelnen Kapitanien verständigen und abstimmen. Allerdings führte der Aufbau einer Kolonialverwaltung zu zusätzlichen Spannungen zwischen der neuen Zentralmacht in der Person des Gouverneurs und den Donataren der Kapitanien.

 

Pedro Borges, ein hoher Würdenträger der Kirche, nahm hinsichtlich der unhaltbaren Zustände in Brasilien noch weniger ein Blatt vor den Mund als dies der Donatar Duarte Coelho in seinen bei ausbleibenden Antworten immer ungeduldiger werdenden Briefen tat. Brief an König Dom João III., geschrieben in Porto Seguro am 7. Februar 1550:

 

Ich bin soeben auf Geheiß des Gouverneurs zusammen mit Pedro Gomes nach Ilhéus gekommen. Wie ich bereits in meinem Brief von vor vier Tagen schrieb, wurde der Frieden hier wiederhergestellt. Ich hatte indessen Muße genug, mich einmal um die Dinge des Rechts zu kümmern. Dabei sind mir sehr viele Dinge untergekommen, die geändert werden müßten, an denen Eurer Hoheit Rechtssprechung hier scheitert.

 

In der Kapitanie Ilhéus gibt es einen Kapitän, der die Stelle jenes Jorge de Figueredo eingenommen hat, welcher sich so große Verdienste als Gerichtsherr erworben hat. Zu seinem Vertreter wurde Francisco Romero ernannt, welcher schon einmal mit dieser Aufgabe betraut worden war, bis er in Pingueiro für vier Tage festgesetzt werden mußte, weil er sich bei Ausübung seines Amtes verschiedene Vergehen hatte zuschulden kommen lassen. Obwohl sonst ein guter Mann, taugt er doch nicht für die Justiz, weil er ungebildet und arm ist. Oft genug läßt er zu, daß Leute hier Dinge tun, die ihnen nicht zustehen. Dagegen ist er für Kriegsdinge bestens geeignet und besitzt darin allerhand Erfahrung, daß man ihm nachsagt, er sei ein guter Ratgeber.

 

Es scheint mir angebracht, daß Eure Hoheit Jorge de Figueredo und den anderen Kapitänen Anweisung geben, in der Rechtssprechung nur Männer einzusetzen, die davon etwas verstehen. Und ich meine nicht die Art der Rechtssprechung, die früher hier üblich war und unsereinen nur entsetzen konnte. Man bedenke, daß im Gerichtssaal Männer sitzen sollten, die Bildung und Erfahrung besitzen, und es sollten ihrer immer mindestens zwei sein. Hier jedoch ist das anders: Ein Mann, der des Lesens und Schreibens unkundig ist, spricht allein unzählige Urteile ohne Ordnung und Recht. Auch wenn Exekutionen stattfinden, kommt es zu vielen Unregelmäßigkeiten, daß ich viel zu tun hätte, sollte ich die Prozesse ordentlich gestalten.

 

Hier in dieser Kapitanie gab es zu wenige Männer, um beispielsweise die Stellen für Richter und Deputierte zu besetzen. Strafgefangene und Leute, die aus niederen Beweggründen Verbrechen begangen hatten und daher ihre Ohren eingebüßt hatten, sowie andere Gesetzesverletzer füllten die Plätze aus. Ich wende mich entschieden dagegen, daß ehemalige Sträflinge Ämter ausüben sollen.

 

Zudem muß ich bemerken, daß es in dieser Kapitanie Orte gibt, die weder Schreiber noch Waisenrichter haben; die Vorschrift besagt aber anderes bei Orten bis zu dreihundert Bewohnern. Nur in dieser kleinen Stadt mit weniger als einhundert Einwohnern gibt es vier Notare, zwei Schreiber und andere Beamte. Und doch wäre niemand in der Lage, das Amt des Gemeindevorstehers auszuüben.(...)

 

Ich habe bisher in dieser Kapitanie viele Dinge selbst erlebt, oder sie mir vom Gouverneur berichten lassen, wie zum Beispiel die folgende Begebenheit: Vor sechs oder sieben Jahren kamen viele Männer und Frauen, ja selbst Kinder waren darunter, mit einem Schiff aus dem Königreich hierher. Sie wurden an Land ausgesetzt, inmitten des Gebiets der Potiguares, also Wilden, die jene Leute einfach fraßen. Die Besatzung aber machte sich in Bahia daran, den Nachlaß, Kleidung und Besitz, dieser Leute zu verkaufen. Doch die Tat war nicht unbehelligt geblieben, denn es handelte sich um einen gewaltigen Fall von ungeheurer Unmenschlichkeit. Ich habe schließlich den Schiffseigner, einen Mann aus der Algarve, und einen Seemann festnehmen lassen, was mich einige Anstrengungen kostete. (…)

 

Überhaupt gibt es in diesem Lande viele verheiratete Männer, die lange Zeit hier zubringen, ohne eine Pflanzung zu betreiben oder einem anderen Tagwerk nachzugehen. Sie sind allein damit beschäftigt, in der Gesellschaft von Indioweibern zu leben und einen noch ärgeren Lebenswandel zu führen als die Wilden selbst es tun. Jetzt, da unser Land besiedelt wird, sollte diesen öffentlichen Sünden Einhalt geboten werden. Eure Hoheit sollten dafür sorgen, daß diese Männer zu ihren Ehefrauen zurückgeschickt werden oder aber ihre Frauen zu ihnen kommen. Diese Entscheidung sei Euch überlassen.

 

Die einstige Beschäftigung dieser Männer war der Krieg gegen die Indios. Sie fuhren als Christen mit ihren Schiffen die Küste ab und überfielen von dort aus die Indios. Bei diesen Gelegenheiten verstiegen sie sich zu so abscheulichen Dingen, daß der Überfall an sich noch das geringste Übel darstellte.

 

So wurde ein Christ, der Gefangener der Indios war, von einem Häuptling befreit. Er war übel zugerichtet infolge der schlechten Behandlung. Der Häuptling nahm ihn also in seinem Hause auf um ihn von seien Wunden zu heilen, und er setzte den genesenen Mann auf freien Fuß. Dieser kam später erneut mit einem Schiff in die Gegend. Dem Häuptling, dessen Gast er gewesen war, ließ er bestellen, er möge zusammen mit seinen Leuten auf sein Schiff kommen, damit alle sehen könnten, wie er ihm all das Gute vergelte, was er ihm angetan. Kaum daß der Häuptling mit seinen Männern das Schiff betreten hatte, ließ der Mann sie alle gefangennehmen, um sie andernorts zu verkaufen. Doch der Mann entging seiner gerechten Strafe nicht: Im selben Hafen, wo er den Indiohäuptling, seinen Wohltäter, gefangengenommen hatte, zerschellte eines Tages sein Schiff, und der Mann samt der übrigen Mannschaft ertrank und wurde von Fischen zerfleischt. Die Wilden aber aßen die Fische, mithin aßen sie auch jenen Mann. Das ist Göttliche Vorsehung! Der Schöpfer irrt nie, noch würde er den Irrtum akzeptieren.

 

Der Richter der Kapitanie Porto Seguro verurteilte mehrere Männer, die seit vielen Jahren ihre Ehefrauen im Königreich oder auf den Inseln zurückgelassen hatten. Hier jedoch, auf christlichem Boden, lebten sie mit Frauen der Wilden zusammen. Andere gingen so weit, mit ihren eigenen Sklavinnen zusammenzuleben, welche ebenfalls Wilde waren, und gemeinsam hatten sie Kinder. Entgegen der ursprünglichen Verurteilung, bin ich in dem Sinne eingeschritten, daß sie anstelle der Verbannung nach Afrika, ihre Strafe hier verbüßen, wie Eure Hoheit es gewünscht haben. Denn in der Ferne dürfte kaum jemand die Gründe ihrer Strafe verstehen können. Und, was sollen sie dort, in der Ferne, wo Kriegszustand herrscht und niemand eine Verwendung für Strafgefangene hat? Sie wären nutzlos und müßten obendrein bewacht werden.

 

Mit dem Generalgouverneur Tomé de Sousa, einem Vetter des Martim Afonso de Sousa, kamen 1549 auch die ersten Jesuiten ins Land. Die Gesellschaft Jesu wurde 1540 kraft einer päpstlichen Bulle gegründet, mit dem Ziel, den katholischen Glauben zu verbreiten und seelsorgerisch tätig zu sein, nämlich Bildung unter die Menschen zu bringen und ihnen in Fragen der Gesundheit zu helfen. Noch im selben Jahr kamen die ersten Jesuiten nach Portugal, wo sie sich darauf vorbereiteten, den christlichen Glauben in den heidnischen Gebieten zu verbreiten.

 

Zu den ersten gehörte Pater Manuel da Nóbrega. Bald gründeten er und seine Glaubensbrüder erste Dörfer, in denen Indios angesiedelt und im christlichen Glauben erzogen wurden. Das erste Zentrum entstand so in Salvador da Bahia, ein nächstes in Piratininga, dem späteren São Paulo, und ein weiteres in der Bucht von Rio de Janeiro. Indem sie sich um die Indios kümmerten, wurden sie auch zu deren Verteidigern vor den europäischen Siedlern, die in den Eingeborenen nur Arbeitskräfte für die Plantagen und Zuckerherstellung sahen. Daher waren die Jesuiten heftigen Anfeindungen seitens der Siedler ausgesetzt. Neben ihren religiösen Absichten trachteten sie danach, die Eingeborenen in der portugiesischen Sprache zu unterrichten und sie vor allzu brutalen Übergriffen durch die Kolonisatoren zu schützen. Auf der anderen Seite verteidigten die Jesuiten die Sklavenhaltung; sie sahen die Einfuhr afrikanischer Sklaven für alle schweren Arbeiten als für den Fortbestand der Kolonie unabdingbar an.

 

Die Berichte, die die Jesuiten über ihr Wirken nach Europa sandten, in den ersten Jahren an den Gründer der Herz-Jesu-Kirche, Ignacio de Loyola, sind sehr aufschlußreiche Zeugnisse über den Alltag in der Kolonie. In einem Brief an die Jesuitenbrüder in Portugal schrieb Pater Pires 1551 aus Pernambuco (in: Revista do Instituto, Bd. VI, 1844):

 

(…) Nur 6 oder 7 Leguas von Bahia entfernt, lebt auf einer Insel ein Wildenvolk, das bereits gegen die Christen in Bahia Krieg führte; jetzt herrschte aber Frieden.

 

Nun geschah es, daß in der Osterwoche vier weiße Männer zum Schachern ohne Erlaubnis des Gouverneurs zu dieser Insel fuhren. Sie hatten noch nicht gebeichtet und wollten, wie es heißt, mit einigen Indioweibern sündigen. Sie waren dort bereits verabredet. Sie setzten also vom Festland über, als die Wilden beschlossen, sie aus Rache für einige vor geraumer Zeit überfallene und getötete Brüder zu töten. Als die Christen deren Absichten errieten, wollten sie fliehen, wurden aber gefangen, getötet und aufgefressen.

 

Darauf schlossen sich hier einige Männer zusammen, begaben sich dorthin und fingen zwei alte Häuptlinge und eine Frau und übergaben sie dem Gouverneur. Sie versprachen dem Gouverneur noch weitere einzufangen, sofern er es wünschte.

 

Die zwei Alten waren Onkel derjenigen, die die Christen getötet hatten. Zu ihnen sprach Pater Nóbrega mit einem Dolmetscher und sagte, da sie nun schon sterben müßten, sollten sie lieber als Christen sterben und überzeugte sie mit seinem Reden. Er versuchte sie von ihren Irrtümern zu befreien, indem er sie vor frisch Konvertierte führte und sie so zu überzeugen trachtete. Der Herr wollte, daß dies ihr Wille war, und so wurden sie getauft. Und mit dem Namen Jesus auf den Lippen, den Blick himmelwärts gerichtet, endete ihr Leben vor der Mündung einer Bombarde. Ich glaube fest, daß diese beiden nunmehr gerettet sind, wohingegen ich befürchte, daß die Christen, die von den Wilden getötet wurden, für immer verdammt sein werden, sofern der Herr ihnen nicht zu Hilfe eilte. (…)

 

Der erwähnte Jesuitenpater Manuel da Nóbrega kam als Oberer der Herz-Jesu-Kirche nach Brasilien. Mehrmals begleitete er den Generalgouverneur Tomé de Sousa bei seinen Visiten in die südlichen Kapitanien. Daher kannte er die Verhältnisse in Brasilien sehr gut und machte in zahlreichen Briefen an den Prinzipal der Jesuiten sowie an Glaubensbrüder die Probleme bei der Verbreitung des Glaubens bekannt. Einige Auszüge aus Briefen der Jahre 1555 - 57 (Revista do Instituto, Band 43, 1880):

 

(…) Nachdem des Königs Sklaven aus Guinea in dieses Land kamen (ab 1538 - d.Ü.), übernahmen die Patres über eine Bürgschaft drei von ihnen für zwei Jahre. (…) Einige der Sklaven, die ich für unsere Mission bestellt hatte, sind Weiber. Die habe ich mit Männern verheiratet. Sie leben nun in abgelegenen Häusern bei den Feldern. Ich habe einen Verwalter für sie gesucht, einen Laien, der sich um sie kümmert und über sie wacht. Wir kümmern uns nicht weiter darum, wir setzen uns mit dem Mann ins Benehmen und er mit ihnen. Der Grund, daß man auch Weiber hat kommen lassen, liegt darin, daß ohne sie die Feldarbeit nicht geht, denn die Weiber bereiten das Mehl, und alle übrigen Dienste kommen auch ihnen zu. Die Männer roden, fischen und jagen, kaum mehr.

 

Und da hierzulande die meisten Christen Junggesellen sind und Sklavinnen haben, mit denen sie in Sünde leben, erhalten sie von uns keine Absolution, solange sie die Sklavinnen nicht wegschicken. Diese Männer finden nun andere Patres, die ihnen Absolution erteilen, und uns werfen vor, wir hätten auch Sklavinnen, doch sind das nur Ausreden.

 

Manche Male trifft es sich, daß wegen unseres Eingreifens eingefangene Sklaven freigelassen werden, denn auf andere Art bekommen die Männer keine Absolution für die Dinge, die sie den anderen Patres verschwiegen haben. Es kam einiges Gerede unter ihnen auf. Wir haben vor allen Dingen die Carijó freikommen lassen. Denn sie wurden bei Überfällen gefangengenommen und waren bereits Christen in ihrer Heimat. Die Verheirateten Männer und Weiber haben wir in Espírito Santo angesiedelt, nur zwei Jungen sind bei uns geblieben, um bei uns zu lernen und gute Christen zu werden. (…)

 

Erstmals können die Eingeborenen über einen Dolmetscher beichten, wenn sie unsere Sprache nicht sprechen. Es scheint, daß dies eine Neuheit in der Christenheit ist. (…)

 

Diesen Indios, die hier unter uns Christen leben, ist es nicht auszutreiben, in den Krieg zu ziehen und sich gegenseitig zu töten, obwohl sie vom Verspeisen von Menschenfleisch Abstand genommen haben. Daß sich die Nachbarn der Christen verteidigen wollen, kann man ihnen nicht verübeln, da sie sehr verschreckt sind. Doch ist es inzwischen Brauch unter den Christen, sie in Kriege zu schicken und sich gegenseitig umzubringen, denn die Christen meinen dazu, daß sie selbst so sicherer leben könnten. Das ist allerdings ein großes Hemmnis für ihre Bekehrung. Und aus diesem und anderen Gründen wagen es die Patres nicht, sie zu taufen, solange sich das nicht ändert.

 

Kürzlich geschah es, daß aus dem Dorf Tubarão, in welchem der Pater Navarro lebte, der Häuptling mit seinen Kriegern gegen Feinde jenseits von Bahia zog. Über einen Umweg kamen selbige Feinde und fielen über die wenigen her, die zurückgeblieben waren. Diese machten gerade Salz für den Gouverneur eine halbe Legua von unserer Stadt entfernt. Etliche der Frauen aus Tubarão wurden getötet, andere wurden verletzt und mitgenommen. Auf seinem Rückweg nun traf der Häuptling auf die feindlichen Indios, die die Seinen entführt hatten. Es gab ein langes Geplänkel, und er nahm einige von ihnen gefangen. Darauf bat er den Gouverneur, einen von ihnen töten zu dürfen, um den Schmerz der Trauer zu lindern. Der Gouverneur gab ihm die Erlaubnis, und so töteten sie ihn vor dem Dorf. Sie töteten ihn und verspeisten ihn, weil sie befanden, daß er gut zu kochen sei.

 

Die Patres litten sehr ob einer solchen Abscheulichkeit. Und der Pater Navarro, der dem Dorf diese Tat sehr übelnahm, ging zum Gouverneur und beschwerte sich darüber, daß er diese Erlaubnis geben konnte. Der Gouverneur bedauerte die Sache sehr, doch Unser Herr weiß auch aus Schlechtem noch etwas Gutes zu machen. So geschah es, daß der Gouverneur den Indios mit schweren Strafen drohte. Er ließ in allen Dörfern ausrufen, daß diejenigen, die weiterhin Menschfleisch äßen, mit dem Tode bestraft würden. Darauf waren die Indios sehr verschreckt. Doch die Patres wollten nicht in die Dörfer zurückkehren, ehe nicht ein Zeichen der Reue vom Häuptling käme. Diejenigen, die Menschenfleisch gegessen hatten, sollten Buße üben und durften für eine Weile die Kirche nicht betreten. (…)

 

Mit den Christen machen wir hier sehr wenig, denn den meisten haben wir die Tür zur Beichte versperrt, und mit viel Glück finden wir einen, der der Absolution würdig ist. Ich glaube nicht, daß für die anderen noch Rettung möglich ist. Für uns ist das ein großes Unglück.

 

Mit den Eingeborenen läßt sich auch sehr wenig anfangen, denn der größte Teil von ihnen gehörte bereits zur Gemeinde unserer beiden Kirchen, doch sie flohen. Der Grund dafür war, daß die Christen ihnen ihren Boden wegnahmen, worauf sie ihre Nahrungsmittel anbauten. Mit allen nur möglichen Mitteln suchen sie sie von den Ländereien zu vertreiben und benutzen alle Tricks und Gemeinheiten. Sie sagen ihnen, daß sie sie töten würden, darauf gehen sie, wie erwartet. So ist allgemein das Benehmen schlechter Christen gegen die Indios wie gegen die Sklaven. Und sie tun so als würden sie die Seelen der Indios retten, indem sie sie hierher schicken. In ihrem Haß tun sie ihnen alles Böse an.

 

Einige bedienen sich unserer Worte, um den Indios zu sagen, daß wir sie möglichst alle in unserer Nähe haben wollten, damit die Christen sie einfacher töten könnten. Oder indem sie ihnen die Ländereien wegnehmen, töten sie sie auf andere Art. Viele sind gegangen, andere sind noch hier, doch nehmen wir an, daß diese auch noch gehen werden. Der Gouvernenur kann in dieser Angelegenheit wenig tun, ich weiß nicht, was noch kommt und ob er etwas tut. Für uns bedeutet dies alles großes Leid, denn die Indios sind gezwungen fortzugehen, und wir könen ihnen nicht beistehen. Sie bringen uns ihre Kinder, die bereits in der christliche Glaubenslehre unterwiesen worden waren, und wenn wir sie nicht taufen, so deshalb, weil wir fürchten, daß sie doch noch fortgehen, ob nun freiwillig oder gezwungen, alles wegen der schlechten Nachbarschaft mit den Christen. Von den Christen haben wir keinerlei Hilfe zu erwarten, nur Schwierigkeiten, sowohl aus dem, was sie sagen als auch aus ihrer Lebensart. Viele vermitteln den Indios kein anderes Vorbild als zu stehlen, die Ehe zu brechen und Beziehungen zu heidnischen Frauen zu haben. Und andere Schlechtigkeiten, an denen die Wilden Anstoß nehmen.

 

Wir sind es leid, durch die Wilden immer nur schändliche Dinge über die Christen zu hören. Natürlich beschämt uns das und verschließt unsere Münder angesichts ihrer Sünden, die doch sehr viel harmloser sind.

 

Alles in allem scheint dieses Land hier völlig durcheinander und verloren. Es gibt keine Gerechtigkeit noch einen Ausweg. Da behaupten die Christen, daß Ungläubige überhaupt nichts gegen Christen vorzubringen hätten. Und so leben sie, wie es ihnen einfällt, auch wenn sie vor den Augen der Wilden sündigen. Nur andere Christen sollen sie nicht bei der Sünde sehen. Sie fügen den Wilden Schaden zu, nehmen ihm alles weg, und es gibt keine Justiz, die gegen sie vorgeht.

 

Es gibt Beweise dafür, daß Weiße freigesprochen wurden, so geschehen vor wenigen Tagen. Ein Boot fuhr um Tauschhandel zu treiben an der Küste jenseits von Bahia entlang. Ein Sklave, den die Weißen gerade gekauft hatten, stürzte sich ins Meer vor Sehnsucht nach Frau und Kindern, die noch vom selben Herren, der sich auch an Bord befand, hätten erworben werden können. Von teuflischer Wut gepackt, töteten die Christen sieben oder acht Personen, darunter auch den Herren der Sklaven, einen alten, lahmen Mann, und einige Frauen und Mädchen. Darauf gab es einen Aufstand, der die gesamte Gegend erfaßte und so den erst kürzlich geschlossenen Frieden zerbrach. Einige der Männer wurden festgenommen, und weil es keine Beweise gab, nur von Indios, wurden sie wieder freigelassen.

 

Doch mit den wenigen, die uns verblieben, arbeiten wir. Viele von ihnen würden wir taufen und verheiraten, wenn die Dinge hier in ihrer Ordnung wären. Die Ordnung, die wir wünschen, wäre, die Wilden in ordentlichen Dörfern zusammenzulegen und alles zu ihrer Bekehrung zu tun, ihnen die Schlechtigkeiten auszutreiben und unter ihnen Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit zu wahren, wie es Untertanen des Königs und der Kirche zukommt. Auch soll ihnen Gerechtigkeit gegenüber den Schlechtigkeiten der Christen widerfahren. Gut wäre es, wenn die Justiz besser arbeiten würde. (…) So könnten wir jeden Tag neue Menschen gewinnen und sie zur Vernunft bringen. Und die, die sie nicht annehmen wollten, sollten dazu gebracht werden, Untertanen im Dienste des Königs zu werden, und die Christen sollten dabei helfen, dies zu erreichen. Denn so geschieht es in allen neuen Ländern, die erobert wurden, wie Peru und andere.

 

Die Kapitanie von São Vicente entvölkert sich immer mehr, weil der König und Martim Affonso de Sousa sich so wenig darum kümmern. So ziehen die Indios nach und nach Richtung Paraguay. Ich und die vielen Brüder, die wir in São Vicente sind, glauben, daß es gut wäre, wenn unsere Gesellschaft dort eine Keimzelle hätte, um alle, die dorthin ziehen, aufzufangen.

 

Später, ab 1609, schufen die Missionare des Jesuitenordens den sog. Jesuitenstaat Paraguay mit seinen "Reducciones", Indiodörfern, die zu Missionierungszwecken gegründetet wurden, aber auch dazu dienen sollten, die Indios vor den "Bandeiras" (Expeditionen) der Sklavenjäger aus dem Raum São Paulo zu schützen.

 

Inzwischen (1553) hatte sich Tomé de Sousa als Gouverneur ablösen lassen. Wichtige Grundlagen für eine Kolonialverwaltung waren gelegt. Ihm folgte der Adlige Duarte da Costa im Amt. Doch galt er im Vergleich zu seinem Vorgänger und seinem Nachfolger als glücklos und unfähig. Der Beschwerdebrief des Bischofs von Salvador, Fernandes Sardinha, an König João III., vom 11. April 1554 gibt davon Zeugnis (in: Revista do Instituto, Band 49/Teil 1, 1886):

 

Herr: Ich sandte Eurer Hoheit einen Brief mit Antonio Ferreira da Câmara über Pernambuco, und weil die Schiffahrt an diesen Küsten sehr riskant ist, sende ich einen weiteren Brief über Porto Seguro. Eines muß ich Eurer Hoheit gestehen, wer dieses Land zu Zeiten des guten Thomé de Souza sah und es jetzt sieht, wird sich über so viele Dinge die Haare raufen. (…) So viel Verderbtheit mußte ich ansehen, daß ich von Zeit zu Zeit den Gouverneur anrief, doch besonders auf seinen Sohn zu achten, ihn von liederlichem Gerede abzubringen und so beizeiten einem großen Übel beizukommen. Doch er antwortete nur, daß er seinem Sohn, Dom Álvaro, nichts verbieten könne und daß der sich vergnüge, mit wem er wolle. Außerdem gebe es im Lande keine ehrenhafteren Edelmänner als João Rodrigues Peçanha und Luiz de Góes (…).

 

Von D. Duarte weiß ich nicht, was ich sagen soll, nur, daß er hier die Maske fallen ließ, die er zu Hause so virtuos zu benutzen wußte, und die Ordnung in ihr Gegenteil verkehrte. Denn der Vater gehorcht dem Sohn, und der Sohn zeigt keinerlei Achtung oder Ehrerbietung dem Vater gegenüber. Hier im Lande geschieht nichts, was D. Álvaro und die anderen Herren nicht wollen. Daran sehen Eure Hoheit, wie gut wir hier regiert werden.

 

Brief des Generalgouverneurs D. Duarte da Costa an König João III. vom 3. April 1555 (Revista do Instituto, Band 49/Teil 1, 1886):

 

Herr: (…) Eure Hoheit sollten eine Verfügung erlassen, die die Gouverneure der Kapitanien ermächtigt, mit Verbannung Bestrafte von einer Kapitanie in die andere zu verkaufen, oder zu Bauarbeiten heranzuziehen oder sie zum Dienst auf die Brigantinen zu schicken. Auch könnte bei einigen die Verbannung umgewandelt oder gar in Gänze aufgehoben werden. Es wäre Euch dies mehr zu Nutze als die Verbüßung der Strafe. Der Preis der jeweils dafür zu zahlen wäre, könnte von Eurer Hoheit bestimmt werden. So könnte Eure Hoheit uns die Gnade erweisen, daß für die Verbannten an das Hospital dieser Stadt bezahlt werde, denn es ist sehr armselig, es fehlt ihm an vielem, und dort werden alle Kranken behandelt, sowohl die, die hier erkranken als auch diejenigen, die mit den Schiffen ankommen.

 

In dieser Stadt wurde ein Mann namens Sebastião d'Elvas festgenommen, weil er den Schatzmeister von Thomé de Souza noch zu dessen Regierungszeit beraubte. Jener Mann lebte auch im Hause des Gouverneurs und war aus dem Königreich wegen Diebstahls hierher verbannt. Der Richter verurteilte ihn dazu, daß er ausgepeitscht und ihm die Ohren abgeschnitten werden sollten. Er kam ins Gefängnis, floh bald darauf mit anderen Gefangenen von dort und suchte bei den Jesuitenpatres Schutz. Nunmehr ließ er mir ausrichten, daß er eine Waise zu heiraten wünscht. Diese arbeitet als Hausmädchen bei den Waisen, die zusammen mit mir hierher kamen. Ich sagte ihm, daß er heiraten solle und daß ich Eure Hoheit bitten wolle, ihm die Strafe zu erlassen, denn ich glaube, daß sie zu nichts führen würde.  (…)

 

Die Brüder der Gesellschaft Jesu erzählten mir noch, daß ein gewisser Nuno Garcia, ein Maurer, auf elf Jahre hierher verbannt wurde. Er soll schuldig sein am Tode eines Mannes, eines Mulatten. Ein Jahr der Verbannung hatte er bereits verbüßt. Die Jesuiten vereinbarten nun mit ihm, daß wenn er ihnen für fünf Jahre in ihrem wohltätigen Werk diene, wollten sie bei Eurer Hoheit um Erlaß der restlichen fünf Jahre nachsuchen. Da der Mann die fünf Jahre inzwischen gedient hat, bitten die Jesuiten Eure Hoheit nunmehr, daß Ihr ihm die fünf Jahre erlaßt oder ihn für die fünf Jahre Arbeit am Bau der Schule bezahlt. Mir bleibt nichts anderes als Eurer Hoheit dies zu schreiben. (…)

 

Ein früher Siedler und Unternehmer in der Kapitanie São Vicente war Brás Cubas, der der Witwe des Martim Afonso de Sousa bei der Verwaltung der Kapitanie zur Seite stand und in Brasilien das erste wohltätige Spital gründete. 1554 sandte er ein Schiff aus, um den von Tupinambá-Indios gefangen gehaltenen deutschen Landsknecht Hans Staden auszulösen, was aber nicht gelang. Am 25. April 1562 sandte er dem noch minderjährigen König D. Sebastião einen Brief, worin er ihn wissen läßt, daß das, was eine wesentliche Triebkraft bei den Entdeckungen darstellte, nämlich das Gold, endlich gefunden worden sei:

 

Herr!

Als eines unserer Schiffe im letzten Jahr die Kapitanie São Vicente verließ, um Kurs auf das Königreich zu nehmen, hatte ich Gelegenheit, Euch ein Schreiben zu senden, worin ich Euch mitteilte, daß Mem de Sá bei seiner Einführung als Gouverneur die Ansicht vertreten hatte, es sei ein guter Dienst an Eurer Hoheit, wenn ich mich in den Sertão aufmachte, um mich dort wie ein Ritter auf die Suche nach Gold und Silber zu begeben, wie Eure Majestät es aufgetrugen.

 

Auf eigene Kosten und mit meinen Leuten machte ich mich auf den Weg. Wir legten dreihundert Leguas zurück, überquerten Gewässer, die unseren Weg kreuzten. Ich bin mit Goldproben zurückgekehrt; sie wurden Euch, Hoheit, gesandt, sowie an den Gouverneur von Bahia, daß auf zweierlei Wegen sichergestellt werden konnte, daß die Funde Eure Hoheit auch erreichen.

 

Ich selbst bin krank von jenem Aufenthalt zurückgekehrt und werde nicht zu jenem Ort zurückkehren können. Ich werde den Bergmann Luís Martins in den Sertão schicken, um dort weiter nach Gold zu suchen.

 

Der Herrgott hat gewollt, daß wir an sechs verschiedenen Stellen Gold fanden, welche mehr als dreißig Leguas von unserer Stadt entfernt liegen. Es ist an allen Fundstellen von gleicher Güte und gleicher Karatzahl wie das aus Mina (Afrika - d.Ü.) stammende Gold. Die Proben werden umgehend an den Gouverneur von Bahia gesandt. Und ich will den Gouverneur von Bahia bitten, sich an Ort und Stelle zu begeben, um eine Entscheidung darüber zu fällen, wie in diesen Minen geschürft werden soll. Alles sollte er geordnet hinterlassen, damit nichts geschehe, das seinem Willen nicht entspricht. In meinem Auftrage wird daher eine Brigantine nach Bahia fahren, um dort die Neuigkeit von den Goldfunden zu überbringen. Der Gouverneur soll dann urteilen, auf welche Art der größte Nutzen für Eure Hoheit erbracht werden kann. Er soll mir schriftlich Antwort geben, was er darüber bestimmt.

 

Auf dem Land, welches ich mein eigen nenne, fand ich mehrere grüne Steine, die das Aussehen von Smaragden haben. Es sind herrliche Smaragde, jedoch wagte ich nicht, sie Eurer Hoheit per Schiff zu senden, denn ich wollte sie den Risiken einer solchen Fahrt nicht aussetzen. Doch werde ich Euch eine Probe zukommen lassen, ich werde das Gestein schicken, in dem diese Steine wachsen. Eine solche Probe werde ich ebenfalls an den Gouverneur von Bahia schicken, damit Ihr wiederum auf zwei Wegen Kenntnis über die Funde bekommt.

 

Sobald sich der Gouverneur von Bahia in unsere Stadt begibt, und ich bin der Annahme, daß dies bald geschehen wird, soll er ein gutes Schiff zur Verfügung stellen, damit es zu Euch ins Königreich fährt. So sollen Euch die größten und wertvollsten Stücke erreichen.

 

Eure Hoheit sollten Acht geben auf dieses Land, Ihr solltet es zur Genüge mit Schwarzpulver und auch auf andere Art ausstatten (...), mit allem was hier dringend benötigt wird. Das muß mit höchster Eile geschehen, denn vielerorts wird im Lande schon gekämpft. Es drängt sich mir die Sorge auf, das Land könnte uns verloren gehen, sollte Eure Hoheit uns nicht in Bälde mit allem Nötigen versorgen.

 

 Auch sollten Eure Hoheit nicht versäumen, am Rio de Janeiro Siedlungen gründen zu lassen, damit die Franzosen uns dort nicht zuvorkommen. Die Franzosen sind dazu übergegangen, unsere umliegenden Gegner zu unterstützen; sie statten sie mit Feuerwaffen und Pulver aus und ermutigen sie, uns anzugreifen, wie dies so oft geschah.

 

Möge der Herr Eurem Leben noch eine lange Zeit bescheren! Ich küsse untertänigst Eure Hand.

Porto dos Santos                                1562

Brás Cubas.

 

Der dritte Generalgouverneur der portugiesischen Krone war der Adelige am Königshof Mem de Sá, der seine Aufgabe so gut erfüllte, daß er sehr viel länger als seine Vorgänger zwischen 1557 und 1572 in Brasilien weilte. Er war, das belegen seine Zeilen, ein nüchtern denkender Mann, den Grausamkeiten nicht schreckten. Unter seiner Führung war es, daß die Franzosen 1567 endgültig von der in der Guanabara-Bucht gelegenen Insel Coligny vertrieben wurden. Er bekämpfte unerbittlich die aufständischen Indianer, nahm sie aber auch gegen Übergriffe weißer Siedler in Schutz und förderte das Werk der Jesuiten (Cartas de Mem de Sá, in: Annaes da Bibliotheca Nacional do Rio de Janeiro, 1905):

 

Ende April 1557 schiffte ich mich in Portugal ein. Wegen der widrigen Winde dauerte die Überfahrt acht Monate. Wir landeten auf den Kapverden und auf den Inseln Prinçipe und Santome, wo fast die gesamte Mannschaft erkrankte und 42 Stück Vieh von den insgesamt 336 an Bord eingingen. Ich ließ alle mit dem Notwendigen reichlich versorgen, weshalb die meisten gerettet werden konnten (…)

Als ich hier ankam, befand sich das ganze Land im Kriegszustand. Die Leute wagten sich nicht mehr auf ihre Pflanzungen, ausgenommen jene in unmittelbarer Nähe zur Stadt, weshalb große Not herrschte. Auch mangelte es an Vieh, der Boden war schlecht, und die Wilden wollten keinen Frieden geben. (…) So begann ich als erstes die Wilden zu bekämpfen, erst in Jaguaripé, auf der anderen Seite der Bucht. Viele Dörfer wurden dem Erdboden gleichgemacht, und viele Indios gefangengenommen oder getötet. (…)

 

Ich persönlich führte den Zug gegen den Stamm, weil er ständig Krieg führte und nicht davon ablassen wollte, Menschenfleisch zu essen. Das Dorf befand sich achtzehn Leguas von der Stadt entfernt. (…) Wir langten vor Morgengrauen bei dem Dorf an, drangen ein und und zündeten es an. Viele der Wilden wurden getötet, die meisten flohen. Sie flehten um Frieden, den ich ihnen gewährte.

 

Ich sammelte sie sodann in großen Dörfern und ließ Kirchen errichten, in denen die Patres der Gesellschaft Jesu ihnen Messen lesen und Gottesdienste abhalten, sie die christliche Doktrin, das Schreiben und andere nützliche Dinge lehren. Diese Leute waren mir später in allen Kriegen, die ich in dieser Kapitanie und auch anderen führte, immer sehr hilfreich. Sie waren mir die größte Stütze.

 

Ich habe die Einkünfte Eurer Hoheit des Königs aus dieser Kapitanie gewaltig erhöht. Als ich hierher kam, betrugen sie fast nichts. Jetzt wirft die Kapitanie ungefähr sechstausend Cruzados ab, und in Kürze wird es noch viel mehr sein, denn hier herrscht Frieden, große Pflanzungen werden angelegt und Zuckersiedereien gebaut. (…)

Ich habe die Kirche dieser Stadt (S. Salvador da Bahia - d.Ü.) bauen lassen, aus Stein und Kalk. Sie hat drei Schiffe und ist außerordentlich groß. (…)

Rund um die Stadt wurden mehrere mit Artillerie ausgestattete Festungen errichtet. Ich ließ eine Kirche mit Ziegeldach für die Jesuiten bauen, wo sie jetzt auch leben. Weiter baute ich eine Kathedrale mit drei Schiffen, auch sie hat ein Ziegeldach, alles vom Besten. Ich baute das Haus für die Stadtkammer, ein großes Haus mit Fußboden und Ziegeldach, alles sehr geräumig. Dann folgten Gefängnis und Lagerhäuser. Lagerhäuser, die die Waren für Eure Hoheit aufnehmen sollen, verfügen über Fußböden, Ziegeldächer und umlaufende Veranden. Ich gab Befehl, noch mehr Häuser mit Fußböden und Ziegeldächern zu bauen. (…)

 

 

11. Die Franzosen in Brasilien

 

Auch die Franzosen, die arge Widersacher der Portugiesen auf den Meeren waren, interessierten sich seit langem schon für Brasilien und vor allem für das rote Färbeholz. Wie sehr französische Seefahrer inzwischen mit den brasilianischen Verhältnissen vertraut waren, mag eine kuriose Begebenheit in der Geschichte in "Ein Brasilianisches Fest" illustrieren (in: Ferdinand Denis, Une fête bresilienne, Paris, 1850):

 

Dies ist der einzigartige Bericht von den schönen und wunderbaren Theaterspielen, aufgeführt von den Bewohnern der normannischen Metropole Rouen zu Ehren seiner Majestät Henry II., des Christlichen Königs von Frankreich und Obersten Herren, und seiner hochverehrten Gemahlin, der Königin Donna Catarina de Medici, aus Anlaß ihrer triumphalen und glücklichen Ankunft in dieser Stadt am ersten Mittwoch und Donnerstag des Monats Oktober im Jahre 1550. Um einen besseren Eindruck von diesem Triumph zu geben, werden Figuren und Dekorationen, jedes an seinem Platze, abgebildet, wie es sich am Verlaufe der Geschichte erhellt.

 

(Im Namen des Königs. Verkauft im Hause von Robert de Hoy Robert und Jean du Gord mit Namen, welche ihren Laden neben der Pforte der Buchhändler besitzen. 1551.)

 

Entlang der Pflasterstraße, die sich zwischen dem Stadttor und dem Seine-Ufer erstreckt, findet sich ein unbefestigter Platz, eine Wiese, die zweihundert Schritt lang und fünfunddreißig Schritt breit ist. Weite Teile davon sind von recht hohen Weiden bewachsen, deren Zweige Schatten spenden, und an den freien Stellen hat man Büsche und Sträucher wie Ginster, Wacholder, Buchsbaum und andere Gewächse des Waldes gepflanzt. Die Stämme der Bäume waren bemalt und ihre Kronen hatte man mit Zweigen des Buchsbaums und der Esche geschmückt, die bei genauer Betrachtung mit den Blättern der Bäumen Brasiliens Ähnlichkeit haben. Auch Obstbäume standen darunter, die Früchte der verschiedensten Färbungen und Arten trugen und den echten Früchten nachgeahmt waren. An jedem Ende des Platzes standen Hütten oder Häuser aus Baumstämmen, daß sie ein Quadrat bildeten. Sie waren ohne ein Werkzeug noch mit Hilfe von Zimmermännern errichtet, sie waren mit Schilf und Zweigen gedeckt und rund herum mit Pfählen befestigt anstelle von Mauern, wie es bei den Behausungen der Brasilianer üblich war.

 

Zwischen den Zweigen der Bäume flatterten viele bunte Papageien und schwatzten auf ihr Art. Auf den Bäumen turnten diverse Affen, die Schiffe der Bürger von Rouen aus Brasilien gebracht hatten. Über den Platz verteilt ergingen sich überall Menschen. Es waren etwa dreihundert, sie waren alle nackt, trugen Federn und an den Teilen, welche die Natur uns zu verhüllen mahnt, taten sie nicht dergleichen. Sie sahen aus wie die Wilden in Amerika, woher man das Brasilholz bringt. Unter ihnen waren etwa fünfzig echte Wilde, die kürzlich aus jenem Land importiert worden waren, und sie hatten anders als die anderen Schausteller zur Zierde ihrer Gesichter durchbohrte Wangen, Lippen und Ohren, in denen Steine von der Länge eines Fingers steckten, poliert und rundlich, von blendend weißer oder smaragdgrüner Farbe.

 

Die meisten der Truppe waren mehrfach in jenem Lande gewesen und beherrschten die Sprache und Bewegungen so natürlich, als würden sie dort geboren sein. Einige schossen unermüdlich mit ihren Bogen nach Vögeln. Sie zielten so gekonnt mit ihren Pfeilen aus Bambus, Rohr oder Schilf, daß sie in ihrer Kunst Griechen und Trojaner übertroffen hätten. Die anderen rannten hinter den Affen wie die Höhlenbewohner hinter der Beute her. Einige wiegten sich in ihren Netzen, die aus Baumwollfäden fein geknüpft waren. Jedes ihrer Enden war an einem Baum oben festgemacht. Oder sie ruhten im Schatten eines Busches aus. Wieder andere schlugen Holz, welches von einigen zu einem Fort geschleppt wurde, das direkt am Ufer des Flusses gebaut wurde, gleich denen, die Matrosen des Landes errichten, wenn sie mit den Brasilianern Handel treiben. Dieses Holz tauschten die Wilden gewöhnlich bei den Matrosen gegen Äxte, Sicheln und Eisenkeile ein. War der Handel abgeschlossen, wurde das Holz auf Booten zu einem großen Schiff mit zwei Mastkörben, das in der Bucht ankerte, gefahren. (…)

 

Die Seeleute waren zünftig in Kniebundhosen aus Satin, halb schwarz, halb weiß, andere wiederum in weiß und grün gekleidet. Sehr behende kletterten sie an Tauen und Wanten empor. In diesem Moment stürzt ein Trupp Wilder herbei, in ihrer Sprache nennen sie sich Tabagerres (Tabajara - d.Ü.). Nach ihren Bräuchen umringten sie, auf den Fersen hockend, ihren König, der bei ihnen der Morbicha (Morubixaba - d.Ü.) heißt, und lauschten still und mit großer Aufmerksamkeit seinen von heftigem Armfuchteln und leidenschaftlichen Gesten begleiteten feierlichen Ausführungen in brasilischer Sprache. Als er geendigt hatte, fielen sie gehorsam, ohne irgendeine Erwiderung über einen anderen Trupp Wilder her, die in ihrer Sprache Toupinambaulx (Tupinambá - d.Ü.) heißen. Daraufhin entbrannte mit aller Macht und Heftigkeit ein Kampf mit Pfeil und Bogen, mit Knüppel- und Stockhieben, alles Dinge, die sie für gewöhnlich benutzen. Schließlich gewannen die Tupinambá und vertrieben die Tabajara. Und damit nicht zufrieden, zündeten sie rasch Festung und Palisaden ihrer Gegner, der Tabajara, an.

 

Und wirklich, dieses Schauspiel war der Realität sehr nahe, einmal wegen der Wilden, die sich unter den Franzosen befanden und zum anderen, weil die Seeleute auf ihren zahlreichen Reisen mit den Wilden häufig Handel getrieben und auch bei ihnen gelebt hatten. Als Beweis dafür, daß das Ganze sehr realistisch und nicht nachgestellt aussah, mag das Urteil verschiedener Franzosen gelten, die Brasilien und das Kannibalenland ausgiebig bereist hatten. Sie bestätigten, daß die Mühe, die sich die Leute gegeben hätten, bewirkte, daß alles wie ein echtes Abbild der Wirklichkeit wirkte.

 

In der Alten Welt hatten sich inzwischen einschneidende Dinge vollzogen. Reformation und Gegenreformation brachten große Unruhe über den Kontinent. Aus dieser Bewegung heraus bildete sich die Renovatio, die Erneuerung der katholischen Kirche, mit der Kirche Herz Jesu als Speerspitze gegen den aus der Reformation hervorgegangenen protestantischen Glauben, gegen Calvinisten und Lutheraner. Zunächst einmal versuchen wieder einmal Franzosen, all der Unruhen müde, in Brasilien Fuß zu fassen. Es ist von Jean de Léry zu berichten:

 

"IX Guanabara

Die Bucht von Rio frißt sich bis ins Herz der Stadt; man verläßt das Schiff mitten im Zentrum, als wäre die andere Hälfte der Stadt bereits von den Fluten verschlungen. Und in gewissem Sinn trifft dies auch zu, denn die erste Siedlung, ein einfaches Fort, befand sich auf jener felsigen Insel, an der das Schiff soeben vorbeigefahren ist und die heute noch den Namen ihres Gründers trägt: Villegaignon. Und jetzt stehe ich auf der Avenida Rio Branco, wo einst die alten Tupinamba-Dörfer lagen; aber ich trage Jean de Léry in der Tasche, das Brevier des Ethnologen.

 

Es sind fast auf den Tag dreihundertachtundsiebzig Jahre her, daß Léry in Begleitung von zehn anderen Genfern hier ankam, alle Protestanten, die Calvin geschickt hatte, um Villegaignon zu suchen, seinen ehemaligen Mitschüler, der knapp ein Jahr nach seiner Ankunft in der Bucht von Guanabara zum Protestantismus übergetreten war. Dieser eigenwillige Mann hatte schon alle möglichen Berufe ausgeübt, sich mit allen denkbaren Problemen beschäftigt und gegen Türken, Araber, Italiener, Engländer und Schotten gekämpft (er hatte Maria Stuart entführt, um ihre Heirat mit Franz II. zu ermöglichen). Man hatte ihn in Malta, in Algier und bei der Schlacht von Ceresole gesehen. Fast am Ende seiner abenteuerlichen Laufbahn, als er sich für den Beruf des Militärarchitekten entschieden zu haben schien, beschließt er, infolge einer beruflichen Enttäuschung, nach Brasilien zu gehen. Auch hier entsprechen seine Pläne ganz und gar seinem rastlosen, hochfliegenden Geist. Was will er in Brasilien? Eine Kolonie gründen, aber sich zweifellos auch ein Imperium errichten; sein unmittelbares Ziel ist allerdings, den verfolgten Protestanten, welche die Heimat verlassen wollten, eine Zuflucht zu bieten. Als Katholik, und wahrscheinlich auch Freidenker, erringt er die Gunst Colignys und des Kardinals von Lothringen. Nach einem Anheuerungsfeldzug, der sich nicht nur an die Gläubigen beider Konfessionen, sondern auch auf offenem Markt an alles mögliche Gesindel und entlaufene Sklaven richtet, gelingt es ihm schließlich, am 12. Juli 1555 sechshundert Personen auf zwei Schiffe zu verladen: Eine Mischung aus Pionieren aller Schichten und Klassen sowie aus dem Gefängnis entlassenen Kriminellen aller Art. Er vergaß einzig die Frauen und die Vorräte.

 

Schon die Abreise war mühselig: Zweimal kehrten die Schiffe nach Dieppe zurück, um am 14. August endgültig die Anker zu lichten, und schon begannen die Unannehmlichkeiten: Auf den Kanarischen Inseln kommt es zu einer Schlägerei, das an Bord befindliche Wasser verfault. Skorbut bricht aus. Am 10. November geht Villegaignon endlich in der Bucht von Guanabara vor Anker, wo sich seit mehreren Jahren Franzosen und Portugiesen um die Gunst der Eingeborenen streiten."

(in: Claude Lévi-Strauss, Traurige Tropen, Leipzig, 1988)

 

Jean de Léry in seinem Journal de bord (Paris, 1957):

 

Es war das Jahr 1555, als ein gewisser Nicolas de Villegaignon, Ritter des Malteserordens, welcher auch als Orden des Heiligen Johannes von Jerusalem bekannt ist, seinen Überdruß über das Leben in Frankreich verlautbarte, aber auch über das Leben in der Bretagne, wo er in jener Zeit lebte. Er äußerte sich an verschiedenen Orten im Königreich Frankreich, gegenüber verschiedenen Persönlichkeiten, Angehörigen aller Stände, er hege seit geraumer Zeit den Wunsch, sich in ein fernes Land zurückzuziehen, wo er Gott in Freiheit und Reinheit dienen könne, wie es die Reformation des Evangeliums vorsieht. Er wolle dort einen Ruhepunkt schaffen für all jene, die sich Verfolgungen zu entziehen hätten. In jener Zeit betraf das viele Menschen beiderlei Geschlechts, Vertreter aller Stände an allen Orten des Königreichs, die ihrer Religion wegen auf Edikte des Königs und Parlamentsentscheidungen hin bei lebendigem Leibe verbrannt wurden und deren Habe konfisziert wurde. Nicolas de Villegaignon erklärte außerdem nahestehenden Personen auf sowohl mündlichem als auch schriftlichem Wege, er habe sehr positive Nachricht über die Pracht und Fruchtbarkeit jenes Teils von Amerika erhalten, der Brasilland genannt wird. Dorthin zöge es ihn, um seinen Absichten Taten folgen zu lassen.

 

Und unter diesem Vorwand gelang es ihm tatsächlich, das Wohlwollen einiger großer Herren der reformierten Religion zu erlangen, welche, von so großen Gefühlen beherrscht, wie er sie zu empfinden vorgab, gleichfalls ein solches Refugium aufzusuchen wünschten. Unter ihnen befand sich der bereits verstorbene Caspar de Coligny, Admiral von Frankreich. Dieser erläuterte vor dem damaligen König Henry II., dessen Ansehen er genoß, welch große Reichtümer und andere Vorteile es brächte, würde Villegaignon diese Reise unternehmen. Also ließ der König zwei Schiffe herrichten und mit Artillerie ausrüsten. Außerdem stellte er zehntausend Francs für Reisekosten zur Verfügung. (…)

 

Léry schloß sich dieser Unternehmung zur Gründung einer "France Antarctique" an und landete nach einer langen, strapaziösen Reise auf einer kleinen Insel in der Bucht von Guanabara, wo das heutige Rio de Janeiro liegt:

 

Wir Neuankömmlinge bekamen ein Abendessen, eine aus Wurzeln bereitete Mehlspeise und Fisch nach Art der Wilden. Unsere Beilage bestand aus weiteren Wurzeln. Dazu gab es Wasser zu trinken. Da sich auf der Insel keine Quelle, kein Brunnen noch ein Fluß befanden, war unser Trinkwasser einer Zisterne entnommen. Jedoch handelte es sich wohl eher um Regenwasser aus den Abwasserkanälen; es war grün und abscheulich schmutzig, als entstammte es einem alten Froschtümpel. Um die Wahrheit zu sagen, jenes Wasser verströmte einen solchen Pestgestank, daß uns das Wasser an Bord wie eine Labsal erschien.

 

Bei dieser Mahlzeit sollten wir uns also von den Strapazen der Fahrt erholen. Gleich darauf wurden wir angehalten, Steine und Sand für den Bau der künftigen Festung Coligny zu schleppen. So sah die gute Behandlung aus, die uns Nicolas de Villegaignon vom ersten Tage an zuteil werden ließ.

 

Bei Einbruch der Nacht wurde ein Nachtlager eingerichtet. Die zwei mitgereisten Pastoren wurden in einer Kammer untergebracht, die mehr oder minder mitten auf der Insel lag, während man uns übrigen Geistlichen zu Gefallen sein wollte, indem man uns eine Hütte zuwies, die ein Sklave des Villegaignon soeben in der (für Indios) typischen Art am Meer gebaut hatte. Nach Art der Amerikaner befestigten wir baumwollene Betten in dieser Hütte, dahinein legten wir uns und schliefen in der Luft hängend.

 

Am anderen Tag, sowie an den darauffolgenden, zwang uns Villegaignon, von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang weiter Steine und Erde für seine Festung zu schleppen. Dabei bestand nicht im Geringsten zwingende Notwendigkeit dazu. Auch nahm er nicht ein bißchen Rücksicht darauf, daß wir von der langen Seereise geschwächt waren und die in diesem Land ständig herrschende Hitze nicht vertrugen, noch scherte ihn unsere äußerst dürftige Ernährung. Sie bestand aus ganzen zwei Bechern hartem Wurzelmehl, wovon wir, wie die Einheimischen, einen Teil in dem trüben Wasser der Zisterne auflösten, um einen Brei herzustellen; den Rest aßen wir trocken.

 

Überhaupt schien es, als behandelte er uns gern etwas rüder als ein guter Vater gemeinhin mit seinen Söhnen umzugehen pflegt. Hatte er bei unserer Ankunft doch verkündet, er werde uns behandeln wie ein Vater seine Söhne.(...)

 

Ich möchte hier nicht versäumen, von zehn Indiojungen zu erzählen, die, neun und zehn Jahre alt, von anderen Indios gefangen worden waren, welche Freunde der Franzosen waren. Diese hatten die Jungen als Sklaven an Villegaignon verkauft. Sie sollten dann (...) die ersten ihres armen Volkes sein, deren Seelen gerettet werden sollten. Man brachte sie an Bord eines unserer Schiffe, die am 4. Juni in See stachen, um nach Frankreich zurückzukehren. Dort wurden die Kinder vor den damals regierenden König Henry II. geführt.(...)

 

Am 3. April, während eines Gottedienstes der Reformierten Kirche, ehelichten zwei junge Diener des Villegaignon zwei jener Mädchen, die wir aus Frankreich mitgebracht hatten. Ich erwähne das hier nicht nur wegen des Umstands, daß dies die ersten christlichen  Eheschließungen in Amerika waren, sondern auch deshalb, weil viele Wilde dabei anwesend waren. Sie waren jedoch weit mehr darüber erstaunt, Frauen in Kleidern zu sehen, als über die eigentliche, ihnen bis dahin unbekannte kirchliche Feier.

 

Am 17. Mai ehelichte schließlich Jean Cointha ein weiteres jener Mädchen, die mit uns über das Meer gekommen waren. Sie war die Verwandte eines gewissen La Roquete aus Rouen, der jedoch war kurz nach unserer Ankunft verstarb und seiner Verwandten seinen ganzen Besitz als Erbe hinterließ. Dieses Erbe bestand aus einer großen Zahl Messer, Kämmen und Spiegeln, bunten Bändern, Angelhaken und anderen unbedeutenden Gegenständen, die man für den Tauschhandel mit Wilden benötigt. Das kam Jean Cointha sehr zupaß, der so etwas vortrefflich zu organisieren verstand.

 

Die letzten beiden der fünf Mädchen kamen bald darauf auch unter die Haube. Sie wurden mit zwei normannischen Dolmetschern verheiratet. Schließlich standen keine christlichen Frauen mehr für eine Heirat zur Verfügung.

 

Ich will hier nicht verschweigen, was Villegaignon an Tadelnswertem und Lobenswertem an sich hatte.

 

Lange Zeit vor ihm waren bereits Normannen in dieses Land gekommen, die sich nach einem Schiffbruch an dieses Festland hatten retten können. Sie lebten derweil ohne Gottesfurcht mit wilden Frauen und Mädchen. Ich sah einige von ihnen, die vier und fünfjährige Kinder hatten. Wiederholungen dessen wollte Nicolas de Villegaignon für die Zukunft verhindern. Wer auf unserer Insel in unserer Festung lebte, dem sollten solche Fehltritte untersagt sein. Villegaignon drohte jedem mit der Todesstrafe, der sich als Christ mit wilden Frauen zusammentat.

 

Gewiß, die Anordnung sah auch vor, daß man wilden Frauen, die das Wort Gottes annehmen wollten, die Heirat gestattete, wenn sie erst einmal getauft waren. (...)

 

Villgaignon wachte mit größter Strenge darüber, daß seine Anordnung eingehalten wurde. Einmal kam es dahin, daß sich mehrere seiner Vertrauten für einen Dolmetscher verwenden mußten, nachdem dieser von einem Ausflug auf das Festland zurückgekehrt war. Villegaignon glaubte fest daran, jener Dolmetscher habe bei einer Frau gelegen, mit der er schon früher einmal fehlgetreten war. Die Vertrauten Villegaignons konnten gerade noch erreichen, daß man ihn nur mit Ketten an den Füßen zu den Sklaven schickte, denn Villegaignon wollte ihn eigentlich aufknüpfen.(...)

 

Noch einer weiteren Schandtat Villegaignons entsinne ich mich sehr genau. Sie traf einen Franzosen namens Laroche, den er in eisernen Fesseln gefangenhielt. Villegaignon ließ den Mann zu Boden werfen, und einer seiner engsten Begleiter schlug ihn in einem fort auf den Leib, bis jenem Franzosen der Atem wegblieb.(...) Dann ließ er den geschundenen, halbtoten Mann kaltblütig liegen, als ob er seiner, er war Zimmermann, bei der Fortführung des Festungsbaus nicht weiter bedurfte.

 

Die Gründe für Laroches Gefangenschaft waren die gleichen wie bei ein paar anderen Franzosen. Sie alle hatten sich gegen Villegaignon verschworen, weil er sie schlecht behandelte. Das war vor unserer Landung. Die Männer hatten vor, Villegaignon ins Meer zu stürzen, denn sie waren in noch schlimmerem Zustand als Galeerensklaven. Einige von ihnen verließen die Insel, so auch ein Tischlermeister. Sie zogen es vor, auf dem Festland unter den Wilden zu leben, die sie übrigens viel menschenwürdiger behandelten, als länger bei Villegaignon zu bleiben.

 

Noch grausamer erging es freilich den dreißig bis vierzig Männern und Frauen vom Stamm der Maracajá. Sie waren von den Tupinambá im Krieg gefangen worden, welche die dann ihren französischen Verbündeten verkauften.

 

Eines Tages sah ich mit an, wie einer von ihnen, Mingau mit Namen, über eine Kanone gebunden wurde, um ihn für eine Nichtigkeit zu bestrafen, die kaum eines Tadels wert gewesen war. Villegaignon ließ dem Indio heißes, ausgelassenes Fett über die Hinterbacken gießen. So kam es, daß diese armen Leute in ihrer Sprache untereinander feststellten: Hätten wir geahnt, wie Pèrecolas (dt. Vater Colas, von Nicolas - d.Ü.) uns behandeln würde, wir wären besser bei unseren Feinden geblieben, um uns von ihnen essen zu lassen.

 

So also war es um seine Menschlichkeit bestellt. Bevor ich fortfahre, ohne Villegaignon noch einmal zu erwähnen, will ich noch dies berichten. Als wir bei ihm eintrafen, erklärte er, sein Ziel sei, den Überfluß an Kleidungsstücken einzuschränken. Doch wie er es damit selbst hielt, soll ein Beispiel zeigen.

 

Er besaß eine große Menge seidene und wollene Wäsche. Aber er ließ sie lieber in seinen Truhen verfaulen, als daß er damit seine Leute einkleidete, denn ein Teil von ihnen lief beinahe nackt umher. Dazu besaß er Kleidung aus Kamelott in allen Farben. Sechs Anzüge zum Wechseln, für jeden Wochentag einen, also immer gleiche Jacken und Hosen in den Farben rot, gelb, braun, weiß, blau und grün hatte er sich nähen lassen. Ob das mit seinem Alter, Beruf und Stand, den er einzunehmen gedachte, zu vereinbaren war, möge ein jeder selbst beurteilen. Freilich, die Farbe seiner Tracht gestattete uns ein ungefähres Bild darüber, welcher Laune er am jeweiligen Tage war, so, wie wir am Grün oder Gelb unserer Landschaft erkennen können, ob wir es mit einer guten oder einer schlechten Jahreszeit zu tun haben. (...) Hätten doch jene, die ihn nach seiner Rückkehr nackend auf dem Grunde eines großen Topfes malen ließen, von seiner prächtigen Garderobe gewußt! Zweifellos hätten sie ihn nicht nur mit Kreuz und Flöte, sondern mit Schmuck und Edelsteinen darstellen lassen. (...)

 

Villegaignon hatte mit dem Evangelium gebrochen. Wir ließen ihn also wissen, wir seien nicht mehr seine Untergebenen und stünden ihm für Dienste nicht mehr zur Verfügung. Ebensowenig wollten wir weiter Erde und Steine für seine Festung schleppen. Villegaignon meinte darauf, uns schrecken zu können, indem er uns Hungers sterben lassen wollte. Er ordnete an, man solle uns nicht mehr jene zwei Becher Maniokmehl geben, die wir uns täglich zugestanden hatten. Doch das konnte uns nicht beunruhigen, denn für eine Sichel oder zwei bis drei Messer gaben uns die Wilden sogar mehr Mehl (häufig kamen die Wilden in ihren kleinen Booten zu uns, oder wir suchten sie in ihren Dörfern auf) als Villgaignon in einem halben Jahr für uns übrig gehabt hätte. Wir waren über seinen Entschluß erleichtert, denn fortan waren wir das Gefühl los, in seiner Schuld zu stehen.(...)

 

Nun kam es so, wie dies ein Sprichwort bei uns schon sagt: Wer sich einer Person entledigen will, braucht nur einen Anlaß dafür zu suchen. Villegaignons Haß auf uns und unsere Lehre wurde immer unbändiger. Er erklärte, er wollte uns auf seiner Insel, auf seiner Festung nicht länger ertragen. Bis Ende Oktober hätten wir das Weite zu suchen.

 

Wir hatten insgesamt fast acht Monate auf der Insel Coligny zugebracht, hatten geholfen, die Festung zu errichten. Nun zogen wir uns aufs Festland zurück und warteten dort etwa zwei Monate auf die Ankunft eines Schiffes aus Le Havre, das Brasilholz laden sollte. Wir hatten mit dem Piloten bereits Vereinbarungen über unsere Überfahrt getroffen.

 

Wir ließen uns am Meeresstrand, auf der linken Seite der Einfahrt in den Guanabara nieder (Lery hält die Bucht für einen Fluß - d.Ü.). Die Franzosen nennen jenen Ort Briquetterie, er liegt eine halbe Legua von der Festung entfernt.

 

Dort trafen wir häufig mit den Wilden zusammen, aßen und tranken bei ihnen. Sie behandelten uns ungleich viel menschenwürdiger als jener, der uns nicht länger ertragen wollte, obschon wir ihm nichts getan hatten. Die Wilden kamen häufig zu uns und brachten Lebensmittel und andere notwendige Dinge.(...)

 

Ohne mich bei dem aufzuhalten, was schon andere über den Fluß geschrieben haben, möchte ich dennoch folgendes erzählen: Der Guanabara, den ich während eines Jahres mit dem Boot oft durchquert habe, reicht beinahe zwölf Leguas in das Land hinein und ist an einigen Stellen sieben bis acht Leguas breit ist. Er ist von allen Seiten von Bergen umgeben, die, wenngleich sie nicht die Höhe der Gipfel am Genfer See haben, doch einen sehr ähnlichen Anblick bieten.

 

Beim Verlassen der hohen See müssen die Schiffe hier an drei kleinen, unbewohnten Inseln vorbeifahren. Werden sie dabei nicht genau pilotiert, laufen sie Gefahr, zu zerschellen. So gerät die Einfahrt hier zu einer mühseligen Angelegenheit, denn es folgt eine Enge, die kaum ein viertel Legua breit ist. Auf der linken Seite wird sie von einem hohen, pyramidenförmigen Felsenberg begrenzt. Dieser ist unglaublich hoch und erweckt zudem von weitem den Eindruck, künstlich angelegt zu sein. Er ist regelrecht rund und er hat die Form eines Turmes, weshalb wir Franzosen ihm den Spitznamen Butterfaß (der Zuckerhut von Rio - d.Ü.) gegeben haben. (...)

 

Eine Legua weit davon entfernt liegt die Insel, auf der wir uns aufgehalten haben. Wie schon erwähnt, war sie vor der Ankunft Villegaignons unbewohnt. Ihr Umfang betrug knapp eine halbe französische Meile. Ihre Länge maß ein sechsfaches der Breite. Sie war von kleinen, knapp über der Wasseroberfläche auftauchenden Klippen umgeben, weshalb ihr kein Schiff näher kommen kann als ein Kanonenschuß reicht. Sie war eine natürliche Festung. Allein kleine Boote können an der Insel anlegen. Im Hafen, der auf der der Flußeinfahrt abgewandten Seite liegt, ist die Sache freilich anders. Würde dieser Hafen gut gesichert, wäre er selbst bei einem Überraschungsangriff uneinnehmbar. Doch infolge der  Nachlässigkeit unserer dort verbliebenen Leute gelang den Portugiesen später ein Überfall. (...)

 

Der folgende Text wurde einem Schreiben des Gouverneurs Mem de Sá an den portugiesischen König, Dom Sebastião, entnommen. Es handelt sich um einen Bericht über seine Großtaten als Gouverneur, dem er sein Gesuch, zu Frau und Familie heimkehren zu dürfen, beifügte. Eher beiläufig schildert er die Gründung des Ortes Rio de Janeiro (Cartas de Mem de Sá, in: Annaes da Bibliotheca Nacional do Rio de Janeiro, 1905):

 

(…) Zu der Zeit, da ich mich wieder von Ilhéus entfernen wollte, kam aus der Kapitanie São Vicente ein französischer Edelmann, Monseigneur de Bolles, eine Person von edlem Geschlecht, wie mir Franzosen versicherten. Er war aus Frankreich gekommen, um am Rio de Janeiro zu siedeln. Dort hielt sich bereits ein anderer Adliger auf: Monseigneur de Villa Ganhão, der eine mächtige und sichere Festung errichtet hatte. In der Folge von Streitigkeiten zwischen beiden verließ Bolles die Gesellschaft von Villa Ganhão und zog nach São Vicente und von dort zu mir. Er setzte mich in Kenntnis über einige üble Festlegungen von Villa Ganhão, die diesem Land und dem Dienst an Eurer Hoheit sehr zum Nachteil gereichen könnten.

 

Ich beschloß also, mich selbst dorthin zu begeben, wie auch der Befehl Eurer Hoheit lautete. Ich stach in See mit einer kleinen Armada. Meine Mannschaft bestand nur aus Seeleuten aus unserem Königreich. Gegen ihren Willen und gegen den Willen des Obersten Kapitäns sowie der anderen Kapitäne wagten wir um Mittag den Angriff von allen Seiten. Die Festung befand sich mitten in der Bucht, auf einer erhöhten Insel. So konnten unsere Boote und Schiffe sie leicht umzingeln. Man versuchte uns mit viel Artilleriefeuer den Zugang zu verwehren. Trotzdem gelang es mir zu landen. Sofort nahmen wir den Kampf gegen die Befestigungen auf der kleinen Insel auf. Wir hatten über hundertzwanzig Franzosen und tausendfünfhundert Indios gegen uns. Zweimal unternahmen sie heftige Ausfälle gegen uns.

 

Viele Franzosen kamen zu Tode. Ein Teil der Festung war bereits in unserer Hand, und wir ließen nicht davon ab, auch den anderen Teil zu stürmen, so daß sie des Nachts mit Booten die Insel verließen. Sie überließen uns also eine der mächtigsten Festungen der Christenheit. Dort wurden wir wunderbarer bronzener und gußeiserner Geschütze mit viel Pulver und Munition habhaft. Außerdem entdeckten wir mit Rudern ausgestattete Schiffe, welche dazu geeignet sind, die Küste abzufahren. (…)

 

Am Rio de Janeiro hatten sich wiederholt Wilde erhoben. Ich sandte eine kleine Armada dorthin. Da man mir anriet, nicht selbst mitzutun, schickte ich meinen Neffen, Estácio de Sá. (…) Bereits auf dem Wege dorthin, versuchten sie, eine Siedlung zu gründen, doch es mißlang. Auf dem Rückweg aber errichtete Estácio de Sá eine Siedlung. Zwei Jahre lang hielt er sie am Leben, allein durch Arbeit und Kriege, ohne weitere als Gottes und meine Hilfe, denn ich unterhielt ihn die ganze Zeit über, da er viele Leute zu beköstigen hatte.

 

Dann, im Jahre sechsundsechzig, sandte Eure Hoheit eine weitere Armada zum Rio de Janeiro und befahl mir, mich selbst dort einzustellen. Eure Hoheit hatte in Erfahrung gebracht, daß die Franzosen im Begriff waren, inmitten der Wildnis und entlang der Küste Festungen anzulegen. Sie hatten Stämme von Wilden auf ihre Seite gebracht und waren nun, ausgerüstet mit sehr viel Artillerie, sehr mächtig geworden.

 

Ich zog los, so schnell ich konnte. Viele Ausgaben fielen zu meinen Lasten, denn ich mußte alle, die mit mir zogen, verproviantieren. Infolge der vielen harten Arbeit erkrankte ich in Espírito Santo. Todkrank zog ich weiter zum Rio de Janeiro. Ich gab Befehl zum sofortigen Angriff. Die Festung wurde mit solcher Macht gestürmt, daß Tod und Verwundung vieler Christen den Kampfesmut nicht zum Erlöschen brachten, bis die Festung sich ergab. Wir nahmen neun oder zehn Franzosen gefangen, die anderen waren tot.

 

Estácio de Sá war von einem Pfeilschuß verwundet worden; bald darauf starb er an den Folgen. Wenige Tage darauf ließ ich in Pernambuco eine weitere Festung angreifen. Darin befanden sich mehr als tausend Kriegsleute und viel Artillerie. Drei Tage dauerte der Angriff, bis es uns unter großen Mühen und Gefahren gelang, sie zu stürmen. Dabei fanden einige Weiße den Tod. Nach langanhaltenden Kämpfen ergab sich schließlich die gesamte Besatzung. Alle wurden gefangengenommen.

 

Gleich darauf wollten wir eine weitere, stärker befestigte Anlage angreifen, in welcher sich viele Franzosen aufhielten. Doch diese hatten nicht den Mut, uns zu erwarten, sondern zogen es vor, ihre Festung mit drei mächtigen Einfriedungen, mehreren Bollwerken und befestigten Häusern zu verlassen. Sie wollten Frieden schließen, den ich ihnen gewährte. So wurden sie Untertanen Eurer Hoheit.

 

Da nun jener Ort am Rio de Janeiro, an dem Estácio de Sá sich niedergelassen hatte, nach Meinung der Hauptleute und auch anderer zu nicht mehr viel nütze war als im Kriege zur Verteidigung zu dienen, wählte ich einen passenderen Ort aus, um die Stadt São Sebastião (Rio de Janeiro - d.Ü.) zu errichten. An dem Platz befand sich ein dichter Wald, voller starker Bäume. Es kostete viele Mühen, diesen Ort zu roden, um dort eine Stadt zu gründen. Sie wurde von hohen Einfriedungsmauern mit Schutzwehr umgeben.

 

 

12. Die Beschreibung von Land und Leuten, Sitten und Bräuchen

 

Auf alle Neuankömmlinge in der Neuen Welt übte die so gänzlich andere Lebensart der Eingeborenen eine große Faszination aus. Viele Reiseberichte sind daher mit - je nach Stamm - unterschiedlichen Beschreibungen versehen.

 

Wie in dem Brief von Pero Vaz de Caminha anläßlich der Entdeckung Brasiliens im Jahr 1500 stößt man auch in dem folgenden Reisebericht des bereits erwähnten Franzosen Binot Paulmier de Gonneville aus dem südlichen Brasilien von 1503 auf den staunenden, außenstehenden Beobachter, der präzise beschreibt und Vergleiche aus dem eigenen Erfahrungshorizont heraus zieht:

 

Sie sind halbnackt, besonders die Knaben und die Plebejer. Sie kleiden sich in lange Umhänge aus feinen Binsenmatten, aus Häuten oder aus Federn, wie es die die Ägypter oder die Zigeuner tun, nur daß sie kürzer sind und wie Schürzen an den Hüften geschnürt werden. Den Männern reichen sie bis zu den Knien und den Frauen bis zu den Schienbeinen. So kleiden sich Männer und Frauen gleich, nur daß die Kleidung der Frauen länger ist.

 

Die Frauen tragen Halsketten und Armreifen aus Knochen und Muscheln. Nicht so die Männer, die Pfeil und Bogen haben. Die Pfeilspitze besteht aus einem angespitzten Knochen und einem Spieß aus sehr hartem Holz, der im Feuer gehärtet wurde und dessen Spitze abgestumpft wurde. Und darin besteht ihre Bewaffnung.

 

Die Frauen und Mädchen haben keine Kopfbedeckung. Ihr Haar ist sehr hübsch mit dünnen Schnüren durchflochten. Diese Schnüre sind aus Pflanzenfasern, die in leuchtenden, kräftigen Farben gefärbt sind. Die Männer dagegen tragen ihr Haar lang und wallend mit einem Reif aufrecht stehender Federn in kräftigen Farben.

 

17. Einwohner

Das Land ist bewohnt. Die Behausungen  der Indios befinden sich in Dörfern von 30, 40, 50 oder gar 80 Hütten, die wie Marktplätze angeordnet sind und aus eng beieinander in die Erde geschlagenen Pfählen bestehen. Durch Pflanzen und Blätter werden die Pfähle miteinander verbunden. Die Einwohner bedecken sich selbst auch mit solchen Blättern. Als Esse dient ihnen ein Loch, durch das der Rauch entweicht. Die Türen bestehen aus miteinander verbundenen Stäben. Sie werden mit hölzernen Riegeln verschlossen, so wie man in der Normandie die Ställe verschließt.

 

Die Lagerstätten sind aus weichen Matten, die mit Blättern und Federn aufgefüllt sind. Als Zudecken dienen Binsenmatten, Tierhäute oder Federgewirk. Die Haushaltgeräte sind aus Holz, sogar die Töpfe. Sie werden mit einer fast fingerdicken Tonschicht versehen. Damit wird verhindert, daß das Feuer sie verbrennt.

 

18. Herrschaft

Das Land ist in kleine Distrikte unterteilt. Ein jedes hat einen König. Obwohl nun diese Könige in Unterkunft und Kleidung keineswegs bessergestellt sind als ihre Untertanen, werden sie von denen doch hoch geehrt. Niemand wagt es, ihnen den Gehorsam zu verweigern. Die Könige bestimmen über Leben und Tod ihrer Untertanen. Einige Mitglieder der Besatzung sahen einen höchst denkwürdigen Vorfall, und zwar, ein junger Mann von 18 oder 20 Jahren gab bei einer Auseinandersetzung seiner Mutter eine Ohrfeige. Als der Souverän davon erfuhr, ohne daß die Mutter sich beschwert hatte, ließ er den Angreifer vor sich kommen und ihn mit einem um den Hals gebunden Stein in den Fluß werfen. Durch öffentlichen Ausruf wurden alle jungen Männer des Dorfes und der Nachbardörfer zusammengerufen. Niemand konnte eine Aufhebung erwirken, nicht einmal die Mutter, die auf Knien Gnade für den Sohn erbettelte.

 

19. der König und seine Familie

Der König des Landes, in dem das Schiff Anker geworfen hatte, hieß Arosca. Sein Land hatte die Ausdehnung eines Tagesmarsches und umfaßte vielleicht ein Dutzend Dörfer, wovon ein jedes seinen Hauptmann hatte; sie alle waren Arosca hörig. Arosca war, so schien es, etwa 60 Jahre alt und seinerzeit Witwer. Er hatte sechs Kinder, Söhne im Alter zwischen 30 und 15 Jahren. Er kam häufig mit ihnen zum Schiff. Er war ein Mann von ernsthaftem Auftreten und mittlerer Statur, sehr dick und mit gutmütigem Blick. Er lebte in Frieden mit den benachbarten Königen, doch zusammen bekämpften sie die Völker im Inneren des Landes. Während das Schiff dort vor Anker lag, zog er zweimal dorthin und nahm jedesmal 500 bis 600 Mann mit.

 

Das letzte Mal gab es bei der Rückkehr große Freude im ganzen Volk, weil ein großer Sieg errungen wurde. Die Kriegszüge gegen die Feinde dauern nicht länger als ein paar Tage. Der König war sehr daran interessiert, daß einige vom Schiff ihn mit Feuerwaffen und Artillerie begleiteten, um den Feind einzuschüchtern und zu zerschlagen. Doch die Unseren wollten nicht.

 

21. Aufnahme der Europäer

Auch wenn die Christen vom Himmel gefallene Engel sein sollten, so werden sie darob nicht nicht höher geschätzt von den armen Menschen dort. Sie waren über die Maßen beeindruckt von der Größe des Schiffes, von der Artillerie, den Spiegeln und anderen Dingen, die sich an Bord fanden. Doch vor allem verwunderten sie sich über die Worte in einem Brief, der von Bord an die Besatzungsmitglieder in den Dörfern geschickt worden war und ihnen mitteilte, was man von ihnen wollte. Niemand konnte ihnen begreiflich machen, wie das Papier sprechen konnte.

 

Darum waren die Christen auch gefürchtet. Und wenn sie den Indios kleine Geschenke machten, indem sie ihnen Kämme, Messer, Äxte, Spiegel, Glasperlen und andere von ihnen so sehr geschätzte Kleinigkeiten überreichten, für die sie sich schier zerfetzen würden, um in ihren Besitz zu gelangen, so schleppten sie dafür Unmengen an Fleisch und Fisch, Obst und andere Lebensmittel heran. Sie taten alles, um sich bei den Christen angenehm zu machen; sie brachten weitere Tierhäute, Federn und Färbeholz. Im Austausch dafür erhielten sie Krimskram und sonstige Erzeugnisse von wenig Wert. Schließlich kamen etwa 100 Zentner solcher Waren zusammen, die in Frankreich einen guten Preis bringen würden. (…)

 

Der Verfasser des Berichts von der ersten Weltumsegelung unter Magellan, Antonio Pigafetta, beschrieb 1521 die Begegnung mit Indios in der Bucht von Rio de Janeiro:

 

Das Land Verzin ist reich an guten Dingen und größer als Frankreich, Spanien und Italien zusammen. Es gehört zu den Ländereien, die der König von Portugal erobert hat. Die Einwohner sind nichts weniger als Christen. Sie verehren niemanden; sie haben eine Art Naturglauben, so daß ihr Dasein immer animalischere Züge annimmt. Einige von ihnen werden hundert, hundertzwanzig, hundertvierzig oder mehr Jahre alt. Frauen und Männer laufen nackt umher. Sie wohnen in langen Häusern, die sie boij nennen. Sie schlafen in Netzen aus Baumwolle, die in ihrer Sprache amache heißen. Die Netze werden zu beiden Seiten der Behausung an dicken Holzbalken befestigt. Um sich zu wärmen, zünden sie direkt unter ihren Betten ein Feuer an. Man stelle sich vor, daß in einem solchen boij genannten Haus eine Familie von hundert Personen lebt, die alle einen entsetzlichen Lärm machen.

 

An diesem Ort haben die Menschen Boote, die sie aus einem einzigen Baumstamm fertigen. Man nennt sie canoe. Sie werden mit keinem einzigen Eisenwerkzeug gebaut, denn so etwas hat man hier nicht. Sie nehmen Steine zu Hilfe, die Kieselsteinen ähneln. Damit hobeln sie die Höhlungen der Boote, die bis zu dreißig, vierzig Männer tragen. Die Ruder sind beschaffen wie eiserne Pfähle. Die Ruderer sind schwarz, nackend und geschoren. Sie sehen aus, als kämen sie geradewegs aus der Hölle.

 

Frauen und Männer sind gut gewachsen. Sie verzehren das Fleisch ihrer Gegner. Sie essen es nicht gegart wie etwa gutes Fleisch, vielmehr folgen sie einem Brauch, zu dem es folgendermaßen kam: Eine alte Frau, die in Verzin an selbigem Ort lebte, hatte einen einzigen Sohn. Er wurde von seinen Feinden getötet. Nach einigen Tagen nahmen Freunde der Frau denjenigen gefangen, der ihren Sohn umgebracht hatte. Sie brachten den Mann zu ihr. Die Alte war außer sich, als sie den Gefangenen sah. Der Tod ihres Sohnes kam ihr wieder in den Sinn. Sie wurde zur rasenden Hündin. Sie fiel über den Mann her und biß ihm in die Schulter. Doch der Gefangene fand eine Gelegenheit zu fliehen. Er berichtete hernach, daß man versucht hatte, ihn zu fressen und zeigte die Bißwunde, die ihm jene Frau zugefügt hatte.

 

Von da an wurden alle Gefangenen der gegnerischen Seite gegessen. Und es entstand so ein Brauch, nach dem Feinde einander verspeisen. Allerdings verschlingen sie nicht einen ganzen Menschen auf einmal, sie essen ihn Stück für Stück auf. Aus Angst, daß er verderben könnte, zerlegen sie ihn in Stücke, die sie räuchern. Davon schneiden sie dann täglich ein kleines Stück ab und essen es zusammen mit dem gewöhnlichen Fleisch, um sich ihrer Feinde zu erinnern.

 

Daß dieser Brauch wirklich existiert, versicherte mir ein Pilot unserer Manschaft, Jehan Carvagio mit Namen, der vier Jahre dort zugebracht hat.

 

Es ist bemerkenswert, daß sich die Einwohner, Frauen ebenso wie Männer, mit Vorliebe Körper und Gesicht bemalen. Die Männer haben geschorenes Haar und keine Bärte, weil sie sich die Barthaare herausreißen. Als Kleidung tragen sie lediglich Reifen, an denen große Federn der Papageien befestigt sind. Sie bedecken damit nur ihre Hinterteile, was sich wahrlich sehr komisch ausnimmt.

 

Die Menschen hier, Frauen und Kinder ausgenommen, haben fast alle drei Löcher in der Unterlippe, worin sie runde, längliche Steine tragen, die vom Ausmaß eines Daumens sind. Dieser Menschenschlag ist gar nicht schwarz, weder die Männer noch die Frauen, das Schwarz kommt von einer Beize. Sie zeigen unumwunden ihr Geschlecht und bedecken sich mit keiner Faser. Der König dieses Landstrichs heißt Carich.

 

Es gibt eine unendliche Menge Papageien, davon geben sie einem acht bis zehn Stück für einen Spiegel. Auch niedliche, kleine gelbe Kätzchen haben sie, die beinahe wie Löwen aussehen und lustig anzuschauen sind.

 

Diese Menschen backen aus einem Mark, das sich zwischen Rinde und Holz bestimmter Bäume befindet, runde Brote. Es schmeckt ganz und gar nicht und ähnelt einem frischen Käse. Auch gibt es Schweine, die ihren Nabel auf dem Rücken haben und große Vögel ohne Zunge und mit einem Schnabel in der Form eines Löffels.

 

Für eine Feuerwaffe oder ein Messer geben sie einem eine oder zwei ihrer Töchter, oder auch Sklaven. Dagegen geben sie ihre Frauen für nichts in der Welt hin, wie auch die Frauen ihre Männer für nichts in der Welt hintergehen würden.

 

Man sagt, daß die Frauen hier ihrer Pflicht dem Gatten gegenüber nur des Nachts und niemals am Tage nachkommen. Sie arbeiten draußen und nehmen alles, was für das Essen ihrer Männer notwendig ist, in kleine Tücher gehüllt mit sich, indem sie es auf dem Kopf oder an ihm befestigt tragen. Die Männer begleiten sie mit ihren Bogen aus Versinholz oder dem Holz der Schwarzen Palme. Sie führen auch Köcher mit Pfeilen aus Rohr mit sich. Sie tun dies, weil sie wegen ihrer Frauen sehr eifersüchtig sind. Die Frauen tragen ihre Kinder in einer Art Baumwollnetz auf ihrem Hinterteil.

 

Ich unterlasse es, eine Reihe weiterer seltsamer Dinge zu beschreiben, um nicht auszuschweifen. Dennoch will ich nicht versäumen zu erzählen, daß in besagtem Land zweimal die Messe gelesen wurde und daß viele der Menschen dort auf die Knie fielen und während der gesamten Messe andächtig die Hände falteten. Dieser Anblick freute und rührte uns zugleich.

 

Innerhalb kurzer Zeit bauten sie ein Haus für uns, weil sie glaubten, wir würden länger bei ihnen bleiben. Als wir in See stechen wollten, schenkten sie uns eine Menge Verzin. Das ist eine Farbe, die von Bäumen dieses Landes stammt. Diese gibt es in solchen Mengen, daß das Land danach benannt ist.

 

Bemerkenswert ist noch der Zufall, daß vor unserer Ankunft dort zwei Monate kein Regen gefallen war, es aber am Tage unserer Landung zu regnen begann. So kam es, daß die Menschen dort annahmen, wir seien vom Himmel gekommen und hätten den Regen mitgebracht. Das zeugt von großer Einfalt; dieses Volk wäre leicht zum christlichen Glauben zu bekehren.

 

Neben vielen anderen Begebenheiten, die wohl auf diese Einfalt zurückzuführen sind, zeigte dieses Volk noch eine sehr naive Seite: Man glaubt nämlich, daß unsere Beiboote die Kinder der großen Schiffe seien. Daß die großen Schiffe die Beiboote gebaren, wenn diese zu Wasser gelassen wurden, um Leute her- und hinzubringen. Und wenn diese Boote außenbords festgemacht wurden, glaubten die Leute, daß die Schiffe ihre Kinder stillten.

 

An einem Tag kam ein schönes, junges Mädchen auf das Schiff des Obersten Kapitäns, wo auch ich mich befand. Es kam, um das Abenteuer zu suchen, ließ seinen Blick durch das Zimmer des Kapitäns schweifen, wo es einen Nagel von höchstens einer Fingerlänge erblickte. Das Mädchen ergriff den Nagel und schob ihn Stück für Stück zwischen die zwei Lippen ihrer Natur, denn es war etwas Neues und Wunderbares. Darauf verbeugte es sich ohne Scham und ging davon. Der Kapitän und ich sahen das Wunder mit an. (…)

 

Von der ersten Amazonasdurchquerung im Jahre 1541 hatte der Dominikanerpater Carvajal bereits berichtet. Während der Fahrt flußabwärts, die eher eine ständige Flucht war, hatten die Spanier um Orellana mehrfach Gelegenheit, etwas von der Lebensweise der verschiedenen Indiovölker an den Ufern des Flusses kennenzulernen:

 

(…) Es dauerte nun schon so lange, daß wir das Siedlungsgebiet jenes Herrn Machiparo durchfuhren, daß alle von uns der Meinung waren, es müsse mehr als achtzig Leguas Ausdehnung haben, ein Gebiet in dem alle dieselbe Sprache hatten. Dieses Land war dicht besiedelt. Ein Dorf folgte einen Armbrustschuß entfernt auf das andere. Die größte Entfernung zwischen zwei Dörfern war nicht mehr als eine halbe Legua. Es waren Dörfer darunter, die über fünf Leguas hinweg Haus an Haus zeigten. Das war eine höchst erstaunliche und sehenswerte Sache. Wir fuhren allerdings auf unserer Flucht daran vorüber und konnten so nicht in Erfahrung bringen, was es im Inneren des Landes zu sehen gab. Doch nach seiner Lage und Aussicht zu urteilen, muß es sich um das am dichtesten bevölkerte Land handeln, das man je gesehen hat. Laut dem, was uns die Indios von Aparia erzählten, gab es nach Süden, im Inneren des Landes, einen sehr mächtigen Herren, der sich Ica nennt und der große Reichtümer an Gold und Silber besitzen soll. Wir hielten das für eine sehr gute und nützliche Nachricht. (...)

 

Wir fuhren mehr als hundert Leguas durch das Herrschaftsgebiet des Omagua, anschließend kamen wir in das Reich eines anderen Herrn, der Paguana heißt. Dieser herrscht über sehr viele Leute, die alle sehr friedlich sind. Als wir nämlich in bewohntes Gebiet kamen, betraten wir ein Dorf, das bestimmt zwei Leguas breit war und worin uns die Indios in ihren Hütten erwarteten, ohne etwas Böses zu tun. Im Gegenteil, sie gaben uns von dem, was sie hatten. Von diesem Dorf aus führten viele Wege ins Innere, weil der Herrscher des Landes nicht am Fluß residiert. Die Indios rieten uns, zu ihm zu gehen, es würde ihn sehr erfreuen. In dem Land gab es viele Schafe von der Art derer, die es in Perú gibt. Es ist ein Land, das reich ist an Silber, wie alle Indios uns erklärten. Es ist ein freundliches und liebliches Land, in dem alles im Überfluß gedeiht, wie Ananas, aber auch Birnen, die in der  Sprache von Neu-Spanien Aguacates (Avocados - d.Ü.) heißen und Pflaumen und viele andere wunderbare Früchte.

 

(...) Wir fuhren an Dörfern und ganzen Provinzen vorüber, versorgten uns, wo möglich, mit Lebensmitteln. Eines Tages nahmen wir ein mittleres Dorf ein. (...) Inmitten dieses Dorfes gab es einen runden Platz und mitten auf jenem Platz gab es eine Art Brunnenloch, aus dem Chicha, ein Wein (aus Mais - d.Ü.), den sie trinken, geschöpft wurde, der dann gen Sonne gespritzt wurde. Die Sonne beten sie an, sie ist ihr Gott. (...) Ein Indio, der in diesem Dorf gefangengehalten wurde, erklärte, daß sie tributpflichtige Untertanen der Amazonen seien. Für diese Amazonen taten sie nichts anderes als Papageien- und Arafedern zu sammeln. Damit verkleideten sie dann Decken und Wände ihrer Gebetshäuser. (...) An diesem Platz wurde auch ein nicht sehr kleines Haus entdeckt, in dem es sehr viele Bekleidungsstücke gab, die aus Federn in verschiedenen Farben gefertigt waren. Diese ziehen die Indios an, wenn sie ihre Feste begehen und tanzen. (...)

 

(…) In diesem Dorf gab es ein öffentliches Haus, in dem wir sehr viel Geschirr verschiedenster Machart fanden, sowohl bauchige Tonkrüge als auch große Kannen, die mehr als fünfundzwanzig Arrobas (1 arroba = 12,5 kg - d.Ü.) faßten. Es gab aber auch kleinere Gefäße, Teller, Schüsseln und Leuchter aus dem besten Steingut, das man bisher auf der Welt gesehen hat. Denn das Steingut aus Málaga kann man nicht damit vergleichen. Es ist ganz glasiert und in erstaunlich lebendigen Farben bemalt. Die eingeritzten und gemalten Darstellungen auf diesen Gefäßen wirken sehr ausgewogen. Sie fertigen und schmücken diese Sachen auf höchst natürliche Weise. Indios erzählten uns, daß all das, was wir im Hause an Steingut zu Gesicht bekommen hatten, im Inneren des Landes in Gold und Silber zu finden war. Sie wollten uns dorthin führen, denn es sollte nicht sehr weit sein. In diesem Haus fanden wir außerdem noch aus Federn gewirkte Götzen verschiedener Art. Sie flößten Respekt ein, denn sie hatten die Größe von Riesen und trugen an den Oberarmen Räder nach Art von Halskrausen, ein Gleiches trugen sie auch an den Waden kurz unterhalb der Knie. In den Ohren hatten sie sehr große Löcher, wie die Indios von Cuzco, nur größer. Es ist dies das Volk der Wilden, das im Landesinneren lebt und die besagten Reichtümer angehäuft hat. Und zur Erinnerung standen sie dort. An diesem Ort fand sich auch Gold und Silber. Doch unsere Absicht bestand ausschließlich darin, Lebensmittel zu erhalten, zuzusehen, wie wir unsere Leben retten konnten und die Kunde von all diesen großartigen Dingen zu überbringen. Wir waren weder darauf aus noch gab man uns etwas um irgendeinen Preis. (...)

 

An diesem Ort ließ der Kapitän den weiter flußaufwärts gefangengenommenen Indio vorführen. Er verständigte sich mit ihm mittels eines Wörterverzeichnisses, das er zuvor angelegt hatte. Er fragte ihn, woher er käme, und der Indio antwortete, aus dem Dorf, in dem man ihn gefangen hatte. Der Kapitän fragte, wie der Herrscher des Landes hieß. Der Indio antwortete, daß er Quenyuc hieße und ein sehr großer Herrscher sei, dessen Herrschaftsgebiet bis zu dem Ort reichte, an dem wir uns befanden. Das waren einhundertfünfzig Leguas. Der Kapitän fragte, was für Frauen es gewesen seien, die ihnen zu Hilfe gekommen waren, um uns zu bekämpfen. Der Indio antwortete, es handele sich um Frauen, die sieben Tagereisen landeinwärts lebten. Und weil jener Herrscher Quenyuc ihr Untertan sei, wären sie gekommen, die Ufer zu beschützen. Der Kapitän fragte, ob diese Frauen verheiratet seien. Der Indio antwortete, nein. Der Kapitän fragte, wie sie denn lebten. Der Indio antwortete, daß sie, wie gesagt, landeinwärts lebten. Er sei schon sehr oft dort gewesen und habe ihren Umgang miteinander und ihre Lebensweise beobachtet. Als ihr Untertan habe er, wenn sein Herr ihn geschickt habe, die Abgaben dorthin gebracht. Der Kapitän fragte, ob es viele Frauen seien. Der Indio sagte, ja, denn er kannte siebzig Dörfer mit Namen und zählte sie vor allen Anwesenden auf. In einigen von ihnen sei er selbst gewesen. Der Kapitän wollte wissen, ob die Häuser aus Stroh erbaut seien. Der Indio sagte darauf, nein, aus Stein und mit Türen darin. Er sagte noch, von einem Dorf zum anderen führten eingezäunte Wege und an jedem Abschnitt seien Wachen aufgestellt, damit niemand in die Dörfer gelange, ohne Gebühren bezahlt zu haben. Der Kapitän fragte, ob die Frauen auch gebären würden. Der Indio sagte, ja. Der Kapitän fragte, wie es käme, daß sie geschwängert würden, wenn sie doch nicht verheiratet seien und keine Männer unter sich duldeten? Der Indio sagte, daß diese Frauen zu bestimmten Zeiten mit Männern verkehrten. Wenn die Frauen also diese Lust überkäme, trommelten sie viele Krieger zusammen und zögen gegen einen Herrscher, dessen Reich neben dem ihren liege. Mit Gewalt brächten sie dessen Krieger zu sich und behielten sie die dafür nötige Zeit bei sich. Wenn sie sich geschwängert fühlten, würden sie die Männer wieder nach Hause schicken, ohne ihnen sonst ein Leid anzutun. Wenn dann die Zeit des Gebärens heranreifte und sie einen Sohn zur Welt brächten, würden sie den töten und seinem Vater zusenden. Sollte es ein Mädchen werden, würde es mit großer Feierlichkeit aufgezogen und in den Dingen des Krieges unterwiesen. Der Indio sagte noch, daß es unter den Frauen eine gäbe, der alle anderen untertan und hörig seien. Diese Frau heiße Conori. Er erzählte, daß es große Reichtümer an Gold und Silber dort gebe. Die Frauen von Stand äßen nur von Gold- oder Silbergeschirr. Während die Plebejerinnen nur Geschirr aus Holz hätten, außer jenem, welches mit Feuer in Berührung käme, das sei aus Ton. Er erzählte weiter, daß in der Hauptstadt, wo die Herrscherin residiert, fünf große Häuser stünden, das seien der Sonne gewidmete Bethäuser. Die nennten sie Caranain. (...) Darin hätten sie viele Götzenbilder in Gold und Silber, die alle Frauenfiguren darstellten. Außerdem fänden sich darin Altäre aus Gold und Silber, die dem Sonnendienst gewidmet seien. Die Frauen trügen Kleidung aus sehr feiner Wolle, denn in dem Land solle es viele jener Schafe aus Perú geben. (...) Er sagte noch, daß es in diesem Land Kamele gebe, so verstanden wir ihn, die die Menschen trügen. Und andere Tiere, wobei wir nicht verstanden, um welche es sich handelte. Sie seien von der Größe eines Pferdes, deren Fell von der Länge einer Spanne sei. Außerdem hätten diese Tiere gespaltene Hufe. Sie würden immer festgebunden, es gäbe nur wenige davon. Er sagte noch, daß in diesem Lande zwei Salzseen existierten, in denen sie Salz machten. Er sagte, die Frauen hätten eine Ordnung, die besage, daß nach Sonnenuntergang kein Indiomann mehr in den Städten zu verbleiben habe, sie hätten alle in ihre Gebiete zurückzukehren. Er sagte aber auch, daß viele benachbarte Provinzen den Amazonen untertan seien. Die Indios hätten ihnen Abgaben und verschiedene andere Dienste zu leisten. Andere Nachbarprovinzen lägen jedoch in Krieg mit den Amazonen, insbesondere jene, die wir bereits erwähnten, deren Männer die Amazonen sich holten, um es mit ihnen zu machen. Von jenen Indios heißt es, daß sie sehr groß und hellhäutig und zahlreich seien. Alles, was der Indio erzählte, habe er viele Male selbst gesehen, da er als Mann täglich hin und her ging. Und alles das, was der Indio uns erzählte, und noch vieles mehr, erzählte man uns auch sechs Leguas vor Quito. Denn von diesen Frauen geht große Kunde durchs Land. Um sie zu sehen, fuhren bereits viele Indios die tausendvierhundert Leguas flußabwärts. Und die Indios oben erzählten uns, daß ein Indio, der als junger Mann meint, zu den Frauen fahren zu müssen, erst als alter Mann zurückkäme. Von dem Land heißt es, es sei sehr kalt, und es fehle dort an Brennholz, es sei aber reich an Lebensmitteln. Jener Indio erzählte noch viele andere Dinge und meinte, er würde täglich Neues entdecken. Er war ein sehr verständiger Indio, und so sind es die anderen in diesem Land auch, wie wir zu berichten wußten.

 

Nach Ulrich Schmidel hielt sich ein weiterer deutscher Landsknecht längere Zeit in Brasilien auf und hinterließ gleichermaßen literarische Spuren. Es handelt sich um Hans Staden und seine "Wahrhaftige Historie der wilden, nackten, grimmigen Menschenfresser-Leute". Staden war zweimal in Brasilien, 1547/48 und das zweite Mal ab 1549. Staden verdingte sich als Landsknecht und Kanonier bei einer spanischen Flotte, die zum Río de la Plata fuhr. Wetterunbilden ließen einen Teil der Flotte an der südbrasilianischen Küste stranden. Die Schiffbrüchigen schlugen sich bis São Vicente durch, wurden von Portugiesen aufgenommen und eine Zeit lang versorgt. Nicht weit entfernt von dort befand sich ein kleiner Flecken, Bertioga, nahe dem heutigen Santos (in: Hans Staden, Wahrhaftige Historia und Beschreibung; Buenos Aires, 1921, Abbildungen in: Staden, Wahrhaftig Historia…, Marburg, Andreas Kolbe, 1557):

 

(…) Es liegt ein Ort Landes 5 Meil von S. Vicente, der heisset Britioka (Bertioga - d.Ü.), an dem Ort kommen ihre Feinde, die wilden Leute, erstlich an, und fahren zwischen einer Inseln, die heisset Santo Amaro, und dem fussfesten Lande hindurch. Dieselbige Fahrt den Wilden zu benehmen waren etliche Mamelucken (…). Diese fünf Brüder hatten fürgenommen, ungefährlich vor zweien Jahren ehe ich dahin kam, mit noch Wilden, so ihre Freunde waren, daselbst eine Festung hin zu machen gegen die Feinde auf der wilden Leute Gebrauch, welchs sie auch getan hatten. Derhalben auch etliche Portugaleser dahin zu ihnen gezogen daselbst zu wohnen, dieweil es ein fein Land ware. Solchs hatten ihre Feinde, die Tupin Inba (Tupinambá - d.Ü.), verspeiset und sich in ihrem Lande gerüstet, welchs ungefährlich 25 Meil davon anfahet, und waren eine Nacht da ankommen mit 70 Nachen und hatten sie, wie ihr Gebrauch ist, in der Stund vor Tage angefallen, und die Mameluken samt den Portugalesern waren in ein Haus gelaufen, welches sie von Erden gemacht, und sich gewehret. Die andern wilden Leut aber hatten sich in ihren Hütten zu Hauf gehalten und sich gewehret, dieweil sie gekonnt hatten, so dass der Feinde viel waren tot blieben. (…)

 

Darnach daucht es die Obersten und Gemeine gut sein, dass man denselbigen Ort nit verliesse, sondern bauete dahin aufs stärkste. Dieweil man daselbst das ganze Land verteidigen konnte , solches hatten sie getan. Wie nun die Feinde solches vermerkten, dasss das Flecklein Britioka ihnen zu stark war anzufallen, fuhren sie die Nacht gleichwohl vor dem Flecken uber zu Wasser und nahmen zur Beut, wen sie bekommen konnten um S. Vicente her. Denn die inwendig im Lande wohneten, meinten, sie hätten kein Not, dieweil der Flecke da in der Gelegenheit aufgerichtet und befestigt war, und darüber litten sie Schaden. Darnach bedauchte die Inwohner, sie wollten in die Insel S. Amaro, welches hart gegen Britioka uber ist, auch ein Haus hart auf das Wasser bauen, darein Geschütz und Leut tun, solche Fahrt den Wilden zu verhindern. So hätten sie nun ein Bollwertk in der Insel angefangen, doch nicht geendet, Ursach, wie sie mir berichten, dass diesmal kein portugaleser Büchsenschütz sich darein wagen wollte.

 

Ich war da, den Ort Landes zu besehen. Wie die Inwohner nun höreten, dass ich Teutscher war und ich mich aufs Geschütz verstund, begehrten sie von mir, ob ich wöllte in dem Hause in der Insel sein und da der Feinde helfen warten, wöllten sie mir noch mehr Gesellen verschaffen und mir ein gute Besoldung geben. Auch sagten sie, wo ich's täte, ich sollte es gegen dem Könige geniessen, denn der König pflegte, sonderlich denen, so in solchen neuen Landen Hülfe und Rat geben, ihr gnädiger Herr zu sein. (…)

 

Ungefährlich nach etlichen Monaten kam der Oberste von des Königs wegen, denn die Gemeine hatte dem König geschrieben, wie grossen Übermut die Feinde dem Ort Landes täten von derselbigen Seiten her. Auch wie ein schönes Land es wäre, nicht nützlich solches zu verlassen. Das zu verbessern kam der Oberste, Thome de Souza genannt, und besahe den Ort des Landes und die Städte, so die Gemeine gern feste gemacht hätt. Da zeigt die Gemeine dem Obersten an den Dienst, so ich getan hätte und mich in da in das Haus begeben, da sonst kein Portugaleser in wollte, denn es ubel befestiget war. Dasselbige behagte ihm wohl und sagte, er wollte mein Sach beim Könige antragen, wenn ihm Gott wieder in Portugal hülfe, und ich sollt's geniessen.

 

Mein Zeit so ich der Gemeine hatte zugesagt zu dienen, war um, nämlich 4 Monat, und ich begehrte Urlaub. Aber der Oberste mit samt der Gemeine begehrten, dass ich noch wollte ewin Zeitlang im Dienste bleiben. Darauf ich ihnen das Ja gab, noch zwei Jahr zu dienen, und wenn die Zeit um wäre, sollt man mich sonder einiges verhindern, mit den ersten Schiffen, darin ich kommen konnte, lassen nach Portugal segeln, da sollte mir mein Diensat vergolten werden. Des gab mir der Oberste von wegen des Königs meine Privilegia, wie dann gebräuchlich ist zu geben des Königs Büchsenschützen, so es begehren.

 

Kurze Zeit später geriet Staden in die Gefangenschaft der Tupinambá-Indios, die einen großen Strategen - Cunhambebe - zum Häuptling hatten, dem es gelang, die vielen untereinander verfeindeten Gruppen gegen die Portugiesen zu verbünden. Normalerweise konnten die zahlenmäßig stets unterlegenen Portugiesen von den internen Zwistigkeiten profitieren, hier jedoch nicht.  Außerdem waren die Tupinambá Verbündete der Franzosen. Da sie Staden für einen Portugiesen und folglich für einen Feind hielten, machten sie ihm von Anfang an klar, daß er gefressen würde. Diese Ereignisse trugen sich in der Kapitanie des Pero Lopes de Sousa zu. Sehr lange Zeit lebte Staden in der Ungewißheit, ob er überleben oder gefressen würde. 1554 wurde er schließlich von Franzosen freigekauft und gelangte zurück nach Europa. Er schrieb seine "Historia" auf, die 1557 erstmals gedruckt und seither unzählige Male wieder aufgelegt wurde. Insbesondere die Beschreibung seiner vielmonatigen Gefangenschaft unter den Tupinambá verleiht dieser authentischen Schilderung über die Jahrhunderte hinweg besondere Spannung, die offenkundig auch die Phantasie der Künste anregte. Stadens "Historia" wurde auch in Bilder gestanzt wiedergegeben. Einmal fertigten der vielbeschäftigte Theodor de Bry und seine Söhne in ihrer Frankfurter Kupfstichwerkstatt eine ganze Bilderserie von Stadens Geschichte an; außerdem gab Staden selbst Holzschnitte als Illustrationen zu seinem Buch in Auftrag.

 

In der Gefangenschaft machte Staden auch die Bekanntschaft jenes legendären Indiohäuptlings Cunhambebe:

 

Nach etlichen Tagen führeten sie mich in ein ander Dorf, welches sie heissen Aririaba, zu einem Könige, der hiess Konyan Bebe und war der fürnehmste König unter ihnen allen. Bei demselbigen demselbigen hätten sich etliche mehr versammlet und ein grosse Freud gemacht auf ihre Weise, wollten mich auch sehen, denn er bestallt hatte, mich auf den Tag auch dahin zu bringen.

 

Wie ich nun hart bei die Hütten kam, höret ich ein gross Geruf von Singen und Posaunenblasen, und vor den Hütten stand ein Kopf oder fünfzehn auf Reideln, dieselbigen waren von den Leuten, so auch ihre Feind sein (…) so ging einer von denen, die mich verwahreten, vor her (…) und leitete mich da der König mit den andern ass und trank, und hatten sich mit einander trunken gemacht in dem Getränke, das sie machen, Kawy genannt (Cauim, ein alkoholisches Getränk aus Kaschu oder Maniok - d.Ü.), und sahen mich sauer an (…)

 

So hatte ich nun viel von dem Könige Konyan Bebe genannt, gehöret, es sollt ein grosser Mann sein, auch grosser Tyrann Menschenfleisch zu essen. Und es war einer unter ihnen, der däuchte mich wäre es, und ich ging hin bei ihn und redete mit ihm, gleich wie die Wort auf ihre Sprach gefallen. "Wohlan", sagte ich "ich hab viel von dir gehört, wie du so ein weidlicher Mann seiest." Da stund er auf und ging vor mir her spazieren mit großem Hochmut, und er hatte einen großen runden grünen Stein durch die Lippen des Mundes stecken, wie ihr Gebrauch ist.

 

Darnach ging er wiederum sitzen und begunnte mich zu fragen, was seine Feinde, die Tupin Ikins (Tupiniquim - d.Ü.) und die Portugaleser anschlügen. Und sagte weiter, warum ich ihn hätte wöllen erschiessen in der Gegenheit Britioka denn er erfahren hatte, dass ich da ein Büchsenschütz gegen sie gewesen war. Da sagte ich, die Portugaleser hätten mich dahin gestallt, und hätt es mussen tun. Da sagte er, ich wäre ja auch ein Portugaleser, und hiess den Franzosen, so mich gesehen hatte, seinen Sohn, und sagte, der mich auch gesehen hatte, ich könnte nicht mit ihm reden, und ich wäre ein rechter Portugaleser. Da sagte ich: "Ja, es ist wahr, ich bin lang aus dem Lande gewesen und hab die Sprach vergessen."  Da meinte er, er hätte schon fünf Portugaleser helfen fangen und essen, die alle gesagt hätten, sie wären Franzosen, und hätten's doch gelogen: so viel, dass ich mich des Lebens getröstet und mich in den Willen Gottes befahle, denn ich von ihnen allen nicht anders vernahme, denn ich sollte sterben.

 

Da hub er wiederum an zu fragen, was denn die Portugaleser von ihm         sageten, sie müssten sich freilich sehr vor ihm entsetzen. Da sagte ich: "Ja, sie wissen von Dir zu sagen, wie grossen Krieg Du ihnen pflegest zu machen, aber jetzt haben sie Britioka fester gemacht".  Ja, meinte er, so wöllte er sie in dem Walde hin und wieder so fangen, wie sie mich gefangen hätten. Weiter sagte ich zu ihm : "Ja, Deine rechten Feinde, die Tupin Ikins, die rüsten fünf und zwanzig Nachen zu und werden zuhand kommen  und in dein Land fallen ", wie auch geschah. Dieweil er so fragte, stunden die andern und höreten zu. Summa: er fragte mich viel und sagte viel, rühmte sich mir, wie manchen Portugaleser er bereits hätte tot geschlagen und anderer wilden Leut mehr, das seine Feinde gewesen wären.

 

Wie er so mit mir in der Rede war, mittlerzeit so wurde das Getränk in der Hütten ausgetrunken. Da gingen sie wieder in ein andere Hütten, darinnen auch zu trinken war, dass er also mit der Rede nachliess. Darnach in der andern Hütten fingen sie an, ihren Spott mit mir zu treiben. Und desselbigen Königes Sohn band mir die Beine dreimal ubereinander. Darnach musste ich ebenes Fusses durch die Hütten her hüpfen. Des lachten sie und sagten : "Da kommt unser Essenkost her, hüpfende!" Da sagte ich zu meinem Herren, der mich dahin geführet hatte, ob er mich dahin geführet hätte zu töten. Da sagte er nein, es wäre doch der Gebrauch, dass man also mit den fremden Sklaven umginge, und sie bunden mir die Stricke von den Beinen wieder ab. Darnach kamen sie um mich her gehen und griffen mir an mein Fleisch; der eine sagt, die Haut am Kopfe käme ihm zu, der ander sagte, das Dicke am Bein käme ihm zu. Darnach musste ich ihnen singen und ich sang geistliche Lieder, die sollte ich ihnen auslegen auf ihre Sprache. Da sagte ich: "Ich hab von meinem Gott gesungen".  Sie sagten, mein Gott wäre ein Unflat, das ist auf ihre Sprache teonira gesagt. (…)

 

Bei einem Kriegszug der Tupinambá gegen die Siedlung von Bertioga, an dem auch Staden teilnehmen mußte, wurden einige Staden bekannte Portugiesen und Mamelucken - Mischlinge aus Weißen und Indios - gefangengenommen:

 

Am folgenden Tag erreichten wir ein hohes Gebirge, das Ocaraçú heißt und nicht weit von der Heimat der Tupinambás entfernt ist. Dort wurde das Nachtlager aufgeschlagen. Ich ging in Cunhambebes Hütte und fragte ihn, was er mit den Mamelucken im Sinn hätte. Er antwortete mir, daß sie gegessen werden sollten und verbot mir, mit ihnen zu reden. Er sei sehr zornig auf sie; sie wären besser daheim geblieben, statt mit seinen Feinden in den Krieg zu ziehen, meinte er. Ich bat ihn, sie doch am Leben zu lassen und sie ihren Freunden zu verkaufen. Er bestimmte aber, daß sie gegessen werden sollten.

 

Vor sich hatte Cunhambebe einen großen Korb voll Menschenfleisch stehen. Er aß gerade von einem Knochen, hielt ihn mir vor die Nase und fragte, ob ich auch davon essen wollte. Ich antwortete: "Sogar ein unvernünftiges Tier frißt selten seinesgleichen, warum sollte dann ein Mensch den anderen fressen." Er biß hinein und sagte dabei: "Jau ware sche - ich bin ein Tigertier, es schmeckt wohl." Da verließ ich ihn. (…)

 

"Mein Gott ist zornig über das Dorf, weil ihr das Christenfleisch gegessen habt.… Bald kommen mein Bruder und andere Verwandte und Freunde mit einem Schiff voll Waren. Wenn ihr mich gut behandelt, dann will ich euch diese Waren geben, denn ich weiß ganz sicher, daß mein Gott die Schiffe meines Bruders bald herbringen wird." Das gefiel ihnen sehr, und der Häuptling hieß mich seinen Sohn. Ich ging sogar mit seinen Söhnen auf die Jagd. (…) da kamen einige Wilde zu mir und sagten, sie hätten schießen hören. Es müßte im Hafen Niterói, auch Rio de Janeiro genannt, gewesen sein. Als ich sicher wußte, daß ein Schiff angekommen war, sagte ich ihnen, sie sollten mich zum Hafen bringen, denn vielleicht seien es meine Brüder. (…) So kam Staden nach lnger Gefangenschaft frei.

 

Der schon zitierte Jean de Léry berichtet von den Begebenheiten an der brasilianischen Küste während einer Zwischenlandung vor Erreichen der Bucht von Guanabara:

 

(…) Niemand von unseren Seeleuten, die schon hierher gesegelt waren, kannte diesen Ort. Die Wilden waren vom Stamm der Maracajá, Verbündete der Portugiesen und mithin Feinde der Franzosen. Wären wir in ihre Hände geraten, hätte ein Tauschhandel kaum mehr stattgefunden. Vielmehr hätten wir für sie das Futter abgegeben; wir wären getötet und in Stücke zerlegt worden.

 

Es fiel uns sogleich auf, daß hier mitten im Monat Februar alle Wälder, Bäume wie Pflanzen, so grün waren wie bei uns in Frankreich nur im Mai oder Juni. In Brasilland aber sind sie das ganze Jahr über so.

 

Es bestand sehr wohl Feindschaft zwischen uns Franzosen und den Maracajá. Und doch taten sie und auch wir alles, um darüber hinwegzusehen. Unser Obermaat verstand sich darauf, seine Muttersprache zu verstellen. Er fuhr in Begleitung einiger Matrosen mit einem Beiboot zum Strand, wo die Wilden in großen Gruppen beieinander standen.

 

Unsere Leute trauten den Wilden nicht sonderlich. Sie zogen es vor, sich jenseits der Reichweite ihrer Pfeile halten. Es gelüstete sie nicht, ergriffen und geröstet zu werden.

 

Aus der Entfernung winkten unsere Matrosen mit Messern, Spiegeln, Kämmen und anderen Kinkerlitzchen. Damit wollten sie die Wilden anlocken und Lebensmittel eintauschen. Es kamen jedoch nur wenige näher, um die Stimmen unserer Leute anzuhören. Sie ließen sich nicht lange bitten und eilten, zusammen mit vielen anderen, schnurstracks auf unseren Gefährten zu.

 

Unserem Obermaat gelang es, Mehl mitzubringen, das aus einer Wurzel gewonnen wird. Die Wilden essen es anstelle von Brot. Daneben brachte er Keulen einer Wildschweinart mit und andere Lebensmittel, wie Früchte, die dieses Land in Hülle und Fülle hervorbringt. Bei der Gelegenheit hatten sich sogar sechs wilde Männer und eine Frau bereit gefunden, mit in das Boot zu steigen und uns auf dem Schiff willkommen zu heißen.

 

Es waren die ersten Wilden, die ich je sah. Ihr könnt Euch denken, daß ich sie sehr genau in Augenschein nahm. (...) Zunächst läßt sich sagen, daß Männer und Frauen splitternackt umherlaufen, genau so wie sie dem Mutterleib entsteigen. Doch um uns nicht schmucklos gegenüberzutreten, hatten sie sich überall an ihre Körper schwarze Flecken gemalt. Die Männer trugen einen Teil ihres Haupthaares geschoren, eine Art Tonsur, wie Mönche sie haben. Am Hinterkopf hing das Haar jedoch lang herunter und war auf der Höhe des Halses abgeschnitten. Von der Seite erinnerten sie an Leute, die bei uns eine Perücke tragen.

 

Darüber hinaus hatten alle durchbohrte Unterlippen. Sie steckten einen polierten, grünen Stein durch ihre Unterlippe, der sehr genau eingepaßt war. Sie konnten ihn nach Belieben herausnehmen und wieder hineintun. Sie tragen diese Steine, weil sie meinen, er mache sie schöner. Doch, um die Wahrheit zu sagen, jenes große Loch in der Unterlippe erinnert, wenn sie den Stein entfernen, an einen zweiten Mund. Und das macht sie äußerst häßlich.

 

Die Frau hatte wohl keine durchbohrte Unterlippe. Ihr Haar trug sie so lang wie alle Frauen. Aber sie hatte große Löcher in den Ohren, daß man leicht einen Finger hindurchstecken konnte. Darin waren große, aus Knochen gefertigte Ohrgehänge befestigt, die ihr immerzu gegen die Schultern schlugen. (...)

 

Unsere Maracajá bewunderten sehr ausführlich unsere Artilleriegeschütze und alles andere, was es an Bord zu sehen gab. Doch wir wollten sie dann auch nicht länger aufhalten. Das konnte schließlich üble Folgen für Franzosen haben, die hier völlig ahnungslos nach uns erschienen. Als denn die Wilden baten, ans Festland zurückkehren zu dürfen, zu ihren Gefährten, die derweil am Strand auf sie warteten, versuchten wir, sie für die mitgebrachten Lebensmittel zu bezahlen.

 

Nun haben diese Wilden kein Geld, weshalb wir sie mit Hemden, Messern, Angelhaken, Spiegeln und anderem Tand bezahlten, der für den Austausch mit diesen Völkern üblicherweise mitgenommen wird.

 

Die braven, doch völlig nackten Leute zeigten bei ihrer Ankunft keinerlei Schamgefühl. Sie ließen sehen, was sie hatten. Sie waren überhaupt nicht gewohnt, Wäsche oder irgendeine andere Kleidung auf dem Körper zu tragen. Als sie uns schließlich verließen trugen sie Hemden, die sie von uns bekommen hatten. Als sie das Boot bestiegen, rafften sie ihre Hemden hoch bis zum Bauchnabel, sie wollten sie nicht beschädigen. Dabei enthüllten sie nun, was es eigentlich zu bedecken galt. Und bei der Verabschiedung boten sie uns obendrein den Anblick ihrer Gesäße zum Gruß. Sind das nicht aufrichtige Kavaliere und beneidenswert höfliche Botschafter? Ein bekanntes Sprichwort sagt, es sei einem die eigene Haut näher als das Hemd. (...) Bei diesen Wilden traf das ganze Gegenteil zu: Sie zeigten uns, daß ihnen die Hemden teurer waren als die eigene Haut. (…)

 

Jean de Léry, ganz Gourmet, erzählt von Begebenheiten in der Bucht von Guanabara:

 

(…) Vier oder fünf Leguas entfernt liegt eine weitere wunderbare Insel von fast sechs Leguas Umfang. Wir nannten sie die Große Insel. Auf ihr befinden sich mehrere Dörfer der wilden Tupinambá, der französischen Alliierten. Dorthin fuhren wir sehr häufig in unseren Booten, um Maniokmehl und andere notwendige Dinge zu holen.

 

In demselben Meeresarm gibt es noch ein paar kleinere Inseln, die alle unbewohnt sind. Doch dafür findet man dort besonders große und appetitliche Austern. Die Wilden pflegen danach zu tauchen und große Steine heraufzuholen, an denen unendlich viele kleine Austern hängen. Sie sitzen sehr fest an diesen Steinen, und es kostet einige Mühe, sie davon zu lösen. Meistens ließen wir uns die Austern gleich in großen Töpfen kochen. Und wenn wir die Muscheln dann öffneten, fanden wir darin mitunter kleine Perlen.(...)

 

Ich will nicht vergessen, von den gigantischen Walen zu berichten. Täglich beobachteten wir ihre riesigen Flossen. Es schien diesen Tieren zu gefallen, in dem tiefen und breiten Fluß umherzuschwimmen. Sie kamen unserer Insel so nahe, daß man sie leicht mit einem Arkebusenschuß treffen konnte, doch die Speckschicht unter ihrer harten Haut war wohl zu dick, als daß ihnen die Schüsse etwas anhaben konnten. Die Wale schwammen einfach weiter und gewiß sind sie auch nicht an den Folgen der Schüsse gestorben.

 

Während wir uns einmal auf hoher See befanden, tauchte plötzlich etliche Leguas von der Festung entfernt in der Nähe des Cabo Frio ein Wal auf. Er näherte sich dem Festland, bis das Wasser ihm für seinen Rückweg ins weite Meer nicht mehr genügte; er lief auf Grund und blieb am Strand liegen. Niemand wagte, dem Wal zu nahe zu kommen, bevor er verendet war. Das Tier warf sich hin und her, und seine Bewegungen erschütterten die Erde rund um ihn herum. Er erzeugte ein Getöse, das im Umkreis von zwei Leguas vernehmlich war.

 

Unzählige Wilde und viele unserer Gefährten kamen daraufhin, sich Fleisch zu holen, so viel sie zu tragen vermochten. Dennoch blieben mehr als zwei Drittel des Wals übrig, die an Ort und Stelle verfaulten. Das frische Walfleisch schmeckte sonderbar, also aßen wir nur wenig davon. Aus ein paar Stücken der Speckschicht gewannen wir Öl für unsere Lampen. Die Reste des Walfleischs schafften wir ins Freie, wo wir es als Haufen liegen ließen. Regen und Wind verwandelten es dort schließlich. Allein die Zunge des Wals war wirklich gut. Wir salzten sie in Fässern ein, später sandten wir sie Admiral Coligny  nach Frankreich. (...)

 

In diesem Land wachsen Pflanzen, deren Blätter etwa zwei Finger breit sind und gewölbt wie die Blätter, die den Maiskolben umgeben. Manche alte Indiomänner - jedoch nicht alle, und für Jünglinge und Jungen trifft dies gar nicht zu - bedienten sich dieser Pflanzen, um sich zwei dieser rohrartigen Blätter mit Hilfe eines Baumwollfadens an ihrem Geschlechtsteil zu befestigen. Ähnlich verfuhren sie auch mit kleinen Tüchern oder Stoffetzen, die wir ihnen gaben. Zunächst schien es uns, als seien dies Spuren eines natürlichen Schamgefühls, als ließen sie sich in ihrem Tun von irgendeiner Schamhaftigkeit leiten. Obwohl ich mich nicht eingehend darüber gebildet habe, bin ich doch der Meinung, sie suchten vielmehr eine Krankheit zu verbergen, die sie im Alter an jener Stelle bekommen. (...)

 

Die Wilden haben einem Vogel ihres Landes den Namen Tucano gegeben. Dieser hat ein rabenschwarzes Federkleid bis auf eine Stelle am Kropf, die vier Finger lang und drei Finger breit ist. An dieser Stelle wachsen kleine, gelbe Federn, die am unteren Rand in ein leuchtendes Rot übergehen. Die Wilden rupfen den Vogel nur am Kropf. Sie sammeln die ausgerupften Federn, bis sie große Mengen davon beieinander haben. Sobald die Federn trocken sind, nehmen sie etwas Wachs, um sich damit die Federn an beiden Seiten des Kopfes, unterhalb ihrer Ohren, zu befestigen. Der Anblick dieser gelben Federflecken erinnert an die vergoldeten Kupferplättchen am Zaumzeug der Pferde. (...)

 

Die Wilden schmücken sich mit Gewändern, Hauben oder Armreifen und anderem Zierat aus grünen, roten und blauen Federn und aus noch vielen anderen Farben. Es sind Stücke von einzigartiger und unvergleichlicher Schönheit.

 

Wenn sie viele Federn beieinander haben, werden sie untereinander gemischt und mit Baumwollfäden ganz eng beieinander an kleine Holzsplitter gebunden. Kein französischer Federbinder verstünde sie besser zu binden. Man könnte meinen, die daraus gefertigten Kleidungsstücke seien aus Plüsch. (...)

 

Zur Fertigung ihrer Verkleidungen erwerben sie von ihren Nachbarstämmen große Straußenfedern. Das beweist die Existenz dieser großen Vögel in einigen Teilen dieses Landes. Ich selbst habe sie nicht zu Gesicht bekommen. (...)

 

Unsere Schiffe brachten viele Ballen Stoff: Rote, grüne, gelbe, Stoffe aller Farben. Wir ließen den Wilden Jacken und bunt gemusterte Hosen schneidern. Dafür bekamen wir Lebensmittel, Mandrill-Affen, Papageien, Brasilholz, Baumwolle, Pfeffer und andere Dinge ihres Landes, die unsere Seeleute gern laden. Einige dieser Wilden trugen die weiten Hosen der Matrosen, ohne sonst etwas am Leibe zu haben. Andere kleideten sich in kurze Röcke, die ihnen nicht über die Hinterbacken reichten, und das, ohne Hosen anzuhaben. Wenn sie sich so zeigten und ein wenig auf und ab gingen, um einander zu betrachten, löste ihr Anblick großes Gelächter unter uns aus. Dann zogen sie diese Kleider wieder aus, brachten sie in ihre Häuser und zogen sie erst wieder an, wenn ihnen der Sinn danach stand. Ähnlich verfuhren sie mit Hüten und Hemden, die sie von uns bekommen hatten.

 

Ich habe nun wohl alles erzählt, was man über das Äußere der amerikanischen Männer und Jünglinge sagen kann. Solltet Ihr nun einen Wilden darstellen wollen, denkt Euch einen nackten Mann, der in allem wohl proportioniert ist, der sich alle Körperhaare ausgerissen und das Haupthaar geschoren hat. Unterlippen und Wangen hat er durchbohrt, um darin Knochen oder grüne Steine zu tragen. Seine Ohren haben ebenfalls Löcher, in denen er Ohrringe trägt. Sein Körper ist bemalt, die Beine werden mit der Farbe der Genipapo-Frucht geschwärzt. Um seinen Hals trägt er Ketten aus unzähligen kleinen Seemuscheln (...). Er hält Pfeil und Bogen in der Hand.

 

Um das Bild abzurunden, müssen wir neben diesen Tupinambá eine seiner Frauen stellen, die nach Art dieses Landes ihr Kind in einem Baumwollstreifen trägt (...). Neben diesen Dreien hängt ihre Schlafmatte, die wie ein Fischernetz aussieht und in der Luft hängt. Darin schlafen alle Wilden dieses Landes. Dazu gehört eine Frucht namens Ananas, die zum Besten gehört, was Brasilland zu bieten hat. (...)

 

Wollt ihr den Wilden nun anders haben, nehmt im seine Sachen wieder ab, bestreicht seinen Körper mit einem Baumharz, um überall kleine Federn daranzukleben.(...) Wenn er sein künstliches Federkleid trägt, sieht er aus wie ein stolzer Jüngling (...)

 

Zu den anormalen und wundersamen Dingen gehören auch die brasilianischen Frauen. (...) Niemals gelang es uns, sie dazu zu bewegen, etwas anzuziehen, obwohl wir ihnen Kleider aus Kattun oder Hemden wie den Männern gegeben hatten. Sie konnten kein Kleidungsstück an ihrem Körper aushalten. Ich glaube, davon sind sie bis heute noch nicht abgerückt.

 

Um sich aller Kleidung zu entziehen, erklärten sie ihren Brauch, sich in jede Quelle, in jeden Fluß zu hocken oder ganz hineinzugehen, um sich zu baden und den Kopf unterzutauchen. An manchen Tagen tun sie das zwölf Mal.

 

Sie sagen, es würde sie viel Zeit kosten, sich jedes Mal auszuziehen. Ja, ist dies nicht ein guter und folgerichtiger Grund? Wie dem auch sei, wir müssen ihn akzeptieren. Ihn in Frage zu stellen, wäre vergebene Liebesmüh', und nichts würden wir erreichen.

 

Diese primitiven Menschen ergötzen sich so sehr an der Nacktheit, daß die Frauen unserer Tupinambá, die in völliger Freiheit mit ihren Männern, mit ihren Eltern und Verwandten auf dem Festland leben, es ablehnen irgend etwas anzuziehen. Ebenso taten es die im Kriege gefangengenommenen Frauen, die wir gekauft hatten und die als Sklavinnen an unserer Festung arbeiteten. Wir zwangen sie, sich zu bekleiden, doch kaum brach der Abend an, zogen sie heimlich Hemden oder was sie sonst trugen aus und spazierten nur aus Vergnügen nackt über unsere Insel, bevor sie sich schlafen legten.

 

Wenn diese armen Kreaturen nicht mit Peitschenhieben dazu gezwungen würden, sich zu bekleiden, würden sie sicher alle Qualen des Steineschleppens auf sich nehmen als irgendein Kleidungsstück auf ihrem Körper zu dulden. (...)

 

Der Anlaß gebietet es, daß ich denjenigen antworte, die da behaupten, das Zusammenleben mit den nackten Wilden, insbesondere mit ihren Frauen, fordere geradzu die Wollust und Schamlosigkeit heraus.

 

Ich antworte mit einem Wort. Obwohl es scheinen mag, daß es zu Lüsternheit verführt, wenn man nackte Frauen sieht, so ist doch die grobschlächtige Nacktheit dieser Frauen viel weniger anziehend als man glaubt, und wie wir es selbst beobachteten.

 

Ich behaupte, daß der ganze Putz, die Schminke, die Perücken, eingedrehte Locken, gefältelte Krausen, die zarten Hüftchen, Faltenröcke und die unendlich vielen Kleinigkeiten, mit denen die Frauen und Mädchen hier bei uns sich verkleiden und dessen sie auch nie überdrüssig werden, Anlaß für unvergleichlich viel größeres Übel sind als es die Nacktheit der Frauen der Wilden ist. Sie stehen übrigens den hiesigen Damen an Lieblichkeit in nichts nach. (...)

 

Ich möchte hier nicht zum Fürsprecher der Nacktheit werden, denn schon die Heilige Schrift erzählt, daß Adam und Eva nach dem Sündenfall ihre Nacktheit erkannten und sich schämten. Ich verabscheue die Kritiker, die die Nacktheit wider die guten Sitten bei uns einführen wollten, jedoch kann man sie in dieser Form bei unseren armen amerikanischen Wilden nicht beobachten.

 

Was ich also über die Wilden sagte, sollte allein demonstrieren, daß wir vielleicht gar nicht besser sind als sie, die wir sie so heftig verurteilen, nur weil sie in aller Unschuld nackt umherlaufen. Wir dagegen übertrumpfen sie womöglich in einem anderen Laster, das das Gegenteil des ihren ist, mit unseren Freßgelagen und unserer Putzsucht, wenn es um die Kleidung geht. (...)

 

In dem folgenden Brief berichtet Jesuitenpater José de Anchieta über Ehen der Indios in Brasilien (ohne Jahresangabe vom Anfang der 60er Jahre) (in: Revista do Instituto Histórico e Geográfico Brasileiro, Bd. 8/1846):

 

(…) Es scheint, daß den Indios Brasiliens nicht der Sinn danach steht, sich bei einer Heirat einander verpflichtet zu fühlen, weder der Mann gegenüber der Frau noch die Frau gegenüber dem Manne. Aber die Frau zürnt dem Manne nicht, wenn er andere Frauen nimmt und für einige Zeit bei ihnen bleibt, ohne sich um sie, die Ehefrau, zu kümmern. Selbst wenn er sie ganz verließe, würde sie kein Aufhebens davon machen. Denn wenn sie noch recht jung ist, nimmt sie sich einen anderen Mann. Ist sie bereits alt, nimmt sie alles hin, wie es ist, ohne darin eine Ungerechtigkeit durch den Mann zu sehen, besonders dann, wenn er sie ernährt.

 

Normalerweise jedoch leben die Frauen friedlich neben ihren Konkubinen, denn sie sehen sie gleichermaßen als Frauen ihres Mannes an, wie sie selbst es auch sind. In Piratininga (São Paulo - d.Ü.), in der Kapitanie São Vicente, verließ Cay obiy, ein bereits betagter Mann seine ebenfalls betagte Frau, die vom selben Stamme war. Er hatte einen erwachsenen Sohn, der bereits Häuptling war, hatte viele nach hiesiger Art mit anderen Häuptlingen verheiratete Töchter und hatte auch Enkel. Trotzdem heiratete er eine andere, eine aus dem Busch, seine Sklavin, die er im Kriege gefangen hatte. Mit ihr hatte er vier Kinder. Er nahm sie immer mit sich, lebte mit ihr. Er liebte sie. Weder die erste Frau noch seine Kinder oder Schwiegersöhne rührte diese Tatsache. (…)

 

Nie habe ich gehört oder gesehen, daß irgendein Indio eine seiner Frauen tötete, weil er wegen ihres Ehebruches Rachgefühle hegte. Allenfalls verprügelt er den Nebenbuhler, wenn er kann. Dieser läßt es geduldig mit sich geschehen, denn er weiß, was er getan hat. Es sei denn der Ehebrecher ist ein Häuptling, und die Frau hat keine mutigen Verwandten, Vater oder Brüder, vor denen er Angst haben müßte.

 

Man erzählte mir die Geschichte von Ambirem, einem mächtigen Häuptling vom Rio de Janeiro, einem grausamen und blutrünstigen Mann und Freund der Franzosen, der um die zwanzig Frauen hatte. Als eine von ihnen die Ehe brach, ließ er sie an einen Pfahl binden und ihr mit einem langen Messer den Bauch aufschlitzen. Der Ehebrecher, der ein Neffe des Häuptlings war, mied eine Weile das Dorf, weil er befürchtete, getötet zu werden. Doch es will mir scheinen, diese Lektion haben die Indios von den Franzosen gelernt, denn für gewöhnlich ist es deren Manier, Leute auf diese Art zu töten. Bisher hatte noch kein Indio in Brasilien je so etwas getan und auf solche Weise seinesgleichen getötet.

 

So und noch schlimmer richteten andere ihre Geliebten. Es scheint, daß es nicht das Gefühl des Schmerzes ist, da es sich um ihre rechtmäßigen Frauen handelt, es ist bloße Eifersucht. So auch bei Tamandiba, einem Häuptling aus Piratininga. Er knüpfte eine seiner Geliebten auf, eine Sklavin aus einem Kriegszug. (…)

 

Agoaçã heißen gemeinhin Nebenbuhler oder Nebenbuhlerin, auch wenn sie sich nur mal ein Stelldichein gaben und das in aller Heimlichkeit (so wie es in aller Welt geschieht). Entsteht daraus ein Kind, heißt es "Kind meines Nebenbuhlers" oder "Kind meiner Nebenbuhlerin". Doch diese Kinder sind schlecht angesehen, weshalb sie sich auch bereitwillig taufen lassen. (…)

 

Unter den Indios gibt es wenige Huren oder unzüchtige Weiber. Doch drückt die Jungen das Fleisch, so nehmen sie jede Frau, die sich ihnen bietet, ob sie nun alt oder jung und auch, wenn sie nicht nach ihrem Geschmack ist. In einem solchen Moment können sie nicht anders. Aber sie hoffen, oder sind gar sicher, daß sie später andere Frauen haben werden, besonders wenn sie mutige Krieger oder Söhne von Häuptlingen sind. Dann führen die Väter ihre Töchter und die Brüder ihre Schwestern zu ihnen. Diesen Frauen fühlen sie sich viel mehr zugetan als jener ersten Frau, die sie, wie es scheint, nur in großer Not nahmen. Es steht ihnen auch nicht der Sinn danach, sich jener Frau gegenüber verpflichtet zu fühlen, wie dies umgekehrt auch nicht der Fall ist. Sie weiß gut, daß die jungen Männer bei sich bietender Gelegenheit andere Frauen haben werden und sie vergessen. Hat nun ein Mann bis ins hohe Alter nur eine einzige Frau, von der auch all seine Kinder sind, kann das stutzig machen. Es scheint nur, daß solche Männer eine andere Art der Zuneigung, eine andere Vorstellung von der Ehe haben. Jedoch ist das nicht von Anfang an so. Denn sie alle, auch jener, vereinen sich mit Frauen auf die gleiche Weise. Kommen ihre Gefühle in Wallung, haben sie viele Frauen. Tun sie es nicht, dann nicht, weil sie sich der ersten verpflichtet fühlen, sondern weil sie Kinder von ihr haben und die Frau ihnen gut dient und ihnen treu ist. Zudem ist es vielleicht nicht in ihrer Macht, mehrere Frauen zu haben.

 

Das Gold, ursprünglich einer der treibenden Gründe für die Entdeckungsfahrten, hatte für die Kolonie Brasilien bei weitem nicht den Stellenwert, wie andere Produkte der Kolonie. Kapitanien wie Paraíba, Pernambuco oder São Vicente prosperierten wegen der dort erzeugten Produkte Zucker oder Tabak. Im Jahre 1576 veröffentlichte der Intellektuelle und Camões-Freund Pero de Magalhães Gândavo seine "História da Província de Santa Cruz a que vulgarmente chamamos Brasil" (Geschichte der Provinz Santa Cruz, die wir gewöhnlich Brasilien nennen), nachdem er etliche Jahre in Brasilien, wahrscheinlich in São Vicente, gelebt hatte und 1568 nach Portugal zurückgekehrt war. Bereits im Jahre 1570 hatte er den "Tratado da Terra do Brasil" (eine Abhandlung über das Brasil-Land) geschrieben. Dieses Schriftstück wurde aber erst sehr viel später publiziert. Zuvor hatte Gândavo bereits - ganz Humanist des Zeitalters der Renaissance - eine Grammatik "zur Verteidigung der portugiesischen Sprache" geschrieben. In "História" und "Tratado" - einer Art Werbeschrift - wendet er sich an seine Landsleute in Portugal, beschreibt ihnen die Schönheiten und das Exotische der Kolonie, um ihnen einen Umzug dorthin schmackhaft zu machen (in: Pero de Magalhães Gândavo, História da província Santa Cruz, Tratado da Terra do Brasil, Rio de Janeiro, 1964):

 

(GENEHMIGUNG

 

Ich habe das vorliegende Werk des Pero de Magalhães auf Geheiß des Generalrates der Inquisition gelesen. Darin befindet sich nichts, das gegen unseren Heiligen Katholischen Glauben oder gegen die Sitten verstoßen würde. Es wird vielmehr als Lektüre empfohlen. Ausgefertigt heute, am 10. November 1575. Francisco de Gouvea.

 

Nach Erhalt der Information, Freigabe zum Druck. Ein Exemplar auf meinen Tisch. Diese Verfügung hat im Buch zu erscheinen. Evora, am 10. November. Manoel Antunes, Sekretär der Heiligen Inquisition fertigte vorliegende Genehmigung 1575 aus. Lião Anriques. Manoel dos Coadros.)

 

Aus der "História da Província Santa Cruz":

 

Kapitel 1: Darüber, wie die Provinz entdeckt wurde und warum man sie Santa Cruz und nicht Brasil nennen sollte

Der Name Brasil für das Land kam auf, nachdem das Färbeholz in unser Königreich gelangte, welches Brasil wegen seiner roten Farbe genannt wird, die an das Rot der Glut (brasa = Glut - d.Ü.) erinnert. Um den Dämon zu peinigen, sollten wir der Provinz wieder ihren alten Namen - Santa Cruz, Heiliges Kreuz - zurückgeben. Denn in Wahrheit bedeutet es eine größere Wertschätzung, und es klingt auch besser in den Ohren eines Christenmenschen, wenn man den Namen eines Holzes benutzt, welches das Wunder der Erlösung bewirkte, anstatt den Namen eines Holzes, welches zu nichts anderem nützt als Stoffe und ähnliche Dinge zu färben.

 

Aus dem "Tratado da Terra do Brasil":

 

Von den Dingen, die an der gesamten Küste des Brasillandes gleich sind

 

Kapitel 1: Die Fazendas

Alle Bewohner der Küste Brasiliens besitzen Boden, welcher in unbebautem Zustand von den Kapitänen der Provinzen an sie verteilt wurde. Alsbald galt ihr Interesse dem Besitz von Sklaven, damit diese ihnen ihre Äcker und Pflanzungen besorgen. Ohne Sklaven könnten sich die Bewohner in diesem Lande nicht halten. Zugleich aber sind die Sklaven einer der Gründe, weshalb Brasilien nicht besser gedeiht: Sie üben Widerstand und fliehen in ihre Stammesgebiete. Das kommt täglich vor. Wären diese Indios hingegen seßhaft und würden nicht ständig fliehen, könnte in Brasilien Reichtum herrschen, der seinesgleichen suchte.

 

Die gewinnträchtigsten Güter sind Zucker, Baumwolle und Brasilholz. Damit werden die aus dem Königreich kommenden Waren bezahlt. Geld ist in diesem Lande ungebräuchlich. Stattdessen wird eine Ware gegen die andere zu ihrem richtigen Preis getauscht. Alle Bewohner in diesem Land haben Ländereien, auf denen sie auch Nahrungsmittel anbauen. Einen guten Gewinn bringt vor allem das Mehl für Brot, das reichlich verkauft wird.

 

An Vieh gibt es vor allem Rinder. In sämtlichen Kapitanien kommen sie in hohen Stückzahlen vor. Sie leben vom üppigen Gras, das auf den Ländereien das ganze Jahr über wächst. Nur in Porto Seguro lassen sich die Rinder nicht recht halten. Lediglich im ersten Jahr, in dessen Verlauf sie so fett werden, daß es heißt, sie stürben daran.

 

Ziegen und Schafe gibt es sehr wenige bisher. Man steht eben im Begriff, sie zu vermehren. Ziegen gedeihen besser als Schafe. Jeder Wurf zählt zwei bis drei Junge. Die Bewohner dieses Landes werden es weit bringen mit dieser Zucht. Man trifft auch auf Stuten und Hengste. Doch sie sind noch sehr teuer, weil es nur wenige gibt. Man bringt sie von den Kapverden, und sie gedeihen hier recht gut.

 

An der Küste kann man viel Bernstein finden. Bei Sturm wird er vom Meer an den Strand geworfen. Die Leute schicken dann ihre Sklaven aus, damit sie diejenigen Stellen absuchen, wo für gewöhnlich die meisten Steine zu finden sind. Nicht selten werden Leute reich von dem, was ihre Sklaven bringen, oder auch vom Bernstein, den sie sich bei freien Indios einhandeln. Hier kommt es nur darauf an, Glück zu haben.

 

In Brasilien werden Baumwollstoffe gefertigt; alle anderen Stoffe kommen aus dem Königreich. Es gibt viele Sklaven aus Guinea: bei ihnen kann man sicherer sein; sie fliehen nicht wie es die Indios tun. Sie haben keinen Ort, wohin sie fliehen könnten. Schließlich gibt es auch Schweine, Hühner, sowie hier heimische Gänse und Enten, die in großer Zahl gehalten werden. So viel zu den Gütern, welche die Einwohner von Brasilien zur Verfügung haben.

 

Kapitel 2: Von den Bräuchen in diesem Land

Personen, die den Wunsch haben, in Brasilien zu leben und richtige Einwohner von Brasilien zu werden, finden hier mit Leichtigkeit ihr Auskommen, so arm sie auch sein mögen. Sie müssen sich lediglich einige der Sklaven zulegen, von denen einer etwa zehn Cruzados kostet. Zwei Pärchen oder ein halbes Dutzend davon ist in der Regel ausreichend. Die Arbeit wird so unter den Sklaven verteilt, daß einige fischen und jagen gehen, während die anderen die Pflanzungen besorgen und Lebensmittel anbauen.

 

Auf diese Weise kann man mit Leichtigkeit wohlhabend werden. Anders als im Königreich führen sie dort ein ehrenvolles Leben in aller Geruhsamkeit. Die Indiosklaven besorgten die Nahrung für sich ebenso wie für ihre Herrschaft, so daß Ausgaben dieser Art überhaupt entfallen.

 

Die meisten Betten in Brasilien sind einfache Netze. Sie werden in den Häusern mit Hilfe zweier Taue befestigt. Da hinein legen sich die Leute zum Schlafen; eine Gewohnheit, die sie von den Indios übernommen haben. Die Bewohner der Kapitanien behandeln einander gut. Sie sind großzügiger als die Leute im Königreich, beim Essen wie bei der Kleidung. Bereitwillig helfen sie einander mit Sklaven aus. Sie unterstützen Neuankömmlinge, die in diesem Land seßhaft werden wollen. So sind die Sitten. Allenthalben üben die Leute Barmherzigkeit. Kein Armer geht von Tür zu Tür, sich Hilfe zu erbetteln, wie das hier im Königreich üblich ist.

 

Kapitel 5: Vom Wild in diesem Land

Das Wild ist in den Wäldern Brasiliens ausgesprochen zahlreich und verschiedenartig. Es bildet eine wichtige Lebensgrundlage für die hiesigen Bewohner. Indios erlegen das Wild mit Pfeilen. Doch den größten Teil der Beute fangen sie in ihren Schlingen und Fallgruben.

 

Es gibt viele Hirsche und zahllose Wildschweine in den verschiedensten Arten. Darunter ist eine ganz kleine Schweinerasse, die grobe, harte  Borsten und einen Nabel auf dem Rücken hat. Auf diese Schweine wird bevorzugt Jagd gemacht, doch ebenso auf große Schweine, deren Fleisch nicht ganz so gut ist.

 

Tapire sind äußerst zahlreich. Diese Tiere sind beinahe so groß wie Kühe und weiden auch wie die Rinder. Selbst ihr Fleisch schmeckt so. Nur das Fell der Tapire ist dicker und härter. Auch in Brasilien kennt man das Kaninchen. Jedoch haben die hiesigen andere Ohren, sie sind kleiner und rund. Daneben gibt es noch das Paka. Es ist größer als ein Hase, und sein Fleisch ist sehr schmackhaft.

 

Im Wald leben Tiere, die ebenfalls eßbar sind. Sie werden zum beliebtsten Wild überhaupt gezählt. Tatü (Gürteltier - d.Ü.) werden sie genannt. Sie sind von der Größe eines Kaninchens. Sie haben eine Schale wie Langusten oder Schlammschildkröten, nur daß diese Schale aus Plättchen besteht, welche durch Gelenke miteinander verbunden sind. Sie sehen aus wie ein in Rüstung gekleidetes Pferd. Selbst ihr Schwanz ist von der Schale umgeben. Allein ihr Kopf lugt aus der Schale hervor. Die Schnauze ähnelt der des Spanferkels. Das Tatü hat kurze Beine, es lebt in Erdhöhlen. Sein Fleisch schmeckt fast wie Hühnerfleisch und wird hier sehr geschätzt.

 

Daneben erlegen die Indios mit ihren Pfeilen viele Waldhühner und dickleibige Vögel, die besser noch als Rebhühner schmecken. So viel Wild und noch mehr gibt es in Brasilien.

 

Kapitel 6: Von den Früchten dieses Landes

In diesem Brasil-Land gedeiht eine herrliche Frucht. Sie ist von allen die köstlichste. Sie wird von einer niedrigen Pflanze hervorgebracht, welche ein Büschel distelähnlicher Blätter hat. Die Frucht wächst aus der Mitte dieses Büschels heraus, wie eine Artischocke. Ihre Form ähnelt der des Kienapfels, sie hat auch die gleiche Größe. Die Frucht heißt Ananas. Wenn sie reif ist, verströmt sie einen wunderbaren Duft. Sie wird im Ganzen abgeerntet. Mit einem Messer entfernt man die grobe Schale und schneidet sie in Scheiben. So kann sie dann gegessen werden. Im Geschmack übertrifft sie alle Früchte, die es im Königreich gibt. Die Leute hier mögen sie so sehr, daß sie Felder davon anlegen lassen, die wie Distelfelder aussehen. Viel Ananas wird konserviert und ins Königreich gebracht.

 

Eine andere Frucht wächst an hohen Bäumen. Diese Bäume werden nicht angepflanzt; sie kommen im Wald wild vor. Ihre reifen Früchte leuchten gelb, ähnlich wie unsere Reinetten. Sie werden Kaschu genannt. Die Kaschufrucht ist sehr saftig und bildet an ihrer Spitze einen nußartigen Kern. Er wächst außerhalb der Frucht. Der Kern hat eine gallig bittere Schale. Berührt man ihn mit den Lippen, schwillt der ganze Mund an, und der bittere Geschmack hält lange vor. Geröstet schmeckt der Kern dagegen noch besser als die Mandel. Dazu ist er außerordentlich nahrhaft.  In diesem Land gibt es so viele von diesen Kernen, daß man ihre Menge in Alqueire (= 13,8 l - d.Ü.) mißt.

 

Dann gibt es eine Frucht, die Banane genannt wird. In der Indiosprache heißt sie Pacovas. Es gibt sie im Überfluß. Ihrer Form nach sehen sie wie Gurken aus. Bananen wachsen an zarten, nicht sehr hohen Bäumen, die keine Äste, doch  dafür lange, breite Blätter haben. Die Bananen hängen in Büscheln an diesen Bäumen. Mitunter findet man Büschel, woran hundertfünfzig und mehr Bananen wachsen. Oft bricht dann der Baum unter dem Gewicht in der Mitte durch. Man erntet die Büschel, sowie sie gewachsen sind; die Bananen reifen erst nach der Ernte. Da die Bäume nur einmal Früchte hervorbringen, werden sie gleich danach abgeschlagen. Am Stumpf des alten Baumes schießen sofort neue Sprossen hervor. Die Banane ist eine sehr appetitliche Frucht. Sie gehört zum Besten, was dieses Land hervorbringt. Sie hat eine Schale wie die Feigen; man wirft sie fort, wenn man den Inhalt genießen will. Bananen schaden der Gesundheit, wenn man zuviele ißt und erzeugen auch Fieber. Reif und gebraten sind sie dagegen sehr gesund. So werden sie auch Kranken verabreicht. Die Banane ist auch die Nahrung der meisten Sklaven hier. Denn grün gebraten haben sie fast den Wert unseres Brotes.

 

Bananen kommen in zwei Formen vor: Die eine ist so klein wie Feigen, die andere ist größer und länger. Die kleine Banane hat etwas sehr Seltsames in ihrem Inneren: Schneidet man sie mit einem Messer an irgendeiner Stelle durch, findet man in der Banane ein Zeichen, das wie das Kruzifix aussieht. So sieht es jedenfalls aus.

 

In Brasilien gibt es sehr viel Pfeffer. Er wird grün genossen und brennt sehr stark. Im Wald wächst eine Vielzahl verschiedenartiger Früchte. Es soll Leute geben, die sich viele Tage hindurch ausschließlich von Früchten ernährt haben. In meiner Darstellung habe ich mich jedoch auf die besten Früchte Brasiliens beschränkt.

 

Kapitel 7: Vom Leben und von den Bräuchen der Indios

Die ungeheure Menge von primitiven Heiden, welche die Natur in diesem Land ausgesäht hat, läßt sich nicht beziffern, noch kann sich jemand auch nur eine annähernde Vorstellung von ihrer Zahl machen. Denn niemand ist in der Lage, die Wildnis zu durchdringen. Oder etwa über Land zu fahren, wo er ständig auf Siedlungen bewaffneter Indios träfe, die alle fremden Völker bekämpfen. Als Gott die Indios auf Erden so zahlreich erscheinen ließ, muß er ihnen wohl gestattet haben, daß Feindschaft, Haß und Zwietracht unter ihnen herrschen dürfen. Und schließlich, wäre es anders, könnten die Portugiesen in diesem Lande nicht überleben und besäßen nicht solche Macht.

 

In den Kapitanien entlang der Küste waren die Indios sehr zahlreich. Alles  war voll von ihnen, als die Portugiesen begannen, das Land zu besiedeln. Doch jene Indios waren aufsässig und verräterisch gegen die Portugiesen. Also haben die Gouverneure und Kapitäne sie nach und nach vertrieben oder auch getötet. Die Überlebenden flohen in den Sertão. So wurden die Küstengebiete der Kapitanien von Heiden befreit. Nur in der Nachbarschaft blieben ein paar Indiodörfer bestehen. Sie werden von friedlichen Indios bewohnt, den Freunden der Portugiesen.

 

Die Heiden an der Küste sprechen alle dieselbe Sprache. Es ist bemerkenswert, daß ihr drei Buchstaben fehlen: Das F, das L und das R. Demnach müssen ihnen die Worte Fé (Glaube), Lei (Gesetz) und Rei (König) unbekannt sein; was bedeutet, daß sie ohne Gesetz und Ordnung leben.

 

Die Indios leben in Dörfern von sieben oder acht Häusern. Diese Häuser sind wie Fischernetze geflochten und ziemlich lang. Sie sind voller Menschen, doch jeder von ihnen hat seinen angestammten Platz und sein Netz, in dem er schläft. Die Hausbewohner leben alle nach einer bestimmten Ordnung zusammen. Durch die Mitte der Behausung führt ein Weg, den sie alle benutzen.

 

Sie ziehen ihre Kinder völlig falsch auf, ohne je zu strafen. Sie säugen die Kinder bis zum Alter von sieben, acht Jahren, sofern die Mütter in der Zeit nicht erneut niederkommen und also andere Kinder säugen müssen. Sie üben keinerlei künstlerische Tätigkeit aus. Ihr einziges Tun besteht darin, gemeinsam das zu beschaffen, was sie zum Leben brauchen.

 

Die Kinder stehen unter der Obhut der Eltern, bis sie in der Lage sind, ihr Leben selbständig zu führen. Sie haben keine Erbschaften oder Pfründen zu erwarten, wovon sie reich werden könnten. Die einzige Gabe ist ihre Erschaffung. Doch darin war die Natur universell, denn dies trifft ebenso auf andere Tiere zu, die nicht vernunftbegabt sind.

 

Ihre gesamte Lebensführung und die Art und Weise, wie sie das Lebensnotwendige beschaffen, sind mit sehr wenig Arbeit verbunden. Das ganze Leben verläuft viel geruhsamer als das unsere. Sie besitzen keine Landgüter, sie streben auch nicht danach, dergleichen zu besitzen, wie andere Menschen dies tun. So leben sie frei von jeder Gier nach Reichtümern, wie es unter anderen Völkern üblich ist. Weder Gold noch Silber oder Edelsteine haben für sie einen Wert. Für sich brauchen sie diese Dinge nicht.

 

Wie ich bereits erklärte, haben Indios keinen König und kein Gesetz. Allerdings hat jedes Dorf einen Häuptling. Ihm folgen alle anderen freiwillig und ohne Gewalt, wie einem Kapitän. Stirbt dieser Häuptling, tritt sein Sohn an seine Stelle.

 

Der Häuptling führt sein Dorf im Krieg und er ist ihm Ratgeber bei Streitigkeiten. Er geht niemals so weit, seine Leute für ihre Fehler zu bestrafen oder ihrem Willen etwas aufzuzwingen.

 

Ein Häuptling hat drei bis vier Frauen. Die erste Frau genießt mehr Zuwendung als die übrigen. Der Stand eines Häuptlings ermächtigt ihn als einzigen, so viele Frauen zu haben. Zugleich handelt es sich um einen Akt der Ehrerbietung.

 

Die Indios beten nichts und niemanden an. Im anderen Leben wird also den Guten nicht gehuldigt, und die Bösen werden nicht bestraft. Vielmehr meinen die Indios, daß alles in dieser Welt zu Ende geht und daß die Seele mit dem Körper stirbt. Mithin führen diese Indios ein tierisches Dasein, weswegen ihnen Zahlen, Gewichte und Maße unbekannt sind.

 

Indios sind überaus kriegerisch. Immerzu führen sie Kriege gegeneinander. Zwischen ihnen herrscht niemals Frieden, und Freundschaft scheint zwischen ihnen unmöglich. Ein Volk kämpft gegen das andere, und viele Menschen lassen dabei ihr Leben. Der Haß aufeinander wird ständig größer, woraus eine ewige Feindschaft erwächst.

 

Die Waffen der Indios sind Pfeil und Bogen. Sie treffen damit jedes gewünschte Ziel. Für ihren sicheren Umgang mit dieser Waffe werden sie im Krieg gefürchtet. Sie pflegen sich gut auf die Kämpfe vorzubereiten. Indios sind immer zu kriegerischen Auseinandersetzungen bereit. Sie sind tapfer und wagemutig. Es ist schon ein merkwürdiger Anblick, zwei- oder dreitausend nackte Männer einander gegenüber zu sehen, wie sie pfeifend und brüllend Pfeile aufeinander abschießen. Während des Kampfes befinden sich die Körper der Indios keinen Moment in Ruhe. Sie springen leichtfüßig von einer Stelle zur anderen, damit niemand auf sie zielen oder sie gar treffen kann. Inmitten dieses Getümmels kriechen alte Weiber am Boden herum. Sie klauben für die kämpfenden Männer die Pfeile auf.

 

Indios sind sehr waghalsige Leute. Sie fürchten den Tod nicht. Wenn sie in den Krieg ziehen, gebärden sie sich siegessicher und fühlen sich unsterblich. Sie sprechen nur davon, daß sie die anderen besiegen würden. Sie denken offenbar nicht darüber nach, daß auch sie selbst getötet werden könnten.

 

Ihre Gefangenen kommen nicht mit dem Leben davon. Sie werden samt und sonders geschlachtet und verspeist. Kriege sind hier also eine ganz gefährliche Sache. Man muß auf der Hut sein und darf die Kriege der Indios nicht geringschätzen. Wie es so viele Portugiesen getan haben, die darauf ein armseliges Ende nahmen. Sie waren unvorsichtig. Und dabei ist so etwas häufig genug vorgekommen. Portugiesen wie Indios werden, sofern sie dem Tode entrinnen, als Gefangene in die Dörfer der jeweiligen Sieger verschleppt. Dort angekommen, schlingen die Indios ihrem Gefangenen ein dickes Seil um den Hals, damit er nicht flieht. Sie geben ihm ein Netz, dazu das schönste und tugendhafteste Indiomädchen des ganzen Dorfes, damit es bei ihm schlafe und auf ihn Acht gebe. Er geht keinen Schritt, ohne daß sie ihm folgt. Sie verwöhnt ihn mit Speisen un Getränken. Wenn der Gefangene nach ihrem Gutdünken fünf, sechs oder mehr Monate auf diese Weise verbracht hat, beschließen die Indios seinen Tod. Dann finden große Feste und Zeremonien statt.

 

Um sich zu berauschen, setzen sie große Mengen ihres Weines an. Sie brauen dieses Getränk aus den Wurzeln einer Pflanze, die sie Aypim (Maniok - d.Ü.) nennen. Zuerst werden die Wurzeln gekocht, anschließend von ein paar jungfräulichen Indiomädchen zerkaut und in große Töpfe gespuckt. Nach drei bis vier Tagen wird dieser Wein getrunken. Am Morgen des Tages, an dem der Gefangene getötet werden soll, wird dieser unter viel Gesang und Gejohle zum Baden geführt, sofern ein Fluß in der Nähe ist. Ins Dorf zurückgekehrt, binden sie dem Gefangenen vier Seile um die Hüfte, davon zeigt jedes in eine andere Richtung. Drei bis vier Indios packen jeweils eines der Enden und bringen den Gefangenen an die ausersehene Stelle. Sie ziehen dabei so heftig an den Seilen, daß der Gefangene sich nicht mehr rühren kann. Nur seine Hände bleiben frei, denn es ergötzt sie, mit anzusehen, wie er sich damit zu verteidigen sucht.

 

Ein Indio hüllt sich dann in bunte Papageienfedern, die seinen ganzen Körper bedecken. Er wird von den anderen wegen seiner besonderen Tapferkeit am meisten verehrt und daher als Henker auserkoren. In seiner Hand hält er ein Schwert aus besonders hartem und schwerem Holz. Damit wird er den Gefangenen umbringen. Zuerst nähert er sich dem Verurteilten. Er redet auf ihn ein. Er droht ihm. Er droht auch der Sippe des Gefangenen damit, daß ihr Gleiches widerfahren werde. Er spricht Beleidigungen und Schimpfworte. Schließlich führt einen gewaltigen Schlag gegen den Kopf seines Opfers. Der Gefangene ist auf der Stelle tot und wird gleich darauf in Stücke zerlegt. Ein altes Indioweib hält sich mit einer Kalebasse bereit, um sie unter den Kopf zu schieben und Hirn und Blut darin aufzufangen, sobald der Tote umgesunken ist. Von dem Toten bleibt nichts übrig, das sie nicht kochen, braten und verzehren. Sie tun das alles nicht, um sich zu sättigen, sondern aus dem Gefühl der Rache und des Hasses heraus. Haben die einen Indios das Fleisch eines Gefangenen aufgegessen, fühlen sich wiederum ihre Gegner in ihrem Haß bestätigt und vergeben diese Schmach nicht. Sie rächen sich auf gleiche Weise, und es geht so immer weiter.

 

Ist jenes Mädchen schwanger, das bei dem Gefangenen bleiben sollte, wird das Kind nach der Geburt getötet und gegessen. Die Indios sind sich sicher, daß dieses Kind, ob Junge oder Mädchen, ihr Feind ist. Sie schätzen es daher besonders, sein Fleisch zu essen und Rache zu üben. Die Mutter kennt das schicksalhafte Ende ihres Kindes. So kommt es vor, daß sie selbst ihr Kind in ihrem Leib tötet, sobald sie sich schwanger fühlt. Gelegentlich gewinnen diese Mädchen den Gefangenen so sehr lieb, daß sie mit ihm zu seinem Volk fliehen, um ihn vor dem Tode zu bewahren. Auf diese Weise entkamen auch einige Portugiesen, die noch heute am Leben sind. Und auch vielen Indios gelingt so die Flucht.

 

Dennoch gibt es auch Indios, die von so hartem Holz sind, daß sie nicht aus der Gefangenschaft fliehen wollen. Es geschah, daß so ein Todgeweihter bereits auf dem Platz gefesselt stand, als man beschloß, ihm das Leben lassen. Doch er war entschlossen, sich töten zu lassen. Er erklärte, seine Familie würde ihn sonst einen Feigling schimpfen und verstoßen. Das mag der Grund sein, weshalb sie den Tod nicht fürchten. Wenn ihr letztes Stündlein geschlagen hat, zeigen sie keinerlei Trauer über diese Tatsache.

 

Insgesamt sind diese Indios unmenschlich und grausam. Sie kennen kein Erbarmen. Sie leben wie wilde Tiere, ohne Ordnung und Solidarität, wie sie uns Menschen eigen sind. Sie sind unehrlich, wollüstig und lasterhaft, als ob sie keinen Menschenverstand besäßen. Doch wenn Mann und Frau zusammenkommen, lassen sie einige Obacht walten und zeigen doch etwas  Schamgefühl.

 

Alle Indios essen Menschenfleisch und halten es für den allerbesten Leckerbissen. Doch sie äßen niemals das Fleisch ihrer Freunde, mit denen sie in Frieden leben. Und noch eine Eigenart haben sie: Wann immer sie irgend etwas essen, und mag es noch so wenig sein, laden sie immer alle anderen dazu ein. Übrigens essen die Indios alle Tiere, die es hier gibt. Bei keinem Tier zeigen sie Widerwillen, es zu verzehren, selbst wenn es giftig ist. Nur Spinnen mögen sie nicht.

 

Hier gibt es einige Indiofrauen, die Keuschheit geloben und nicht heiraten. Unter keinen Umständen würden sie die Bekanntschaft mit einem Manne suchen, selbst wenn sie das mit dem Leben bezahlen müßten. Sie verrichten keine der Tätigkeiten, die den Frauen vorbehalten sind. Sie imitieren die Männer und gehen deren Handwerk nach, so als wären sie keine Frauen. Selbst ihr Haar tragen sie wie die Männer, und wie sie ziehen sie mit Pfeil und Bogen in den Krieg und auf die Jagd. In allem schließen sie sich den Männern an. Jede von ihnen hat eine Frau, die ihr dient und ihr das Essen bereitet, so als ob sie verheiratet wären.

 

Die Indios führen ein sehr entspanntes Leben. Sie kümmern sich um nichts als um Essen, Trinken und den Tod ihrer Feinde. Deshalb sind sie auch so entsetzlich dick. Aus demselben Grund magern sie aber auch bei der kleinsten Ungelegenheit zusehends ab. Und weil sie beim geringsten Anlaß vor Wut Erde fressen, sterben viele von ihnen auf bestialische Weise.

 

Der Rat ihrer alten Weiber ist den Indios unumstößlich. Was immer diese Alten sagen, führen sie in dem Gefühl aus, es sei das einzig Richtige. Aus diesem Grund will keiner von unseren Leuten so eine alte Frau kaufen, denn die könnte ihnen ihre Sklaven zur Flucht überreden.

 

Wenn die Indiofrauen gebären, ist ihre erste Handlung danach ein Bad in einem Flüßchen. Anschließend sind sie wieder so gut beieinander, daß es den Anschein hat, als läge keine Geburt hinter ihnen. An ihrer Statt legen sich denn auch die Männer in die Netze. Und die Frauen behandeln sie so, als würden sie, die Männer, eine Geburt hinter sich gebracht haben.

 

Wenn ein Indio stirbt, wird er hockend in einer Grube beerdigt. Sein Netz, in dem er einst geschlafen, legen sie ihm um seine Schultern. Während der ersten Tage stellen sie ihm Speisen auf das Grab.

 

Noch viele andere Roheiten praktizieren die Indios, doch möchte ich sie hier nicht beschreiben. Denn es war nicht meine Absicht, alles ausführlich zu beschreiben, sondern das Gegenteil.

 

Kapitel 9: Von den Ländereien, die einige Männer der Kapitanie Porto Seguro erkundeten, und was sie dort fanden

Es war meine Absicht, in dieser Übersicht vor allem von den Dingen zu schreiben, die überall an der Küste von Brasilien zu finden sind und allen Bewohnern des Landes zugute kommen. Es scheint mir aber unerläßlich, zum Ruhme dieses Landes in diesem Kapitel etwas über die Metallreichtümer zu sagen, von denen man meint, daß es sie im Landesinnern gibt. Daß es sie gibt, bestätigten Personen, die selbst  Metalle gefunden, begutachtet und geprüft haben. Wie das geschah, soll im folgenden beschrieben werden:

 

Eines Tages kamen einige Indios aus dem Sertão in die Kapitanie von Porto Seguro. Sie verbreiteten die Nachricht, daß es viele Leguas entfernt im Landesinneren grüne Steine gäbe. Einige davon hatten sie mitgebracht. Es waren Smaragde, wenngleich nicht besonders wertvolle. Die Indios behaupteten, es gäbe davon viele in einem Bergland, von dem sie erzählten, es sei wunderschön und funkele.

 

Die Bewohner der Kapitanie berieten über diese Berichte, was davon zu halten sei. Schließlich brachen fünfzig oder sechzig Portugiesen mit einigen Indios auf und zogen landeinwärts durch den Sertão zu jenem Bergland, wo die Steine zu finden waren. Hauptmann der Truppe war ein gewisser Martim Carvalho, er ist heute Einwohner von Bahia de Todos os Santos. Er führte sie etwa zweihundertzwanzig Leguas ins Landesinnere hinein. Doch die meisten Berge, die sie fanden und untersuchten, waren nur aus sehr feinem Kristallgestein und äußerst unwegsam. Es gab darunter Berge mit bläulicher Erde. Es heißt, dies sei ein Zeichen für Goldvorkommen.

 

Als die Männer zwischen zwei solchen Bergen hindurchliefen, stießen sie auf einen kleinen Fluß, der vom Hang des einen der zwei Berge herabfloß. Darin fanden sie im Sand kleine gelbe Körner. Einige Männer testeten sie mit ihren Zähnen. Sie waren weich und zerbröckelten nicht. Alle ware sich einig, daß es sich nur um Gold und kein anderes Metall handeln könne, denn auch anderswo hat man Gold auf diese Weise gefunden. Sie sammelten etwa eine Handvoll dieser Körner. Sie suchten die schwersten heraus, was ebenfalls als Beweis gelten mag, daß es sich um Gold gehandelt haben muß.

 

Weitere Nachforschungen haben jene Männer nicht betreiben können, da sie sich inmitten einer Wüste befanden und sie seit vielen Tagen Hunger litten. Sie ernährten sich nur noch von Gräsern und Schlangen, die sie ab und an erlegen konnten. So zogen sie weiter, jedoch nicht ohne den Entschluß gefaßt zu haben, mit Nahrungsmitteln versorgt an jenen Ort zurückzukehren, um den Berg mit dem Flüßchen gründlich nach Gold abzusuchen.

 

Die Wälder, durch die sie zogen, waren voll von Röhrenkassien, und auf ihrem weiteren Weg fanden die Männer noch viele andere Metalle. Doch schließlich konnten sie nicht länger verweilen, denn die Indios machten ihnen Schwierigkeiten. Einige Indios erklärten ihnen, daß sie noch hundert Leguas von den Bergen der grünen Steine, ihrem eigentlichen Ziel, entfernt waren und daß es von dort bis Peru nicht mehr weit sei.

 

Aus Furcht vor Feinden und wegen der Kranken, traten sie in Baumrindenbooten die Rückfahrt auf dem Cricaré an. Doch an einer Stromschnelle ging eines der Kanus verloren. Es war jenes, auf dem sich die Goldproben befanden. Die Männer waren acht Monate unterwegs. Allen Gefahren entronnen, kehrten sie niedergeschlagen nach Porto Seguro zurück. Sie schwören jedoch darauf, ihre Funde seien Hinweis darauf, daß dort sehr viel Gold zu finden sein müsse. Es bräuchte sich nur eine Gruppe mit allem Notwendigen dorthin aufmachen. Würden sich diesem Unternehmen kundige Männer anschließen, könnten in diesem Land große Minen entdeckt werden.

 

Ein weiterer, offenbar sehr einflußreicher portugiesischer Adliger und Herr über ein "Engenho" war Gabriel Soares de Sousa. Er kam 1569 mit einer Flotte, die nach Moçambique sollte, um dort das Monomotapa-Reich zu erobern. Soares de Sousa blieb in Bahia. Sein Bruder João Coelho de Sousa war ein bekannter "Bandeirante", der mehrere Expeditionen ins Landesinnere angeführt hatte. In seinem Testament vermachte er seinem Bruder 1582 eine Wegbeschreibung zu den Minen, die er gefunden zu haben meinte. Gabriel Soares rüstete sich seinerseits, wußte aber, daß er zur Ausstattung einer "Bandeira" - also einer Expedition - umfangreiche Unterstützung aus der Metropole brauchte. 1584 schiffte er sich ein, verbrachte einige Zeit in Lissabon und begab sich 1587 nach Madrid, um sein Anliegen vor Philipp II. von Spanien zu bringen.

 

(Portugal war wie oben erwähnt 1580, nachdem es mit dem Tod von König Sebastião keinen Tronfolger mehr hatte, an Spanien gefallen. Durch wechselseitige Verheiratungen zwischen beiden Königshäusern über Generationen hinweg, hatte praktisch die spanische Krone den Erbanspruch auf Portugal. Dieser Zustand der verlorenen Unabhängigkeit sollte bis 1640 anhalten, bis sich Portugal durch einen Aufstand von der spanischen Vorherrschaft befreite.)

 

Drei Jahre mußte Gabriel Soares warten, bis er schließlich 1590 von Philipp II. zum Chef des Expeditionszuges ins Innere Brasiliens ernannt wurde und die erhofften Mittel und Hilfskräfte bewilligt bekam. Darunter waren etwa fünfzig Zentner Rohbaumwolle als Polsterung für Schutzwesten gegen vergiftete Indianerpfeile. Auf Kosten der Krone setzten 360 Waffenknechte und vier Karmelitermönche nach Brasilien über und zogen später von Gabriel Soares' Zuckersiederei los. Auf dem Wege starb er 1592, worauf das ganze Unternehmen abgebrochen wurde.

 

In den ca. 15 Jahren, die Gabriel Soares de Sousa in Brasilien verbracht hatte, sammelte er aus natürlicher Neugier Informationen über Land und Leute und brachte diese zu Papier. Daraus entstand eine Sammlung, die als die umfassendste für das Brasilien des 16. Jahrhunderts gilt und vielleicht auch des 17. und 18. Jahrhunderts gelten kann. Gabriel Soares beschreibt die Küstenlandschaft vom Amazonas im Norden bis hinunter ins heutige Argentinien, er beschreibt Leben und Bräuche der verschiedenen Indianerstämme und gibt ein Bild vom Reichtum der Flora und Fauna. Schließlich folgt ein kurzer Abriß der Geschichte der Kolonie (in: Gabriel Soares de Sousa, Tratado descritivo do Brasil em 1587, S. Paulo, 1971):

 

Großartiges Bahia

Kapitel 38, das von Maniokwurzeln handelt und davon, wozu sie gut sind

 

Maniokwurzeln werden von Kühen, Stuten, Schafen, Ziegen, Schweinen und wild lebenden Tieren gefressen. Sie alle nehmen zu, wenn sie die Wurzel roh fressen. Essen jedoch Indios von dieser Wurzel, sterben sie, selbst wenn sie sie braten, denn die Wurzeln sind sehr giftig.

 

Damit Indios und andere Menschen sie sich zunutze machen können, schaben sie die geerntete Wurzel, bis sie weiß wird. Das tun sie mit Austernschalen. Nach dem Waschen zerreiben die Indios die Wurzel auf einem Stein, den sie nur dafür besitzen. Die zerriebene Masse wird in eine Vorrichtung aus Palmfasern gepreßt, die sie Tapeti nennen. Der entstehende Saft fließt ganz und gar heraus, so daß die Masse trocken wird. Aus der Masse wird ein Mehl hergestellt, das sie essen. Dazu wird die Masse in einer flachen Schale über dem Feuer erhitzt. Eine Indiofrau rührt die Masse mit einer Kalebasse um, bis sie keine Feuchtigkeit mehr enthält, also trocken ist. Dann erinnert sie an Kuskus, ist aber eher weiß. Ißt man Maniok auf diese Art, ist er süß und sehr appetitlich. Aus der Masse fertigen die Indios Waffeln, die sie Beiju nennen. Die Masse wird in der Schale verteilt und über dem Feuer zu hauchdünnen Waffeln gebraten (...).

 

Diese Beiju sind äußerst schmackhaft, gesund und der Verdauung sehr förderlich. Sie sind das Hauptnahrungsmitel der besseren Leute und wurden von den portugiesischen Frauen erfunden. Die Wilden verstanden nicht, sie zu fertigen. Sie machen aus dieser Masse Tapiocas. Die sind dick und weich wie Pfannkuchen. Sie werden in den gleichen flachen Schalen hergestellt wie die Beiju. Doch sind sie der Verdauung nicht so förderlich und längst nicht so gesund. Sie sollten heiß gegessen werden. In Milch sind sie recht angenehm und mit weißem Zucker auch.

 

Kapitel 39, in dem beschrieben wird, wie giftig der Saft der Maniokwurzel ist

 

Zuerst soll die Fremdartigkeit des Saftes der Maniokwurzel erläutert werden, der entsteht, wenn die Maniokmasse ausgepreßt wird. Hier entsteht das fürchterlichste Gift, das man sich hier in Brasilien vorstellen kann. Wer davon trinken möchte, wird nicht entrinnen, soviel Gegengift er auch schlucken mag. Wenn ein Huhn auch nur den Schnabel hineintaucht und einen Tropfen davon schluckt, fällt es sofort tot um. Das passiert auch bei Enten, Truthähnen, Papageien und allen anderen Vögeln. Sollten Schweine, Ziegen oder Schafe davon trinken, drehen sie sich erst drei oder viermal im Kreise, bevor sie tot umfallen. Ihr Fleisch sieht sofort schwarz und ekelerregend aus. Das gleiche passiert mit jedem Vieh, das den Saft trinkt.

 

Deshalb preßt man den Maniok über bedeckten Gruben aus, um ihn zu entgiften. Oder man tut es an Orten, wo er Kindern nicht gefährlich werden kann. Wenn das Vieh jedoch vom Maniok frißt, bevor dieser gepreßt wurde, wird es fett davon und er bekommt ihm.

 

Folgendes hat es mit dem Saft auf sich: Tut man irgendeinen rostigen Gegenstand hinein, ein Schwert, einen Brustpanzer, ein Gewehr oder etwas anderes, ist der Rost nach vierundzwanzig Stunden verschwunden. Die Dinge glänzen, als seien sie eben geschliffen worden. Einige Leute machen sich das zunutze, um bestimmte Teile der Waffen, die vom Schleifstein angegriffen würden, vom Rost zu befreien.

 

An Stellen, wo häufig Maniok ausgepreßt wird, bilden sich in der angesammelten Flüssigkeit weiße Tiere, die fetten Würmern ähneln. Sie sind besonders giftig. Mit ihrer Hilfe haben schon viele Indiofrauen ihren Gatten oder Herren ins Jenseits befördert. Bei jeder beliebigen Person wirken sie tödlich, und auch ein paar weiße Frauen haben sich dieser Wirkung bereits bedient, um sich ihrer Ehemänner zu entledigen. Es genügt, eines dieser Tiere ins Essen zu werfen. Wer die Speise anrührt, entgeht dem Tode nicht. Es wirkt kein Gegengift. Der Tod tritt nicht wie bei der Flüssigkeit sofort ein. Das Übel wird erst erkennbar, wenn Abhilfe nicht mehr möglich ist.

         

Kapitel 40, das vom Maniokmehl handelt

 

Das frische Mehl ist das beliebteste und gesündeste Nahrungsmittel, das sich aus Maniok herstellen läßt. Erst werden die Wurzeln eingelegt, um sie zu entgiften. So verfahren die Wilden. Die Portugiesen stellen kein Mehl aus rohem Maniok her, nur im Notfall.

 

Die Indiofrauen werfen die Wurzeln in fließendes, gegebenenfalls auch stehendes Wasser, sofern kein Fluß in der Nähe ist. Sie lassen die Wurzeln so lange ziehen, bis sich die Schale löst. Dann sind sie entgiftet. Der Vorgang wird von der Indiofrau beliebig wiederholt. Die Wurzeln bar der Schale sehen ganz hell aus, sind weich und nicht mehr giftig. Das Gift ist ins Wasser gezogen.

 

Anschließend werden die Wurzeln gebraten und sind dann sehr schmackhaft. Will man nun Mehl aus diesen Wurzeln herstellen, muß man sie zuerst waschen, danach zerkleinern und im Tapeti auspressen. Der Saft ist nun nicht mehr giftig. Darauf gibt man die Masse in ein Sieb, um die Kerne herauszuseihen. Das Durchgeseihte wird in einer flachen Schale aufgefangen, um es über dem Feuer zu trocknen und zu rösten. (...)

 

Die entgifteten Maniokwurzeln haben auf Eiterbeulen eine heilende Wirkung. Sie müssen zerkleinert, dürfen jedoch nicht ausgepreßt werden. Mit der Masse stellt man eine Kompresse her, die auf die Eiterbeule gelegt, selbige zum Platzen bringt, sofern man sie nicht selbst öffnen will.

 

Kapitel 41, das davon handelt, wozu der Carima-Maniok gut ist

 

Es ist bemerkenswert, daß ein Ding Gift und Gegengift zugleich sein kann. So ist das beim Maniok der Fall. Sein Saft ist sehr giftig, die getrocknete Wurzel wirkt als Gegengift. Sie heißt Carima und wird folgendermaßen hergestellt: Haben die Maniokwurzeln im Wasser gezogen, werden sie auf Stäbe gespießt, und man trocknet sie drei bis vier Handbreit über dem Feuer. Getrocknet sind sie von außerordentlicher Art und taugen zu den verschiedensten Dingen. In der Hauptsache jedoch verwendet man Carima als Gegengift bei Schlangenbissen, und bei Menschen, die giftige Tiere genossen haben. Es hilft auch Menschen, die nicht entgifteten Maniok gegessen haben, in der Annahme, es handle sich um andere, eßbare Wurzeln gleichen Aussehens mit Namen Aipim.

 

So wird Carima dargereicht. Die trockene Wurzel wird vom verbrannten Material befreit bis sie weiß ist, danach zerkleinert und gesiebt. Es entsteht ein feiner Puder, so fein wie Mehl. Rührt man etwas von diesem Mehl in kaltem Wasser an, ähnelt die Mischung unserer Mandelmilch. Der Vergiftete nimmt das Getränk zu sich und erbricht alles was er in sich hat. So verläßt das Gift den Körper wieder.

 

Carima wirkt aber auch gut bei verwurmten Kindern. Auch ihnen reicht man von besagtem Trunk, der dann alle Würmer abtötet. Beide Behandlungsarten sind reichlich erprobt, sowohl bei den Indios als auch bei den Portugiesen.

 

Wenn man aus dem Carima-Mehl einen Brei bereitet und diesen auf ältere Wunden aufbringt, wird alles faule Fleisch weggefressen und die Wunde sauber. (...)

 

Kapitel 42, darin erläutert wird, was Kriegsmehl ist und was aus Carima und anderem gemacht werden kann

 

Kriegsmehl sagt man, weil die Wilden in Brasilien dies in ihrer Sprache so benennen. Wenn sie nämlich beabsichtigen, gegen ihre einige Tagereisen entfernt lebenden Feine zu ziehen, statten sie sich mit diesem Mehl aus. Sie verpacken dieses Mehl in großen, lederartigen Blättern und machen Bündel daraus, die sie auf dem Rücken tragen. (...) Das Mehl wird dabei nicht naß, auch wenn das Bündel einmal in einen Fluß fallen sollte, oder wenn es noch so stark auf sie herunterregnet.

 

Um dieses Mehl herstellen zu können, muß man sehr viel Carima vorrätig haben. (...) Dann nimmt man eine Anzahl entgifteter Maniokwurzeln, zerreibt sie und preßt sie aus. Anschließend tut man etwas von der Masse in eine flache Schale auf dem Feuer und bestreut sie mit Carima-Mehl, bis sie gänzlich bedeckt ist davon. Nun wird alles umgerührt und nach und nach mehr Carima hineingestreut, bis das Ganze trockengeröstet ist. Dann nimmt man es vom Feuer.

 

Dieses Kriegsmehl gebrauchen auch Portugiesen, die keine eigenen Pflanzungen besitzen oder entfernt davon in der Stadt sind. Sie unterhalten damit ihre Bediensteten und Sklaven. Und in den Zuckersiedereien hat man es auch, um die Leute in Mangelzeiten ernähren zu können. Und die Schiffe, die aus Brasilien zu uns ins Königreich kommen, haben keinen anderen Proviant, um die Leute bis Portugal zu ernähren als Kriegsmehl. Ein Bahianischer Scheffel, das entspricht etwa zwei portugiesischen Scheffeln, reicht, um einen Seemann einen Monat zu ernähren. Außerdem ist das Kriegsmehl sehr gesund und appetitanregend. In Fleisch- oder Fischbrühe gegeben, ist es sehr mild und schmackhaft wie Kuskus. Als Proviant werden aber auch gern dicke, stark geröstete Beiju genommen, die ein Jahr und länger halten, ohne zu verderben, wie das Kriegsmehl. (...)

 

Kapitel 43, in dem die Qualitäten des Aipim beschrieben werden

 

Es gedeiht in diesem Land noch eine weitere Maniok-Art, die die Wilden Aipim nennen. Die Wurzeln sehen genauso wie Maniok-Wurzeln aus. Stiel und Blätter sind von der gleichen Art. (...) Nur die Indios sind in der Lage, anhand der Farbe des Stiels zwischen beiden zu unterscheiden, und nur wenigen Portugiesen gelingt dies. Die Aipim-Wurzeln sind schneeweiß. Roh verzehrt schmecken sie wie die rohen Kastanien in Spanien. Geröstet sind sie sehr süß und schmecken wie Röstkastanien und haben einen weiteren Vorteil; man kann sie gekocht verspeisen. Dann schmecken sie besonders gut. Auf die eine wie auf die andere Art, in jedem Falle wirken sie blähend, wie Kastanien. (...)

 

Die Indios bereiten aus gekochten Aipim den Wein für ihre Feste. Deshalb bauen sie Aipim mehr dafür an als für Essenszwecke.

 

Kapitel 57, darin die Eigenarten der noch nicht erwähnten Ananas aufgeführt werden

(...) Um die Ananas essen zu können, muß man sie erst sorgfältig schälen. Die Schale wirft man fort. (...) Wenn man sie anschließend in Scheiben schneidet, füllt sich der Teller sofort mit Saft. (...) Auch der Mund füllt sich einem beim Essen ganz mit Saft. (...) Die Ananas ist außerordentlich süß, und es gibt im ganzen Spanien keine Frucht, die sich in ihrem lieblichen Geschmack und Duft mit der Ananas messen könnte.

 

Die Ananas gedeiht in Feuchtigkeit und Hitze. Sie sollte nicht mit einer offenen Wunde in Kontakt kommen. Sollten die Ananas allerdings noch grün sein, kann man sie zur Heilung offener Wunden benutzen, weil ihr Saft jegliches Geschwür und alles faule Fleisch wegfrißt. Dazu benutzen sie vor allem die Wilden. Aber noch mehr. Die Schalen der Ananas werden benutzt, um Rost von Schwertern und Messern zu entfernen. Mit Hilfe der Schalen gelingt es auch, Flecken aus der Wäsche zu entfernen.

 

Aus dem Saft der fast reifen Ananas brauen die Indios einen Wein, an dem sie sich berauschen. Sie ernten die Ananas bevor sie völlig reif sind, damit sie mehr Säure enthalten. Alle Mestizen und auch viele Portugiesen sind große Anhänger dieses Weines.

 

Ananas werden aber auch zu Konserven verarbeitet, nachdem sie geschält sind. Sie sind auch dann noch äußerst wohlschmeckend, doch fehlt ihnen dann das Feuer der frischen Frucht. (…)

 

Der Jesuitenpater Fernão Cardim kam 1583 in der Funktion eines Visitators nach Brasilien, um die jesuitischen Gründungen in Brasilien zu inspizieren. Diese Reise ermöglichte es ihm, große Teile Brasiliens zu bereisen. Er blieb zunächst bis 1598 in Brasilien, kehrte für kurze Zeit nach Portugal zurück, um sich 1601 wieder nach Brasilien aufzumachen. Auf dem Wege wurde er durch den englischen Korsaren Francis Cook gefangengenommen und kam erst nach der Freilassung 1604 wieder nach Brasilien, wo er 1609 starb. Er beklagte in seinen Schriften den zum Teil parasitären Lebenswandel der Zuckerherren, während er die Eingeborenen moralisch für die besseren Menschen hielt. Die Indios in Brasilien, von 1584 (in: Fernão Cardim, Tratados da terra e gente do Brasil. II. Do princípio e origem dos índios do Brasil, Lisboa, 1881)

         

Wie Indios essen und trinken

 

Wilde essen ständig, bei Tag und bei Nacht, zu jeder Stunde, ja jederzeit. Wann immer sie etwas Eßbares haben, essen sie es und sparen sich nichts davon auf. Sie teilen alles mit ihren Freunden, selbst ihren Fisch teilen sie mit allen. Freigebigkeit ist für sie eine besondere Ehre. Sie sind also sehr um Ruhm und Ehre bemüht. Die schlimmste Beleidigung, die man ihnen antun kann, ist, sie knauserig zu nennen. Wenn sie nichts zu essen haben, leiden sie ganz fürchterlich unter Hunger und Durst.

 

Fleisch und Fisch essen sie niemals am selben Tag. Jedoch essen sie alle Sorten Fleisch, auch das von unsauberen Tieren, wie Schlangen, Fröschen, Mäusen und ähnlichem Getier. Sie essen auch alle möglichen Arten von Früchten, bis auf die giftigen.

 

Für gewöhnlich trinken sie nichts zum Essen. Erst nach dem Essen nehmen sie Wasser oder Wein zu sich, den sie aus verschiedenen Wurzeln oder Früchten herzustellen verstehen. Vom Weine trinken sie völlig zügellos, bis sie umfallen.

An bestimmten Feiertagen veranstalten sie große Feste. Dann trinken alle Indios zwei oder drei Tage lang, ohne etwas zu essen. Sie ziehen singend von Hütte zu Hütte, um alle an dem Fest teilhaben zu lassen. Jeder, den sie treffen, wird zum Trinken eingeladen. Es wird gefeiert, solange die Weinvorräte reichen. Sie lösen einander ab beim Tanzen und Musizieren. An diesen Tagen schlafen sie auch nicht. Trinken ist ihre einzige Beschäftigung, und im trunkenen Zustand richten sie jede Menge Unheil an. Sie brechen sich gegenseitig das Genick oder nehmen sich die Frauen anderer.

 

Vor dem Essen danken sie ihrem Gott. Sie waschen sich jedoch nicht die Hände. Dafür reinigen sie ihre Hände nach dem Essen an ihrem Haupthaar oder ihrem Körper oder an einem Stück Holz. Tische und Tischtücher kennen sie nicht. Sie essen auf dem Boden sitzend oder in der Hocke, mitunter essen sie auch in ihren Netzen liegend.

 

Mehlspeisen essen sie, indem sie sich Batzen davon in den Mund werfen. Die hier beschriebenen Besonderheiten beim Essen und Trinken sind die wohl auffälligsten, auf die ich mich hier beschränken möchte.

 

Wie sie ihre Kinder erziehen

 

Die Frauen gebären auf dem Boden. Der Vater oder eine andere Person, die der Mutter vertraut ist, wie etwa der Pate bei uns Christen, fangen das Kind auf. Der Vater zertrennt die Nabelschnur mit seinen Zähnen oder zwei Steinen, die er gegeneinander reibt. Dann legt er sich nieder und fastet, bis das Ende der Nabelschnur abfällt. Das dauert in der Regel acht Tage, jedenfalls endet sein Fasten nicht, solange der Nabel nicht abgefallen ist.

 

 Sobald er abgefallen ist, baut der Vater dem Kind Pfeil und Bogen, wenn es ein Knabe ist. An einem Ende des Netzes befestigt er die Waffen, während er am anderen Ende mehrere Kräuterbüschel aufgehängt. Diese sollen Feinde verkörpern, die der Sohn einmal gefangennehmen und aufessen wird. Am Ende dieser Zeremonie wird zur großen Freude aller Wein ausgeschenkt.

 

Inzwischen lieben und schätzen die Kinder die Patres, weil sie von ihnen erzogen werden und im Lesen, Schreiben, Rechnen, Singen und Instrumentspiel unterrichtet werden. Das alles sind Dinge, die ihnen sehr gefallen.

 

Wie sie ihre Gäste empfangen

 

Betritt ein Gast ihre Hütte, weinen sie zu seinen Ehren. Bald nach seinem Eintreten setzen sie ihn in ein Netz. Sitzt der Gast, kommen Frau, Töchter und gute Freundinnen ohne ein Wort zu sagen zu ihm, kauern sich gesenkten Hauptes in seiner Nähe hin und berühren ihn mit ihren Händen. Sofort heben sie an, lauthals zu weinen und ihre Tränen fließen reichlich.

 

In einer Art Sprechgesang berichten sie ihm von Begebenheiten, die sich seit seinem letzten Besuch zugetragen haben, von Dingen, die der Gast auf seinem Wege erlebt haben mochte oder die sie sich einfach nur ausdenken, es muß nur traurig genug sein, um  jammern und wehklagen zu können. Unterdessen spricht der Gast kein Wort. Haben die Frauen ein Weilchen geweint, beruhigen sich sich, trocknen ihre Tränen und benehmen sich so zurückhaltend, gelassen und heiter, daß man nicht meinen würde, sie hätten soeben noch geweint. Sie begrüßen nun den Gast, heißen ihn willkommen und bieten ihm zu Essen an. Erst nach dieser Zeremonie erzählt der Gast vom Anliegen seines Besuches.

 

Es kommt auch vor, daß Männer einander beweinen. Doch tun sie es in eher schwerwiegenden Fällen wie Tod oder Krieg. Es ist für die Wilden eine Frage der Ehre, jedermann bei sich aufzunehmen und zu beköstigen sowie die Gäste mit allem Notwendigen zu versorgen, wie mit Pfeil und Bogen, Vögeln, Federn oder anderen Dingen. Sie entsprechen jedem Wunsch, ohne eine Gegenleistung zu verlangen.

         

Von ihrer Angewohnheit, Rauch zu trinken

 

Die Wilden haben die Angewohnheit den Rauch des Potigma-Krautes zu trinken. Man nennt es auch "Heiliges Kraut". Sie trocknen es und formen aus einem Palmblatt eine Art Flöte, die einem Bambusrohr ähnelt und mit dem trockenen Kraut gefüllt wird. Die Spitze wird angezündet, und das dicke Ende wird in den Mund genommen. Sie saugen schließlich daran und trinken den Rauch.

 

Es ist dies ein Brauch, der als ein Zeichen hoher Aufmerksamkeit und Behaglichkeit verstanden wird. Sie liegen dabei in ihren Netzen, und es vergehen Tage und Nächte, in denen sie nichts anderes tun, als Rauch zu trinken.

Einigen bekommt das Kraut nicht. Es benebelt ihre Sinne und macht sie trunken. Anderen wiederum bekommt es gut und regt sie zum Reimen an.

 

Auch Frauen trinken Rauch. Doch sind es vornehmlich alte und kranke. Sie schreiben dem Kraut heilende Wirkung zu, insbesondere bei Asthma und bei Kopf- und Magenschmerzen. So kommt es, daß auch schon viele Portugiesen Rauch trinken. Doch bei ihnen ist es mehr Ausdruck von Laster und Faulheit. Sie ahmen die Indios bloß nach und vergeuden Tage und Nächte damit.

 

Wie sie ihre Felder bestellen und wie sie sich gegenseitig ihre Arbeiten vergelten

 

Dieses Volk hat kein Geld, mit dem es Dienste, die ihm geleistet werden, bezahlen könnten. Sie leben nach dem Prinzip der Gegenseitigkeit.

 

 Für Wein tun sie alles, was man von ihnen verlangt. Wenn sie also etwas zu tun haben, setzen sie zuerst einmal Wein an. Dann werden die Nachbarn oder auch das ganze Dorf benachrichtigt. Sie bitten, daß ihnen die anderen bei der Bestellung der Pflanzung helfen mögen, worauf sich alle bereitwillig einlassen. Sie arbeiten bis zehn Uhr auf dem Feld, kehren danach zu den Hütten zurück und beginnen mit dem Weintrinken. Konnte die Feldarbeit an einem Tage nicht beendet werden, setzen sie sogleich neuen Wein an. Am folgenden Tag arbeiten sie wieder bis zehn Uhr, so immer fort, bis sie fertig sind.

 

Diesen Umstand machen sich die klugen Weißen zunutze. Sie kennen die Indios gut und wissen, wozu diese für Wein imstande sind. Also lassen sie Wein ansetzen, rufen die Indios auf ihre Felder und Zuckerrohrplantagen. Der Wein ist ihr Zahlungsmittel.

 

Als Tauschobjekt benutzen die Indios für gewöhnlich weiße Kugeln aus der Schale der Stachelschnecke. Für mehrere Schnüre aus solchen Perlen tauschen sie sogar ihre Frauen ein. So erwerben die Weißen auch Sklaven, es sind Gefangene der Wilden, die ursprünglich zum Verzehr bestimmt waren.

         

Wie sie ihre Weiber behandeln und schützen

 

Die Indios behandeln ihre Frauen gut, sie schlagen sie nicht und streiten nicht mit ihnen. Allenfalls wenn sie Wein getrunken haben. Dann nämlich rächen sie sich an den Weibern für alles. Anschließend muß der Wein für dieses Vergehen herhalten. Und schon bald sind sie wieder friedlich miteinander. Solche Haßausbrüche dauern nie lange.

 

Männer und Frauen gehen immer gemeinsam. Begeben sie sich nach außerhalb, geht der Mann seiner Frau voran. Sie tun das, damit die Frau nicht in einen Hinterhalt gerät und Zeit hat, zu fliehen, während ihr Mann noch mit dem Gegner ringt. Kehren sie von der Pflanzung zurück, geht die Frau voran und der Mann hinterdrein, denn sollte etwas passieren, kann die Frau nach Hause flüchten, während der Mann den Feind oder andere Gefahren aufhält. Auf sicherem Gelände und im Dorf geht die Frau immer als Erste, denn die Männer sind sehr eifersüchtig und wollen sie stets im Blick haben.

 

Ihre Tänze und Gesänge

 

Auch wenn sie etwas schwermütig wirken, sind ihnen Spiel und Gesang doch nicht unbekannt. Besonders die Kinder haben viele hübsche Spiele. So ahmen sie Vögel nach und tun es so gekonnt und voller Freude, daß man nichts dagegen einwenden mag. Die Kinder sind fröhlich und zu Späßen aufgelegt, dennoch immer friedlich und ruhig. Niemals fallen Schimpfworte oder kommt es zu Bösartigkeiten. Auch ihren Eltern gegenüber werden sie nie unhöflich. Beim Spielen entzweien sich die Kinder nur selten wegen Nichtigkeiten. Und noch seltener prügeln sie sich.

 

Von klein auf lehren die Eltern ihre Kinder Tanz und Gesang. Ihre Tänze kennen jedoch nicht den Wechsel verschiedener Takte, sondern sie ergeben sich aus einem gleichförmigen Stampfen mit den Füßen. Die Kinder stehen dabei entweder auf einer Stelle oder sie bewegen sich im Kreise, wobei sie den Kopf, ja den ganzen Körper im Takt wiegen. Besonders ausgelassen tanzen sie zum Klang einer Rassel, die in ihrem Bau denen gleicht, die Kinder in Spanien benutzen. Dazu tanzen und singen sie alle zusammen, wobei sie eines nie ohne das andere tun.

 

Sie haben beim Tanzen eine Ordnung. Mitunter sind es hundert Männer, die in einer Reihe gemeinsam tanzen und singen. Wenn sie plötzlich wie auf einen Schlag  alle zusammen ihren Gesang unterbrechen, scheint es als seien sie zu einer einzigen Person verschmolzen.

 

Sänger, ob Mann oder Weib, genießen unter den Indios großes Ansehen. Haben sie unter ihren Gefangenen jemanden, der gut singt und sich aufs Reimen versteht, schenken sie ihm das Leben. Sie lassen ab vom Verzehr seiner Person.

 

Die Frauen tanzen zusammen mit den Männern. Dabei fuchteln sie mit Armen und Beinen. Sie treiben eine Art Mummenschanz. Ganz besonders dann, wenn sie allein tanzen. Beim Gesang lassen die Frauen ihre unterschiedlichen Stimmen zusammenklingen: Sopran, Alt und Tenor.

 

Von ihren Begräbnissen

 

Indios sind sehr liebevoll, besonders, wenn sie um ihre Toten trauern. Wenn ein Indio stirbt, stürzen sich seine Angehörigen auf den Sterbenden in seinem Netz. Sie tun es so schnell, daß sie mitunter den Betreffenden ersticken, noch ehe er richtig tot ist. Wenn sie glauben, jemand sei gestorben, legen sie sich zu ihm in sein Netz oder, weil der Platz dort begrenzt ist, auch auf den Boden. Es kommt vor, daß das Netz abstürzt, und es kann nur verwundern, daß sie nicht wie der Tote enden. Diese Stürze und die Trauer nehmen sie so sehr mit, daß einige daran sterben. All ihr Leid und ihren Kummer weinen sie laut hinaus, und ist der Tod bei Anbruch der Nacht eingetreten, weinen sie noch die ganze Nacht, daß es einen wundert, sie nicht müde werden zu sehen.

 

Bei derartigen Anlässen rufen sie Nachbarn und Verwandte herbei. Handelt es sich bei dem Toten um einen Häuptling, versammelt sich das ganze Dorf, um ihn zu beweinen. Doch sie haben auch ihren Stolz, und wollen sie einen Toten nicht beweinen, verfluchen sie ihn eben, weil er ihr Weinen nun einmal nicht verdient.

 

Der Leichnam wird gewaschen und hingebungsvoll bemalt, wobei sie die Farben ihrer Feinde benutzen. Dann bedecken sie ihn mit Baumwollfasern, bis nichts mehr von ihm zu erkennen ist. Sein Gesicht bedecken sie mit einer Kalebasse. Sie setzen ihn in ein großes Gefäß, das zu diesem Zwecke in die Erde eingelassen wird. Das Gefäß wird verschlossen, damit keine Erde eindringen kann. Danach bedecken sie alles mit Erde und errichten darüber eine Hütte. Täglich bringen sie dem Toten Speisen, denn sie behaupten, er kehre zum Essen zurück, sobald er vom Tanzen müde sei.

 

In der ersten Zeit kommen seine Verwandten täglich, um ihn zu beweinen. Sie geben ihm seinen gesamten Schmuck bei, daß keiner ihn mehr sehen und darum wehklagen muß. Besaß der Verstorbene Gegenstände wie etwa ein Schwert, das ihm einst als Geschenk überreicht worden war, geht es an den Spender zurück. Denn es heißt, daß der Tote das Recht über seine Geschenke verliert.

 

Liegt der Tote unter der Erde, trauern seine Verwandten Tag und Nacht um ihn, indem sie einander ablösen. Sie essen dann nur bei Nacht und knüpfen ihre Netze neben dem Hüttendach auf. Ihre Trauer dauert einen ganzen Mond. Und ist die Trauerzeit vergangen, setzen sie Wein an, um den Schmerz vergessen zu machen. Die Männer scheren sich ihre Köpfe, und die Frauen malen sich zur Zierde schwarz an.

 

Nach Ablauf der Trauerzeit, beginnen die hinterbliebenen Männer und Frauen, einander den Hof zu machen. Es kommt jedoch auch vor, daß Frauen, deren Gefährten gestorben sind, nie wieder heiraten, zu keinem Fest mehr gehen und sich nie mehr schwarz anmalen. Das ist jedoch sehr selten, denn die Männer sind den Frauen sehr zugetan und können ohne sie nicht leben.

 

Von ihren Werkzeugen

 

Bevor sie die Portugiesen kannten, benutzten die Indios Werkzeuge und Instrumente aus Stein, Knochen, Holz, Bambusrohr und Tierzähnen. Mit Steinkeilen und Feuer rodeten sie ganze Wälder ab. Die Erde gruben sie mit angespitzten Hölzern um, die sie auch dazu benutzten, Pflöcke für ihre Unterlippen, weiße Kugeln aus dem Gehäuse der Stachelschnecke sowie Pfeile und Bogen herzustellen. Sie verstanden sich damals schon so gut darauf wie heute, da sie Eiseninstrumente zu ihrer Verfügung haben. Allerdings haben sie viel mehr Zeit benötigt, so etwas herzustellen. Das Eisen genießt daher großes Ansehen bei ihnen, denn sie können ihre Sachen nun sehr viel leichter herstellen. Das ist auch der Grund, weshalb sie den Kontakt zu den Weißen suchen.

         

Von ihren Waffen

 

Die Waffen dieser Wilden sind gemeinhin Pfeil und Bogen, die sie in Ehren halten. Sie stellen sie aus guten Hölzern mit großer Sorgfalt her. Mit verschiedenfarbigen Palmfasern umspinnen sie sie und färben die Sehnen grün oder rot ein. Auch die Pfeile sind gut gearbeitet, wofür sie die schönsten Federn aussuchen. Pfeile stellen sie aus verschiedenerlei Rohr her. An der Spitze werden scharfe Zähne von Tieren befestigt. Es gibt harte, besonders tückische Pfeile, sie sind aus Hartholz und haben Widerhaken. Es kommt auch vor, daß das Holz angespitzt ist und mit einem Widerhaken versehen wird. Und auch in Gift getauchte Pfeile haben sie. Es mag höhnisch klingen, doch diese Pfeile sind in der Tat grausame Waffen. Sie durchdringen Baumwollwamse und spalten jede Holzart. Es kommt sogar vor, daß sie durch einen Mann hindurchgehen und ihn einfach am Boden festnageln.

 

Schon von Kindesbeinen an üben sich die Wilden mit diesen Waffen. So werden sie zu sehr zielsicheren Bogenschützen, daß ihnen kein Vöglein oder sonst ein Tier des Waldes mehr entgeht, und sei es noch so klein. Ihr Bestreben ist es, den Vogel oder Menschen, auf den sie einen Pfeil abschießen, genau ins Auge zu treffen, oder irgendein anderes klitzekleines Ding mittendrin zu treffen. Sie sind deshalb und wegen ihrer Unerschrockenheit und Wildheit sehr gefürchtet.

 

Diese Indios sind wie die Tiere des Waldes. Sie ziehen jagend durch den Sertão, nackt und barfuß, ohne vor irgend etwas Angst zu haben. Sie kommen wie höhere Wesen, sie sind in der Lage, eine Sache über eine Legua Distanz wahrzunehmen; gleichermaßen vermögen sie zu hören. Sie orientieren sich an der Sonne und ziehen zwei-, dreihundert Leguas durch dichte Wälder, wohin sie wollen, und kommen doch immer am richtigen Punkt an. Sie laufen sehr viel und immer im Trab, auch mit Lasten. Kein Pferd würde sie einholen. Sie sind gute Fischer und gute Schwimmer und fürchten weder das Meer noch die Brandung. Und sie können einen ganzen Tag und noch eine Nacht schwimmend im Wasser zubringen. Und ebenso lange können sie ununterbrochen ein Boot rudern, ohne etwas zu essen.

 

Eine andere Waffe der Indios ist ihr Schwert aus Holz. Der Griff ist mit bunten Palmfasern umwoben und trägt einen farbenfrohen Federschmuck. Sie benutzen das Schwert bei ihren zeremoniellen Hinrichtungen. Es sind grausame Waffen, denn sie schneiden nicht, sie zerschmettern den Kopf des Opfers, ohne daß es Hoffnung auf Hilfe gäbe.

 

Am 1. Mai 1590 richtete Fernão Cardim einen Brief aus Bahia an den Provinzial der Jesuiten in Portugal (in: Revista do Instituto Histórico…, Bd. LXV):

 

Ich habe die große Freude, Ihnen, Verehrtester, in diesem Brief von unserer Reise und unserem Auftrage in der Provinz Brasilien zu erzählen. Ich habe vor, alles Wichtige von dem zu berichten, was uns auf der Reise dorthin und während unseres Aufenthaltes widerfuhr, auf daß Sie, Verehrtester, mehr von dieser Provinz erfahren. (...) Kaum daß Pater Christóvão de Gouvea von unserem General Claudio Aquaviva das Patent für den Besuch dieser Provinz erhalten hatte, wurden ihm Pater Fernão Cardim, Vorsteher des Kollegs zu Évora, und Bruder Barnabé Tello als Begleiter zugesellt.

 

Anfang Oktober des Jahres 82  hatten wir alle bereits fünf Monate zusammen in Lissabon ausgehalten, als der Gouverneur Manuel Telles Barreto mit Verspätung eintraf. Während dieser Zeit hatten wir uns mit Proviant ausgestattet, und Pater Rodrigo Freitas führte Verhandlungen in verschiedenen Angelegenheiten. Er sprach bei mehreren Bischöfen und Gelehrten wegen wichtiger Dinge vor, wie Gefangennahmen, Taufen und Ehen der Indios und Sklaven aus Guinea. Beschlüsse taten Not, denn die Christenheit hat sich seit ihrer Ankunft in Brasilien vermehrt und Früchte getragen. Auch besprach er sich einige Male mit dem König, welcher ihm großzügig eine Schenkung von fünfhundert Cruzados für die Patres in den Indiodörfern überließ. Darüber hinaus gab er ihm Provision, damit Schmuck für unsere Kirchen in den Provinzen besorgt werden könne; Altarbekleidung, damastene Meßgewänder und andere Gerätschaften für den Altar. All das belief sich auf zwölftausend Cruzados. (...)

 

Als der Zeitpunkt unserer Abreise herangekommen war, schifften wir uns zusammen mit dem Herrn Gouverneur auf der "Chagas S. Francisco" ein, zu unserer Begleitung gehört eine riesige Flotte. Wir bewohnten großzügige Kajüten und waren mit dem Notwendigsten verproviantiert. (...)

 

Nachdem wir die Äquatorlinie überquert hatten, kamen starke Winde auf, die uns am 9. März 83 bis vor Bahia de Todos os Santos wehten. Zusammen mit den zehn Tagen in Madeira gerechnet waren wir sechsundsechzig Tage unterwegs gewesen. (...)

 

Bahia ist Residenzstadt. Sie ist Sitz des Hofes, außerdem des Bischofs, des Gouverneurs, des Obersten Richters und anderer Beamter Ihrer Majestät. Bahia liegt dreizehn Grad unterhalb der Äquatorlinie. Die Stadt an sich liegt nicht besonders schön, jedoch so hoch über dem Meer, daß sie einen herrlichen Blick über Land und Meer gewährt. Die Hafeneinfahrt ist beinahe drei Leguas breit. Sie ist Durchfahrt zu einer Bucht, in der mehrere kleine Inseln liegen. Die gesamte Küste dieser Bucht mißt vierzig Leguas.

 

Das Land bringt Lebensmittel im Überfluß hervor, wie etwa Fleisch, das es von Kühen, Schweinen, Hühnern, Schafen und anderen Haustieren gibt. Rund um Bahia liegen sechsunddreißig Zuckersiedereien, wo der beste Zucker im ganzen Umkreis hergestellt wird. Darüber hinaus bekommt man hier Hölzer der vielfältigsten Arten, sogar duftende und in unterschiedlichsten Farben, die alle sehr gefragt sind.

 

Die Stadt wird von insgesamt mehr als dreitausend Portugiesen bewohnt, daneben von achttausend christlichen Indios und drei- oder viertausend Guinea-Sklaven.

 

Die hiesigen Patres haben ein neues Kolleg gegründet, dessen Bau beinahe fertiggestellt ist. Es handelt sich um ein Geviert mit einer schönen Kapelle, einer Bibliothek und mehreren Zellen. Die meisten Fenster haben Blick auf das Meer. Das Gebäude besteht aus Stein und Austernkalk, einem Kalk, der dem Kalkstein in Portugal um nichts nachsteht. Die Zellen sind geräumig, sie haben Steinportale, und die Türen hat man mit Zedernholz verkleidet. Vom Fenster aus konnten wir weite Teile Bahias mit bloßem Auge erkunden. Von dort aus haben wir Fischschwärme und Wale beobachtet, und die Schiffe schienen uns zum Rufen nahe zu sein. (...)

 

Schon bald nach der Ankunft wollte unser Pater die Indiodörfer besuchen, um sich einen Eindruck zu machen. Zuerst zogen wir in das Dorf Espírito Santo, welches sieben Leguas von Bahia entfernt liegt. An die dreißig Indios begleiteten uns mit Pfeil und Bogen. Sie wollten dem Pater folgsam sein. Immer zwei von ihnen trugen im Wechsel mit anderen den Pater in einem Netz. Die übrigen Gefährten ritten zu Pferde. Die Tapyaras, die Eingeborenenpatres, gingen zu Fuß und knoteten die Schöße ihrer Kutten an ihren Gürteln fest. Sie liefen wie üblich barfuß.

 

In der ersten Nacht gab uns ein reicher, ehrbarer Mann Obdach, welcher der Gesellschaft Jesu sehr zugetan war. Wir verbrachten die Nacht auf einer seiner Fazendas, wo wir alle Arten Vögel und Wild beobachten konnten.

 

Unsere Indios halfen uns, die vielen reißenden und breiten Gewässer auf unserem Wege zu überwinden. Als ihnen in einem dieser Flüsse das Wasser bis zum Halse reichte, durchquerten ihn die Indios, indem sie den Pater in seinem Netz auf ihren Köpfen trugen. Unsere übrigen Gefährten durchquerten den Fluß zu Pferd, was dennoch ein gutes Stück Arbeit bedeutete. Bald darauf kamen wir zum Joanes, einem weiteren Fluß, welchen wir mit Hilfe eines Floßes überquerten. Dieses bestand aus unglaublich leichten Baumstämmen. Unser Pater Visitator saß auf dem Floß in einem Sattel, daß er nicht naß wurde. Die Indios schoben das Floß über den Fluß, wobei sie selbst schwammen. (...) Noch mehrere Flüsse haben wir mit diesem Floß überquert.

 

Zum Nachtmahl trafen wir auf einer Fazenda ein, welche im Besitz der Gesellschaft Jesu ist. Einer unserer Brüder bewirtete uns dort mit allerhand Speisen, mit viel Milch, Quark und Sahne, wir haben darüber sogar den Alentejo (in Portugal - d.Ü.) für einige Zeit vergessen.

 

Wir speisten unter einem Kaschubaum und erfrischten uns in seinem Schatten. An seinen Zweigen hingen unzählige Kaschufrüchte, die den Birnen gleichen und von roter oder gelber Farbe sind. Die Kerne wachsen bereits, noch ehe sich die Frucht entwickelt, denn sie hängen unmittelbar unter der Blüte. Die Früchte sind sehr schmackhaft und eine rechte Labsal in der Schwüle des Tages. Sie zerfließen geradezu im eigenen Saft. Auf der Wäsche aus Baumwolle oder Wolle hinterlassen sie leicht Flecken, die sich nicht mehr entfernen lassen. Aus Kaschukernen macht man hier Marzipan und andere Süßigkeiten, die sonst aus Mandeln bereitet werden. Die Kaschukerne sind viel besser als alle Nüsse, die in Portugal vorkommen. Der Baum spendet viel erfrischenden Schatten, ähnlich einer Kastanie. Er pflegt seine  Blätter abzuwerfen. In Brasilien stellt er damit eine Seltenheit dar, wo die Bäume sonst das ganze Jahr über grün und frisch sind, wie sie es in Portugal es nur im Frühling sind.

 

Die Nacht verbrachten wir im Hause eines reichen Mannes. Er hatte den Pater Visitator bereits erwartet. In Bahia gibt es wohl nur noch einen Mann, der reicher wäre als dieser. Ihm allein gehören sieben oder acht Leguas Küste. An seiner Küsten wird der beste Bernstein gefunden, der hier zu haben ist. In nur einem Jahr, und ohne daß er selbst etwas dafür hätte tun müssen, wurde jener Mann Besitzer von Bernsteinen, die einem Gegenwert von achttausend Cruzados entsprachen. Dazu besitzt er so viel Vieh, daß er seine Stückzahl selbst nicht einmal beziffern kann. (...)

 

Wir zogen weiter, zum Dorf São João, welches sieben Leguas weit entfernt lag. Unser Weg führte uns in Richtung zum Meer durch Savannen und Wüsten. Als  nur noch eine Legua zwischen uns und dem Dorf lagen, wurden wir von Indios empfangen. Von nun an trugen sie den Pater in seinem Netz, wobei sie einander abwechselten. Jedoch war der Weg nicht mehr sehr weit, so daß sie einander auf Schritt und Tritt abwechseln mußten, damit keiner übrig blieb, der den Pater nicht getragen hätte. Sie wußten sich bei all dem vor Freude kaum zu lassen, denn sie empfanden ihr Tun als eine besondere Ehre.

 

Wir wurden mit einem großen Fest empfangen. Und am darauffolgenden Sonntag taufte der Pater dreißig erwachsene Indios, andere wurden vor Gott getraut, und weitere hundertzwanzig erhielten die Kommunion. Wir feierten eine Messe und hörten die feierliche Predigt. Anschließend gab es reichlich zu Essen. Dieses Fest dauerte den ganzen Nachmittag, und während unserer Anwesenheit wurden wir vortrefflich bedient. (...)

 

In den Dörfern, die wir besuchten, gibt es Schulen, damit Lesen und Schreiben gelernt werden können. Die Patres unterweisen die Indiokinder in diesen Dingen. Die Fähigsten von ihnen bekommen auch Unterricht im Rechnen, Singen und Musizieren. All das nehmen diese Kinder leicht auf. Einige von ihnen beherrschen bereits das Flöten- , Gitarren- und Spinettspiel. Sie schätzen diese Dinge durchaus, wie auch das Orgelspiel zur Messe. Auf der Straße sprechen diese Indiokinder denn auch Portugiesisch, und man kann sie sogar christliche Lieder singen hören. (...)

 

Nachdem unser Pater die Dörfer kennengelernt hatte, beschloß er, einige Fazendas und Engenhos der Portugiesen aufzusuchen. Einige von ihnen hatten ihn darum ersucht. Die anderen wollte der Pater besuchen, um ihre Gemüter über die Gesellschaft Jesu zu beschwichtigen, denn einige gab es unter den Portugiesen, die unsere Gesellschaft kaum mit Wohlwollen betrachteten.

 

Wir brachen von S. João in Richtung Meer auf. Der Weg dorthin war eine Augenweide: Unzählige Blüten, gelbe, rote, violette, so viele Farben mischten sich da! Bei einem solchen Anblick preist man den Schöpfer! An unserem  Wege stand ein Baum, von dessen Zweigen viele Vogelnester an Fäden herabhingen, die wohl die Länge einer Elle hatten. Die Öffnungen befanden sich an der Unterseite der Nester, und die Vögel haben es so eingerichtet, daß sie nicht mit ansehen müssen, wie ihr Werk  vernichtet wird. Der Schöpfer hat die Vögel die Kunst des Nestbaus in dieser Art gelehrt, damit sie ihre Eier oder Jungen nicht den Schlangen zum Fraße vorsetzen.

 

Es ist ein Genuß, die Schönheit der Bucht und der vielen Meeresarme zu beschreiben, die drei und vier Leguas ins Land hineinreichen. Mächtige Flüsse ergießen sich vom Land ins Meer, darin gibt es Fische, Langusten, Tintenfische, Austern aller Art, Taschenkrebse und vieles andere im Überfluß. Wir fuhren auf dem Meer in einem Boot dieses Gutsbesitzers, das bestens ausgerüstet war. So passierten wir Flüsse und Meeresarme. Wir kamen an unvorstellbar großen Fazendas vorbei. Der Pater Visitator wurde allerorts geehrt und gut empfangen.(...)

 

Fast alle Fazendeiros haben auf ihrem Land eine kleine Wallfahrtskirche. Sie unterhalten für ihre Kirchen einen Kaplan, dem sie vierzig oder fünfzig Milreis bezahlen, und den sie bei sich im Hause essen lassen. (...)

 

An der Bucht liegen insgesamt sechsunddreißig Engenhos, und fast alle davon haben wir angesehen. Auch viele der schönen Fazendas haben wir besucht. Doch da war etwas, worüber ich mich während der gesamten Reise außerordentlich gewundert habe: Es schien überall die größte Selbstverständlichkeit zu sein, Gäste aufzunehmen. Gleich zu welcher Stunde des Tages oder der Nacht wir eintrafen, in kürzester Zeit bewirteten sie uns fünf Patres von der Gesellschaft Herz Jesu mit Essen. Alle möglichen Arten Fleisch wurden uns angeboten: Hühner, Truthähne, Enten, Spanferkel, Zicklein, alles aus eigener Zucht. Daneben bewirteten sie uns mit verschiedenen Sorten Fisch und Krebsen. Ihre Häuser scheinen daran nie Mangel zu haben, denn sie besitzen Sklaven, die für sie fischen gehen. Dieser Überfluß, in dem die Fazendeiros leben, läßt sie einem wie Grafen erscheinen.

 

Zurück zu den Zuckersiedereien. Eine jede von ihnen gleicht einem wunderbaren Mechanismus. Einige werden direkt von fließendem Wasser angetrieben, andere durch Becherwerke, die das Wasser heranführen. Diese Art von Engenhos arbeiten mit viel weniger Aufwand als solche, die durch Ochsen angetrieben werden. Sie arbeiten mit wesentlich größerem Aufwand und mahlen doch deutlich weniger Zuckerrohr. Dafür kann man sie das ganze Jahr über nutzen. Die mit Wasser betriebenen Engenhos leiden mitunter an der Trockenheit.

 

In jedem Engenho brennen für gewöhnlich sechs, acht oder mehr Feuer, die von Weißen unterhalten werden. Dazu kommen noch wenigstens sechzig Sklaven, die niedere Dienste verrichten. In vielen Engenhos arbeiten auch hundert bis zweihundert Guinea-Sklaven und Eingeborene. In den anderen braucht man etwa sechzig Ochsen, wobei immer zwölf von ihnen die Mühle bewegen.

 

Üblicherweise beginnt die Arbeit um Mitternacht und endet zwischen drei und vier Uhr am Nachmittag. Für einen Arbeitstag wird eine Bootsladung Brennholz benötigt, das sind etwa zwölf Fuhren. Am Ende hat man etwa sechzig bis siebzig Formen Zucker, also Weißzucker oder Braunzucker. Eine Form faßt mehr oder weniger eine halbe Arroba (1 Arroba = 15 kg - d.Ü.), wobei in Pernambuco auch große Formen verwendet werden, die eine ganze Arroba fassen.

 

Der Dienst auf dem Engenho ist unerträglich. Die Sklaven bewegen sich ständig im Laufschritt, weshalb viele von ihnen rasch sterben. Dieser Umstand fügt den Besitzern großen Schaden zu, und nicht selten verschulden sie sich infolgedessen. In jedem Engenho ist ein Verwalter, ein Zimmermann, ein Schmied und ein Siedemeister notwendig, sowie andere Fachleute, die den Zucker reinigen. Die Siedemeister sind die wahren Herren des Engenho, der Gewinn liegt in ihrer Hand. Deshalb werden sie von den Besitzern mit außerordentlicher Zuvorkommenheit behandelt. Sie essen im Herrenhaus und bekommen mehr als hundert Milreis im Jahr. Obwohl es sich dabei um gewaltige Ausgaben handelt, stehen die Einnahmen dem nicht nach. Sie sind im Gegenteil noch viel höher, denn ein Engenho produziert vier- bis fünftausend Arrobas im Jahr, die in Pernambuco wenigstens fünftausend Cruzados einbringen. Wird diese Menge im Königreich zugunsten der Engenho-Besitzer verkauft, bringt sie das Dreifache ein (in den ersten zehn Jahren zahlen sie nicht einmal Abgaben für den Zucker, den sie auf eigenes Risiko ins Königreich zum Verkauf schicken. Dann, nach Ablauf von zehn Jahren, zahlen sie eine Summe, die nicht einmal die Hälfte der sonst üblichen Abgaben beträgt).

 

Die Gewissensnot auf den Engenhos ist groß, und zahlreich sind die Sündenfälle. Beinahe alle leben in Unzucht, denn die Gelegenheiten dazu sind zahlreich. Jene kostbare Süßigkeit ist also, wenn sie zu uns gelangt, mit vielen Sünden behaftet. Groß ist die Geduld Gottes, der so viel Leid ertragen muß. (...)

 

Im Jahre 83 herrschte große Dürre in der Provinz, was eine seltene und ungewöhnliche Erscheinung ist, denn in diesem Land regnet es sonst ständig. Die mit Wasser betriebenen Engenhos konnten nicht arbeiten, die Zuckerrohr- und Maniokpflanzungen vertrockneten, und eine Hungersnot brach aus, besonders im Sertão von Pernambuco. In der Folge kamen vier- bis fünftausend vom Hunger gegeißelte Indios aus dem Sertão, um sich zu den Weißen zu flüchten. Nachdem die Dürre vorüber war, kehrten viele von ihnen in den Sert[Ovc1] ão zurück, bis auf jene, die in den Häusern ihrer weißen Herren bleiben wollten.

 

Darunter befand sich auch ein Häuptling, Mitaguaya genannt, der einen großen Namen unter den Indios des Sertão hatte. Er war ein berühmter Dolmetscher und Redner. In der Absicht, Christ zu werden, übergab er einen seiner Söhne an Pater Luiz da Grãa. Binnen kurzer Zeit sprach der Junge Portugiesisch und half bei der Messe. Er lernte lesen, schreiben und rechnen. Als Pater Visitator nach Pernambuco kam, suchte jener Mitiguaya den Pater mehrfach auf. Der Häuptling trug damastene Kleider mit goldenen Borten. Im Gürtel steckte ein Schwert. Er bat den Pater inständig, er möge sein Dorf besuchen und ihm Patres schicken, denn alle Bewohner wollten sich taufen lassen. Der Pater ließ ihn hoffen, daß er ihn demnächst besuchen werde. Darauf schlugen die Indios dem Pater auf der ersten Legua seines Weges einen Pfad durch die dichten Wälder und über hohe Berge. Als wir zu jenem Dorfe aufgebrochen waren, kamen uns die Indios bereits zwei Leguas vor dem Dorf entgegen. Um ihn unterzubringen, hatten die Indios dem Pater ein neues Haus gebaut. Da jener Ort jedoch wegen feindlicher Indios gefährlich war, riet Pater Luiz da Grãa davon ab, dort zu übernachten. Doch der Pater Visitator schlief dennoch eine Nacht lang dort, um den Indios für ihre Fürsorge zu danken. Er wollte sie nicht traurig stimmen, sondern sie beflügeln.

 

Sie gaben uns von ihrem kärglichen Nachtmahl: Dörrfisch, Bataten, frischen Fisch aus dem Fluß und Sprossen der Bananenblüte sowie andere Früchte dieses Landes. Der Pater bewirtete sie dagegen mit Dingen aus Portugal. Am Abend hielten die Indios feierlich Rat an einem großen Feuer vor unserer Hütte. Alle alten Häuptlinge und Dolmetscher saßen dort nackend auf Baumstämmen beieinander. (...) Einstimmig beschlossen sie, allen Anordnungen des Paters zu folgen, um zu unserem Glauben finden zu können. (...) Der Häuptling Mitaguaya und ein weiterer großer Häuptling begaben sich auf Anraten des Paters an einen Ort, an dem sie gemeinsam ein Dorf gründeten. Die Kirche ist bereits errichtet. Dort ist inzwischen ein sprachkundiger Pater mit einem Gefährten, die darüber wachen, daß die Kirche fertiggestellt wird. Sie haben damit begonnen, die Dinge des Glaubens zu lehren. In jenem Ort leben über achthundert Seelen, die sich taufen lassen wollen. Es bleibt zu hoffen, daß große Scharen Indios vom Rufe dieser Kirche angezogen werden. (...)

 

Die Leute dieses Landes sind sehr ehrbar. Einige Männer sind fünfzig-, sechzig- oder gar achtzigtausend Cruzados schwer. Einige von ihnen mußten große Verluste hinnehmen, weil ihnen viele Guinea-Sklaven infolge des heftigen Verschleißes gestorben waren. Die Frauen und Kinder dieser Herren gehen in Samt, Damast und Seide gekleidet, bei ihrer Garderobe treiben sie großen Aufwand. Die Frauen haben ein herrisches Auftreten und sind nicht im geringsten unterwürfig, doch gehen sie regelmäßig zu den Messen, Predigten und Beichten. Die Männer sind sehr geltungsbedürftig, so daß sie spanische Hengste für zwei- bis dreihundert Cruzados kaufen. Manche halten davon drei bis vier Stück. Festgelagen sind sie außerdem sehr zugetan. Als ein ehrenwertes Mädchen mit einem Mann aus Viana do Castelo (Stadt im Norden Portugals - d.Ü.), also einem der wichtigsten Männer des Landes verheiratet wurde, kleideten sich Verwandte und Freunde jeweils in roten und grünen Samt. Andere gingen in bunten Damast- und Seidengewändern. Die Standarten und Sättel der Pferde wurden mit der Seide bezogen, aus der auch der Anzug des Reiters genäht war. An jenem Tag gab es Stierrennen und Spiele. Die Gesellschaft kam auch ins Kolleg, um sich dem Pater Visitator vorzustellen. Wenn man dieses Fest gesehen hat, kann man sich auch vorstellen, wie die übrigen ablaufen, die alle gleich und sehr gewöhnlich sind.

 

Sie sind vor allem Festgelagen sehr zugetan. Da treffen sich zehn oder zwölf Herren von Engenhos und tafeln einen ganzen Tag miteinander. Das geht reihum, und so verschleudern sie, was sie besitzen. Für gewöhnlich trinkt so ein Herr portugiesischen Wein für zehntausend Cruzados im Jahr. In anderen Jahren vertrinken sie gar achtzigtausend Cruzados, wie es die Bücher vermerken. Alles in allem findet sich in Pernambuco mehr Prunksucht als in Lissabon. Die Leute aus Viana sind die Herren in Pernambuco. (...)

 

 

13. Das Leben auf See, Piratenüberfälle, Schiffbruch

 

Der Bericht über die mutige Fahrt des Franzosen Binot Paulmier de Gonneville nach Brasilien im Jahre 1503, schildert auch die Unbilden, denen die Besatzung auf der Rückfahrt ausgesetzt war. Stürme und Piraten scheinen beinahe ständige Begleiter während der Überfahrten gewesen zu sein:

 

31. Angriff der Piraten

Durch einen Sturm wurden sie gezwungen, in Irland zu landen, um Risse im Schiff abzudichten. Bei gutem Wind segelten sie glücklich bis zum 7. Mai, als sie in der Nähe der Inseln Jersay und Grenesey unglücklicherweise auf einen englischen Korsaren namens Edouard Blunth aus Pleimouth stießen. Sie waren sich sogleich einig, sich gegen den Engländer zu verteidigen. Das ging so lange, bis hinter den Inseln ein anderer gefürchteter Korsar auftauchte, ein Franzose, und zwar Kapitän Mouris Fortin, ein Bretone, der bereits wegen Piraterie verurteilt war.

 

Und weil die Kräfte ungleich waren, strandeten sie das Schiff, worauf sich ein Teil der Leute retten konnte. Das Schiff wurde mit der gesamten Ladung zerschmettert. Ehe das Schiff jedoch völlig unterging, hatten die Korsaren noch Zeit, einiges zu plündern. Zwölf Mann waren tot und vier weitere starben auf der Insel an ihren Verletzungen. Alles weitere enthält die Klageschrift des Kapitän Gonneville und seiner Gefährten. (...)

 

Auf der Insel erfuhren sie die Namen der Korsaren und von deren Missetaten und Piratenakten, die sie für gewöhnlich in der näheren Umgebung begehen.

 

Jean de Léry gibt in der Beschreibung seiner Reise von 1556 nach Brasilien nebenbei ein plastisches Bild vom Leben an Bord eines Segelschiffes während der monatelangen Überfahrt:

 

Mehrere Kosmographen und Historiker unserer Zeit haben bereits über Größe, Schönheit und Fruchtbarkeit des vierten Teils der Welt geschrieben, den man Amerika oder Brasilland nennt. (...) Es ist meine Absicht, in dieser Geschichte zu erzählen, was ich im Verlaufe eines Jahres zu Wasser und zu Lande, mitten unter wilden Amerikanern gesehen und erlebt habe.(...)

 

Ich möchte sagen: All diejenigen, die der Theorie gegenüber der Praxis der Dinge den Vorzug geben, die Luftveränderung nicht mögen, die Seegang und die Hitze in heißen Gegenden nicht vertragen können und den Anblick der südlichen Halbkugel nicht mögen, sind weder vorgetreten, um sich in die Bordliste einzuschreiben noch sind sie schließlich an Bord gegangen. (...)

 

Ich, Jean de Léry, der ich durchdrungen war sowohl von gutem Willen, Gottes Heil zu dienen, als auch von Neugier, die Neue Welt zu sehen, gehörte zu den Auserwählten. Wir waren glücklicherweise vierzehn an der Zahl und brachen von Genf am 16. September 1556 auf. (...)

 

Der König ließ uns drei exzellente Schiffe kriegstüchtig ausrüsten. (...) Ich wurde auf dem Schiff "Grand Roberge" eingeschifft, auf dem sich insgesamt einhundertzwanzig Personen befanden. Unser Kapitän war ein gewisser Santa Maria und wurde Espine genannt. Unser Pilot hieß Jean Humbert, stammte aus Honfleur und war mit der Kunst der Seefahrt bestens bekannt, wie er später bewies.

 

Auf dem anderen Schiff, das nach seinem Kapitän "Rosée" hieß, befanden sich fast neunzig Menschen. Darunter auch sechs Jungen, die wir mitnahmen, damit sie die Sprache der Wilden erlernten, sowie fünf junge Mädchen und ihre Matrone. Sie waren die ersten französischen Frauen, die nach Brasilland gingen. Ihre Ankunft verursachte später größte Verwunderung unter den Wilden, die noch nie bekleidete Damen gesehen hatten. (...)

 

Am 20. November legten wir ab und begaben uns auf den unendlichen, wilden Ozean. (...) Nur am Rande sei erwähnt, daß wir die Navigationskunst, und insbesondere die Erfindung der Magnetnadel, mit deren Hilfe wir uns orientierten, nicht genug rühmen können. Einige Autoren schreiben, daß die Magnetnadel noch keine zweihundertfünfzig Jahre in Gebrauch ist. (...)

 

Am ersten Sonntag trafen wir auf zwei von Spanien kommende, englische Handelsschiffe. Unsere Seeleute enterten sie, um zu sehen, ob sie lohnende Beute an Bord führten. Es fehlte nicht viel, und sie hätten die Schiffe geplündert.

 

 Wie bereits angedeutet, waren unsere Schiffe mit Artillerie und anderem Kriegsgerät bestens ausgestattet. Also betrugen sich unsere Seeleute hochfahrend und protzig, sobald schwächere Schiffe in ihrer Reichweite erschienen, für die es dann auch kein Entrinnen mehr gab.

 

Es scheint mir an der Zeit zu erzählen, daß ich bei diesem ersten Zusammentreffen mit Schiffen etwas beobachtete, was sich auch an Land zuträgt. Der Stärkere, die Waffe in der Hand, zwingt dem anderen Gesetze auf. Und die Wahrheit ist, daß unsere Herren Seeleute jenen ärmlichen Handelsschiffen befahlen, die Segel zu reffen und näherzukommen. Zu ihrer Rechtfertigung bringen sie vor, die Zeit auf See dauere zu lange an, sie seien von Stürmen wie von Windstillen heimgesucht worden, ohne nur einmal den Fuß an Land gesetzt oder gar einen Hafen angelaufen zu haben. Proviantmangel mache ihnen zu schaffen. Sie verlangten nur die nötigen Lebensmittel, um sie bar zu bezahlen.

 

Wenn diese Seeleute nun mit solchem Vorsatz ihren Fuß an Bord anderer Schiffe setzen, fragt mich besser nicht, ob sie wohl auch das Schicksal der anderen im Sinn haben. Sie erleichtern das andere Schiff um alle Waren, die ihnen nützlich erscheinen.

 

Erhebt jemand den Einwand, so wie wir, daß schließlich keine Ordnung existiere, welche die unterschiedslose Plünderung von Freunden und Feinden zuläßt, kommen sie stets mit einer Devise, die man stets auch von unseren Soldaten an Land in ähnlichen Situationen hören muß: Dies sei nun einmal so Sitte in Kriegszeiten. Ein jeder gehorcht den Gepflogenheiten seines Handwerks.

 

Andererseits sollte auch erwähnt werden, daß die Spanier, viel mehr noch die Portugiesen für sich in Anspruch nehmen, die eigentlichen Entdecker des Brasillandes zu sein, ja des ganzen Kontinentes, von der Magellan'schen Meeresenge, die bei fünfzig Grad der antarktischen Erdhälfte liegt, bis nach Peru und nach dieser Seite des Äquators. Sie behaupten, die Herren dieses ganzen Landes zu sein und beschuldigen die Franzosen der Usurpation, wenn diese durch das Land reisen. Wenn sie Franzosen auf hoher See antreffen und sich in der Übermacht fühlen, ziehen sie sofort über die Franzosen her. Das geht gar so weit, daß sie sie bei lebendigem Leibe häuten oder sie sonstwie zu Tode bringen.

 

Die Franzosen behaupten nun im Gegenteil, sehr wohl Anteil an den neu entdeckten Ländern zu haben. Sie überlassen deshalb den Spaniern mitnichten den Vortritt und noch weniger den Portugiesen. Die Franzosen verteidigen sich tapfer und oft genug zahlen sie es ihren Feinden heim. Der Feind würde es niemals wagen, französische Schiffe zu entern, außer wenn er sich wesentlich stärker fühlt und Schiffe in größerer Anzahl zur Verfügung hat. (...)

 

Nachdem wir einen Sturm überstanden hatten, wehte uns ein milder Wind entgegen. Wir kamen ins spanische Meer, und am fünften Tag des Dezember fanden wir uns auf der Höhe des Kaps von São Vicente.

 

Dort trafen wir auf ein Schiff aus Irland. Unter dem bereits erwähnten Vorwand des Proviantmangels beraubten unsere Seeleute das Schiff um sechs oder sieben Fässer spanischen Weins, Feigen, Orangen und andere Dinge, die es an Bord führte.

 

Nach weiteren sieben Tagen näherten wir uns drei Inseln, die unsere normannischen Piloten als Gracioza, Lancerote und Fuerteaventura erkannten, welche zu den Afortunados-Inseln (Kanarische Inseln - d.Ü.) gehören. Ich gaube, daß bis zum jetzigen Zeitpunkt sieben Inseln dazugehören, die allesamt von Spaniern bewohnt sind. (...)

 

Nahe bei den Inseln ließen wir Boote zu Wasser. Darin fuhren zwanzig Mann von uns, Soldaten und Seeleute; sie hatten einige Falkonettgeschütze, Musketen und andere Waffen bei sich. Sie hatten vor, auf den Afortunados auf Beutezug zu gehen. Die Spanier entdeckten sie sogleich, und es gelang unseren Leuten nicht, an Land zu gehen. Vielmehr wurden sie mit aller Macht zurückgedrängt, und so zogen sie sich schleunigst aufs Meer zurück.

 

Sie machten aber noch einige Runden, und schließlich entdeckten sie die Karavelle von ein paar Fischern. Die bemerkten, wie sich unsere Leute ihnen zu nähern versuchten und retteten sich ans Festland. Unsere Leute bemächtigten sich des Schiffes. Sie brachten große Mengen von getrocknetem Seehund, Kompasse und andere Dingen, sowie einige Segel zu uns an Bord. Dazu wollten sie sich an den Spaniern rächen. Da sie ihnen wohl kein größeres Übel zufügen konnten, versenkten sie mit Axtschlägen zwei Boote, die sich zufällig in der Nähe befanden.

 

Drei Tage verbrachten wir noch in der Nähe der Afortunados. Solange das Meer ruhig war, fingen wir so viel Fisch mit dem Netz und auch mit Angelhaken, daß wir über die Hälfte davon zurück ins Meer werfen mußten, nachdem wir mehr als reichlich gegessen hatten. Wir hatten nicht genug Süßwasser an Bord, um unseren Durst zu stillen.

 

Am Morgen des Mittwoch, 16. Dezember, wurde das Meer bewegter. Jenes Boot, das wir schleppten, seitdem wir die Afortunados-Inseln verlassen hatten, wurde sogleich von den Wogen überflutet. Es ging unter. Doch zwei Seeleute, die den Auftrag hatten, das Boot abzudecken, befanden sich bis zuletzt darauf. Sie schwebten in großer Gefahr. Eilig warfen wir ihnen zwei Leinen zu und konnten sie noch retten.

 

Eine merkwürdige Geschichte will ich noch erzählen: Der Orkan tobte insgesamt vier Tage. Am Morgen des einen dieser Tage nahm unser Schiffskoch eine große Holzschale und tat ein Stück Speck hinein, um das Salz herauszuziehen. Mit einemmal schlug eine hohe Woge auf Deck und schleuderte die Holzschale gut einen Speerwurf weit über Bord. Eine Woge aus der entgegengesetzten Richtung aber brachte die Schale wohlbehalten zurück und setzte sie wieder an Deck ab, ohne daß sie auch nur umgeschlagen wäre. Unser Abendessen ward uns also zurückgegeben, obwohl es bereits den Bach hinuntergegangen war, wie man so schön zu sagen pflegt.

 

Am 18. Dezember (...) sichteten wir leeseits eine portugiesische Karavelle, deren Mannschaft sogleich einsah, daß es zwecklos war, Widerstand zu leisten oder zu fliehen. Sie refften die Segel, um sich unserem Vizeadmiral zu ergeben.

 

Die Kapitäne unserer drei Schiffe hatten sich längst untereinander verständigt: Sie wollten sich ein Schiff "besorgen", wie man das heute nennt. Sie hatten immerfort auf die Gelegenheit gewartet, ein spanisches oder portugiesisches Schiff aufzubringen.

 

Ohne daß sie dazu Erlaubnis besessen hätten, versetzten sie ein paar unserer Leute auf jene portugiesische Karavelle, um sie sicherzustellen. Dem Bootsmann der Karavelle versprachen sie, er werde sein Schiff zurückbekommen, sobald es gelänge, eine andere Karavelle aufzuspüren und zu entern. Der wünschte natürlich, das Unglück möge einen anderen als ihn treffen.

 

Er bekam nach seinem Wunsch eine von unseren Schaluppen für diesen Auftrag. Sie war mit Musketen ausgerüstet, und zwanzig von unseren Soldaten sowie ein Teil der portugiesischen Mannschaft waren die Besatzung. Ich bin überzeugt davon, daß jener Bootsmann ein echter Pirat war. Schon bald fuhr er weit voraus, um unentdeckt seine Aufgabe zu erfüllen (...)

 

Am 25. Dezember, am Weihnachtstag, sichtete er mit seiner Mannschaft eine spanische Karavelle. Sogleich gaben sie einige Musketenschüsse ab. Sie enterten das Schiff und brachten es zu uns.

 

Es war ein prächtiges Schiff, das Salz fuhr. Unsere Kapitäne waren entzückt, hatten sie doch vereinbart, sich eines Schiffes zu bemächtigen, um es nach Brasilland zu bringen und Villegaignon zur Verfügung zu stellen, doch das habe ich bereits erwähnt.

 

 Das Versprechen an die Portugiesen wurde tatsächlich gehalten. Sie hatten die Beute gemacht, also bekamen sie ihre Karavelle zurück. Doch unsere Seeleute können von ihren Grausamkeiten wohl nicht lassen: Sie veranlaßten die Portugiesen, die um ihr Schiff beraubten Spanier bei sich an Bord aufzunehmen. Damit nicht genug, sie ließen diesen armen Leuten weder Schiffszwieback noch irgend etwas Eßbares. Dann zerschnitten sie ihnen die Segel. Das Schlimmste war jedoch, daß sie ihnen das Beiboot wegnahmen. Ohne dessen Hilfe ist es nämlich unmöglich, Land unter die Füße zu bekommen oder sich ihm auch nur zu nähern. Fast denke ich, für diese armen Leute wäre es besser gewesen, man hätte sie an Ort und Stelle versenkt, anstatt sie in einer solchen Lage sich selbst zu überlassen. Sie waren der Gnade der Wellen ausgesetzt, und wenn kein Schiff vorbeigekommen ist, das sie gerettet hat, dürften sie ertrunken oder verhungert sein.

 

Nach jener barbarischen Heldentat, die viele von uns mit Grauen erfüllte, wurden wir von einem günstigen, aus Ost bis Südost kommenden Wind vorangetrieben. (...)

 

Wir überwältigten später noch eine weitere spanische Karavelle. Auf die Art versorgten wir uns mit Wein, Schiffszwieback und anderem Proviant. Der Herr des spanischen Schiffes bedauerte besonders den Verlust seines Huhnes. Er jammerte, das Tier habe ihm selbst während heftigster Stürme täglich ein frisches Ei gelegt.

 

Am darauffolgenden Sonntag rief unser Mann im Mastkorb: "Segel in Sicht!" Am Horizont erblickten wir fünf große Schiffe oder Karavellen, was wir der Entfernung wegen nicht gut auseinanderhalten konnten. Unsere Seeleute, die über meine Berichte von ihren Heldentaten gewiß sehr unzufrieden sein werden, kannten nur eine Frage: "Wo sind sie?" Gleich darauf stimmten sie ihr Siegesgeheul an, denn sie waren sicher, die Schiffe schon bald in ihrer Gewalt zu haben. Doch die Schiffe liefen weit vor uns. Während wir Gegenwind hatten, segelten sie vor dem Wind. Sie entkamen, ohne daß wir uns auch nur genähert hätten. Dabei setzten wir alle Segel; wir wollten das Letzte aus unseren Schiffen herausholen. Lieber riskierten wir unseren Untergang als daß wir uns die Beute entgehen ließen.

 

Niemand soll denken, ich berichtete hier Außergewöhnliches, wenn ich erzähle, wie wir uns auf dem Wege nach Brasilland den Launen der See überließen. Wo wir auftauchten, flohen alle anderen vor uns, oder sie strichen die Segel. Doch nicht nur das: Unsere Kapitäne, Soldaten und Seeleute waren entschlossen, der Armada des Königs von Portugal nachzustellen, obwohl wir nur drei, wenngleich mit Artillerie ausgerüstete Segler waren (schon allein mein Schiff hatte achtzehn Bronzegeschütze, mehr als dreißig Falkonettgeschütze und eiserne Musketen, dazu noch Munition an Bord). Die meisten von unseren Seeleuten waren Normannen. Sie sind ein so tapferes und kriegerisches Volk, wie sonst keines auf See. Wo immer sie auf Portugiesen trafen, gebärdeten sie sich angriffslustig und sonnten sich in der Aussicht, einen Sieg zu erringen.(...)

 

Bei Seegang kommen die Delphine: Inmitten der Wellen, zwischen den Schaumkronen färbt sich das Meerwasser plötzlich grün. Rund herum wird ein Schnarchen und Grunzen wie von Schweinen vernehmbar, daß einem ganz fröhlich davon zumute wird. Wenn die Seeleute Delphine schwimmen sehen, legen sie deren Bewegungen als Zeichen dafür aus, daß ein Sturm bevorstünde. Nicht selten war es auch an dem. (...)

 

Nun will ich meinen Lesern erzählen, wie Seeleute auf Delphinfang gehen: Am Bugsprit begibt sich der erfahrenste Delphinfänger auf Beobachtungsposten. In seinen Händen hält er eine eiserne Harpune. Sie ähnelt einer Lanze; sie sitzt auf einem Holzstab und ist an einer langen, vier oder fünf Fuß messenden Leine festgemacht. Sobald die Delphinschwärme näherkommen, guckt sich dieser Seemann den Delphin aus, der ihm am nächsten ist. Er schleudert seinen Apparat mit solcher Kraft nach dem Tier, daß er es schwer verletzt, wenn er trifft. Dann läßt der Harpunenschütze die Leine laufen und hält nur ihr Ende fest. Der Delphin wirft sich hin und her. Er verliert Blut, bis er davon geschwächt ist. Schließlich eilen die anderen Seeleute zu Hilfe. Mit langen Stangen, die mit eisernen Haken versehen sind, und der Kraft ihrer Arme zerren sie den Delphin an Bord des Schiffes. An die fünfundzwanzig Delphine haben wir so auf unserer Fahrt gefangen.

 

Hängt der Delphin am Schlachtehaken, ausgeweidet und seiner Flossen entledigt, könnte man ihn ebenso gut für ein geschlachtetes Schwein halten. Seine Leber schmeckt sogar beinahe wie die vom Schwein. Allein sein Fleisch hat einen widerlich süßen Geschmack. Auch die Speckschicht sämtlicher von uns gefangener Delphine maß nicht mehr als einen Zoll. Niemand sollte sich also täuschen lassen, wenn er von Fischverkäufern oder Händlern in Paris und anderswo mehr als vier Finger dicken Delphinspeck angepriesen bekommt; mit ziemlicher Sicherheit handelt es sich dabei um Walspeck.

 

Im Bauch einiger Delphine fanden wir deren Junge, die wir wie Spanferkel zubereiteten. Obwohl schon viele das ganze Gegenteil geschrieben haben, bin ich davon überzeugt, daß Delphine wie die Sauen ihre Föten selbst zur Welt bringen.(...)

 

Wir fingen auch einige Haie. Wenn sie im Wasser schwimmen, sehen sie grün aus, und man sieht, daß sie mehr als vier Fuß lang und entsprechend dick sind. Doch weil ihr Fleisch nicht schmeckt, essen es die Seeleute nur, wenn sie nichts besseres zur Verfügung haben. Die Haie haben eine rauhe, rissige Haut wie eine Feile. Ihr Kopf ist flach und breit. Ihr Maul reißen sie weit auf, wie ein Wolf oder eine englische Dogge. Doch nicht nur deshalb, sondern auch wegen ihrer messerscharfen Zähne sind sie wahre Ungeheuer. Kriegen sie einen Menschen am Bein oder einem anderen Körperteil zu fassen, reißen sie tiefe Löcher hinein. Oder aber sie zerren ihr Opfer hinab bis auf den Meeresgrund. (...)

 

Diese Haie sind nicht genießbar. Ob in Gefangenschaft oder in freien Gewässern, sie tun nur Böses. Daher quälten wir sie gern wie Schädlinge, wie bösartige Köter, wenn wir sie fingen. Gelegentlich erschlugen wir sie der Einfachheit halber mit Eisenstangen. Oder aber wir schnitten ihnen die Flossen ab und banden einen Faßreifen an ihren Schwanz, um sie danach ins Meer zurückzuwerfen. Bevor sie untergingen, schwammen sie dort noch lange Zeit an der Wasseroberfläche, wobei sie sich wie wild gebärdeten. Für uns war dieser Anblick die beste Unterhaltung.(...)

 

Der Regen am Äquator hat einen üblen Geruch. Neben seinem Gestank hat er die Eigenschaft, Krankheiten zu erregen. Es bilden sich Pusteln, sogar Blattern, wenn man ihn auf die nackte Haut bekommt. Dieser Regen macht auch die Wäsche fleckig, und mitunter zerfrißt er sie sogar.

 

 Dazu kommt die Glut der Sonne. Und nicht bloß die Hitze machte uns fürchterlich zu schaffen. Es kam vor, daß wir, von zwei kargen Mahlzeiten abgesehen, nicht genügend Süßwasser oder ein anderes Getränk zur Verfügung hatten. Der Durst quälte uns ungeheuer. Ich habe dabei erfahren, wie ich kaum atmen konnte und für mehr als eine Stunde die Sprache verlor. Könnte sich das Meer doch in Süßwasser verwandeln! Das hätte auf unserer Reise für die Seeleute das größte Glück bedeutet.

 

Es mag sich manch einer fragen, ob es in einer solchen Lage nicht möglich sei, Meerwasser zu trinken, oder damit doch zumindest den Mund zu erfrischen, um es Tantalos nicht gleich zu tun, der inmitten von Wassern durstete. Diesem Frager wie auch dem, der mit dem Rezept kommt, wonach es möglich sei, Meerwasser durch Wachs zu filtern oder es zu destillieren, muß ich antworten, daß es nicht so sehr darauf ankommt, viel oder wenig Wasser zu trinken. Es sei denn, man will seine Eingeweide nach außen befördern, sobald das Wasser im Magen angekommen ist. Das Schaukeln und die schlingernden Bewegungen des Schiffes auf dem Meer verbieten einem den Umgang mit Öfen und zerbrechlichen Flaschen.

 

Seewasser ist, durch ein Glas beobachtet, von außen so klar und rein wie es das Wasser aus Brunnen oder aus dem Gebirge nicht ist. Und noch etwas hat mich sehr gewundert, und das will ich den Philosophen zum Disput überlassen: Wenn man Speck, gesalzenes Fleisch oder gesalzenen Fisch in Seewasser einweicht, verlieren sie dort viel schneller ihr Salz als im Süßwasser.

 

Doch zurück zu unserer Reise. Unsere Verzweiflung erreichte in dieser heißen Gegend ihren Höhepunkt, als infolge der anhaltender und heftiger Regenfälle das Wasser überall hineindrang, auch in die Vorratsräume. Darüber verdarb unser Schiffszwieback und verströmte einen muffigen Geruch. Für jeden von uns gab es nur wenig Proviant. Wir waren also gezwungen, ihn halb verfault zu essen. Um nicht eines Tages unsere Verschwendung mit dem Hungertod zu bezahlen, mußten wir unseren Zwieback gar mit den darin lebenden Würmern verzehren. Bald machten diese Würmer unsere halbe Ration aus. So gingen wir dazu über, den Zwieback erst zu zerkrümeln und dann Kugeln daraus zu formen...

 

Auch unser Wasser war völlig verdorben, und es schwammen kleine Tiere darin umher. Schon wenn man dieses Wasser aus den Behältern schöpfte, schüttelte einen der Ekel. Dieses Zeug trinken zu müssen, war das Allerschlimmste. Es half nur, mit einer Hand den Krug festzuhalten, während man sich mit der anderen die Nase zukniff.

 

Sagt doch selbst, Ihr ehrenwerten Herren, die Ihr, wenn Euch die Hitze plagt, das Hemd wechselt, die Ihr Euch sorgfältig kämmt, die Ihr die Erquickung so sehr schätzt, in vornehmen, kühlen Räumen auf guten Stühlen zu sitzen oder auf bequemen Lagern zu ruhen, die Ihr kein Essen anrührt, bevor das Porzellan nicht blitzt, bevor die Gläser nicht poliert sind, wenn die Serviette nicht schlohweiß, das Brot nicht ohne Rinde, das Fleisch nicht köstlich zubereitet und serviert, der Wein nicht rein wie ein Smaragd ist: Würdet Ihr Herren ein Schiff besteigen wollen, um auf die von mir beschriebene Art zu leben? Ich rate Euch nicht dazu! Und hört Ihr noch, was uns geschah, als wir aus Amerika zurückkehrten? Das wird Euren Wunsch noch ganz und gar verringern. (...)

 

Am 4. Februar überfuhren wir die Mitte, die Gürtellinie dieser Welt. Die Seeleute übten ihre Bräuche, die bei der beschwerlichen Überquerung dieser Linie üblich sind: Alle, die bis dahin nie den Äquator gekreuzt haben, werden an ein Seil gebunden und ins Meer geworfen. Oder man reibt ihr Gesicht mit einem Lappen ein, der davor zum Reinigen des Kesselbodens gut war. Der Patient kann sich natürlich auch freikaufen. Das tat ich und zog es vor, allen den Wein zu bezahlen.(...)

 

Wir hatten anhaltenden Westwind, und der kam uns recht. Denn endlich, am 26. Februar 1557, um acht Uhr morgens, erblickten wir Westindien oder Brasilland, den vierten Teil der Welt, der den Alten noch unbekannt war und Amerika genannt wird nach dem Mann, der ihn 1497 als erster entdeckte. (...)

 

Nachdem wir alle Zweifel zerstreut hatten, daß es sich bei unserer Entdeckung wirklich um Festland handelte (wir waren mehrfach von sich auftürmenden Wolkengebilden getäuscht worden), hielten wir bei günstigem Wind Kurs aufs Festland. Noch am selben Tage warfen wir Anker; eine halbe Legua vor dem Festland, gegenüber einem Felsmassiv, das die Indios Uassu nennen.

 

 Wir ließen ein Beiboot zu Wasser und gaben, wie es der Brauch in diesem Lande vorsah, mehrere Kanonenschüsse ab, um die Einwohner zu warnen. Sofort liefen sehr viele Männer und Frauen am Strand zusammen.

 

Wir verbrachten noch einige Zeit an jenem Ort, um uns zu erfrischen. Obwohl die mitgebrachten Speisen zu Beginn einige Abneigung in uns verursachten, der Hunger zwang uns schließlich, davon zu essen. Am nächsten Tag, einem Sonntag, lichteten wir die Anker und segelten davon. (…)

 

Wir segelten immer an der Küste entlang, in Richtung auf unser Ziel. Nach neun oder zehn Leguas passierten wir eine Festung der Portugiesen, die diese Espírito Santo nennen. Die Portugiesen erkannten unsere Schiffe und natürlich auch die Karavelle, die wir mit uns führten. Sie glaubten, es handele sich um ein Schiff der Ihren. Sie gaben drei Kanonenschüsse auf uns ab, worauf wir drei oder vier Kanonenschüsse erwiderten. Wir waren jedoch außerhalb ihrer Reichweite, daß wir ihnen genauso wenig gefährlich werden konnten, wie umgekehrt sie uns.(...)

 

Von unserem fauligen Trinkwasser habe ich schon berichtet. Deshalb fuhren (...) einige Matrosen zu einer unbewohnten Insel, um Trinkwasser zu finden. Auf der Insel gab es unzählige Vögel und Vogeleier, es waren Arten, die bei uns wohl nicht vorkommen. Offenbar war den Vögeln der Anblick von Menschen unbekannt, weshalb sie zutraulich waren. Sie ließen sich einfach mit der Hand fangen oder mit Knüppeln erschlagen. Wir beluden unser Beiboot mit Vögeln, so viele es fassen konnte, um sie zu unserem Schiff zu bringen. Wir hatten Aschermittwoch, und unsere Seeleute waren allesamt römische Katholiken. Dennoch brachten sie es nicht fertig, die Vögel einfach liegenzulassen. Nach all der harten Arbeit hatten sie einen wahren Heißhunger.(...)

 

Am Donnerstag verließen wir die Inseln. Der Wind war günstig, so daß wir am folgenden Nachmittag gegen vier Uhr das Cabo Frio erreichten. Von den Buchten und Häfen der Küste dieses Landes ist das Cabo Frio für die französische Schiffahrt das wohl bedeutendste. Wir gingen vor Anker, feuerten ein paar Kanonenschüsse ab und Kapitän, Pilot und ein paar von uns anderen gingen an Land. Am Strande trafen wir auf viele Wilde. Es waren Tupinambá, unsere Verbündeten. Sie gaben uns nicht nur einen freundlichen Empfang, sie übermittelten sie uns auch Nachricht von Pèrecolas, wie die Wilden Nicolas de Villegaignon zu nennen pflegten, und das war für uns eine große Freude.

 

An jenem Ort fingen wir mit Hilfe unserer Netze und Haken große Mengen von Fisch der verschiedensten, uns freilich unbekannten Arten. Einer davon war sehr bunt, unförmig und monstruös, weshalb ich ihn hier beschreiben will. Er war groß wie ein einjähriges Kalb, besaß ein Maul von fünf Fuß Länge und anderhalb Fuß Breite. Darin standen von einem Ende zum anderen spitze, scharfe Zähne wie bei einer Säge. Wir sahen, wie er noch an Land flink mit seinem Rüssel nach allem Möglichen schnappte. Es schien uns besser, Vorsicht walten zu lassen, um nicht von ihm mißhandelt zu werden, und wir warnten die anderen, damit sie auf ihre Beine achteten. Das Fleisch dieses Fischs war so zäh, daß wir es nicht essen konnten, obwohl unser Hunger groß genug war und wir es mehr als vierundzwanzig Stunden lang gegart hatten.

 

Hier sahen wir auch zum ersten Mal große Scharen von Papageien hoch durch die Luft fliegen, wie die Tauben oder Krähen bei uns in Frankreich. Ich bemerkte auch, daß sie sich gern paarweise bewegten, wie unsere Turteltauben.

 

Wir waren jetzt nur noch fünfundzwanzig oder dreißig Leguas von unserem Ziel entfernt. Nichts wünschten wir uns sehnlicher herbei als unsere baldige Ankunft. Deshalb hielten wir uns nicht lange am Cabo Frio auf.

 

Noch am selben Nachmittag setzten wir Segel, legten ab und segelten bei günstigem Wind bis zum Sonntag, dem 7. März 1557. Wir ließen die hohe See hinter uns und fuhren in einen Meeresarm hinein, der Guanabara genannt wird. Die Portugiesen nennen ihn Janeiro, weil sie ihn an einem 1. Januar entdeckt haben.(...) Soweit seien unsere Erlebnisse auf der Reise nach Brasilland zusammengefaßt.

 

Als unsere Schiffe im Hafen des Guanabara in unmittelbarer Nähe zum Festland ankerten, packten alle ihre Sachen, brachten sie zu den Booten, um zur Insel Coligny überzusetzen. Frei von allen Gefahren und Sorgen, die uns so oft auf dem Meer heimgesucht hatten, glücklich über die Einfahrt in unseren Zielhafen, galt auf dem Festland unser erstes Tun einem Gebet, um Gott zu danken.

 

Dann begaben wir uns zu Nicolas de Villegaignon, der uns bereits erwartete. Er umarmte uns freundlich zum Empfang.(...)

 

Im Jahre 1560 erfuhr D. Catarina, die Großmutter des noch unmündigen späteren Königs Sebastião und damals gerade Regentin in Portugal, von großen Indioaufständen in der Kapitanie Pernambuco. Sie sandte den jungen Donatar Duarte Coelho de Albuquerque, Sohn des bereits zu Worte gekommenen Duarte Coelho, gegen die Eingeborenen und verfügte gleichzeitig, daß dessen jüngerer Bruder Jorge de Albuquerque Coelho, der, obwohl jung an Jahren, bereits über große militärische Erfahrungen verfügte, sich zu ihm begeben solle, um ihm beizustehen.

 

Bekannt wurde Jorge de Albuquerque Coelho durch die "História Trágico-Marítima", eine in der Mitte des 18. Jh. veröffentlichte Kompilation von Berichten Überlebender von Schiffskatastrophen.

 

Nach fünf Jahren unaufhörlicher Scharmützel mit den Indios war die Kapitanie wieder befriedet, und Jorge de Albuquerque machte sich am 29. Juni 1565 von Olinda aus auf die Heimreise nach Portugal. Allerdings hatte er schon einen gescheiterten Startversuch hinter sich gebracht; im Mai desselben Jahres hatte er den Hafen bereits verlassen, doch schleuderten widrige Winde sein Schiff auf eine Sandbank, und nur der sofortigen Hilfe durch Augenzeugen blieb es zu danken, daß Mannschaft und Ladung gerettet werden konnten. Nach der Reparatur des Schiffes drangen Freunde in Jorge de Albuquerque, mit diesem Unglücksschiff nicht erneut in See zu stechen, doch er war entschlossen (in: Bernardo Gomes de Brito, História Trágico-Marítima, o.O., o.J.):

 

Einige Tage, nachdem wir abgereist waren, es war der zweite Juli, schlug plötzlich der Wind um, der uns die ganze Zeit begleitet hatte. Er kam nun aus der entgegengesetzten Richtung und war so rauh, daß wir gezwungen waren, etliche Fracht über Bord zu werfen, da das Schiff überladen war und die Segel kaum zu zu bewältigen waren. Wir hofften, daß das Schiff so besser zu steuern sei. Doch nachdem alles Überflüssige über Bord war, kam ein so steifer Wind auf, daß das Schiff leckschlug, große Mengen Wasser eindrangen und wir Tag und Nacht über sechstausend Pumpenstöße zu machen gezwungen waren. Mit diesem Leck erreichten wir am sechsten Juli bei rauher See den Äquator.

 

Auf unserer Fahrt überraschte uns ein gewaltiger Windstoß, der unser Bugspriet zerbrach. Es schien, als wollte Der Herr uns, die wir auf dem Schiff fuhren, damit sagen, daß wir nicht weitersegeln sollten. Denn nach so kurzer Fahrt waren so viele Mühen über alle gekommen. Als alle aus Mannschaft und auch die Offiziere das zerborstene Bugspriet und die vielen Wassereinbrüche an Bord gesehen hatten, wurde beschlossen, auf die Antillen zuzuhalten. Doch Pilot und Bootsführer meinten, daß dies nicht ginge, denn die widrigen Wetterverhältnisse ließen das nicht zu. Und die lange Zeit, die wir bereits unterwegs waren, erlaubte nicht, zu den Antillen zu segeln noch zum Ausgangshafen zurückzukehren. Von dieser Antwort und den gehabten Mühen zermürbt, setzten wir unsere Reise fort. Etwas anderes blieb uns nicht. Und als wir uns auf der Höhe von zwölf Grad auf der nördlichen Seite befanden, ließ plötzlich der Wind nach, der uns bis dahin gebracht hatte. Neunzehn Tage verbrachten wir bei Windstille und Gewittern. Danach beschlossen wir, nach den kapverdischen Inseln zu segeln, auf deren Höhe wir uns ja befanden. Dort wollten wir das viele Wasser entfernen und das zerborstene Bugspriet erneuern.

 

Und als wir die Inseln fast schon in Sicht hatten, tauchten am 29. Juli auf dem Meer eine französische Karacke und ein kleineres Schiff auf. Als die Franzosen unser Schiff entdeckt hatten, folgten sie uns bis drei Uhr morgens. Dann nahmen sie Kontakt mit uns auf und forderten uns auf, uns zu ergeben. Sie erkannten, daß sich die Unseren auf einen Kampf einrichteten, um sich zu verteidigen. Darum und wegen der großen Dunkelheit ließen sie von ihrem Vorhaben zunächst ab. Also folgten sie unserem Fahrwasser, um uns am Morgen entern zu können. Am  frühen Morgen des nächsten Tages, es war der Dreißigste, fiel ein solches Unwetter über uns her, daß sie sich gezwungen sahen, sich von uns zu entfernen, und wegen der schlechten Sicht hatten sie einander auch aus den Augen verloren.

 

Am letzten Tag im Juli wollten wir die Inseln ansteuern, doch da kam ein solcher Landwind über uns, daß wir gezwungen waren, weiterzusegeln, denn unter diesen Umständen konnten wir nicht zu den Inseln gelangen, da wir bereits ein großes Leck hatten. Und so segelten wir immer weiter, bis wir an 37 Grad anlangten. Das war bereits recht nahe an Neufundland, weil unser Schiff wegen des Windes immer weiter vom Kurs abkam. Auf dieser Höhe von 37 Grad saßen wir acht Tage bei Windstille fest, und nach Ablauf derselben, am 28. August, kam ein uns günstiger Wind auf, mit dessen Hilfe wir die Azoren anlaufen wollten, um dort das Schiff zu reparieren und das hereingeströmte Wasser zu entfernen. Denn außer dem einen Leck hatten wir inzwischen ein weiteres, weswegen wir Tag und Nacht pumpen mußten. Da fehlten uns auch schon Wasser und Verpflegung an Bord, so daß wir sehr unter Hunger und Durst litten. (…)

 

Am 3. September, der Pilot brachte uns auf Azoren-Kurs, tauchte plötzlich ein französisches Korsarenschiff auf, ausgestattet mit Artillerie und allem, was solche Schiffe mit sich führen. Da man bei uns an Bord völlig unbewaffnet war und es auch kaum Artillerie gab, so wie dies auf den meisten Schiffen in dieser Zeit üblich war, wollten der Pilot, der Bootsführer und die meisten der Mannschaft sich den Franzosen ergeben. Sie hatten doch nichts, womit sie sich verteidigen könnten. Es gab lediglich ein Falkonettgeschütz und einen Dreipfünder. Jorge de Albuquerque besaß einige Waffen für sich und seine Bediensteten. Sofort stürzte Jorge de Albuquerque hinzu und sagte, daß er nie zulassen würde, daß ein Schiff, auf dem er führe, sich kampflos ergeben würde.  (…) Da das Schiff aber derartig schlecht mit Waffen ausgestattet war und die meisten an Bord völlig mutlos waren, fand sich außer sieben Mann niemand, der mit Jorge de Albuquerque hätte kämpfen und das Schiff verteidigen wollen. Und so überzogen diese wenigen, gegen das Anraten der anderen, die Franzosen mit Schüssen aus Bombarden, Büchsen und Armbrüsten.

 

Das Scharmützel dauerte an drei Tage, ohne daß die Franzosen es gewagt hätten, das Schiff zu entern. Zu heftig war der Widerstand dieser wenigen Kämpfer an Bord. Jorge de Albuquerque lud und zündete Falkonett und Dreipfünder, denn wir hatten keinen Bombardier an Bord, und niemand anderes wußte sie zu bedienen. Und als nun der Pilot und all die anderen nach Ablauf der drei Tage den Schaden, den unser Schiff durch die Artillerie und Büchsen der Franzosen genommen hatte, besahen und überdies erfuhren, daß das Pulver zu Ende ging, flehten sie Jorge de Albuquerque und seine Mitstreiter an, sie mögen zustimmen und sich ergeben. Denn inzwischen konnten sie sich kaum mehr verteidigen und sollten doch nicht den Grund dafür liefern, daß alle getötet würden oder das Schiff versenkt. Die da mitgekämpft hatten, erwiderten, daß sie, solange ihre Kräfte dies zuließen, weiterkämpfen würden.

 

Als die anderen wiederum die Entschlossenheit der Kämpfenden sahen, ließen sie augenblicklich die Segel einholen und riefen den Franzosen zu, sie sollten auf das Schiff kommen, da es sich ergebe.

 

Als Jorge de Albuquerque und seine Mitstreiter diese unerwartete Wendung gewahr wurden, wollten sie zunächst Pilot und Bootsführer ob deren Aufruhr und Schwäche umbringen, ließen dann aber von ihrem Vorhaben ab, da sie selbst nicht bei Kräften waren. Noch in derselben Stunde kamen hinterrücks siebzehn mit Schwertern, kleinen Schilden und Pistolen ausgerüstete Franzosen an Bord. Einige führten auch Hellebarden mit sich. Ohne daß man sie aufhalten konnte, bemächtigten sie sich des Schiffes. Überaus erstaunt waren sie, als sie sahen, daß sich an Bord nur das erwähnte Falkonett und der Dreipfünder befanden und daß nur so wenige ihnen volle drei Tage Widerstand geleistet hatten.

 

Und als dem französischen Kapitän mitgeteilt wurde, daß es Jorge de Albuquerque war, der das Schiff die ganze Zeit verteidigen ließ (das sagten unsere Leute, die die ganze Schuld auf ihn laden wollten), kam er herbei und wandte sich an Jorge de Albuquerque. Mit stolzer und melancholischer Miene sprach er zu ihm: "Welch tapferes Herz du doch hast und wolltest beweisen, daß du dieses Schiff mit so wenig Kriegsausrüstung gegen unser wohlgerüstetes Schiff mit sechzig Arkebusenschützen verteidigen könntest." Jorge de Albuquerque erwiderte darauf: "Daran kannst du sehen, was für ein Unglücksmensch ich doch bin, mich auf einem so dürftig ausgestatteten Gefährt einzuschiffen, das nicht so hergerichtet war, wie es hätte sein müssen, und daß nicht die Dinge mit sich führt, die das Deine im Überfluß hat. (…)

 

Das französische Schiff hatte um die achtzig Mann an Bord, darunter waren viele Engländer und Schotten, einige Portugiesen, und war das best ausgerüstete Kriegsschiff, das man sich denken konnte. (…) Und da sich die Franzosen nunmehr im Besitz unseres Schiffes, das viele Waren mit sich führte, sahen, nahmen sie Kurs auf ihr Land. Gleich am nächsten Tag, dem sechsten September, erblickten wir die (kapverdischen - d.Ü.) Inseln Fayal, Pico und Graciosa und fuhren in der Ferne daran vorbei. Die Franzosen wollten uns dort an Land absetzen und mit unserem Schiff weitersegeln, doch dann taten sie es nicht, weil der Wind stark zunahm und das Meer sehr unruhig wurde. Deshalb fuhren sie geradewegs Richtung Nordost weiter, in der Absicht, uns mit sich zu nehmen, samt unserem Schiff, das für sie erfreulicherweise noch neu war.

 

Der französische Kapitän, der mit einigen seiner Begleiter auf unserem Schiff mitfuhr, fürchtete Jorge de Albuquerque und schloß ihn daher bei Nacht mit zwei, drei seiner Gefährten in einer Kammer ein. Tagsüber behandelte er ihn ausgesucht höflich, so aß er nicht, bis Jorge de Albuquerque nicht am Kopf der Tafel Platz genommen hatte. (…)

 

Als Jorge de Albuquerque bemerkte, daß die anderen (Franzosen - d.Ü.) Lutheraner waren, bat er den Kapitän, nicht mehr mit ihnen an einem Tisch essen zu müssen, sondern in ihrer Kammer essen zu dürfen, was auch gestattet wurde. Auch wenn der Kapitän sich darüber ärgerte, ließ er dennoch zu, worum er gebeten wurde. Einige Male aß er gar bei Jorge de Albuquerque. Zu dieser Zeit begannen die Franzosen, sich als Lutheraner zu erkennen zu geben, nahmen alle Gebetbücher, die sie finden konnten und warfen sie ins Meer. Obendrein wollten sie unseren Leuten übel mitspielen, taten dies aber nicht, weil ein Portugiese, der mit ihnen gekommen war, dagegen einschritt. Jorge de Albuquerque kannte ihn, denn der war bereits einmal mit ihm gefahren. Durch diesen Portugiesen wurden wir von den Franzosen nicht so gequält, wie sie es, nach dem, was wir verstanden, wohl vorgehabt hatten.

 

Als Jorge de Albuquerque erkannte, daß die Franzosen uns mit nach Frankreich nehmen wollten, teilte er den Soldaten, die mit ihm gekämpft hatten, mit, daß er sich gegen die Franzosen erheben und sie alle töten wollte. Er fragte sie, ob sie dabei mittun wollten. Sie antworteten, daß sie dies ganz gewiß tun wollten, wenn sich daraus eine Rettung erreichen ließe. Doch wandten sie ein, daß ihr eigenes Schiff sie daran hinderte, die Franzosen anzugreifen, es sei viel zu langsam und gehorche Segel und Ruder nicht; außerdem würde es wohl wegen der Lecks untergehen. Anders das Franzosenschiff, das uns sicher verfolgen würde, es lief allein mit Focksegel schneller als unser Schiff mit all seinen Segeln. Und weil die anderen immer sehr nahe bei uns segelten, fast in Rufweite, schien ein Entkommen unmöglich. Darauf ergriff Jorge de Albuquerque das Wort, feuerte sie alle an, gab Begründungen, wie es gelingen könnte, das Vorhaben zum Erfolg zu führen. Wenn sie nämlich die siebzehn Franzosen an Bord töteten, könnten sie mit deren Waffen ihr Schiff verteidigen, und sie hätten dann siebzehn Mann weniger gegen sich, und diese würden den Franzosen besonders fehlen, da sie eine wichtige Rolle unter den Ihren spielten. Wenn die Franzosen erführen, daß diese (siebzehn) tot seien, würden sie darüber sehr niedergeschlagen sein, und außerdem würden die Schiffe nicht immer in Rufweite voneinander segeln. Da die Unseren sich drei Tage lang mit so wenigen Waffen zu verteidigen vermochten, wie gut würden sie sich erst gegen die Franzosen mit viel mehr und genauso guten Waffen verteidigen. (…)

 

Und so hofften alle, daß die Umstände ihnen Gelegenheit gäben, seinen Plan auszuführen. In jenen Tagen befanden wir uns auf der Höhe von dreiundvierzig Grad. Wie berichtet fuhren beide Schiffe beieinander, als am zwölften September, einem Mittwoch, der bisher ungewöhnlichste und teuflischste Südoststurm über alle hinwegfegte. Wir fürchteten uns vor der Gefahr, die sich vor unseren Augen aufbaute, denn der Sturm begann mit äußerster Heftigkeit. Und mit dieser Angst in unserem Angesicht, trafen wir die in solchen Situationen üblichen Vorkehrungen, um unsere Leben zu retten. So warfen wir alles, was sich an Deck und unter der Brücke befand, über Bord. Und weil das Meer immer wilder und der Sturm immer heftiger wurde, kappten wir die Stengen über den Mastkörben und warfen alle Kisten, in denen ein jeder seine Kleidung hatte, über Bord. Damit sich niemand zu schwer damit täte, ging als erste die Kiste von Jorge de Albuquerque von Bord, worin er nicht nur Kleidung, sondern auch andere Dinge von Bedeutung hatte. Da wir sahen, daß all das noch nicht hinreichte und die Wogen weiter stiegen, als wollten sie uns zudecken, warfen wir die Artillerie und anschließend viele Kisten mit Zucker und säckeweise Baumwolle ins Wasser.

 

Als wir noch damit beschäftigt waren, brach eine gewaltige Woge hinterschiffs herein und zerstörte das Ruder, so daß wir über längere Zeit vergebens versuchten, das Schiff, das nunmehr quer lag, wieder auf Kurs zu bringen. (…)

 

Als das Schiff der Franzosen nicht mehr in Sicht war (es mußte etwa neun Uhr gewesen sein), waren die bei uns an Bord Gebliebenen völlig bestürzt angesichts des Sturmes, des zerschmetterten Ruders und der Lage des Schiffes. Es ging eine große Angst unter den Leuten um. In dieser Lage kamen sie an Deck und näherten sich unseren Leuten in freundschaftlicher Absicht und riefen: "Alle sind wir verloren, keiner von uns wird entkommen bei einem Schiff ohne Ruder und dieser aufgebrachten See." Sie waren ganz von der Angst besessen und taten alles, was wir ihnen sagten, als wären sie gleichermaßen Gefangene und Ausgeplünderte wie alle anderen.

 

Daraufhin brachten wir einen Segelsack am vorderen Kastell an, um zu sehen, ob das Schiff auf diese Art lenkbar würde. Als dies getan war, geschah etwas bis dahin nie Gesehenes, denn es war etwa zehn Uhr am Tage. Doch plötzlich wurde es so dunkel, daß man meinen konnte, es sei Nacht. Und die gegeneinander schlagenden Wogen schienen etwas Helligkeit zu bringen, da sie alles  mit Schaum überdeckten. Meer und Sturm machten solches Getöse, daß wir uns kaum hören oder verständigen konnten.

 

In diesem Moment erhob sich das Meer noch sehr viel höher als zuvor bereits und kam direkt auf das Schiff zu, ganz schwarz unten und ganz hell oben. Alle, die dies sahen, wußten ganz genau, daß wir binnen sehr kurzer Zeit unser Leben verlieren konnten. Ein gewaltiger Windstoß fegte über das Schiff und nahm Fockmast samt Segel, Rahe und Takelwerk mit sich, ebenso Bugspriet,  Schiffsschnabel und das Kastell auf dem Vorderschiff. Fünf Mann, die sich darauf befanden, wurden mitgerissen, ebenso drei am Kastell verzurrte Anker, zwei auf der einen und einer auf der anderen Seite. Obendrein stürzte die Brücke in sich zusammen und begrub einen Seemann unter sich, zerschmetterte das Beiboot in vier oder fünf Stücke und begrub alle Trinkwasserfässer und alle noch übrigen Lebensmittel. Weiter riß der Sturm vom Bug bis zum Großmast des Schiffes alles herunter, daß es auf einer Linie mit dem Wasser abschloß. Eine halbe Stunde lang lag es dann unter Wasser, so daß niemand mehr wußte, wo er war. (…)

 

Einige begaben sich an die Pumpe, andere schöpften das Wasser von überall, und die, für die nichts zu tun blieb, knieten nieder und flehten Unseren Herrn an. Indem kam die dritte gewaltige Woge mit einem heftigen Windstoß über das Mittelschiff und fegte den Großmast samt Stengen, Segeln und Takelage, einen Teil des Hecks mit einigen Kajüten und den Fockmast hinweg. Einer der Höheren unter den Franzosen ging dabei mit von Bord. Unsere Leute an der Pumpe wurden über das Deck gefegt, brachen sich Arme und Beine, und Jorge de Albuquerque lief später fast ein Jahr mit einer steifen Hand umher. Einer seiner Diener, António Moreira mit Namen, brach sich einen Arm, woran er wenige Tage später verstarb. Alle übrigen überschüttete das Wasser so lange, daß die an Deck befindlichen Leute meinten, sie seien untergegangen. (…)

 

Zu allem Unglück kam noch ein weiteres, unerwartetes, nie für möglich gehaltenes hinzu; es bedrückte uns zutiefst, daß der Großmast, nachdem er vom Sturm abgebrochen und mitgerissen wurde, leeseits mit dem Tauwerk hängenblieb, unter dem Schiff hindurchrutschte und zur Luvseite herüberragte. Und mit jeder Bewegung des Meeres schlug er gegen das Schiff und schien mit jedem Hin und Her das  Kastell nach innen zu drücken. Durch diese Schläge gegen das Schiff glaubten wir uns gänzlich verloren, wir fühlten einen jeden dieser Schläge, als würde er gegen uns selbst geführt. (…)

 

Mit jeder Stunde fühlten wir uns dem Tode näher. Nach drei Tagen waren wir ohne Ruder, ohne Mast, ohne Segel, ohne Taue, ohne Anker, ohne Beiboot, ohne Wasser noch Proviant. Und mit den Franzosen waren wir fünfzig Mann und mehr, das Schiff hatte viele Lecks und ging immer tiefer. Wir waren zweihundertvierzig Leguas vom Festland entfernt. Der Sturm war so gewaltig, daß er uns ohne Masten und Segel von dreiundvierzig Grad nach siebenundvierzig Grad trieb. Und eines kann ich hier gestehen: Das Wenige, das hier geschrieben steht, ist so verschieden von dem, was wir durchlebten, wie das Abbild vom Original.

 

Nach Ablauf dreier Tage, die der Sturm gedauert hatte, wurde das Wetter besser, und wir begannen, einen Fockmast herzurichten. Wir fertigten ihn aus Stücken der Brücke, die das Meer zerstört hatte. Er wird zwei bis drei Klafter (4,4 - 6,6 m - d.Ü.) lang gewesen sein. Aus drei Rudern des Beibootes, die uns verblieben waren, machten wir eine Stenge, und aus dem einzigen verbliebenen Stück Segel machten wir ein Focksegel. Taustücke wurden zu einem Tau zusammengesetzt. Als nun alles fertiggestellt war, wirkte es eher wie ein Scherz, daß wir unser großes Schiff mit solch kleinem Segel navigieren wollten. Zu dieser Zeit hatten wir keinen Proviant mehr, überdies waren die Unseren der Fanzosen überdrüssig und wollten sich deshalb gegen sie erheben. Jorge de Albuquerque erfuhr davon. Er rief alle Mann zu sich, brachte sie mit verschiedenen Gründe von ihrem Vorhaben ab. Der Hauptgrund war der, daß er für uns keinen anderen Ausweg als das Schiff der Franzosen sah. Denn wenn das Franzosenschiff den Sturm überstanden hatte, mußte es nach uns suchen, wegen der Franzosen, die bei uns waren. Wenn sie uns fänden und die Franzosen nicht am Leben wären, würden sie uns alle töten. Außerdem erinnerte er alle daran, daß sie kein Wasser, keinen Wein und keinen Proviant mehr hätten und daß sie alle nur das erwarten könnten, was die Franzosen ihnen geben würden. Käme das französische Schiff nicht innerhalb der nächsten vier, fünf Tage, könnten sie tun, was ihnen beliebe, er wäre der erste, der es den Franzosen geben wolle.

 

Indessen tauchte das französische Schiff auf, und als wir es erblickten, gaben wir ihm durch Feuer Zeichen. Bald darauf kam es zu uns, es war Sonanbend der 15. September. Es war auch arg in Mitleidenschaft gezogen, doch nicht mit solchen Zerstörungen wie unser Schiff sie aufwies. Sie waren höchst überrascht zu sehen, auf welche Weise wir überlebt hatten. Sie erfuhren auch, daß sie sich gegen die Franzosen an Bord erheben wollten, und als sie hörten, daß es Jorge de Albuquerque war, der sie davon abgehalten hatte, dankten sie ihm sehr und boten ihm an, mit drei von ihm ausgewählten Personen zu ihnen auf das Schiff zu kommen. Sie würden ihn auch bei erster Gelegenheit an Land setzen, sofern er dies wolle. Er bedankte sich und sagte, daß er noch viel dankbarer wäre, wenn sie alle seiner Leute mitnähmen. Allein jedoch wolle er nicht gehen, denn er sei nicht der Mann, der unter solchen Umständen seine Mannschaft im Stich ließe.  Und was der Herr seinen Gefährten vorbestimmt habe, solle er auch für ihn vorsehen. (…)

 

Am zweiten Tag nach der Ankunft der Franzosen wurde das Wetter ruhiger. Und ohne jegliches weitere Mitleid mit uns und dem Zustand, in dem sich alles befand, begannen die Franzosen in großer Eile, all die Waren, die wir trotz des Sturmes und des Leichterns noch an Bord führten, zu entladen. Nicht zufrieden damit, daß sie unser Schiff ausraubten, begannen sie noch, einigen unserer Gefährten die Kleidungsstücke, die sie auf dem Leib trugen, auszuziehen. Das heißt also, daß all das, was der Sturm uns gelassen hatte, nunmehr die Franzosen nahmen.

 

Einige etwas humanere Franzosen kurierten währenddessen unsere Kranken, derer es nach all den Mühen sehr viele gab, und gaben ihnen zu essen, was diese mit großer Freude annahmen. Denn seit vielen Tagen hatten sie nichts gegessen und waren äußerst geschwächt. Nachdem sie das Schiff ausgeraubt hatten, fuhren sie ohne jedes Mitleid davon, es war Montag der 17. September. (…)

Nun setzten wir unsere Reise fort, ließen uns von der Mutter Gottes leiten, rieten den Kurs nach dem Sonnenaufgang, denn wir hatten kein brauchbares Astrolabium noch irgendein Instrument, daß uns dienlich sein konnte. Alles hatten die Franzosen mitgenommen. Ein Kompaß, den wir noch hatten, zeigte immer wieder falsch an, weil er entzwei war. In dieser Lage befanden wir uns auf fünfundvierzig Grad im nördlichen Teil und vom Cap Finis terrae etwa zweihundertsechsunddreißig Leguas entfernt. Der Nordwestwind hatte uns unfreiwillig dorthin getrieben.

 

Durch das ständige Pumpen, bei Tag und Nacht, waren wir so geschwächt, daß einige stumpfen Blickes aufs Deck fielen vor lauter Hunger und Erschöpfung. Da diese Arbeit immer so weiter ging, bat Jorge de Albuquerque einen Seemann, mit Namen Domingos da Guarda, der ein großer Taucher war, er solle doch ins Meer springen und unter Wasser versuchen, ob er nicht einen Teil der Lecks verschließen könnte. Denn von drinnen ging das nicht, die Lecks waren ganz unten, bei Bug und Heck. Außerdem hatten wir bereits zerschnittenes Tauwerk an die Stellen gestopft, um das Wasser aufzuhalten. Er versprach dem Seemann, daß er ihn reich belohnen wolle, sollte es ihm gelingen, das größte Leck zu stopfen und so sein Leben und das Leben aller zu retten. Zu aller Erstaunen war das Meer an diesem Tag, dem 23. September, so ruhig, als wäre es ein Fluß. (…) Der Seemann kam sehr zufrieden wieder nach oben, und alle umarmten ihn und freuten sich, weil er alles so gut erledigt hatte. Jorge de Albuquerque erfüllte sein Versprechen und gab ihm mehrere Dinge, mit denen er sehr zufrieden war. (…)

 

Am 27. desselben Monats überließen wir einige Personen, die an Hunger und Schwäche gestorben waren, dem Meer. Die Not, die wir litten, war so groß, daß einige unserer Gefährten sich an Jorge de Albuquerque wandten und zu ihm sagten, daß er die gesehen habe, die vor lauter Hunger gestorben waren, und sie, die Überlebenden, hätten nichts, wovon sie sich ernähren sollten. Deshalb sollte er ihnen gestatten, die, die noch sterben sollten, verspeisen zu dürfen. Nichts anderes hätten sie, um sich zu erhalten. (…) Solange er am Leben sei, würde er dem nicht zustimmen, doch wenn er sterben sollte, könnten sie tun, was ihnen beliebe und ihn als Ersten aufessen. (…)

 

Am 29. September sahen wir morgens ein Schiff, auf das wir sofort zuhielten, von dem Wunsch beseelt, gerettet zu werden, denn es segelte ganz nahe bei uns. Doch hatte man an Bord kein Mitleid mit uns, wer immer sie auch gewesen sein mochten. Sie wollten uns nicht zu Hilfe eilen, obwohl sie sahen, auf was für einem Stück Segelschiff wir fuhren. (…)

 

Am 2. Oktober, einem Dienstag, fanden wir uns auf wundersame Weise und ohne daß wir es bemerkt hatten, vor der Küste zwischen den Berlengas-Inseln und dem Roca-Kap (nördlich Lissabons - d.Ü.), nachdem sich am Morgen eine große Nebelwand aufgelöst hatte. Zunächst hatten wir geglaubt, wir würden uns vor Galicien befinden. Doch dann, als wir wußten, wo wir waren, freuten wir uns, soweit wir dies noch vermochten. Doch wußten wir nicht, wie wir an Land gelangen sollten. Und als wir uns der Küste immer mehr näherten, machten sich etliche bereit, sich mit Brettern oder Bohlen ins Wasser zu stürzen, sobald das Schiff gegen die Küste laufen würde. Doch wenn dies geschähe, dürfte kaum jemand mit dem Leben davonkommen, denn dieser Küstenabschnitt ist, wie alle wissen, sehr steil und wild. (…)

 

Da erblickten wir viele Segel in der Ferne und wir winkten ihnen zu. Doch je mehr wir winkten, desto mehr änderten sie ihren Kurs weg von uns. Einige meinten darauf, daß sie wohl Angst vor unserem Schiff hätten, daß es ihnen ein Geisterschiff zu sein schien. Denn nie zuvor sah man auf See etwas Ähnliches, das mit so einem Stück Segel wie dem unseren fuhr.

 

Am 3. Oktober hatten wir uns im Morgengrauen dem Kap von Roca so sehr genähert, daß wir fast aufliefen. Da kam eine Karavelle vorüber, die Richtung Pederneira segelte. Wir baten die Leute an Bord, daß sie uns zu Hilfe eilen mögen und erzählten die Dinge, die uns widerfahren waren. (…) Sie meinten darauf, daß Jesus Christus uns schon helfen werde, sie aber keine Zeit zu verlieren hätten und fuhren ohne jedes Mitleid davon. Und als wir sie so davonsegeln sahen, verloren wir jeden Mut. Es gab wohl niemanden unter uns, dem sich nicht die Augen mit Tränen gefüllt hätten angesichts dieser Roheit, die Portugiesen, unsere Landsleute, uns gegenüber walten ließen. Solch erschreckende Grausamkeit sollte ein König nicht ohne Bestrafung lassen.

 

In der Zwischenzeit näherten wir uns der Küste immer mehr, ohne daß wir irgendeine Möglichkeit hatten, etwas dagegen zu tun. Da kam uns die göttliche Vorsehung mittels einer kleinen Barke zu Hilfe, die nach Atouguia fuhr. Als wir sie erblickten, begannen wir zu winken und zu rufen und knieten nieder. Die Barke war etwa einen Kanonenschuß von uns entfernt und eilte uns entgegen. Das waren Christen, da war Nächstenliebe. (…)

 

Und als sie das derartig zugerichtete Schif erblickten, erschraken sie aufs Äußerste, dazu der Anblick, den wir vom Hunger Entstellte boten. Vor lauter Mitleid fingen sie sogleich an zu schluchzen. Sie gaben uns Brot, Wasser und Obst, die sie für sich mitgenommen hatten. Einige von uns konnten vor lauter Freude, bald an Land zu kommen, gar nichts essen. Andere konnten nichts essen wegen der langen Entbehrungen. Und wären wir noch weitere zwei, drei Tage so dahingefahren, würde niemand überlebt haben. Denn wir Überlebenden konnten uns kaum mehr auf den Beinen halten, da wir ununterbrochen Wasser gepumpt und siebzehn Tage kein Wasser oder Wein zu uns genommen hatten.

 

Je näher das Boot kam, desto erstaunter war die Besatzung, uns in dem Zustand, in dem wir uns befanden, zu sehen. Sie sagten uns, daß sie, obwohl noch weit entfernt, sofort unsere Rufe und unser Flehen gehört hätten, was sehr bemerkenswert ist, denn niemand von uns war vor lauter Schwäche imstande, laut zu rufen, daß unsere Worte so weit getragen werden konnten. Und in all dieser Zeit hat niemand von uns mehr als drei oder vier Kokosnüsse gegessen.

 

Der Eigentümer der Barke reichte uns, nachdem wir gegessen hatten, ein Tau, um unser Schiff aus der Nähe der Felsen zu entfernen.Und so, im Schlepptau, fuhren wir an der Küste entlang, bis wir bei Sonnenuntergang bei Cascais anlangten. Einige Barken in der Nähe kamen sofort herbei und brachten einige von uns nach Cascais. Wir anderen gelangten trockenen Fußes nach Belém. Einige brachen gleich von dort zu ihrem Pilgermarsch auf, den zu unternehmen sie geschworen  hatten, um so dem Herrn für seine Barmherzigkeit uns gegenüber zu danken.

 

Jorge de Albuquerque vergalt den Schiffersleuten, die uns bis dahin gebracht hatten, noch ihre Mühen, ehe er von Bord ging. (…)

 

Der zu dieser Zeit in Portugal regierende Infant Dom Henrique (Heinrich I. - d.Ü.), Kardinal von Lissabon, sandte sogleich eine Galeere, die das Schiff flußaufwärts brachte, wo es auf der Höhe der S.-Pauls-Kirche vertäut wurde. Für über einen Monat blieb es dort, und es war erstaunlich, wieviele Menschen dorthin gingen, um es anzuschauen. (…)

 

Ich kann allen, die hier lesen, was ich berichtet, wahrhaftig bestätigen, daß all das nicht die Hälfte dessen ist, was wir durchmachten. Denn bei all den Arbeiten hatte ich nicht die Muße, dieses aufzuschreiben. Und als alles vorüber war, wollte meine Erinnerung, daß ich alles aufschriebe. Es ist jedoch nur das, woran ich mich erinnere. (…)

 

Eine Sache möchte ich noch erzählen, damit man sehe, welche Qualen wir durchlitten und in welchen Zustand uns dieser Schiffbruch versetzt hatte: Jorge de Albuquerque brach mit einigen, die wir ihn auf der Pilgerreise begleiten wollten, von Belém aus auf. Verwandte und Freunde von ihm in der Stadt wußten, daß er eingetroffen war. Sein Vetter, Dom Jerónimo de Moura, und etliche andere Personen wollten ihn sogleich aufsuchen. Sie wußten, daß er bereits an Land gegangen war und wohin er sich begeben wollte; so folgten sie ihm. Sein Vetter langte bei uns an und fragte uns, ob wir diejenigen seien, die sich zusammen mit Jorge de Albuquerque gerettet hatten. Wir bejahten, und er fragte: "Und Jorge de Albuquerque, geht er schon voraus oder ist er noch zurück oder nahm er einen anderen Weg?" Und Jorge de Albuquerque, der vor ihm stand, antwortete: "Mein Herr, Jorge de Albuquerque geht weder voran noch kommt er hinterher, noch nimmt er einen anderen Weg." Dom Jerónimo, der dachte, daß man einen Spaß mit ihm trieb, wurde etwas ungehalten und verlangte, daß man keine Scherze mit ihm triebe, sondern antworte. Darauf sagte Jorge de Albuquerque: "Dom Jerónimo, wenn Ihr Jorge de Albuquerque sähet, würdet Ihr ihn erkennen?" Darauf erwiderte er, ja. "Nun, ich bin Jorge de Albuquerque, und Ihr seid mein Vetter Jerónimo, Sohn meiner Tante Dona Izabel de Albuquerque. Seht Ihr, welche Mühen ich durchstanden habe?"

 

Der unbekannte Autor schreibt noch: Mich trieb es, die Geschichte unseres Schiffbruches aufzuschreiben, weil alle Welt erfahren soll, welche Mühen man bei der Seefahrt auf sich nimmt und wie schwach doch unser Körper ist. (…) Jorge de Albuquerque kehrte in schwierigen Zeiten nach Hause zurück: Wie berichtet, war König João III. 1557 gestorben, seine Kinder waren ebenfalls bereits gestorben. Der einzige Enkel, Sebastião, war noch minderjährig, so daß teils die Großmutter Catarina für ihren Enkel regierte, teils der Bruder von João III., Henrique I., der Erzbischof von Lissabon war. König Sebastião kam 1578 dreiundzwanzigjährig auf dem tragischen Feldzug gegen Marokko in der Schlacht von Alcacer Quibir ums Leben. Mit ihm kam das Gros der portugiesischen Streitmacht ums Leben. So starb auch der Bruder von Jorge de Albuquerque, Duarte Coelho de Albuquerque, und die Kapitanie fiel an den Überlebenden Jorge de Albuquerque.

 

1580 starb der regierende Erzbischof Henrique, und mit ihm starb das Geschlecht der Avis aus. Portugal fiel mangels Thronfolger an Spanien, Philipp II. von Spanien wurde als Philipp I. auch König von Portugal.

 

Im Jahre 1590 schrieb Jesuitenpater Fernão Cardim von seiner Inspektionsreise durch Brasilien in einem Brief über das Schicksal eines Glaubensgenossen:

 

(…) Am Vorabend von St. Peter und Paul ging unser Pater Visitator in Pernambuco an Bord. Er vertraute dem Pater Luiz da Grãa noch an, daß er das Gefühl habe, das Schiff werde von Franzosen aufgebracht. Als Luiz da Grãa und die anderen Patres dies vernahmen, flehten sie ihn an, nicht zu fahren. Er erwiderte, daß er sich bereits den Händen Gottes überantwortet habe etc. An Peter und Paul stach das Schiff mit dem morgendlichen Landwind in See, nach Portugal. Bis auf die Höhe von Portugal hatten sie glückliche Fahrt. Am Morgen des 6. September wurden sie von einem französischen Schiff gekapert, ohne ihm Widerstand entgegenzusetzen, denn das Schiff führte keinerlei Bewaffnung mit sich.

         

Kaum waren sieben oder acht Franzosen an Bord vorgedrungen, da der Pater sich an deren Kapitän wandte und ihm anbot, ihm einige Dinge aus seinem Schreibschrank zu überlassen. Gleichzeitig bat er den Kapitän, ihm dafür einige Papiere zu lassen, die für ihn ohnehin keine Bedeutung hätten. Der Kapitän war darüber sehr zufrieden, und der Pater ließ den Schreibschrank kommen und übergab ihn. Es war ein wunderbares Stück, aus Hölzern verschiedener Farben und von einem unserer Brüder, einem Schreiner außerordentlich gut gearbeitet. In dem Schrank befanden sich auch einige duftende Rosenkränze, und der Pater konnte im Ausgleich dafür wenigstens alle seine Papiere behalten. Der Kapitän gab ihm zu ihrer Aufbewahrung ein Faß, das jener Pater selbst gefertigt hatte. Es war zuvor von einem Franzosen geplündert worden. Der Kapitän versprach dem Pater, ihn deshalb zu entschädigen.

 

Neun Tage mußten sie den Franzosen folgen. Während dieser Zeit hatten sie Durst, Hunger und Kälte zu erleiden. Die üble Unterbringung handelte dem Pater einen fiebrigen Katarrh ein. Es ging ihm so elend, daß er in Lebensgefahr schwebte. Auch den anderen erging es nicht viel besser, denn täglich standen sie in der Erwartung ihres Todes. Eines Tages erschien ein herrliches englisches Schiff. Die Franzosen machten nicht erst den Versuch, zu entkommen. Doch der Herr rettete uns, denn vom englischen Schiff rief man fragend herüber: "Was hat das Schiff geladen?" Die Franzosen antworteten darauf: Stockfisch und fuhren weiter. Doch wurden sie sehr wütend, als sie im Wasser Fetzen von Papier schwimmen sahen. Sie stammten von Geheimpapieren, die der Pater darum ins Meer hatte fallen lassen. Die Franzosen waren äußerst mißtrauisch. Sie meinten, es habe ein Verrat stattgefunden oder es habe sich um Briefe an den König gehandelt, die daher ins Meer geworfen worden waren. Sie schäumten über vor Wut, und der Kapitän und seine Leute griffen nach brennenden Scheiten, um auf unsere Brüder einzuschlagen. Sie trafen Bruder Barnabé Tello im Gesicht, Pater Francisco Soares auf dem Rücken und den Pater Visitator am Schenkel. Doch das war noch nicht alles: Einer der Franzosen nahm einen Tiegel vom Feuer und schleuderte ihn dem Pater an den Schädel, daß sein eines Auge übel davon zugerichtet wurde. Ein weiterer Franzose sprang herbei, stellte aus einer Papierrolle, die er einem der Patres weggenommen hatte, eine Art Brei her, die er dem Pater auf sein Auge drückte.

 

Da seht Ihr, verehrter Pater Provinzial, wie es noch Barmherzigkeit unter den Leuten gibt, die den Unseren eben noch das letzte Hemd genommen haben. Der Pater litt fürchterlich unter dem Katarrh und unter der Kälte. Deshalb bat man den Kapitän, dem Pater einen Umhang zu geben, daß er sich gegen die Kälte schützen konnte. Doch hatte er nur wenig davon, denn als er an Deck ging, um etwas freie Luft zu atmen und sich in der Sonne zu wärmen, verschwand sein Umhang, er sah ihn nie wieder.(...)

 

Ein andermal versuchte ein Franzose, den Pater Visitator in Versuchung zu bringen. An einem Freitag bot er ihm Speck zu essen an. Der warf ihn jedoch fort. Doch der Franzose war von dem Wunsche besessen, den Pater Speck essen zu sehen und stopfte ihm das Stück in den Mund. Der Pater spuckte es aus. Da drohte der Franzose ihm mit einem Messer, er wollte ihn in Gesicht und Augen stechen, wenn er den Speck nicht esse. Doch schließlich erlag der Franzose der Standhaftigkeit des Paters und gab auf.(...)

 

In der Nähe von La Rochelle trafen wir auf ein kleines bretonisches Fischerboot, darin saßen drei Fischer. Sie waren von Bordeaux gekommen, wo sie Fische verkauft hatten. Ein Sturm hatte sie aufs Meer hinausgetrieben, und sie glaubten sich schon verloren. Die Franzosen setzten ihr Boot aus, holten die armen Fischer ein und verprügelten sie darauf ganz fürchterlich. Sie nahmen den Männern ihr Geld und ihre übrige Habe. Die Patres, einige der Seeleute und Passagiere aber setzten sie in das Boot der armen Bretonen (...)

 

Etwa siebzig bis achtzig Leguas trennten sie noch von der Küste. Das Segel war nur schwach und zerschlissen, und gerade zwei Ruder standen zu ihrer Verfügung. An Bord fand sich noch ein Faß des guten, dunklen Bieres und etwas angeschimmelter Schiffszwieback. Da seht Ihr, verehrter Pater Provinzial, wieviel Unmenschlichkeit es gibt. Es scheint, als hätten die Franzosen sie ausgesetzt, um sie auf See umkommen zu lassen. In diesem Schiff und mit dieser armseligen Ausstattung traten sie ihre gefährliche und abenteuerliche Heimreise an. Doch der Herr stand ihnen mit einem milden Wind bei. Innerhalb von zweieinhalb Tagen brachte er sie bis zur Biskaya, zum Hafen Saint André. Dort gingen sie an Land. Der Hunger hatte sie entstellt, sie waren zerschlissen, und die Kälte hatte ihnen zugesetzt. Sie waren ein so erbarmenswürdiger Anblick, daß die Straßenhändlerinnen den Patres Äpfel und anderes Obst reichten. Doch die waren bereits so hinfällig, daß sie nichts zu sich nehmen konnten. Eher waren sie bereit zu sterben als einen Happen zu sich zu nehmen. In dieser Lage kam ihnen der Herr mit seiner Barmherzigkeit zu Hilfe, in der Person eines begüterten Abbé, einem ehemaligen Kirchenverwalter. (...) Als er erfuhr, daß sie von der Gesellschaft Herz Jesu waren und man sie ausgeraubt hatte, ließ er sie in einem Gasthof unterbringen, es war Samstag, der 15. September. Er ließ ihnen ein Gericht aus kleingeschnittenem Fleisch, Brot, Wein und Äpfeln vorsetzen. Davon kamen sie wieder ein wenig zu sich. Darauf zeigte der Pater Visitator seinen Begleitbrief vor, der sie alle als Patres der Gesellschaft Herz Jesu auswies. Der Abbé nahm sie darauf in seinem eigenen Hause auf und brachte sie in einem schönen Zimmer unter. Fünf oder sechs Tage lang speisten sie an seinem Tische und besserten ihre Kleidung aus. Dann ritten sie zunächst nach Burgos, von dort nach Valladolid und schließlich nach Bragança. (...)

Bahia, erster Mai 1590, Fernão Cardim

 

 

14. Das Nachwort

 

"Wir bereiten uns auf die Feierlichkeiten anläßlich des historischen Datums des fünfhundertsten Jahrestages der Entdeckung Brasiliens vor. Der Count-down der letzten tausend Tage bis zum 22. April 2000 hat begonnen." Der diese Worte sprach, war der brasilianische Präsident Fernando Henrique Cardoso. Er äußerte sich dergestalt in der regelmäßig wiederkehrenden Sendung zu aktuellen Themen "Worte des Präsidenten".

 

"Die Geschichte Brasiliens ist viel mehr als bloß ein Schulfach, sie ist uns vielmehr Verpflichtung, die Schaffung einer großen Nation zu bewerkstelligen. Wenn wir den fünfhundertsten Jahrestag Brasiliens mit Blick auf die Zukunft ins Auge fassen, müssen wir darauf achten, daß wir für unsere Kinder ein Zeichen setzen.

 

Wir haben eine Kommission, die alle Veranstaltungen vorbereitet. Wir werden ein Denkmal an der Stelle errichten, an der Pedro Álvares Cabral in Brasilien landete. Es wird Diskussionsrunden geben, Bücher werden publiziert, Filme gedreht und Ausstellungen organisiert, im In- und Ausland, um unsere fünfhundertjährige Geschichte zu präsentieren.

 

Die ganze Welt wird in die Feierlichkeiten einbezogen. Unsere portugiesischen Brüder, die unsere Entdecker waren, werden mit uns Cabrals Reise in einer Karavelle nachvollziehen, in einer Karavelle, die jenen ähnelt, die 1500 an der brasilianischen Küste landeten. Wir planen, hier in Brasilien eine Fußballmeisterschaft stattfinden zu lassen. Daran sollen Mannschaften aus allen portugiesischsprachigen Ländern teilnehmen. Wenn es uns gelingt, diesen von uns so benannten 'Cup des fünfhundertsten Jahrestages der Entdeckung Brasiliens' zu organisieren, werden auch afrikanische Mannschaften dabei sein. Denn von den Afrikanern haben wir den Schwung geerbt, der das Fußballspiel erst zur Kunst macht."

 

Das offizielle Brasilien will also bewußt den Akt der Besitznahme dessen, was später der Gigant auf dem amerikanische Subkontinent werden sollte, durch die portugiesische Krone im Jahre 1500 feierlich würdigen. Viel Zeit ist seither vergangen, die Unterwerfung, die Ausrottung der Ureinwohner und die millionenfache Einfuhr von schwarzen Sklaven aus Afrika sind Vergangenheit. Brasilien schaut nach vorn, es möchte kein Drittweltland sein, es will zur 'Ersten' Welt gehören und startet zugleich eine Bildungsoffensive in der Erkenntnis - ohne Bildung keine erste Welt.

 

Die Historie der Zwischenzeit ist rasch erzählt: Nach 1580 verlor Portugal seine Unabhängigkeit und fiel aus den oben erwähnten Gründen an die spanische Krone. Erst achtzig Jahre später fand Portugal mit der Inthronisation der Dynastie von Bragança zu eigener Selbständigkeit zurück. In dieser Phase nahm Brasilien die heutigen kontinentalen Ausmaße an, denn die mit den 'Bandeiras', den Expeditionen ins Landesinnere verbundenen stückweisen Landnahmen jenseits der Tordesillas-Linie störten die Spanier nicht, es war ja alles ihr Land.

 

Dazwischen fand ein historisch kurzes Intermezzo durch die Holländer statt. 1630 gelang es der niederländischen West-Indischen Compagnie (WIC), im nordöstlichen Pernambuco Fuß zu fassen. Zwischen 1637 und 1644 war Moritz von Nassau aus dem Hause Oranien Statthalter und brachte insbesondere der Zuckerwirtschaft einen großen Aufschwung.

 

Nach zahlreichen militärischen Auseinandersetzungen zwischen den beiden iberischen Mächten wurde 1750 im Vertrag von Madrid die Grenzlinie Brasiliens vereinbart.

 

Nach Goldfunden im Süden Brasiliens und der damit einhergehenden Verschiebung des wirtschaftlichen Schwerpunktes nach Süden, wurde Rio de Janeiro ab 1763 Hauptstadt der Kolonie.

 

Mit dem Einmarsch napoleonischer Truppen in Portugal floh 1808 der gesamte portugiesische Hofstaat nach Brasilien und ließ sich in Rio de Janeiro nieder. Erst 1821 kehrte König João VI. nach Portugal zurück, sein Sohn Pedro blieb als Statthalter zurück. Er erklärte 1822 Brasiliens Unabhängigkeit von Portugal und ließ sich zum Kaiser Pedro I. ausrufen.

 

Nach dem Tod des Vaters João VI. kehrte Pedro I. nach Portugal zurück, um den portugiesischen Thron zu besteigen. Sein Sohn wurde 1840 nach Erreichen der Volljährigkeit Kaiser Pedro II. von Brasilien.

 

1888 wurde die Sklaverei aufgehoben und 1889 die Monarchie gestürzt. Brasilien war nun Republik.

Begleittexte und Übersetzungen*: Lutz Hoepner

*)außer Ubaldo Ribeiro im Vorwort